Das Restless-Legs-Syndrom (RLS, deutsch: Syndrom der unruhigen Beine), auch Willis-Ekbom-Krankheit oder Wittmaack-Ekbom-Syndrom, ist eine sensomotorische Störung, die sich durch quälende Missempfindungen und einen unbändigen Bewegungsdrang in den Gliedmaßen äußert, vor allem in den Beinen. Die Beschwerden treten insbesondere bei körperlicher Ruhe auf und bessern sich durch Bewegung. Da sie sich typischerweise zum Abend hin und während der Nacht verstärken, kann das RLS zu schweren Schlafstörungen führen und dadurch gravierende Auswirkungen auf die Lebensqualität haben.

Die Pathophysiologie des RLS ist bislang nicht abschließend geklärt. Es kann durch bestimmte Erkrankungen, Mangelzustände oder Medikamente verursacht werden, aber auch idiopathisch, also ohne erkennbare Ursache, auftreten. Als häufigster Auslöser gilt Eisenmangel bzw. Eisenmangelanämie. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie empfiehlt zur Therapie zuerst die Substituierung von Eisen, auch wenn die Ferritinwerte im Normbereich liegen. Die symptomatische Behandlung erfolgt in der Regel durch Dopaminagonisten oder Levodopa (L-Dopa), das jedoch nicht mehr zur dauerhaften Therapie empfohlen wird.

Geschichte Thomas Willis hat die Störung bereits 1685 zum ersten Mal als eine Ruhelosigkeit mit Bewegungsdrang (Akathisie) beschrieben.T. Willis: The London Practice of Physick. Basset & Cooke 1685. (Zit nach Manconi Nat Rev Dis Primers. 2021) Der deutsche Arzt Theodor Wittmaack beschrieb 1861 in seinem Lehrbuch der Nervenkrankheiten erstmals drei zentrale Symptome des Restless-Legs-Syndroms. 1945 identifizierte Karl-Axel Ekbom das Syndrom als eine neurologische Störung.Karl-Axel Ekbom: Restless legs: A clinical study. In: Acta medica Scandinavica, 1945, Suppl. 158, S. 1–124. (zitiert nach: Manconi Nat Rev Dis Primers. 2021)

Symptomatik Das RLS äußert sich durch quälende Missempfindungen (Parästhesien) und einen unbändigen Bewegungsdrang in den Gliedmaßen. Die Beschwerden treten besonders in Phasen körperlicher Ruhe auf, v. a. bei längerem Sitzen oder Liegen, und beschränken sich oft auf die Beine. Die Arme und weitere Körperpartien können ebenfalls betroffen sein. Eine seltenere Variante, bei der hauptsächlich die Arme betroffen sind, wird als Restless-Arms-Syndrom (RAS) bezeichnet. Die Beschwerden können beidseitig oder nur einseitig auftreten, sich aber auch seitenweise oder zwischen einzelnen Gliedmaßen abwechseln. mini|391x391px Der Bewegungsdrang nimmt so lange zu, bis ihm nachgegeben wird. Dadurch kann ihm – wenn überhaupt – nur kurzzeitig widerstanden werden. Charakteristisch ist die sofortige Linderung der Beschwerden durch Bewegung. Wie lange diese Linderung in der nächsten Ruhephase anhält, ist abhängig vom Schweregrad der Erkrankung. Dasselbe gilt für die notwendige Bewegungsintensität. So kann bei leichtem RLS z. B. das gelegentliche Wippen mit den Füßen ausreichend sein, während schwerere Ausprägungen ein dauerhaftes Umhergehen oder sportliche Aktivität erzwingen.

Der Bewegungsdrang selbst verursacht keine unwillkürlichen Bewegungen wie Tics oder Zittern (Tremor), das heißt, die betroffenen Körperpartien bewegen sich dadurch nicht „von alleine“. Eine häufige Begleiterscheinung des RLS sind jedoch Muskelzuckungen, sogenannte Periodic Limb Movements (PLM), die sowohl im Schlaf als auch im Wachzustand auftreten können.

Die Missempfindungen werden von Betroffenen auf unterschiedlichste Art beschrieben, z. B. als Ziehen, Spannen, Kribbeln, Ameisenlaufen, Druck-, Kälte- oder Wärmegefühl, aber auch als undefinierbare Schmerzen, Krämpfe oder eine Art Pulsieren. Sie werden meist als tief in der Muskulatur, teils auch als in den Knochen sitzend beschrieben, nur selten als oberflächlich. Die genaue Lokalisation in den betroffenen Körperpartien ist überaus variabel. Meist beschränken sich die Beschwerden auf die Unterschenkel und -arme, können aber auch bis ins Gesäß und die Schultern ausstrahlen. Am häufigsten werden sie im oberen Teil der Waden, in den Schienbeinen und in den Knien verortet. Sie können aber auch Hände, Füße, den Rücken, das Gesicht oder die Genitalien betreffen.

Typischerweise nehmen die Beschwerden zum Abend hin zu oder beschränken sich ausschließlich auf die Abend- und Nachtzeit. Da sie auch während des Schlafes bestehen, können sie zu schweren Schlafstörungen führen. Teilweise setzen die Symptome auch erst nach dem Einschlafen ein, sodass die Erkrankung im Wachzustand nicht wahrgenommen wird. Je nach Schweregrad kann das RLS dauerhaft täglich oder in tage- bis monatelangen Schüben mit unterschiedlich langen beschwerdefreien Intervallen auftreten. Bei leichten Ausprägungen können sich die Symptome auch nur unregelmäßig an einzelnen Tagen zeigen. Bei besonders schweren Ausprägungen können die Linderung durch Bewegung und der zirkadiane Rhythmus verloren gehen, sodass die Beschwerden den ganzen Tag mit gleicher Intensität bestehen.

Auswirkungen Da das RLS keine neurodegenerative Erkrankung ist, führt es nicht unmittelbar zu körperlichen Schädigungen. Dennoch kann das Krankheitsbild die Lebensqualität sowie die körperliche und mentale Gesundheit massiv beeinträchtigen. Dies ist vor allem auf die schweren Ein- und Durchschlafstörungen zurückzuführen, die der nächtliche Bewegungsdrang verursachen kann, sowie auf den dadurch bedingten Schlafmangel. Dieser kann gravierende Ausmaße annehmen. Typische Auswirkungen sind z. B. chronische Tagesschläfrigkeit, Antriebslosigkeit, chronische Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Gereiztheit, Gedächtnisstörungen, Schwindel, Migräne und Depressionen. Auch körperliche Erkrankungen werden durch anhaltenden Schlafmangel begünstigt, z. B. Herz- und Gefäßerkrankungen, Diabetes, Demenz und Adipositas. RLS-Betroffene sind sich jedoch oft nicht bewusst, dass sie überhaupt unter Schlafstörungen leiden. Dies ist insbesondere der Fall, wenn das RLS nur während des Schlafes auftritt und nur zur Häufung kurzer, unbewusster Wachzustände (Arousals) führt, aber nicht zum vollständigen Aufwachen.

Positive und negative Einflussfaktoren Bestimmte Medikamente sind bei RLS kontraindiziert, da sie die Symptomatik verstärken können. Dazu zählen u. a. einige Antidepressiva, Schlafmittel, Neuroleptika, Betablocker, Antiemetika und Antihistaminika der ersten Generation. Die Behandlung mit Levodopa führt häufig zu einer Augmentation und im Tagesverlauf früheren Einsetzen der Symptomatik. Auch Koffein, Nikotin und Alkohol sollen die Beschwerden verstärken können.

Positiv wirkt sich häufig moderate, dem gewohnten Pensum entsprechende Bewegung am Tage oder in den frühen Abendstunden aus. Hingegen kann intensive oder ungewöhnliche körperliche Aktivität zu einer Verstärkung des RLS am selben Abend und in den Folgetagen führen. Dasselbe gilt auch für zu wenig Bewegung, z. B. durch stundenlanges Sitzen.

Formen Beim RLS werden traditionell eine primäre und eine sekundäre Form unterschieden. Deren Symptomatik ist im Kern identisch, es gibt jedoch Hinweise darauf, dass die sekundäre Form häufiger nur einseitige Beschwerden verursacht. Beide Formen können in jedem Alter erstmals auftreten, jedoch beginnt die primäre Form tendenziell früher, mit geringerer Intensität und verstärkt sich langsamer. Auch Kinder und Jugendliche können bereits am RLS erkranken, was jedoch oft z. B. als Wachstumsschmerzen oder ADHS fehldiagnostiziert wird.

Die Unterteilung des RLS in zwei Formen wird seit einigen Jahren zunehmend infrage gestellt, da eine klare Abgrenzung in der Praxis oft schwer fällt. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hat daher anstelle von „Sekundäres RLS“ die Bezeichnung „Komorbides RLS“ eingeführt. In der internationalen Fachliteratur sind die bisherigen Bezeichnungen jedoch noch immer üblich.

Primäre Form Das primäre RLS gilt als idiopathische Erkrankung, da es keine feststellbare körperliche Ursache in Form der bekannten Komorbiditäten hat. Infolgedessen ist es nur als Ausschlussdiagnose von der sekundären Form zu unterscheiden. Da die Erkrankung familiär gehäuft auftritt, gilt eine genetische Ursache als wahrscheinlich. Die Mechanismen der Krankheitsentstehung sind bislang jedoch nicht abschließend geklärt, weshalb das primäre RLS nicht kausal behandelbar ist. Die Therapie beschränkt sich auf die Linderung der Beschwerden.

Der Krankheitsverlauf des primären RLS ist chronisch-progredient, das heißt, die Symptomatik verstärkt sich mit zunehmendem Alter. Es beginnt oft schleichend mit nur gering ausgeprägten, unregelmäßig auftretenden Beschwerden und kann daher über Jahrzehnte hinweg unerkannt bleiben. Erstmals diagnostiziert wird es oft zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.

Sekundäre Form Ein sekundäres RLS tritt infolge einer anderen Erkrankung oder eines Mangelzustands auf, kann aber auch eine Nebenwirkung bestimmter Medikamente sein. Die Behandlung besteht, soweit möglich, in der Therapie der Grunderkrankung bzw. dem Absetzen des auslösenden Wirkstoffs. Lässt sich die Ursache beheben, können die Symptome wieder vollständig abklingen. Bei nicht heilbaren Grunderkrankungen beschränkt sich die Therapie jedoch auf die Linderung der Beschwerden.

Als häufigste Ursache eines sekundären RLS gilt Eisenmangel bzw. Eisenmangelanämie. Weitere bekannte Auslöser bzw. Komorbiditäten sind u. a. Folsäuremangel, Vitamin-B12-Mangel, Magnesiummangel, perniziöse Anämie, Urämie, dialysepflichtige Niereninsuffizienz, chronische Lebererkrankungen, rheumatische Arthritis, Diabetes mellitus, Hypothyreose, Fibromyalgie, Polyneuropathie, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson und Krampfadern. Auch in der Schwangerschaft tritt ein sekundäres RLS gehäuft auf.

Zu den Medikamenten, die als Nebenwirkung ein RLS verursachen können, zählen u. a. bestimmte Antidepressiva (v. a. Mirtazapin und verschiedene SSRIs), Neuroleptika, Antiemetika, Lithium und bestimmte Antihistaminika.

Epidemiologie Die Verbreitung (Prävalenz) der Störung wird auf 5–10 % der Bevölkerung in Europa und Nordamerika geschätzt. Von den Betroffenen benötigen 10–15 % eine medikamentöse Behandlung. In Asien wird die Erkrankung seltener diagnostiziert. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Störung tritt selten auch schon im Kindesalter auf.Giuseppe Didato et al.: Restless Legs Syndrome across the Lifespan: Symptoms, Pathophysiology, Management and Daily Life Impact of the Different Patterns of Disease Presentation. In: Int J Environ Res Public Health. Band 17, Nr. 10, 22. Mai 2020, S. 3658. (S. 2) PMID 32456058. Bei Frauen liegt die Prävalenz während und nach einer Schwangerschaft bei 25 %, in 97 % dieser Fälle klingt die Symptomatik nach der Geburt wieder ab.

Pathophysiologie Die Pathophysiologie des RLS wird, auch aufgrund der hohen Kosten für das Gesundheitssystem, intensiv beforscht, ist aber nicht abschließend geklärt.

Aktuell gelten Störungen des Eisen- und Dopaminstoffwechsels im Gehirn als Hauptursachen für das RLS. Zwischen beiden bestehen verschiedene Wechselwirkungen, die Auswirkungen auf Vorgänge im zentralen Nervensystem (ZNS) haben.Claudia Trenkwalder et al.: Comorbidities, treatment, and pathophysiology in restless legs syndrome. In: Lancet Neurol. Band 17, Nr. 11, Nov 2018, S. 994–1005. (Abschnitt Pathophysiology S. 6) PMID 30244828 Dopamin löst neben weiteren Botenstoffen u. a. die Reizweiterleitung vom Gehirn über die peripheren Nerven zu den Muskeln aus.

Eine (beim primären RLS genetisch bedingte) Störung des Transports von Eisen über die Blut-Hirn-Schranke wird als ursächlich für einen Eisenmangel im Gehirn Betroffener (BID – Brain Iron Deficiency) vermutet. Das häufige Auftreten von RLS bei Patienten mit Atemwegserkrankungen wie COPD stützt diesen Zusammenhang.

Dieser zerebrale Eisenmangel beeinflusst die Signalübertragung durch Dopamin (dopaminerge Signalübertragung) im Gehirn auf unterschiedlichen Wegen.

Darauf basieren verschiedene Erklärungsmodelle: