mini|Klaus Wahl
Klaus Wahl (* 23. November 1944 in Stuttgart) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler und Aggressionsforscher; seine Forschungen verbinden Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften.
Leben Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Philosophie und Politischen Wissenschaft an der Technischen Hochschule Stuttgart und der Universität München (Diplom-Soziologe 1969) war er ab 1970 zunächst Geschäftsführer einer Sachverständigenkommission der Bundesregierung zur Erstellung eines Familienberichts und begann gleichzeitig eine wissenschaftliche Tätigkeit am Deutschen Jugendinstitut e.V. (DJI), München.
Er forschte dort zu Familien-, Kinder- und Jugendfragen und leitete später die wissenschaftliche Stabsstelle des DJI. Berufsbegleitend promovierte er 1988 an der Universität Bamberg (bei Ulrich Beck) und habilitierte sich 1998 an der Universität München, wo er seitdem als Privatdozent und Professor tätig war. Zudem lehrte er an weiteren in- und ausländischen Hochschulen, darunter als Gastprofessor an der Venice International University (Venedig), der Universidad de Chile (Santiago de Chile) und der Universidade de Brasília (Brasília). 2008 war er Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg, Delmenhorst.
Seit 2010 forscht und berät Klaus Wahl im Rahmen des von ihm gegründeten „Psychosoziale Analysen und Prävention – Informations-System (PAPIS)“, München, u. a. zu Fragen der Entstehung von Moral, Aggression, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus.Menschen im Profil: Klaus Wahl. DJI. DJI Bulletin 88,2009, 4, S. 24; Deutsches Jugendinstitut: Klaus Wahl im Gespräch über sein aktuelles Buch „The Radical Right“. 20. März 2020. https://www.dji.de/ueber-uns/dji-alumni-netzwerk/klaus-wahl-im-gespraech-ueber-sein-aktuelles-buch-the-radical-right.html 2024 gründete Klaus Wahl mit seiner Tochter Melanie Rhea Wahl die „WAHLSCHE STIFTUNG zur Erforschung der Entwicklung menschlichen Sozialverhaltens“ unter dem Dach der Max-Planck-Förderstiftung. Die WAHLSCHE STIFTUNG unterstützt die Erforschung der Entwicklung des Sozialverhaltens ab frühester Kindheit bis in die Jugend.
Werk Klaus Wahl führte eine große Zahl von empirischen Untersuchungen durch, u. a. Repräsentativerhebungen zur Lage der Familien in Deutschland (Familienalltag 1989),Familienalltag. Ein Report des Deutschen Jugendinstituts. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1989, ISBN 3-499-12517-X. Studien zur Situation von Unterschichtfamilien (Familien sind anders 1980)Familien sind anders! Wie sie sich selbst sehen: Anstöße für eine neue Familienpolitik. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1980 (mit G. Tüllmann, M.-S. Honig, L. Gravenhorst). und zur Gewalt in Familien (Die Modernisierungsfalle 1989,Die Modernisierungsfalle. Gesellschaft, Selbstbewußtsein und Gewalt. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1989. Studien über Gewalt in Familien 1990Studien über Gewalt in Familien. Gesellschaftliche Erfahrung, Selbstbewußtsein, Gewalttätigkeit. DJI Verlag Deutsches Jugendinstitut, München 1990.) – darunter die erste große deutsche Dunkelfeldstudie zu Gewalt in Familien.Das Innenleben der modernen Familien – Messungen auf schwierigem Terrain. In: Familienalltag. Ein Report des Deutschen Jugendinstituts. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1989, S. 24–53 (mit J. Stich, G. Seidenspinner).
Er war an der Entwicklung neuer Methoden der Sozialforschung wie dem Einsatz von Videofeedback und zeitsparender Auswertungsverfahren bei Interviews beteiligt,Video in Familientherapie und Familienforschung: Selbstkonfrontation durch Video-Feedback – Chancen und Gefahren einer Methode. Familiendynamik 9, 1984, 3, S. 242–254 (mit P. Nemetschek). fungierte als leitender Redakteur eines Handbuchs über Familien (Wie geht’s der Familie? 1988Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Wie geht’s der Familie? Ein Handbuch zur Situation der Familien heute. Kösel, München 1988.) und verfasste mit M.-S. Honig und L. Gravenhorst ein Buch über das „making of“ eines die Subjektivität von Familienmitgliedern thematisierenden Forschungsprojekts (Wissenschaftlichkeit und Interessen. Zur Herstellung subjektivitätsorientierter Sozialforschung 1982Wissenschaftlichkeit und Interessen. Zur Herstellung subjektivitätsorientierter Sozialforschung. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1982 (mit M.-S. Honig, L. Gravenhorst).). Darin geht es um die Balancierungsversuche zwischen den widerstreitenden Interessen von politischem Auftraggeber und Geldgeber, wissenschaftlichen Ansprüchen und den Interessen der Untersuchten. Das Buch zeigt, dass Forschung in der Praxis oft anderen Regeln folgt, als es Methodenlehrbücher vorgeben.
Wahls Dissertation Die Modernisierungsfalle (1989Die Modernisierungsfalle. Gesellschaft, Selbstbewußtsein und Gewalt. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1989.) behandelte zwei Fragen, zum einen, wie Konstrukte wie „Selbstbewusstsein“, „Selbstwert“ und „Selbstwertgefühl“ im Verlauf der Geschichte zu wichtigen Elementen des abendländischen Menschenbildes mit seinen Ansprüchen und Hoffnungen wurden und zum anderen, wie weit Selbstwertprobleme, die durch den gesellschaftlichen Druck auf Eltern genährt werden, von diesen in Gewalt ausagiert werden.
Seine frühen Studien beschäftigen sich damit, dass die herkömmlichen Theorien und Methoden der Soziologie nicht ausreichten, um zentrale soziale Phänomene von der Liebe bis zur Gewalt und das Verhalten in Institutionen von Familien bis zu Wirtschaft und Politik ausreichend zu erklären. Er führt aus, dass von den Anfängen der Soziologie an viele prominente Autoren ein sehr rationalistisches und am „Sinn“ von Weltelementen orientiertes Menschenbild propagierten, mit blinden Flecken hinsichtlich der biologischen Grundlagen und der vorbewussten, emotionalen Motive des Sozialverhaltens.
Diese theoretischen und methodologischen Defizite beschrieb Wahl in seiner Habilitationsschrift Sondierungen zu einer Tiefensoziologie. Kritik der soziologischen Vernunft (1997Gedruckt unter dem Titel „Kritik der soziologischen Vernunft. Sondierungen zu einer Tiefensoziologie.“ Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2000.) und empfahl darin auch eine naturwissenschaftliche und psychologische Aufklärung der Soziologie. Sein wissenschaftliches Paradigma ist das einer evolutionstheoretisch basierten „bottom up“-Erkenntnisstrategie bzw. einer vertikalen biopsychosoziologischen Integration der verschiedenen Ebenen von Erklärungen sozialen Verhaltens und sozialer Phänomene, d. h. die Analyse des Zusammenspiels biologischer, psychologischer und soziologischer Faktoren und Mechanismen, die z. B. Aggression und Gewalt hervorbringen.
Seit Mitte der 1990er Jahre leitete Wahl eine Reihe von interdisziplinären Untersuchungen von Psychologen, Natur- und Sozialwissenschaftlern aus dem Deutschen Jugendinstitut, von Max-Planck-Einrichtungen und Universitäten zu Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Gewalt bei Jugendlichen.Fremdenfeindlichkeit. Auf den Spuren extremer Emotionen. Leske + Budrich, Opladen 2001 (mit Ch. Tramitz, J. Blumtritt); Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rechtsextremismus. Drei Studien zu Tatverdächtigen und Tätern. Bundesministerium des Innern, Berlin 2001 (Hrsg.); Skinheads, Neonazis, Mitläufer. Täterstudien und Prävention. Leske + Budrich, Opladen 2003 (Hrsg.). Zu den zentralen Ergebnissen gehörte, dass solchem problematischen Verhalten im Jugendalter meist schon Auffälligkeiten in der Entwicklung der emotionalen Persönlichkeit und der Aggressivität im frühen Kindesalter vorausgingen. Um dies genauer zu analysieren, wertete er Längsschnittstudien zur Entwicklung von Emotionen und Aggression bei Kindern und Jugendlichen aus.Kindliche Aggressivität im Zeitverlauf. Ausmaß und Ursachen. In: Ch. Alt (Hrsg.): Kinderleben – Individuelle Entwicklungen in sozialen Kontexten. Kinderpanel Bd. 5. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, S. 99–124 (mit V. Jung); Parental Influences on the Prevalence and Development of Child Aggressiveness. Journal of Child and Family Studies 2011, (Online First; mit C. Metzner).
Auf solchen Forschungsresultaten aufbauend wies Wahl in zahlreichen Vorträgen und Büchern auch für Eltern, (sozial)pädagogische Praktiker und Polizei auf die Notwendigkeit einer früh ansetzenden Gewaltprävention hin,Entwicklungs- und Sozialisationbedingungen für Toleranz. In: Bertelsmann Stiftung, Bertelsmann Forschungsgruppe Politik (Hrsg.): Strategien gegen Rechtsextremismus. Bd. 1. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung 2005, S. 16–79 (mit M. Ottinger-Gaßebner, C. Kleinert, S.-V. Renninger); Vertragen oder schlagen? Biografien jugendlicher Gewalttäter als Schlüssel für eine Erziehung zur Toleranz in Familie, Kindergarten und Schule. Cornelsen Verlag Scriptor, Berlin, Düsseldorf, Mannheim 2007; Täter oder Opfer? Jugendgewalt – Ursachen und Prävention. Reinhardt, München 2009 (mit K. Hees); Frühe Prävention: Teil nachhaltiger Strategien gegen Gewalt. Vortrag beim 25. Deutschen Präventionstag – digital. Kassel 28./29.9.2020, https://www.praeventionstag.de/nano.cms/dpt-25-kongressprogramm?xa=details&id=180&sb=Sicherheit; vgl. auch Birgit Weidinger: No-Entry ist besser als Exit. Süddeutsche Zeitung 8. September 2001. was mittlerweile auch in der Kinder- und Jugendhilfe und in der pädagogischen Praxis immer häufiger umgesetzt wird.P. Rieker (Hrsg.): Der frühe Vogel fängt den Wurm!? Soziales Lernen und Prävention von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Kindergarten und Grundschule. Halle: Deutsches Jugendinstitut 2004
Weitere Studien Wahls galten Politik und Hilfesystemen (u. a. Familienpolitik, Familienberatung, Elternbildung, Aggressionsprävention).Familienbildung und -beratung in der Bundesrepublik Deutschland. Bestandsaufnahme zur Situation institutioneller Ehe- und Familienbildung und -beratung in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin. Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit, Bonn-Bad Godesberg 1973 sowie Kohlhammer, Stuttgart 1973; Helfen „Super Nanny“ und Co.? Ratlose Eltern – Herausforderung für die Elternbildung. Beltz, Weinheim 2006 (Hrsg. Mit K. Hees); „Strategien für die Weiterentwicklung der Gewaltprävention in der Bundesrepublik Deutschland aus der Sicht der Wissenschaft.“ In: Voß, Stephan / Marks, Erich (Hrsg.): „Strategien zur Weiterentwicklung der Gewaltprävention in der Bundesrepublik Deutschland.“ Berlin: Pro BUSINESS 2018, S. 45–64.