Die Gliederung der Kriegsmarine beschreibt die wechselnde Führungsstruktur der deutschen Kriegsmarine, die am 1. Juni 1935 offiziell von Reichsmarine in Kriegsmarine umbenannt wurde.Dargestellt wird die truppendienstliche Gliederung. Daneben bestanden einsatzmäßige und fachliche Unterstellungen, auf die bei Bedarf hingewiesen wird. Aufgeführt werden im Allgemeinen nur Dienststellungen, die regelmäßig von einem Flaggoffizier wahrgenommen wurden. Die weitere Untergliederung ergibt sich aus den Artikeln zu den einzelnen Kommandos.
Aufbau 1930–1939 Gliederung der Reichsmarine 1930/31 Seit dem Ersten Weltkrieg bestand das Reichswehrministerium in Berlin als oberste Reichsbehörde für die Reichswehr. Im Ministerium war die Marineleitung die oberste Kommandostelle der Reichsmarine. An ihrer Spitze stand der Chef der Marineleitung. Ihm waren unterstellt (Stand 1930/31Wilhelm Köhler, Mitarbeit von Max Plüddemann. Illustrierter Deutscher Flotten-Kalender für 1932 (Köhlers Flotten-Kalender), 30. Jahrgang, Minden): Flottenkommando geführt vom Flottenchef Befehlshaber der Linienschiffe (B.d.L.) Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte (B.d.A.) Kommando der Marinestation der Ostsee Küstenverteidigung der Ostsee Schiffsstammdivision der Ostsee (S.D.O.) Küstennachrichtenwesen der Ostsee Inspektion des Bildungswesens der Marine (B.I.) Inspektion des Torpedo- und Minenwesens (T.M.I.) Kommando der Marinestation der Nordsee Küstenverteidigung der Nordsee Schiffsstammdivision der Nordsee (S.D.N.) Küstennachrichtenwesen der Nordsee Inspektion der Marineartillerie (A.I.) Marinedepotinspektion (D.I.) Reichsmarinewerft Weitere Reichsmarinedienststellen
Veränderungen bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs Bereits im Januar 1933 hatte die Reichsmarine mit Überlegungen zu einer neuen Spitzengliederung begonnen, die sowohl die Marineleitung selbst als auch die unterstellten Kommandos betraf. In den folgenden Jahren wurden verschiedene Organisationsformen der Seekriegsleitung in Manövern erprobt und angepasst. Im nachgeordneten Bereich wurde nach einer Organisationsform gesucht, die es ermöglichen sollte, die Seestreitkräfte in den verschiedenen Seegebieten zu führen und gleichzeitig die Rolle des Flottenchefs als Führer der schweren Kräfte zu berücksichtigen.Michael Salewski: Die deutsche Seekriegsleitung 1935–1945, Bd. I, S. 83 ff.
Am 1. Juni 1935 wurde die Reichswehr in Wehrmacht umbenannt. Der Reichswehrminister hieß fortan Reichskriegsminister und erhielt zugleich den Titel Oberbefehlshaber der Wehrmacht. Aus der Marineleitung wurde das Oberkommando der Marine mit dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine (OBdM) an der Spitze als Teil des nunmehrigen Reichskriegsministeriums.Konrad Ehrensberger: 100 Jahre Organisation der deutschen Marine. Bonn 1993, ISBN 3-7637-5913-1 Innerhalb des Oberkommandos wurde eine Seekriegsleitung eingerichtet, deren Chef der OBdM war.
1938 begann eine größere Reorganisation im Hinblick auf den sich abzeichnenden Krieg. Nach der Auflösung des Reichskriegsministeriums ging der Oberbefehl über die Streitkräfte an Adolf Hitler als Oberstem Befehlshaber der Wehrmacht über, dem die Oberbefehlshaber der Wehrmachtteile (Heer, Luftwaffe, Kriegsmarine) unterstanden.
In der Kriegsmarine wurden 1938 das Marinegruppenkommando Ost und 1939 das Marinegruppenkommando West aufgestellt für die Ostsee bzw. die Nordsee und die jeweils angrenzende Gewässer. Diese Marinegruppenkommandos (MGK) fungierten als Bereichsbefehlshaber und operative Führungsstelle für die Sicherungsstreitkräfte in ihrem Verantwortungsbereich.WLB Stuttgart: Marinegruppenkommandos Das Flottenkommando blieb selbständig, konnte jedoch für den operativen Einsatz dem Marinegruppenkommando West zugeordnet werden. Ihm waren die schweren Verbände und die Typkommandos unterstellt.
Damit bestanden zu Beginn des Zweiten Weltkriegs folgende wesentlichen Kommandobehörden der Kriegsmarine unter dem Oberkommando der Marine:WLB Stuttgart: Flottenkommando
Marinegruppenkommando Ost Marinestation der Ostsee Befehlshaber der Sicherung der Ostsee Marinegruppenkommando West Marinestation der Nordsee Befehlshaber der Sicherung der Nordsee Flottenkommando Befehlshaber der Panzerschiffe Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte Führer der Torpedoboote Führer der Minensuchboote Führer der U-Boote
Zweiter Weltkrieg Veränderungen 1939 bis 1941 Nach den territorialen Eroberungen der ersten beiden Kriegsjahre wurde die Organisation der Kriegsmarine der veränderten Lage angepasst. Im August 1940 verlegte das Marinegruppenkommando West von Wilhelmshaven nach Paris und wurde für die französische Kanal- und Westküste verantwortlich. Gleichzeitig verlegte das MGK Ost unter Umbenennung in Marinegruppenkommando Nord von Kiel nach Wilhelmshaven und übernahm die Verantwortung für die beiden bisherigen Kommandobereiche Ost und West. Im März 1941 wurde in Sofia das Marinegruppenkommando Süd für den Bereich der Adria, der Ägäis und des Schwarzen Meeres aufgestellt. Im November 1941 entstand das Deutsche Marinekommando Italien in Rom. Es unterstand truppendienstlich der Marinestation der Nordsee, einsatzmäßig unmittelbar der Seekriegsleitung.WLB Stuttgart: Marinekommando Italien
Im Bereich des Flottenkommandos gab es ebenfalls Veränderungen. Wegen des von Überwasseroperationen unabhängigen Einsatzes der U-Boote erhielt der im November 1939 in Befehlshaber der U-Boote umbenannte bisherige Führer der U-Boote eine relativ selbständige Stellung, indem er für den Einsatz direkt dem Oberkommando der Marine unterstellt wurde, während er disziplinar weiterhin dem Flottenkommando unterstand.
Aus dem Kommando des Führers der Torpedoboote wurde im November 1939 das Kommando des Führers der Zerstörer ausgegliedert. Der Befehlshaber der Panzerschiffe wurde im Juni 1941 in Befehlshaber der Schlachtschiffe umbenannt. Der Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte wurde im August 1940 in Befehlshaber der Kreuzer umbenannt. Diese Dienststelle wurde im Oktober 1941 aufgelöst und die ihr unterstellten Kräfte direkt dem Flottenkommando zugeordnet.
Ab Februar 1941 zählten zu den Sicherungsstreitkräften auch die neu aufgestellten Sicherungs-Divisionen der Kriegsmarine (1. bis 4.), welche je nach nautischem Verantwortungsgebiet einem der Befehlshaber der Sicherung der Ostsee, der Nordsee oder West unterstellt waren. Ihre Aufgabe bestand in Küsten- und Geleitsicherung, aber auch in der Minensuche, Minenräumung und der Ausbringung von Seeminen und -felder. Zusätzlich wurden im verantworteten Seegebiet Aufklärungsoperationen durchgeführt. Um diese Aufgaben zu erfüllen, wurden den Divisionen u. a. Räumboot-, Vorposten- und Sperrbrecherflottillen zugewiesen. Anfang 1942 kam noch eine und Anfang 1943 eine weitere Sicherungs-Divisionen hinzu. Die letzten vier, der insgesamt 10 Sicherungs-Divisionen wurden im Zeitraum von Januar bis Juni 1944 aufgestellt. Als Ergänzung der 11. Sicherungs-Division wurde Anfang 1945 eine Sicherungs-Lehr-Division gebildet.
Ende 1941 war die Kriegsmarine unter dem Oberkommando der Marine wie folgt gegliedert:
Flottenkommando Befehlshaber der Schlachtschiffe Befehlshaber der U-Boote Führer der Torpedoboote Führer der Zerstörer Marinegruppenkommando Nord Marinestation der Ostsee Befehlshaber der Sicherung der Ostsee Führer der Luftstreitkräfte (General der Luftwaffe beim Oberbefehlshaber der Kriegsmarine) Kommandierender Admiral Norwegen Admiral Nordmeer Marinestation der Nordsee Befehlshaber der Sicherung der Nordsee Deutsches Marinekommando Italien Deutscher Seetransportchef Italien Marinegruppenkommando West Kommandierender Admiral Frankreich Befehlshaber der Sicherung Westraum Marinegruppenkommando Süd Admiral ÄgäisDie Bezeichnung „Admiral ...“ wurde später in „Kommandierender Admiral ...“ umgewandelt. In den Quellen werden beide Bezeichnungen nicht immer trennscharf verwendet. Admiral Schwarzes Meer Admiral Adria
Anpassungen bis Ende 1943 Ende Januar 1943 wurde Großadmiral Dönitz neuer Oberbefehlshabers der Kriegsmarine. Am 15. April 1943 trat eine auf ihn zugeschnittene Reorganisation in Kraft, die seinen Vorstellungen einer Führungsorganisation der Kriegsmarine entsprach.Michael Salewski: Die deutsche Seekriegsleitung 1935–1945, Bd. II, S. 225 ff. Die neue Organisation hatte außerdem der Kriegswende Rechnung zu tragen, die durch die verlorene Schlacht von Stalingrad und das Scheitern des Afrikafeldzugs gekennzeichnet war. Als Folge dieser Ereignisse begann im ersten Halbjahr 1943 das Herrschaftsgebiet Deutschlands und seiner Verbündeten zu schrumpfen. Die Kräfteverhältnisse auf allen Kriegsschauplätzen verschoben sich zugunsten der Alliierten. Daraus resultierten weitere Veränderungen in der Gliederung der Kriegsmarine. Unter anderem entfielen die Dienststellen der Admirale Nordafrika und Tunesien mit der Kapitulation der dortigen deutschen und italienischen Truppen im Mai 1943.
Die operative Führung der U-Boote wurde im April 1943 in die Seekriegsleitung verlagert, wobei Dönitz die Funktion des Befehlshabers der U-Boote neben seiner neuen Stellung als Oberbefehlshaber beibehielt. Die truppendienstliche Führung wurde dem bisherigen 2. Admiral der Unterseeboote übertragen, der unter der neuen Bezeichnung Kommandierender Admiral der U-Boote dem MGK Nord/Flottenkommando unterstellt war.WLB Stuttgart: Befehlshaber der U-Boote
Um Kompetenzfragen besser zu regeln, wurden das MGK Nord und das Flottenkommando zusammengelegt. Im Bereich der Flotte wurde der Befehlshaber der Schlachtschiffe ab Juni 1942 als Befehlshaber der Kreuzer und ab April 1943 als Befehlshaber der Kampfgruppe bezeichnet. Im April 1942 entstand als neues Typkommando das Kommando der Schnellboote anstelle des aufgelösten Kommandos der Torpedoboote. Gleichzeitig entstand ein neues Kommando der Minenschiffe. Außerdem entstanden mehrere Marineoberkommandos (MOK), die unter anderem aus den Marinestationen Nord- und Ostsee gebildet wurden. Damit entstand folgende Organisation unter dem Oberkommando der Marine (Stand Ende 1943):
Marinegruppenkommando Nord, zugleich Flottenkommando Befehlshaber der Kampfgruppe Kommandierender Admiral der U-Boote Führer der Zerstörer Führer der Schnellboote Führer der Minenschiffe Marineoberkommando Norwegen Marineoberkommando Nord, ehemals Marinestation der Nordsee Befehlshaber der Sicherung der Nordsee Marineoberkommando Ost, ehemalige Marinestation der Ostsee Befehlshaber der Sicherung der Ostsee Deutsches Marinekommando Italien Deutscher Seetransportchef Italien Marinekommando Nordafrika, von Oktober 1942 bis Januar 1943 aufgestellt Marinekommando Tunesien, von November 1942 bis Mai 1943 aufgestellt Marinegruppenkommando West, zugleich Kommandierender Admiral Frankreich Befehlshaber der Sicherung Westraum Kommandierender Admiral Kanalküste Kommandierender Admiral Atlantikküste Kommandierender Admiral französische Südküste Marinegruppenkommando Süd Kommandierender Admiral Ägäis Kommandierender Admiral Schwarzes Meer Kommandierender Admiral Adria
Veränderungen bis zum Kriegsende