mini|Ostfassade der Kirche
Die evangelisch-lutherische Heilig-Kreuz-Kirche in Augsburg entstand im 16. Jahrhundert aus der Erweiterung einer vormaligen Kapelle. Nach dem Abriss dieses Gotteshauses im Jahr 1630 wurde die Kirche von 1652 bis 1653 im Stil einer evangelischen Predigtkirche des Frühbarocks neu errichtet und in den folgenden acht Jahrzehnten mit zahlreichen barocken Gemälden bedeutender Maler ausgestattet. Es handelt sich um den ersten protestantischen Kirchenbau der Stadt. Als Baudenkmal ist sie in die Bayerische Denkmalliste eingetragen.
Geschichte mini|Alte, 1630 abgerissene Heilig-Kreuz-Kirche (rechts) mini|Innenraum der neuen Kirche auf einer Radierung von 1703 mini|Innenansicht 2021
1210 ließen die Augustiner-Chorherren auf dem Gelände des Klosters Heilig Kreuz im Nordwesten der Augsburger Altstadt eine Kapelle unter dem Patrozinium der heiligen Katharina von Alexandrien errichten. Später diente sie der Bevölkerung als Leutekirche (Gemeindekirche), um die Stiftskirche vorrangig den Chorherren vorzubehalten. Nach einer Renovierung und teilweise Neuerrichtung der verfallenen Kapelle Mitte des 15. Jahrhunderts wurde das Patrozinium auf den heiligen Ottmar übertragen.Wolfgang Wallenta: Ev. Heilig-Kreuz Augsburg. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2019, ISBN 978-3-87437-590-0, S. 3. Auf seiner Romreise besuchte 1511 Martin Luther das Kloster Heilig-Kreuz.
In der Reformationszeit teilte der Rat der Stadt 1525 die Ottmarskapelle der neu entstandenen evangelischen Gemeinde als Predigthaus zu. Dort fanden regelmäßig protestantische Sonntagsgottesdienste statt. 1561 verzichteten die Augustiner-Chorherren auf ihre früheren Rechte, woraufhin die Protestanten die Kapelle erweitern ließen. Dabei erfolgte auch die Umbenennung in Heilig-Kreuz-Kirche. Mit dem Restitutionsedikt wurden die Protestanten wieder aus ihrer Kirche vertrieben und Evangelisch-Heilig-Kreuz 1630 abgebrochen. Bis 1653 besaß die Gemeinde keine eigene Kirche mehr. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 erhielten die Protestanten das Gelände zurück, auf dem sich ihre Kirche befunden hatte. Da Augsburg den Status einer paritätischen Reichsstadt erhalten hatte, konnte die evangelische Kirche nun als Doppelkirche neben der katholischen Heilig-Kreuz-Kirche neu errichtet werden.
Um einen Neubau finanzieren zu können, begab sich 1650 der damalige Pfarrer Thomas Hopfer mit zwei Begleitern auf eine einjährige Kollektenreise zu den wichtigsten evangelischen Fürsten Mitteleuropas, die ihn auch an den dänischen Königshof und zur schwedischen Königin Christina führte, die sich am großzügigsten zeigten. Die große Spendenbereitschaft der Fürsten, einzelner Städte und Gemeinden, aber auch einiger Privatpersonen führte dazu, dass 1652 ein Betrag von 46.407 Gulden für den Bau zur Verfügung stand.Wolfgang Wallenta: Ev. Heilig-Kreuz Augsburg. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2019, ISBN 978-3-87437-590-0, S. 6. Nach der Grundsteinlegung am 4. Mai 1652 errichtete der Kistler Johann Jakob Krauss 1652/53 den barocken Kirchenbau mit seiner auffälligen zweigeschossigen Fassade sowie drei Portalen im Stil einer typischen evangelischen Predigtkirche. Die Weihe erfolgte am 24. Oktober 1653. Es handelt sich dabei um den ersten protestantischen Kirchenbau in Augsburg, der im Laufe der nächsten Jahrzehnte mit zahlreichen Werken namhafter Künstler ausgeschmückt wurde. Trotz seiner Verdienste um die Finanzierung des Neubaus wurde Pfarrer Hopfer 1661 nach Auseinandersetzungen mit dem Rat der Stadt gegen den Willen der Pfarrgemeinde entlassen und auch nicht in der Kirche beerdigt.Wolfgang Wallenta: Ev. Heilig-Kreuz Augsburg. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2019, ISBN 978-3-87437-590-0, S. 28.
Große Probleme bereitete von Anfang an das mit Kupfer gedeckte Dach, das offensichtlich von Handwerkern errichtet worden war, die dieser Aufgabe nicht gewachsen waren. Bereits 1654 musste es zum Preis von 600 Gulden repariert werden. Ein Jahr später verschlangen Instandsetzungen 300 Gulden. Weitere rund 1.000 Gulden mussten 1668 für eine Renovierung des Daches aufgewendet werden. Nachdem bis 1682 insgesamt rund 3.000 Gulden für Dachreparaturen ausgegeben waren, ohne dass es zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen wäre, wurde auf Beschluss der Pfarrgemeinde das gesamte Dach abgetragen und durch ein neues, dauerhafteres ersetzt.Johann Jakob Brucker: Entwurf einer urkundenmäßigen Geschichte der evangelischen Pfarrkirche zum heiligen Creuze in des H. R. R. Stadt Augspurg zur Erläuterung der Geschichte der evangelischen Kirche in Schwaben. Augsburg 1753, S. 214, 219, 223, 224.
Kriegerische Auseinandersetzungen mit Frankreich führten dazu, dass die Kirche im Jahr 1800 als Lager für Heu, Stroh und Pulver zweckentfremdet wurde. Sowohl 1800 als auch nach der Schlacht bei Ulm 1805 diente die Kirche als Gefangenenlager für mehr als 1.200 österreichische Kriegsgefangene, die die französische Armee dort untergebracht hatte. Eine 2015 enthüllte Gedenktafel am Aufgang zu den Emporen an der Südwand erinnert daran. Nach der Reparatur der angerichteten Schäden konnte 1807 wieder Gottesdienst gehalten werden. Im Jahr 1809 wurde die Kirche kurzzeitig als Vorratslager missbraucht. 1814 wurde Evangelisch-Heilig-Kreuz Filialkirche von St. Anna und 1841 wieder selbständige Pfarrei.Wolfgang Wallenta: Ev. Heilig-Kreuz Augsburg. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2019, ISBN 978-3-87437-590-0, S. 10.
Die Luftangriffe auf Augsburg 1944 überstand die Kirche unbeschadet; die daneben liegende katholische Heiligkreuz-Kirche hingegen wurde zerstört. Von 1979 bis 1981 fand eine grundlegende Renovierung der Kirche statt, die erste nach mehr als drei Jahrhunderten. 2003 feierte die Gemeinde das Kirchweihjubiläum 350 Jahre Evang.-Luth. Heilig-Kreuz-Kirche. Sie wird seitdem als Europäische Friedenskirche bezeichnet. Im März 2021 wurde die Kirche vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege als „Baudenkmal von nationaler Bedeutung“ eingestuft.
Baubeschreibung mini|Südwand mit Empore
Die Saalkirche hat den Grundriss eines rechtwinkligen Trapezes. Die eigenwillige Form war bedingt durch Platzprobleme und die Weigerung der Augustiner-Chorherren zusätzlichen Baugrund für die neue Kirche abzugeben. Im Inneren konnte aber durch den Einbau zweier durch schlanke toskanische Säulen gestützter Emporen der Eindruck eines fast quadratischen Raums erzeugt werden. Der Bau besitzt im Osten eine zweigeschossige Fassade mit dreigeschossigem Volutengiebel, der durch vier kleinere Rundbogenfenster gegliedert ist. Er ist bekrönt mit einem dominierenden Giebelreiter in Gestalt eines sechseckigen Türmchens mit Zwiebelhelm. Der Eingangsbereich verfügt über drei mit Dreiecksgiebeln geschmückte Portale. Zwischen den Portalen sind zwei querrechteckige Fenster mit Segmentbogengiebeln angebracht. Das Obergeschoss der Fassade enthält fünf schmale, hohe Rundbogenfenster. In die Südwand des Kirchenschiffs sind im Untergeschoss sieben querrechteckige Fenster, im Obergeschoss sieben hohe Rundbogenfenster eingelassen. An der Nordwand gibt es grundrissbedingt nur vier Rundbogenfenster im Obergeschoss, an der Westwand rechts und links je ein Rundbogenfenster. An das Langhaus mit seiner frei hängenden bemalten Holzkassettendecke schließt sich im Westen ein stark eingezogener Chor mit Fünfachtelschluss an. Er wird von einem Tonnengewölbe mit Stichkappen überdeckt. An den Chor ist südlich das „Gottesäckerle“, an die Nordwand des Langhauses ist die Sakristei angebaut. Das Satteldach des Langhauses und die Dächer der Anbauten sind mit Kupfer gedeckt.Wolfgang Wallenta: Ev. Heilig-Kreuz Augsburg. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2019, ISBN 978-3-87437-590-0, S. 11–12.
Ausstattung Die Ausstattung der Kirche ist weitgehend barock und wird vor allem durch die große Zahl qualitätvoller Gemälde geprägt.
Chor hochkant|mini|Pfingstpredigt des Petrus von Johann Spillenberger
Der Chor ist durch die geschwungene Empore, auf der die Orgel steht, zweigeteilt. Auf Orgelhöhe flankieren zwei Fenster ein Blendfenster in der Mitte der Westseite. Im Zentrum des unteren Bereiches steht die Altarmensa (1767), gefertigt von Ignatz Verhelst im Stil des Rokokos nach einem Entwurf, der Johannes Esaias Nilson zugeschrieben wird. Auf ihr steht ein Altarkreuz mit einem Korpus aus Silber (um 1680). Sie wird flankiert von zwei schlanken, glatten Säulen mit korinthischen Kapitellen, die die Empore stützen. Hinter der Mensa befindet sich eine schwarze marmorierte Gedenktafel, auf der ein lateinischer Text in Goldschrift die Umstände wiedergibt, unter denen die Kirche neu erbaut wurde.
Zwanzig Jahre nach dem Bau der Kirche ermöglichten Stiftungen von Gemeindemitgliedern und der jeweiligen Maler die Anschaffung von vier großformatigen Gemälden für die Seitenwände des Chorraums. Die Taufe Christi (1674) ganz links stammt von Johann Heiß. Das Bild daneben zeigt die Auferstehung Christi (1673), gemalt von Johann Ulrich Mayr. Rechts neben der Gedenktafel ist die Pfingstpredigt des Petrus (1674) von Johann Spillenberger angebracht. Darauf folgt Das Abendmahl (1674) von Joseph Werner.Johann Jakob Brucker: Entwurf einer urkundenmäßigen Geschichte der evangelischen Pfarrkirche zum heiligen Creuze in des H. R. R. Stadt Augspurg zur Erläuterung der Geschichte der evangelischen Kirche in Schwaben. Augsburg 1753, S. 220/221.
Drei Gemälde mit je einem musizierenden Putto an der Decke des Altarraums stammen von Johannes Rottenhammer. Er hatte sie um 1611 für die Orgel der abgerissenen Vorgängerkirche geschaffen. Ein Putto spielt Violine, ein anderer eine Laute, der dritte schlägt ein Tamburin.
Die Deckenfresken über der Orgel schuf nicht, wie lange angenommen, Johann Georg Bergmüller, sondern sein Schüler Johann Georg Wolcker um 1730. Als Hauptfresko sind Die drei göttlichen Tugenden allegorisch dargestellt. Die vier kleinen Fresken, die das Hauptfresko umgeben, beziehen sich aber nicht auf dieses, sondern auf die vier Gemälde im unteren Altarbereich. Als allegorische Erläuterungen zu den Leinwandbildern thematisieren sie Taufe, Kreuzigung, Pfingstfest und Abendmahl. Die Stuckaturen im Chorgewölbe stammen vom Wessobrunner Franz Xaver Feichtmayr.Wolfgang Wallenta: Ev. Heilig-Kreuz Augsburg. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2019, ISBN 978-3-87437-590-0, S. 24.
Kirchenschiff hochkant|mini|Die Taufe Jesu aus der Werkstatt von Tintoretto
Die Kassettenfelder der Flachdecke sind mit dekorativer Ornamentik bemalt, deren Gestaltung sich in verkleinerter Version an den Unterseiten der Emporen wiederholt. In Altarnähe hängt ein Kronleuchter aus Messing an der Decke, der in der Mitte des 17. Jahrhunderts geschaffen wurde. Das Gestühl stammt überwiegend aus der Erbauungszeit der Kirche, wurde von Ulrich Haldenwanger gefertigt und bot anfangs Platz für 950 Frauen und 710 Männer.
Kunstwerke an der Nordwand hochkant|mini|Passionsgruppe mit Kanzel
In der Mitte der Nordwand ist die Kanzel angebracht. Ignatz Verhelst fertigte sie 1762 im Stil des Rokokos nach Entwürfen von Johannes Esaias Nilson. Auf dem Schalldeckel hält ein Putto die Zehn-Gebote-Tafeln und ein Buch mit der Aufschrift EVANGELIVM. Ein zweiter Putto betet den hebräisch geschriebenen und von einem Strahlenkranz umgebenen Namen Gottes über ihm an. Unterhalb des Schalldeckels ist eine Taube im Strahlenkranz als Symbol des Heiligen Geistes. Über der Kanzel ist ein großes Kruzifix (um 1660) an der Wand befestigt. Die Kanzel wird flankiert von großformatigen Gemälden, der Kreuztragung Christi (links) und der Abnahme Christi vom Kreuz (rechts), die Johann Heinrich Schönfeld 1665 geschaffen hat. Zusammen mit dem gekreuzigten Christus über der Kanzel bilden sie eine barocke Passionsgruppe. Für die Kreuztragung Christi hatte Schönfeld 800 Gulden bekommen, die Abnahme Christi vom Kreuz gab er der Heilig-Kreuz-Kirche als Stiftung.Wolfgang Wallenta: Ev. Heilig-Kreuz Augsburg. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2019, ISBN 978-3-87437-590-0, S. 34.