miniatur|Kaiser Friedrich III. miniatur|Victoria, preußische Kronprinzessin, 1867, Gemälde von Franz Xaver Winterhalter Der Ausspruch eine „Schmach für Deutschland“ entstammt einer Bemerkung des deutschen Kronprinzen und späteren Kaisers Friedrich III., die dieser im Februar 1880 in einer nicht-öffentlichen Sitzung der Victoria-National-Invalidenstiftung dem Berliner Stadtrat und Vorsitzenden der jüdischen Korporation in Berlin Meyer Magnus gegenüber machte. Mit diesen Worten verurteilte der Kronprinz die antisemitische Bewegung. „Er habe im Auslande den Ausländern gegenüber sich dieser Agitation geschämt.“ – So berichtete der preußische Abgeordnete Eugen RichterEugen Richter: Politisches ABC-Buch, 9. Auflage. Verlag "Fortschritt, Aktiengesellschaft", Berlin 1898, Artikel "Antisemiten", Seite 17 (online) über das Wort des Kronprinzen, das bei der Bekämpfung des Antisemitismus oft zitiert, von antisemitischer Seite hingegen als zweifelhaft oder sogar gefälscht hingestellt wurde.
Varianten Die genauen Worte des Kronprinzen sind nicht überliefert. Je nach Quelle wird der Ausspruch auch wiedergegeben als „eine Schmach unserer Zeit“, „eine Schmach des Jahrhunderts“ oder „eine Schmach für die deutsche Nation“.
Kontext Der schon seit einigen Jahren schwelende Antisemitismus erhielt Ende der 1870er Jahre einen Aufschwung. Maßgeblich hierfür waren die Agitationen des Hofpredigers Adolf Stoecker sowie die Veröffentlichung des Artikels „Unsere Aussichten“ durch Heinrich von Treitschke in den Preußischen Jahrbüchern, woraus sich der so genannte „Berliner Antisemitismusstreit“ entwickelte.
Ablauf Der Kronprinz Friedrich Wilhelm und seine Frau Victoria verurteilten von Anfang an die antisemitische Bewegung. In einem Brief schrieb er:Zitiert nach: John C. G. Röhl: Wilhelm II.: Die Jugend des Kaisers 1859–1888, Beck, München 1993, S. 415.
Und die Kronprinzessin Victoria klagte:Zitiert nach: John C. G. Röhl: Wilhelm II.: Die Jugend des Kaisers 1859–1888, Beck, München 1993, S. 414.
Bereits Anfang 1880 besuchte der Kronprinz demonstrativ in voller Uniform einen Gottesdienst in der Berliner Synagoge, um Stellung zur antisemitischen Bewegung zu beziehen. Auf einer Sitzung der Victoria-National-Invalidenstiftung im Februar 1880 sprach er dann mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Stiftung und Vorsitzenden der jüdischen Korporation in Berlin Meyer Magnus über die antisemitische Bewegung und bezeichnete diese als eine „Schmach für Deutschland“.
Im Verlauf des Jahres 1880 verschärfte sich die antisemitische Agitation und es kam zu ersten Tätlichkeiten (siehe Kantorowicz-Affäre). Mitte November 1880 veröffentlichten 75 bedeutende Wissenschaftler, Unternehmer und Politiker eine Notabeln-Erklärung, in der sie die antisemitische Bewegung verurteilten. Die Deutsche Fortschrittspartei brachte das Thema am 20. und 22. November 1880 in den Preußischen Landtag (siehe Interpellation Hänel). Am 14. November besuchte der Kronprinz in Wiesbaden wieder demonstrativ zusammen mit seiner Frau „ein synagoges Konzert, ... um nach Möglichkeit zu zeigen wie wir gesonnen <sic!> sind.“Zitiert nach: John C. G. Röhl: Wilhelm II.: Die Jugend des Kaisers 1859–1888, Beck, München 1993, S. 415.
Als Reaktion auf eine antisemitische Veranstaltung am 17. Dezember 1880 in den Reichshallen in Berlin, bei der Ernst Henrici gegen die Juden gehetzt hatte, luden Mitglieder der Deutschen Fortschrittspartei die Wahlmänner aller Parteien für den 12. Januar 1881 ebenfalls in die Reichshallen zu einer Versammlung ein, um zu demonstrieren, dass die Bürger von Berlin keineswegs auf Seiten der antisemitische Bewegung standen, sondern diese verurteilten. Vor den 2500 Wahlmännern bezog sich Eugen Richter in der Schlussrede auf die Worte des Kronprinzen:
Da von antisemitischer Seite eine solche Verdammung von höchster Stelle als verfälscht oder erfunden zurückgewiesen wurde, sah sich der Kronprinz am 14. Februar 1881 veranlasst, seine Äußerung zu wiederholen. In einer Sitzung des Vorstandes der Victoria-National-Invalidenstiftung saß er zwischen dem Chef der Admiralität von Stosch und Meyer Magnus. Er erkundigte sich, wie Magnus mit dem vergangenen Jahre zufrieden gewesen sei, in dem sich die antisemitische Bewegung weiter ausgebreitet hatte. Magnus antwortete, dass es
Am folgenden Tag, dem 15. Januar 1881, wurden diese Äußerungen des Kronprinzen in der National-Zeitung abgedruckt. Seine Schwiegermutter Queen Victoria lobte in einem Brief „die Rede des lieben Fritz über die armen, schlecht behandelten Juden“.Zitiert nach: John C. G. Röhl: Wilhelm II.: Die Jugend des Kaisers 1859–1888, Beck, München 1993, S. 416. Obwohl die Authentizität der Aussagen von zahlreichen Zeugen bestätigt wurde, fuhr der Hofprediger Adolf Stoecker fort, die Richtigkeit des Zitats zu bestreiten, auch wenn Eugen Richter diese 1883 noch einmal bestätigte:
Anlässlich eines Verleumdungsprozesses gegen die Freie Zeitung im Jahre 1885 wurde Stoecker dann allerdings gerichtlich bescheinigt:
Hartnäckig hielt Stoecker an seiner Behauptung fest und erklärte in der Sitzung des Preußischen Abgeordnetenhauses vom 31. März 1890:
Die Legende, hier seien dem Kronprinzen Worte in den Mund gelegt worden, hatte sich um die Zeit in antisemitischen Kreisen bereits fest etabliert. Ganz ähnlich zog auch der sozialdemokratische Parteihistoriker Franz Mehring die Worte in Zweifel und stellte den Kronprinzen als von jüdischen Hintermännern gesteuert hin (die Ausdrucksweise anhochen bedeutet mit Hochrufen feiern, während gerieben eine Variante zum heute gebräuchlicheren Wort gerissen ist):
Einzelnachweise
Literatur
Eugen Richter (ohne Namensnennung): Zeuge Stöcker, ein Zeitbild aus dem Jahre 1885; die Prozeßverhandlungen wegen Beleidigung des Hofpredigers Stöcker vor der II. Strafkammer des Landgerichts Berlin I am 9., 10., 13. und 16. Juni 1885. Verlag „Fortschritt, Aktiengesellschaft“, Berlin 1885 (online) Leopold Auerbach: Das Judenthum und seine Bekenner. Verlag von Sigmar Mehring, Berlin 1890 (online) Heinrich Rickert (ohne Namensnennung): Antisemiten-Spiegel. Verlag und Druck von A. W. Kafemann, Danzig 1890. (online) Eugen Richter: Politisches ABC-Buch, 9. Auflage. Verlag „Fortschritt, Aktiengesellschaft“, Berlin 1898. (online) Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie (5. Ausgabe), Band 4. Dietz, Stuttgart 1913. (online)
Kategorie:Antisemitismus in Deutschland Kategorie:Deutsches Kaiserreich Kategorie:Redewendung