mini|Axel Hochkirch im Oktober 2016
Axel Hochkirch (* 27. Juli 1970 in Bad Soden am Taunus) ist ein deutscher Biologe. Er ist Kurator für Ökologie am Nationalmuseum für Naturgeschichte Luxemburg sowie außerplanmäßiger Professor für Biodiversität und Naturschutz an der Universität Trier. Zudem ist er Vorsitzender des IUCN SSC Invertebrate Conservation Committee sowie der IUCN SSC (Species Survival Commission) Grasshopper Specialist Group. Des Weiteren ist er Mitglied des IUCN SSC Steering Committee und war von 2023 bis 2026 Präsident der Orthopterists' Society.https://ybo.ewq.mybluehost.me/2019/01/25/new-president-elect-axel-hochkirch/
Leben Das biologische Interesse – mit erstem Berufsziel Zoodirektor – begann mit Forscherdrang im frühesten Kindesalter. Der naturwissenschaftliche Weg wurde deutlich, als er am Gymnasium Tilemannschule Limburg die Fächer Biologie und Chemie als Leistungskurs wählte. Hochkirch studierte von 1990 bis 1996 Biologie an der Universität Bremen. In seiner Diplomarbeit befasste er sich mit der Ökologie von Heuschrecken der Usambara-Berge (Tansania). 2001 promovierte er an der Universität Bremen. Der Titel seiner Dissertation lautete “A Phylogenetic Analysis of the East African Grasshopper Genus Afrophlaeoba JAGO, 1983”. Von 2001 bis 2007 war er wissenschaftlicher Assistent an der Universität Osnabrück, wo er sich für das Fachgebiet Ökologie habilitierte mit der Habilitationsschrift “Evolution, Maintenance and Conservation of Biodiversity: Case studies from Orthoptera”.
Von 2008 bis 2023 war Hochkirch Laborleiter in der Abteilung Biogeographie bei Michael Veith an der Universität Trier. Im Jahr 2009 fand seine Umhabilitation für das Fach Biogeographie statt und 2017 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Seit 2023 ist er Kurator für Ökologie am Nationalmuseum für Naturgeschichte in Luxemburg.
Forschungsschwerpunkte Axel Hochkirch beschäftigt sich mit Biodiversitätsforschung im breiten Sinne, mit Schwerpunkt Naturschutzbiologie. Er erforscht aber auch die Entstehung der Biodiversität (Evolutionsbiologie, Phylogenetik) als auch ökologische Mechanismen der Aufrechterhaltung von Biodiversität (Populationsökologie, Populationsgenetik, Verhaltensökologie).https://www.uni-trier.de/index.php?id=20301 Sein breites Forschungsspektrum äußert sich u. a. darin, dass er im Jahr 2011 gleich von drei Fachgruppen der Deutschen Zoologischen Gesellschaft als Symposiumssprecher für die Jahrestagung vorgeschlagen wurde (Fachgruppen Ökologie, Evolutionsbiologie, Verhaltensbiologie).
Während seines ersten Forschungsaufenthaltes in den Ost-Usambarabergen (Tansania) im Jahr 1994 erforschte Hochkirch die ökologische Einnischung von Heuschreckenarten. Hierbei beschrieb er auch die Eignung bestimmter Arten als Bioindikatoren für die Degradation von Regenwald-Gemeinschaften.A. Hochkirch (1996) Habitat preferences of grasshoppers (Orthoptera: Acridoidea, Eumastacoidea) in the East Usambara Mts., NE Tanzania, and their use for bioindication. Ecotropica 2: 195-217 Des Weiteren entdeckte und beschrieb Hochkirch hierbei eine bislang unbeschriebene Heuschreckenart.A. Hochkirch (1996) Physocrobylus tessa, a new grasshopper species from the East Usambara Mountains, NE Tanzania and its systematic position (Acridoidea, Acrididae, Coptacridinae). Journal of Orthoptera Research 5: 53-55 Später führte er diese Untersuchungen in anderen Regenwaldgebieten Ostafrikas weiter und erkannte hierbei die Bedeutung von Prädation für die hohe Artenvielfalt und den Endemismus von Regenwald-Arten.A. Hochkirch (1998) A comparison of the grasshopper fauna (Orthoptera: Acridoidea und Eumastacoidea) of the Uluguru Mountains and the East Usambara Mountains, Tanzania. Journal of East African Natural History 87: 221-232 Seine phylogenetischen Untersuchungen zur Verwandtschaft von Heuschreckenarten der Bergregenwälder Ostafrikas führten zur Aufstellung von Hypothesen zur früheren Verbindung dieser Regenwaldgebiete.A. Hochkirch (2005) Morphometric Differentiation in the East African Grasshopper Genus Afrophlaeoba JAGO, 1983 (Orthoptera: Acrididae). In: B.A. Huber, B.J. Sinclair und K.-H. Lampe (Hrsg.): African Biodiversity: Molecules, Organisms, Ecosystems. Springer Verlag: 109-118
Viel Beachtung fanden Hochkirchs Arbeiten zur reproduktiven Interferenz. In Ersetzungsexperimenten konnten Hochkirch und seine Mitarbeiter zeigen, dass Fehlentscheidungen bei der Partnerwahl in gemischten Populationen von Tierarten auch ohne Hybridisierung zu einer verringerten Fitness führen.A. Hochkirch, J. Gröning und A. Bücker (2007) Sympatry with the devil – Reproductive interference could hamper species coexistence. Journal of Animal Ecology 76: 633-642 Hierdurch kann die Koexistenz verwandter Tierarten verhindert werden, wenn nicht lokale Verteilungsmuster (insbesondere geklumpte Verteilung und unterschiedliche ökologische Nischen) der Individuen die Begegnungshäufigkeit beider Arten reduzieren.J. Gröning, N. Lücke, A. Finger und A. Hochkirch (2007) Reproductive interference in two ground-hopper species: Testing hypotheses of coexistence in the field. Oikos 116: 1449-1460
Hochkirch hat in zahlreichen Arbeiten molekulare Methoden zur Bearbeitung naturschutzbiologischer und evolutionsbiologischer Fragestellungen eingesetzt. So konnte er mit Hilfe populationsgenetischer Analysen zeigen, dass es in klimatischen Extremjahren zu massiven Einflügen der flugfähigen Morphe einer sonst flugunfähigen Heuschrecke kommt.A. Hochkirch und M. Damerau (2009) Rapid range expansion of a wing-dimorphic bush-cricket after the 2003 climatic anomaly. Biological Journal of the Linnean Society 97: 118-127 Zudem zeigte er, dass bei Umsiedlungsmaßnahmen eine hohe genetische Diversität erhalten werden kann, wenn eine große Anzahl von Individuen hierfür verwendet wird.K.A. Witzenberger und A. Hochkirch (2008) Genetic consequences of animal translocations: A case study using the field cricket, Gryllus campestris L. Biological Conservation 141: 3059-3068 Hochkirch setzte molekulargenetische Methoden auch für Untersuchungen sexueller interspezifischer Interaktionen (insbesondere Hybridisierung) ein.U. Schulte, M. Veith und A. Hochkirch (2012) Rapid genetic assimilation of native wall lizard populations (Podarcis muralis) through extensive hybridization with introduced lineages. Molecular Ecology 21: 4313-4326 Gemeinsam mit seiner Doktorandin Kathrin Witzenberger konnte er nachweisen, dass die Zoopopulation der Europäischen Wildkatze massiv durch Hybridisierung mit Hauskatzen gefährdet ist.K.A. Witzenberger und A. Hochkirch (2014) The genetic integrity of the ex situ population of the European wildcat (Felis silvestris silvestris) is seriously threatened by introgression from domestic cats (Felis silvestris catus). PLOS One 8: e106083 In einem Projekt über die Mauereidechse konnte sein Doktorand Joscha Beninde multiple Hybridisierungszonen von eingeschleppten Mauereidechsenvorkommen in deutschen Städten nachweisen.Beninde, J., Feldmeier, S., Veith, M. & Hochkirch, A. (2018): Admixture of hybrid swarms of native and introduced lizards in cities is determined by the cityscape structure and invasion history. Proceedings of the Royal Society B 285: 20180143
Der Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeiten ist die Naturschutzbiologie. Insbesondere zum Schutz von Insekten hat Hochkirch zahlreiche internationale Publikationen verfasst.Exeler N., Kratochwil A., A. Hochkirch (2009) Restoration of riverine inland sand dune complexes: implications for the conservation of wild bees. Journal of Applied Ecology 46: 1097-1105Gerlach J., Samways M.J., A. Hochkirch, Seddon M., Cardoso P., Clausnitzer V., Cumberlidge N., Daniel B.A., Hoffman Black S., Ott J., Williams P.H. (2014): Prioritizing non-marine invertebrate taxa for red-listing. Journal of Insect Conservation 18: 573-586Hochkirch, A. (2016): The insect crisis we can’t ignore. Nature 359: 141 Besondere Aufmerksamkeit bekamen seine Publikationen zur Effektivität des europäischen Schutzgebietsnetzwerks Natura 2000 (FFH-Richtlinie)A. Hochkirch, Schmitt T., J. Beninde, Hiery M., Kinitz T., Kirschey J., D. Matenaar, K. Rohde, Stoefen A., N. Wagner, A. Zink, S. Lötters, M. Veith, A. Proelss (2013) Europe needs a new vision for a Natura 2020 network. Conservation Letters doi:10.1111/conl.12006. sowie eine Metaanalyse zur Biodiversität in Städten.J. Beninde, M. Veith und A. Hochkirch (2015): Biodiversity in cities needs space: A meta-analysis of factors determining intra-urban biodiversity variation. Ecology Letters 18: 581-592. Zudem publizierte Hochkirch diverse Kommentare in den Fachzeitschriften "Science" und "Nature", in denen er immer wieder auf Aspekte des Schutzes wirbelloser Tierarten hinweist, wie z. B. auf die Verantwortung von Reservaten für den Schutz von Invertebraten,A. Hochkirch (2014) Biodiversity: Broaden the Search. Science 343: 248 das mangelnde Monitoring von InsektenpopulationenA. Hochkirch, S. Pina (2017) Invest in insects. Science 356: 1131 oder die ökologische Bedeutung von Regenwürmern zum Schutz der Böden.R. Blakemore und A. Hochkirch (2017): Restore earthworms to rebuild topsoil. Nature 545: 30 Politische Konsequenzen hatte sein Kommentar in der Zeitschrift "Nature", in der er mangelnde Transparenz bei der Festlegung der Autorenteams in der "Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services" (IPBES) kritisierte. Als Folge beschloss die IPBES neue Richtlinien zur Transparenz und Vermeidung von Interessenkonflikten.A. Hochkirch, McGowan P.J.K., van der Sluijs J. (2014): Biodiversity reports need author rules. Nature 516: 170 In einem Essay in der Zeitschrift "Nature" fasste Hochkirch die Notwendigkeit der Etablierung großer angewandter Forschungszentren zum Schutz wirbelloser Arten zusammen.A. Hochkirch (2016): The insect crisis we can't ignore. Nature 359: 141 Gemeinsam mit zahlreichen Kollegen veröffentlichte Hochkirch im Jahr 2023 eine Analyse der europäischen Roten Listen, die zu einer Verdopplung der Schätzung der Zahl gefährdeter Arten führte.
Auch taxonomische Arbeiten gehören zu Hochkirchs Arbeitsbereich. So beschrieb er einige Taxa aus der Familie der Feldheuschrecken (Acrididae), darunter Parodontomelus luci, Physocrobylus tessa, Arminda palmae, Sphingonotus fuerteventurae, Sphingonotus almeriense und Sphingonotus nodulosus. Drei Heuschreckenarten wurden nach ihm benannt: Dolatettix hochkirchi, Leptophyes axeli und Sphingonotus axeli.
Lehrveranstaltungen Bereits während seiner Promotionsphase (1998–2000) engagierte sich Hochkirch auch in Lehrveranstaltungen und bot Exkursionen und Praktika an der Universität Bremen an. In den Jahren 1999–2000 erhielt er einen Lehrauftrag an der Hochschule Bremen für den Kurs "Systematik der Tiere". Während seiner Habilitationsphase (2001–2008) unterrichtete er an der Universität Osnabrück die Fächer Tierökologie, Naturschutzbiologie, Populationsbiologie und führte zahlreiche Exkursionen durch. Von 2008 bis 2023 unterrichtete er an der Universität Trier die Fächer Naturschutzbiologie, Molekulare Biogeographie, Populationsgenetik sowie Artenkenntniskurse. Die Vorlesung "Naturschutzbiologie" führt er seit 2023 im Rahmen seiner Venia Legendi fort.
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