Als Münchner Stadtderby werden Fußballspiele zwischen den beiden erfolgreichsten Fußballvereinen Münchens, dem FC Bayern und dem TSV 1860, bezeichnet. Auch als Münchner Derby oder Münchner Lokalderby bezeichnet, ist es mit bislang 162 Pflichtspielen seit 1902, zuletzt 2008 im DFB-Pokal, nach dem Frankenderby das am zweithäufigsten ausgetragene Fußballderby Deutschlands (inkl. Testspiele 204 Austragungen).
Geschichte Frühe Jahre (1902–1933) Die Fußballabteilung des TSV 1860 München wurde im April 1899 gegründet, der FC Bayern als eigenständiger Verein im Februar 1900, nachdem der MTV München dem Beitritt des Vereins zum Süddeutschen Fußballverband eine Absage erteilt hatte. Das erste Derby zwischen beiden Vereinen wurde im September 1902 ausgespielt, welches der FC Bayern mit 3:0 gewann. Auch in der Folgezeit waren die Bayern zumeist überlegen. Anfang der 1930er Jahre konnte beide Vereine erste Erfolge verzeichnen: Die Löwen erreichten 1931 das Finale um die deutsche Meisterschaft (welches sie gegen Hertha BSC verloren), ein Jahr später gelang dem FC Bayern der Triumph gegen Eintracht Frankfurt. Bei der Siegesfeier im Münchner Löwenbräukeller hieß es in einer der Festreden: „Was man schon im Vorjahr bei 1860 bestimmt gedacht, hat heuer der FC Bayern fertig gebracht“.
Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten hatte auch für die beiden Münchner Vereine Auswirkungen: Jüdische Mitglieder mussten die Clubs verlassen, was insbesondere den FC Bayern besonders stark traf. Prominentester Fall war der langjährige Präsident Kurt Landauer, der sein Amt im März 1933 aufgeben musste. Obwohl die Bayern bereits im April 1933 in der Stuttgarter Erklärung gemeinsam mit 13 weiteren süddeutschen Fußballvereinen den Ausschluss aller jüdischen Mitglieder ankündigteAls die Wurzeln herausgerissen wurden Stuttgarter Zeitung, 8. April 2014, abgerufen am 16. Oktober 2015. und 1935 mit einem Arierparagraphen in der Vereinssatzung umsetzte, Ende der Heldengeschichte: FC Bayern hatte schon 1935 einen „Arierparagrafen“ Spiegel Online, 21. Mai 2016, abgerufen am 22. Mai 2016. war sie als „Judenclub“ verpönt. Die Münchner Löwen zeigten dagegen schon vor 1933 eine deutliche Affinität zum erstarkenden NationalsozialismusAnton Löffelmeier: Die „Löwen“ unterm Hakenkreuz. Der TSV von 1860 München im Nationalsozialismus. Die Werkstatt, Göttingen 2009, ISBN 3-89533-645-9. und setzen bereits im September 1933 in einer Hauptversammlung des Turnvereins das Führerprinzip um. Durch gute Beziehungen zur NSDAP konnte sich der Verein in den dreißiger Jahren vor der Insolvenz zu retten.Nils Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz. Campus, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-593-37906-6. In der neu formierten Gauliga Bayern war der TSV 1860 der erfolgreichere Verein. 1942 wurde der Tschammerpokal gewonnen, ein Jahr später erreichten die Löwen das Viertelfinale der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft.
Zunehmende Rivalität (1945–1963) Punkte der Zwölfjahreswertungder Kandidaten der Oberliga Südfür die Bundesliga 1. 1. FC Nürnberg 447 2. Eintracht Frankfurt 420 3. Karlsruher SC 419 4. VfB Stuttgart 408 5. Kickers Offenbach 382 6. FC Bayern München 288 7. TSV 1860 München 229 8. VfR Mannheim 227 9. SpVgg Fürth 224 10. 1. FC Schweinfurt 05 185 11. FC Bayern Hof 90 12. TSV Schwaben Augsburg 61 13. KSV Hessen Kassel 36
Nach dem Kriegsende erfreute sich der Fußball erneut großer Beliebtheit. Bayern gehörte bis auf die Pfalz und dem Landkreis Lindau zur amerikanischen Besatzungszone, somit oblag die Wiederherstellung des Spielbetriebs der US-Militärregierung. Da zu diesem Zeitpunkt noch keine gesamtdeutsche Meisterschaft ausgespielt werden durfte, wurde auf dem Boden der amerikanischen Besatzungszone die Oberliga Süd 1945 als erste Fußball-Oberliga in Deutschland gegründet. Beide Vereine gehörten ihr nahezu ununterbrochen an. Da andere Münchner Vereine wie z. B. der FC Wacker München in der Bedeutungslosigkeit versanken, nahm die Rivalität der beiden verbliebenen Münchner Clubs zu. Insgesamt blieben die Erfolge jedoch bescheiden, einzig 1957 konnte der FC Bayern mit dem DFB-Pokal einen nationalen Titel gewinnen.
Kampf um die Vorherrschaft (1963–1970) Im Vorfeld der neu eingeführten Bundesliga kam es zu einigen Unstimmigkeiten zwischen den Vereinen. Obwohl der FC Bayern in der für die Zusammenstellung der neuen Liga maßgeblichen Zwölfjahreswertung vor dem Stadtrivalen lag, wurde ihm die Aufnahme verweigert. Auch ein Dringlichkeitsantrag zur Aufstockung der Liga wurde von Seiten des DFB abgewiesen.Hardy Grüne, Hansjürgen Jablonski, Jürgen Rink und Frank Willig: Wer von den 74 Oberligisten darf in die Bundesliga?. In: Zeitspiel, Nr. 10, S. 30–31. Während der TSV 1860 eine Lizenz erhielt, verblieb der FC Bayern in der Oberliga Süd, da auf Wunsch des DFB nur ein Verein pro Stadt in der ersten Bundesliga-Saison teilnehmen sollte und es den Bayern an „sportlicher Vergangenheit“ fehlte.vgl. Grüne (1996), S. 414.
Im Frühjahr 1964 kam es zu einer schicksalshaften Geschichte um einen einzelnen Spieler: Nach guten Leistungen beim TSV Nördlingen wurden die Münchner Vereine auf den späteren Weltmeister und Bundesliga-Rekordschützen Gerd Müller aufmerksam. Walter Fembeck, Geschäftsführer des FC Bayern München, erschien nur eine Stunde vor dem Kollegen der Sechziger bei den Müllers zu Hause, um ihm einen Vertrag anzubieten. bundesliga.de, 25. März 2014 Müller, der sich beim TSV 1860 kaum Chancen auf einen Stammplatz ausrechnete, gab schließlich den Bayern den Zuschlag.
Der TSV 1860 konnte in der ersten Bundesligasaison den DFB-Pokal gewinnen und erreichte im folgenden Jahr das Finale des Europapokals der Pokalsieger, welches gegen West Ham United 0:2 verloren wurde. 1966 wurde München dann endgültig zur Fußballmetropole Deutschlands: Während die Löwen die Meisterschaft errungen, gewann Bayern den DFB-Pokal. Das erste Bundesligaderby fand bereits am ersten Spieltag dieser Saison statt. Dieses entschied der TSV 1860 für sich. Ab dem Folgejahr drehten sich die Verhältnisse: Während der TSV auf Platz 2 landete, konnte Bayern den DFB-Pokal verteidigen und holte mit dem Europapokal der Pokalsieger den ersten internationalen Titel an die Isar. Zwei Jahre später gelang dem FC Bayern das erste Double, während 1860 in der Bundesliga nur auf Platz 10 landete und in der Folgesaison absteigen musste.
Bayerns glorreiche Jahre, 1860 stürzt ab (1970–1982) Nachdem der TSV 1860 in die Zweitklassigkeit abstieg, verschoben sich die Kräfteverhältnisse nun komplett zu Gunsten der Bayern. Mit der Fertigstellung des Olympiastadions begannen die glorreichen Jahre des FC Bayern: Auf drei Meisterschaften (1972–1974) folgten drei Titel im Europapokal der Landesmeister (1974–1976). Bayern konnte sich in den 1970ern endgültig in der Bundesligaspitze etablieren, während die Löwen sich zur Fahrstuhlmannschaft entwickelten. Gegen Ende der 1970er zeigte die Erfolgskurve aber auch beim FC Bayern nach unten. Platz 12 in der Saison 1977/78 war bis heute die schlechteste Platzierung des FCB in der Bundesliga. In jener Saison konnte der TSV 1860 für viele Jahre letztmals ein Derby für sich entscheiden, stieg aber dennoch wieder in die 2. Bundesliga ab. Zu Beginn der 1980er kam der Erfolg bei Bayern zurück, 1860 musste nach dem Lizenzentzug im Sommer 1982 den Gang in die Drittklassigkeit antreten.
„Schicki-Micki-Club“ gegen „Arbeiterverein“ (1982–1994) Der Zwangsabstieg des TSV 1860 in die Bayernliga hatte gravierende Folgen für den Verein: Der Kader musste nahezu komplett ausgetauscht werden und bis 1991 verfehlte der Verein oftmals nur knapp den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Bayern fand dagegen wieder in die Erfolgsspur zurück, u. a. mit fünf Meisterschaften in sechs Jahren sowie der zweimaligen Teilnahme (1982 und 1987) am Endspiel des Europapokals der Landesmeister (welche aber beide verloren wurden). Zwar traten beide Teams in dieser Zeit nur vereinzelt zu Testspielen gegeneinander an, aufgrund der deutlich unterschiedlichen sportlichen Entwicklung bildete sich in dieser Zeit das Image des „Schicki-Micki-Clubs“ FC Bayern, dessen Spielen oft auch Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik beiwohnten, und des „Arbeitervereins“ 1860 heraus. In den Bayernliga-Jahren der Löwen kam es jedoch regelmäßig zu Derbys gegen die Amateure des FC Bayern, in denen die Blauen zumeist die Oberhand behielten. Ein weiteres Derby fand 1982 in der zweiten Runde des DFB-Pokals statt, welches der TSV 1860 mit 1:0 für sich entschied.TSV 1860 München - Bayern München II. weltfussball.de; abgerufen am 29. Mai 2019.
Rückkehr des TSV 1860 (1994–2004) Nachdem die Löwen 12 Jahre überwiegend in der Bayernliga verbracht hatten, gelang 1994 die Rückkehr in die Bundesliga. Im selben Jahr konnte der FC Bayern seine 13. Meisterschaft feiern. Während die ersten Derbys relativ klar von den Bayern gewonnen wurden, konnte der TSV 1860 bereits 1996 erste Achtungserfolge (drei Unentschieden in Folge) feiern. Der erste Derbysieg nach 22 Jahren gelang den Löwen dann im November 1999 und auch das Rückspiel konnte (durch ein Eigentor des erst zwei Jahre zuvor von 1860 zu Bayern gewechselten Jens Jeremies) gewonnen werden. Mit Platz 4 in der Abschlusstabelle erreichte der TSV 1860 erstmals die Qualifikation zur Champions League, schied aber dort gegen Leeds United aus. Im Juni jenes Jahres erhielt der DFB den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, wodurch das Thema Stadion wieder an Bedeutung gewann. Beide Vereine einigten sich mit der Stadt München für einen gemeinsamen Neubau in München-Fröttmaning, was zu hitzigen Debatten innerhalb und zwischen den Fanszenen führte. Nach den Erfolgen um die Jahrtausendwende begann der schrittweise Abstieg des TSV 1860: Das 1:5 im Oktober 2001 besiegelte die Entlassung des langjährigen Trainers Werner Lorant, Bayern gewann in jenem Jahr dagegen die Champions League, den Weltpokal sowie die dritte Meisterschaft in Folge. Bis zum Abstieg des TSV 1860 im Jahr 2004 konnte der FC Bayern wieder alle Derbys für sich entscheiden.
Gemeinsam in der Allianz Arena (2005–2017) mini|DFB-Pokal-Viertelfinale 2008 Im Jahr 2005 zogen beide Vereine in die neugebaute Allianz Arena um. Das erste Arena-Derby gewann der TSV 1860 am 2. Juni 2005 mit 1:0. Danach folgten noch zwei weitere Testspiele, unter anderem das Abschiedsspiel für Giovane Élber, in denen der TSV 1860 unbesiegt blieb. Aufgrund finanzieller Probleme sah sich der TSV 1860 München im April 2006 dazu gezwungen, seine Anteile an der Stadiongesellschaft an den FC Bayern zu verkaufen.FC Bayern übernimmt Stadion-Anteile von 1860. rp-online.de; abgerufen am 29. Juli 2014. Damit wurde der FC Bayern zum alleinigen Eigentümer. Das erste und bisher einzige Pflichtspiel in der Arena fand im Februar 2008 im Rahmen des DFB-Pokal-Viertelfinales statt, das der FC Bayern mit 1:0 nach Verlängerung gewann. Einen Tag zuvor hatten unbekannte Bayernfans Teile der Westkurve des Grünwalder Stadions in Rot und Weiß, den Vereinsfarben des FC Bayern, angestrichen.Jetzt brennt die Luft. sueddeutsche.de; abgerufen am 8. April 2014.
Seit dem Umzug in die Arena haben sich beide Vereine sehr unterschiedlich entwickelt. Während der TSV 1860 in den ersten Jahren noch Zuschauerschnitte zwischen 28.000 und 41.000 erreichte, pendelte sich dieser später auf knapp über 20.000 ein. Trotz Investitionen seitens des jordanischen Geschäftsmanns Hasan Ismaik verblieben die Löwen in der zweiten Bundesliga und gerieten 2015 und 2016 in akute Abstiegsgefahr. 2017 folgte schließlich der Abstieg und aufgrund der Lizenzverweigerung für die 3. Liga der Absturz in die Viertklassigkeit.