mini|Das A im Kreis: Ein oft benutztes anarchistisches Symbol Anarchismus (abgeleitet von anarchia ‚Nicht-Herrschaft‘; Derivation aus privativum und arche ‚Herrschaft‘) ist eine politische Ideenlehre und Philosophie, die Herrschaft von Menschen über Menschen und jede Art von Hierarchie als Form der Unterdrückung von Freiheit ablehnt. Dieser wird eine Gesellschaft entgegengestellt, in der sich Individuen auf freiwilliger Basis selbstbestimmt und föderal in Kollektiven verschiedener Art zusammenschließen – wie Kommunen als kleinster Einheit des Zusammenlebens und Genossenschaften und Syndikaten als Basis der Produktion.Gerhard Göhler und Ansgar Klein: Anarchismus. In: Hans-Joachim Lieber (Hrsg.): Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1993, S. 580.Peter Lösche: Anarchismus. In: Dieter Nohlen (Hrsg.): Lexikon der Politik. Band 7: Politische Begriffe. directmedia, Berlin 2004, S. 34.
Es gibt innerhalb des Anarchismus viele teils sehr unterschiedliche Strömungen. Grundsätzlich bedeutet Anarchie die Aufhebung hierarchischer Strukturen – bis hin zur Auflösung staatlicher Organisiertheit der menschlichen Gesellschaft. Im Mittelpunkt stehen Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Selbstverwirklichung der Individuen und kollektive Selbstverwaltung. Der Anarchismus wird in einem sozialrevolutionären Sinn von seinen Vertretern als Synthese zwischen individueller Freiheit wie im Liberalismus und sozialer Verantwortung für die Gemeinschaft wie im Sozialismus verstanden. Der Anarchismus wird oft als libertärer Flügel der sozialistischen Bewegung (libertärer Sozialismus) beschrieben.
Menschen, die nach diesen Prinzipien leben oder eine herrschaftsfreie Gesellschaft anstreben, werden als Anarchisten bezeichnet. Bisweilen wird im deutschsprachigen Raum das Adjektiv libertär (deutsch: freiheitlich) als Synonym für „anarchistisch“ benutzt.
Strömungen Klassifikationen mini|hochkant|Peter Kropotkin Ein wichtiges Element des Anarchismus ist der innere Pluralismus, der sich in verschieden ausgeformten Strömungen zeigt, die sich meist in ihren Schwerpunkten ergänzen.Bibliothek der Freien: Was ist Anarchismus. In: Anarchistische Föderation Berlin (Hrsg.): Dokument A. Berliner anarchistisches Jahrbuch, 2007, S. 44 (). Alle Strömungen stimmen in der Ablehnung des Staates – besonders in seiner Ausprägung als Monarchie und Diktatur –, des Militarismus und Klerikalismus überein.
Die Ablehnung des Staates als das bestimmende Merkmal des Anarchismus zu definieren, geht auf die international einflussreiche Studie Der Anarchismus (1900) des deutschen Juristen Paul Eltzbacher zurück und wurde durch die britische Anarchismusforscherin Ruth Kinna kritisch wieder aufgenommen.Ruth Kinna: Anarchism. 2. Auflage. Oneworld, Oxford 2009, S. 3–53. Laut dem Politikwissenschaftler Dominique Miething ergibt sich daraus allerdings „eine paradoxe Situation, die als Reduktionismus-Problem bezeichnet werden kann. Erstens müssten einander diametral entgegengesetzte Akteure wie die kommunitäre Anarchistin Emma Goldman und der selbsternannte „Anarcho-Kapitalist“ Murray Rothbard damit zur gleichen Ideologiefamilie gezählt werden. Zweitens legen selbst urmarxistische Dokumente wie das Manifest der Kommunistischen Partei oder Lenins Staat und Revolution das Ziel einer staatsfreien Gesellschaft fest.“Dominique Miething: Anarchismus. In: Samuel Salzborn (Hrsg.): Handbuch Politische Ideengeschichte. J. B. Metzler, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-476-04709-0, S. 196–207, hier S. 200, doi:10.1007/978-3-476-04710-6_23.
In der wissenschaftlichen Sekundärliteratur werden unterschiedliche Bestimmungen und Abgrenzungen von Richtungen des Anarchismus diskutiert.Eine knappe, auch für die nachfolgende Übersicht herangezogene forschungsgeschichtliche Übersichtsdarstellung gibt Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Eine Kulturbewegung im China des frühen 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss des Westens und japanischer Vorbilder (= Freiburger fernöstliche Forschungen. Band 5, ). Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04508-6, S. 20–28 (). Schon 1894 unterschied Rudolf Stammler zwischen „individualistischen“ und „kollektivistischen“ Varianten anarchistischer Ideen.Rudolf Stammler: Die Theorie des Anarchismus. Berlin 1894, hier nach Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04508-6, S. 20–28, hier S. 23 (). In einer Darstellung von 1937 unterschied Albert Weisbord weiterführend folgende Richtungen:Albert Weisbord: The Conquest of Power. Liberalism, Anarchism, Syndicalism, Socialism, Fascism and Communism. 2 Bände, New York 1937, hier nach Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04508-6, S. 20–28, hier S. 23 (). liberal-anarchistisch libertär (Godwin) mutualistisch (Proudhon) amerikanisch-liberal (Thoreau, Warren, Tucker) kommunistisch-anarchistisch kollektivistisch (Bakunin) kommunistisch (Kropotkin, Most, „Chicagoer Märtyrer“). Franz NeumannAnarchismus. In: Franz Neumann (Hrsg.): Handbuch politischer Theorien und Ideologien. Reinbek, Baden-Baden 1977, S. 222–296, hier nach Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04508-6, S. 20–28, hier S. 24 (). schlug 1977 eine vielfach rezipierte Unterscheidung folgender Strömungen vor: Individual-Anarchismus (Godwin, Stirner, Bellegarrigue) Sozialer Anarchismus (Proudhon, Landauer) Kollektiver Anarchismus (Bakunin) Kommunistischer Anarchismus (Kropotkin, Cafiero, Most) Anarcho-Syndikalismus (Pelloutier, Monatte, CNT) „Neuer Anarchismus und Studentenbewegung“ In ähnlicher Weise unterschied 1972 Erwin OberländerErwin Oberländer (Hrsg.): Der Anarchismus. Ölten / Freiburg 1972, hier nach Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04508-6, S. 20–28, hier S. 24 f. (). Individualistischer Anarchismus (Bellegarigue, Tucker, Landauer) Kollektivistischer Anarchismus (Bakunin, früher Kropotkin, Adhémar Schwitzguébel) Kommunistischer Anarchismus (Cafiero, Kropotkin, Reclus, Merlino, Goldman, Most) „Anarchismus und Gewerkschaftsbewegung“ (Pelloutier, Monatte, Machnowschtschina, CNT und andere) „Anarchismus heute“ (Colin Ward, William O. Reichert) David L. Miller hat in seiner Monographie von 1984David L. Miller: Anarchism. London 1984, hier nach Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04508-6, S. 20–28, hier S. 25 (). außerdem einen „philosophischen Anarchismus“ von „individualistischem“ und „kollektivistischem“ Anarchismus unterschieden, was eine Kategorie für Autoren wie Stirner oder Godwin bereitstellt, deren Wirken den üblichen Ansetzungen einer „anarchistischen Bewegung“ vorausliegt (eine solche wird in der Sekundärliteratur zumeist nicht vor den 1860er-Jahren für greifbar gehalten). Peter Marshall hat 1992 eine einflussreiche, geographisch gegliederte Darstellung vorgelegt, die auch nichtwestliche Traditionen insbesondere des Daoismus, aber auch zum Beispiel Gandhi einbezieht, ebenso „amerikanische Individualisten und Kommunisten“ und auch auf Verbindungen von Anarchismus und der „Neuen Rechten“ eingeht.Peter Marshall: Demanding the Impossible. A History of Anarchism. London 1992, hier nach Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04508-6, S. 20–28, hier S. 26 (). Auch der Einbezug bestimmter Klassiker ist sowohl unter den Vertretern anarchistischer Ideen wie in der Sekundärliteratur vielfach strittig, so etwa bezüglich Stirners.Vgl. etwa Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04508-6, S. 20–28, hier S. 27 ().
Grundformen mini|hochkant|Michail Bakunin. (Photographie von Félix Nadar, ca. 1860) Aus der Geschichte gewerkschaftlicher Organisation und gegenseitiger Unterstützung (frz. assistance mutuelle) hat sich der Mutualismus herausgebildet, der eine soziale Symbiose in einem herrschaftsfreien System zum Ziel hat. Der Mutualismus wurde vor allem von Pierre-Joseph Proudhon geprägt und enthält revolutionäre Elemente. Im Zentrum steht jedoch eine Reform von Kredit- und Währungsordnung mit dem Ziel der Beseitigung des Profits.Henry J. Silverman: American radical thought. The libertarian tradition. Heath 1970, S. 140. Das von Proudhon entworfene Konzept des anarchistischen Föderalismus baut auf die Vernetzung kommunaler Strukturen und gilt auch in nachfolgenden Konzepten des Anarchismus als Grundprinzip.
Der kollektivistische Anarchismus basiert vor allem auf den Ideen Michail Bakunins und Mitgliedern der Juraföderation. Statt des Privateigentums an Produktionsmitteln sollen die Arbeitsmittel im Besitz überschaubarer Kollektive sein und von den Produzenten selbst kontrolliert und verwaltet werden.Michail Bakunin: Revolutionary Catechism. 1866 (pitzer.edu). Arbeiter sollen von demokratischen Institutionen nach der Zeit ihrer Arbeit vergütet werden. Diese Einkünfte sollten verwendet werden, um Artikel in einem kommunalen Markt zu erwerben. Föderalistische Strukturen sollen den Staat und andere zentralistische Institutionen vollständig ersetzen.Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie (1873). Berlin 2007, S. 389 ff.
Anhänger des kommunistischen Anarchismus fordern einen vollständigen Bruch mit dem Kapitalismus und die Abschaffung des Geldes. In: infoshop.org (mirror: ) Die direkte Entlohnung soll ersetzt werden durch den freien Zugang zum gemeinsamen Arbeitsprodukt.Max Nettlau: Anarchisten und Sozialrevolutionäre. Die historische Entwicklung des Anarchismus in den Jahren 1880–1886. Asy-Verlag, Berlin 1931, S. 7. Peter Kropotkin, als bedeutendster Theoretiker des kommunistischen Anarchismus, wendet sich gegen den ökonomischen Wert im Allgemeinen; sei es Geld, Arbeit oder Ware. Er sieht das Privateigentum als Grund für Unterdrückung und Ausbeutung und schlägt stattdessen eine umfassende Kollektivierung vor.Peter Kropotkin: The Conquest of Bread. Putnam 1907, S. 202.
Der individualistische Anarchismus ist eine im 19. Jahrhundert in Nordamerika entstandene Lehre, die das Individuum und seine Interessen als Mittelpunkt der Gesellschaft ansieht, der keinen Gegensatz zu den vorgenannten sozial orientierten Formen darstellt und in Opposition zum Kollektivismus steht. Die individualistische Strömung wurde in den USA vor allem von Benjamin Tucker entwickelt. In Deutschland vertrat ihn der Anarchist und Schriftsteller John Henry Mackay, der sich hauptsächlich auf Benjamin Tucker und Max Stirner berief. In: DadAWeb, 9. Mai 2019. Der Individualanarchismus wird häufig als Extremform des Liberalismus beschrieben.
Der Gegensatz zwischen Individualismus-Egoismus und Kollektivismus-Altruismus stellt eine wichtige anarchistische Auseinandersetzung dar.
Weitere Strömungen mini|hochkant|Voltairine de Cleyre, eine Vertreterin des Anarchismus ohne Adjektive Wegen der Vielzahl sich inhaltlich überschneidender, im Detail jedoch durchaus verschiedener anarchistischer Ausprägungen wird für den Anarchismus im Allgemeinen, wie ihn etwa Fernando Tarrida del Mármol vertreten hat, der Begriff „Anarchismus ohne Adjektive“ verwendet. Der Ausdruck wird entweder übergreifend auf Anarchismus angewandt, wenn eine spezifische Klassifizierung abgelehnt wird, oder wenn sich dessen Anhänger den verschiedenen Strömungen gegenüber tolerant zeigen.
Die bekannteste und international am stärksten organisierte Richtung ist der Anarchosyndikalismus. Seine Idee ist die Zusammenführung der Lohnabhängigen in Gewerkschaften, die sich von Tarifparteien durch die Unterstützung des revolutionären Syndikalismus unterscheiden. Die mit fast zwei Millionen Mitgliedern bislang größte anarchosyndikalistische Gewerkschaft war im Spanien der 1930er Jahre die Confederación Nacional del Trabajo (CNT), die nach der Zeit des Franquismus reorganisiert wurde.