mini|Hellespont Die Schiffbrücken über den Hellespont waren zwei Schwimmbrücken, die der persische König Xerxes I. im Jahre 480 v. Chr. anlässlich seines Feldzuges gegen Griechenland bauen ließ, um mit dem größten Heer der damaligen Zeit von Asien über den Hellespont (die heutigen Dardanellen) in das damals ebenfalls persisch kontrollierte Thrakien (in den heutigen europäischen Teil der Türkei, siehe Ostthrakien) zu gelangen.

Während der von dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot in seinen Historien berichtete Brückenbau als solcher allgemein akzeptiert wird, gibt es vielfältige Zweifel an den von ihm ausführlich dargestellten Einzelheiten.

Die Brücken in Herodots Historien mini|Xerxes I. lässt den Hellespont auspeitschen (Darstellung von 1909)

Herodot beschreibt, dass der schon von Dareios I. geplante Feldzug jahrelang vorbereitet wurde. Dabei erwähnt er, dass Xerxes auch die Bereitstellung von Schiffen für die Brücken und die Herstellung von Seilen aus Papyrus und aus weißem Flachs befahl.Herodot 7,21 und 7,25

Während Xerxes mit seinem Heer noch von Sardes nach Abydos marschierte, damals eine wichtige Hafenstadt am Hellespont, wurden zwei Brücken von dort zu dem gegenüberliegenden Küstenvorsprung bei Sestos gebaut, eine von den Phöniziern mit Seilen aus Flachs und eine von den Ägyptern mit Seilen aus Papyrus. Herodot gibt die Länge der Brücken mit sieben Stadia an, was in etwa 1300 m entsprechen würde.

Beide Brücken wurden jedoch unmittelbar nach ihrer Fertigstellung von einem Sturm zerstört.Herodot 7,34 Xerxes war darüber so erzürnt, dass er befahl, den Hellespont mit 300 Peitschenhieben zu bestrafen, Fußfesseln ins Meer zu werfen und die beiden Erbauer der Brücke zu köpfen.Herodot 7,35

Unter neuen Bauleitern wurden daraufhin wiederum zwei Brücken aus Pentekonteren und aus Trieren gebaut, den damaligen Kriegsschiffen, eine aus 360 Schiffen und eine weiter südlich aus 314 Schiffen, die von sehr großen Ankern in Position gehalten wurden.Herodot 7,36 Für die Durchfahrt kleinerer Schiffe wurden drei Öffnungen freigelassen. Die großen Seile wurden über die Schiffe gelegt und befestigt. Dieses Mal wurden für jede Brücke zwei Flachsseile und vier Papyrusseile verwendet und mit Seilwinden gespannt. Die Flachsseile hätten ein Talent pro Elle gewogen und seien damit deutlich schwerer als die Papyrusseile gewesen. Quer über die Seile wurden Holzbohlen verlegt und mit Reisig und schließlich mit festgestampfter Erde abgedeckt, so dass eine Art Straße entstand. An beiden Seiten wurden Sichtblenden angebracht, damit die Pferde beim Anblick des Wassers nicht scheuten.

Das Heer mit Fußsoldaten und Reitern überquerte den Hellespont auf der nördlichen Brücke, der Tross mit Lasttieren und Hilfspersonal benutzte die südliche Brücke. Die Überquerung dauerte insgesamt sieben Tage und sieben Nächte.Herodot 7,55, 56

Nach Herodots Geschichte ließ Xerxes die Brücke stehen: nach dem Scheitern seines Feldzuges befürchtete er, dass die Ionier oder die Griechen die Brücke zerstört haben könnten.Herodot 8,97 Die Griechen ihrerseits beratschlagten, ob sie die Brücke zerstören sollten.Herodot 8,108 Als jedoch ein Teil des persischen Heeres auf dem Rückzug zum Hellespont kam, fanden sie nur noch die Reste der vom Sturm zerstörten Brücken. Xerxes gelang es trotz eines Sturmes per Schiff nach Asien zurückzukehren.Herodot 8,118

Einzelheiten Während Herodot für die gut 30 Jahre vorher von Dareios I. gebaute Schiffbrücke über den Bosporus kaum den Ort und keinerlei Einzelheiten angibt, erstaunt die Fülle von Details bei den Hellespont-Brücken, die bei nur oberflächlicher Lektüre ein anschauliches Bild der Brücke geben. Bei näherer Betrachtung ist fast jedes Detail der Brücken Gegenstand von Fragen, Diskussionen und Zweifeln,Eine Zusammenfassung der Fragen findet sich bei N.G.L. Hammond, The construction of Xerxes' bridge over the Hellespont im Vorwort auch wenn Herodots Bild der Brücken im Internet auch unreflektiert wiedergegeben wird.Eine direkte bildliche Darstellung von Herodots Darstellung z. B. bei EDSITEment!, The bridge over the Hellespont Man kann seine Darstellung daher auch weniger als nüchterne, ingenieurtechnisch korrekte Beschreibung der Brücken ansehen denn als Ausschmückung der Größe von Xerxes I., die die griechischen Siege gegen ihn umso bedeutender erscheinen lässt.

Dardanellen Die Strömung an der Oberfläche in Richtung Mittelmeer wird mit durchschnittlich 1 ½ Knoten angegeben, ist aber sehr vom Wind abhängig. Ebenfalls durch den Wind bedingt, kann der Wasserspiegel bis zu 60 cm steigen. Am Grund fließt eine Unterströmung in die entgegengesetzte Richtung. Insbesondere bei Landspitzen treten häufig Strömungswirbel und Untiefen auf.The Black Sea Pilot, S. 17

Die gegenwärtig engste Stelle der Dardanellen liegt zwischen Çanakkale und Kilitbahir (), ist rund 1,4 km breit und bis zu 91 m tief,GeoHack - MapTech, nautische Karten hat aber auch die stärkste Strömung und gilt in der Seefahrt als die schwierigste Stelle der Meerenge.The Black Sea Pilot, S. 30 Çanakkale wurde erst in osmanischer Zeit auf dem Schotterdelta eines aus dem Gebirge kommenden, im Winter oft reißenden FlussesThe Black Sea Pilot, S. 30, Rhodius River gegründet (der heute durch den Atikhisar-Damm gezähmt ist). Vor rund 2500 Jahren war das Schotterdelta möglicherweise noch nicht so weit in die Meerenge vorgeschoben.

Das von Herodot genannte Abydos lag am asiatischen Ufer nördlich von Çanakkale nahe dem nach Westen in die Meerenge ragenden Kap Nara (Nara Burnu, früher Nagara Burnu) (). Die Wassertiefe ist im Süden und im Westen des Kaps gering, fällt zur Mitte hin aber bis auf 103 m ab. Die Strömung läuft in der Mitte der Meeresenge mit mehr als 2 kn nach Südwesten, bildet aber um das Kap Nara große Gegenströmungen aus.GeoHack – MapTech, Nautische KartenThe Black Sea Pilot, S. 32

Ort der zwei Brücken Der von Herodot angegebene Ort der Brücken zwischen Abydos und dem gegenüberliegenden Ufer bei Sestos wird von vielen Historikern akzeptiert. Der britische General Frederick Maurice, der die Gegend 1922 besuchte, hielt aus militärischen Erwägungen nur einen weiter nördlich gelegenen Strand für einen geeigneten Platz für den Bau der Schwimmbrücken,Barker (S. 33) zitiert den britischen General Frederick Maurice, The size of the army of Xerxes in the invasion of Greece, 480 BC die dort allerdings dann eine Länge von mehr als drei Kilometer gehabt hätten. Die heute engste Stelle vor Çanakkale dürfte dagegen nicht in Frage kommen, da der damals noch wilde Gebirgsfluss in kürzester Zeit alles mitreißende Fluten bilden konnte.Der heutige, im Gebirge liegende Atikhisar Damm ist nur 10 km Luftlinie entfernt.

Zwei Brücken waren erforderlich, da sich der Marsch des riesigen Heeres auf den engen Straßen der Chersones sehr weit auseinanderzog und der Tross parallel vorrücken musste, um nicht die Versorgung der Truppe mit Nahrungsmitteln, Futter und Wasser zu unterbrechen.Barker, S. 41

Schiffe Herodot schreibt eindeutig, es seien Pentekonteren und Trieren, also nur Kriegsschiffe, als Schwimmkörper der Brücke verwendet worden. Das scheint allseits akzeptiert zu sein. Es ergibt aber wenig Sinn, Kriegsschiffe für eine Aufgabe zu verwenden, für die einfachere und billigere Handelsschiffe wegen ihres breiteren Profils, des tieferen Schwerpunkts und des höheren Freibords besser geeignet gewesen wären. Bei einer Triere lagen die unteren Öffnungen für die Ruder nur rund 30 cm über der Wasserlinie und waren deshalb mit Ledermanschetten versehen,Barker, S. 32 was für den Ponton einer Schwimmbrücke eher ungeeignet ist.

Die Schiffe sollten außerdem alle die gleiche Höhe haben, um eine ebene Brückendecke zu gewährleisten. Außerdem waren Gerüste im Schiff sinnvoll, um Höhenunterschiede auszugleichen sowie die Lasten zu tragen und in die Schiffsmitte abzuleiten, damit die für punktuelle hohe Lasten ungeeigneten Schiffswände nicht beschädigt werden.Hoyer, Handbuch der Pontonnierwissenschaften, S. 393 Auch wenn die Verwendung von Handelsschiffen nicht diskutiert und deshalb außer Acht gelassen wird, könnten die Brücken fast ausschließlich aus Pentekonteren bestanden haben und Trieren wegen ihrer größeren Höhe nur zu beiden Seiten der Durchlässe verwendet worden sein.Hammond, S. 98

Anker Bei Schwimmbrücken auf Flüssen werden die Schiffe üblicherweise durch Anker an Bug und Heck in ihrer Position gehalten,Hoyer, Handbuch der Pontonnierwissenschaften, S. 403 deshalb scheint Herodots Beschreibung der Anker zunächst auch glaubwürdig. Allerdings wird die Tiefe der Meeresenge von Herodot gar nicht erwähnt, von den neueren Historikern zwar erwähnt,z. B. Barker, S. 30, Hammond, S. 93 in der Lageskizze aber anscheinend nirgends als Problem diskutiert.

Ankerleinen müssen die mehrfache Länge der Wassertiefe haben, um zu vermeiden, dass die Anker ausreißen oder Schäden am Schiff entstehen.Vgl. Anker#Wassertiefe. Eine Ankerleine sollte die zehnfache Länge der Wassertiefe haben, bei einer Ankerkette wäre immer noch die fünffache Länge erforderlich Die Schiffe in der Mitte des Hellespont hätten dann an Bug und Heck jeweils mehrere hundert Meter lange Ankerleinen haben müssen, so dass für die angeblich insgesamt 674 Schiffe nicht nur 1348 schwere Anker, sondern auch rund dreihundert Kilometer Ankerleinen erforderlich gewesen wären.Hammond (S. 98) zitiert Robert Chapman, A treatise on ropemaking as practiced in private and public ropeyards... (Philadelphia 1869), wonach ein eiserner Anker für ein der Pentekontere vergleichbares Schiff etwa 136 kg wiegen müsste. Das ergäbe ein Gesamtgewicht von 1348 Anker × 136 kg/Anker = 183,328 Tonnen Eisen. Es ist durchaus fraglich, ob damals solche Mengen in der relativ kurzen Zeit überhaupt hergestellt werden konnten. Obendrein lässt sich mit so langen Ankerleinen nicht verhindern, dass die Schiffe schwoien und zusammenstoßen, insbesondere, wenn Strömungswirbel mitspielen, und dass die Ankerleinen der dicht nebeneinander liegenden Schiffe sich verwickeln. Schließlich dürfte es nicht möglich sein, die Anker, seien es noch SteinkörbeBarker, S. 34 oder schon eiserne StockankerAuch wenn Hammond die eisernen Stockanker detailliert beschreibt und skiziiert, dürfte es ausgeschlossen sein, dass die damalige Eisenverhüttung- und verarbeitung in der Lage war, eiserne Anker im Gesamtgewicht von über 183 Tonnen herzustellen gewesen, mit ihren überlangen Leinen so zu platzieren, dass die Schiffe exakt in einer Reihe liegen.

Geht man trotzdem von der von Herodot beschriebenen Verankerung der Schiffe aus, muss berücksichtigt werden, dass jede Brücke mit ihren Ankerleinen einen bis zu 900 m breiten seitlichen Streifen benötigt hätte. Dann aber wäre am Ufer bei Abydos kaum ausreichender Platz für zwei Brücken gewesen.

Außerdem brächte die Sicherung der Schiffe sowohl durch Ankerleinen als auch durch von Ufer zu Ufer reichende Seile nur theoretisch einen Vorteil, wenn Anker und Seile so aufeinander abgestimmt sind, dass auf beide exakt die gleiche Zugkraft wirkt, was in der Praxis aber nicht zu erreichen ist, insbesondere nicht unter dem Einfluss von wechselnden Winden, Strömungen und Gegenströmungen. Dann aber lastet der gesamte Zug nur auf einem der beiden Elemente, das andere trägt nichts zur Sicherung bei.

Es muss deshalb angenommen werden, dass die Schiffe nur von den langen Seilen in Position gehalten wurden und Anker lediglich vorübergehend in den flacheren Bereichen verwendet wurden, um die Schiffe zu halten, bis die Seile verlegt und auf den Schiffen befestigt waren.

Länge der Brücken Die von Herodot angegebene Länge von sieben Stadia oder ungefähr 1300 mAuf die unterschiedlichen Meinungen zur Länge eines Stadions kann hier nicht eingegangen werden. ist in jedem Fall zu kurz.