miniatur|Albert Hänel, Gemälde von Max Liebermann, 1892 Die Interpellation Hänel war eine Anfrage an die preußische Regierung im November 1880. Sie wurde im Preußischen Abgeordnetenhaus, der zweiten Kammer des Preußischen Landtags, von dem Abgeordneten Prof. Albert Hänel eingebracht und von der Fraktion der Fortschrittspartei unterstützt. Die Interpellation bestand in der Frage, wie sich die preußische Regierung zu den Forderungen der Antisemitenpetition stelle und ob eine Beschränkung der Rechte der Juden beabsichtigt sei.

An die knappe Antwort der Regierung, dass keine Änderung der Rechtsverhältnisse beabsichtigt sei, schloss sich eine ausgedehnte Debatte an. Diese erstreckte sich über zwei Tage, während derer führende Mitglieder aller Fraktionen das Wort ergriffen. Auch wenn nur wenige Abgeordnete die Forderungen der Antisemitenpetition offen unterstützen wollten, äußerten sich Vertreter der Konservativen und des Zentrums in antisemitischer Weise.

Dies wurde von den Abgeordneten der Fortschrittspartei (Rudolf Virchow, Eugen Richter, Ludwig Loewe) und der Liberalen Vereinigung (Heinrich Rickert, Alexander Meyer) scharf zurückgewiesen. Insbesondere gelang es der Fortschrittspartei, den Hofprediger Adolf Stoecker bei der Unwahrheit zu stellen, er habe die Antisemitenpetition nicht unterzeichnet, was dessen Glaubwürdigkeit auf Dauer schädigte.

Vorgeschichte miniatur|Hofprediger Adolf Stoecker auf einem Foto aus den 1880er Jahren Mit der Veröffentlichung des Artikels „Unsere Aussichten“ durch Heinrich von Treitschke in den Preußischen JahrbüchernUnsere Aussichten. Preußische Jahrbücher, 1879. Online (PDF; 1,2 MB) und mit den Reden des Hofpredigers Adolf Stoecker, der eine antiliberale und staatssozialistische Christlich-Soziale Arbeiterpartei zu etablieren suchte, erhielt der Antisemitismus, der schon seit einigen Jahren geschwelt hatte, ab Ende der 1870er Jahre mit der Berliner Bewegung einen Aufschwung. Spielte sich die Auseinandersetzung zunächst in der Publizistik ab (siehe Berliner Antisemitismusstreit), so kam es im Folgenden immer mehr zu unmittelbaren Übergriffen gegen Juden, wie bei der sogenannten Kantorowicz-Affäre. Bei dieser Affäre hatten die beiden Lehrer Bernhard Förster und Carl Jungfer am 8. November 1880 die Fahrgäste einer Berliner Pferdebahn mit ihren antisemitischen Auslassungen belästigt, woraus sich ein Handgemenge mit dem jüdischen Unternehmer Edmund Kantorowicz entwickelte.

Da die Antisemiten absehbar nicht darauf hoffen konnten, ihre Ziele über die Gesetzgebung durchzusetzen, stellten sie vier Forderungen auf, die auf administeriellem Wege umgesetzt werden sollten: eine Beschränkung der Einwanderung von Juden, ihr Ausschluss vom öffentlichen Dienst („obrigkeitlichen Stellungen“), insbesondere als Richter, ihr Ausschluss vom Lehrerberuf und die Einführung einer amtlichen Statistik der jüdischen Bevölkerung. Hierzu wurde eine Petition aufgesetzt, die mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren zur Sammlung von Unterschriften verbreitet wurde.

Am 12. November 1880 veröffentlichten 75 renommierte Wissenschaftler, Unternehmer und Politiker in den Zeitungen die sogenannte Notabeln-Erklärung,https://germanhistorydocs.org/de/reichsgruendung-bismarcks-deutschland-1866-1890/erklaerung-der-75-persoenlichkeiten-des-oeffentlichen-lebens-gegen-den-antisemitismus-12-november-1880 in der die antisemitische Bewegung verurteilt wurde. Sie war unterzeichnet unter anderem vom Oberbürgermeister von Berlin Max von Forckenbeck, dem Historiker Theodor Mommsen, dem Naturforscher Rudolf Virchow, dem Industriellen Werner Siemens und dem Politiker der Liberalen Vereinigung Heinrich Rickert.

Die Interpellation Der vollständige Titel der Anfrage lautete: „Interpellation des Abgeordneten Dr. Hänel, betreffend die Agitation gegen die jüdischen Staatsbürger.“ und trug die Nummer 41 der Drucksachen. Der vollständige Text lautete:Die Judenfrage vor dem Preußischen Landtage. Berlin 1880.

„Seit geraumer Zeit macht sich gegen die jüdischen Staatsbürger in Preußen eine Agitation geltend, welche zu bedauerlichen Ausschreitungen und zu einer weiter greifenden Beunruhigung Anlaß gegeben hat.

In Verfolg, dieser Agitation wird eine an den Herrn Reichskanzler und Ministerpräsidenten gerichtete Petition verbreitet, welche die Anforderungen erhebt:

daß die Einwanderung ausländischer Juden, wenn nicht gänzlich verhindert, so doch wenigstens eingeschränkt werde; daß, die Juden von allen obrigkeitlichen (autoritativen) Stellungen ausgeschlossen werden, und daß ihre Verwendung im Justizdienste – namentlich als Einzelrichter – eine angemessene Beschränkung finde; daß der christliche Charakter der Volksschule, auch wenn dieselbe von jüdischen Schülern besucht wird, streng gewahrt bleibe und in derselben nur christliche Lehrer zugelassen werden, daß in allen übrigen Schulen aber jüdische Lehrer nur in besonders motivirten Ausnahmefällen zur Anstellung gelangen; daß die Wiederaufnahme der amtlichen Statistik über die jüdische Bevölkerung angeordnet werde.

In Veranlassung dessen erlaubt sich der Unterzeichnete, an die Königliche Staatsregierung die Anfrage zu richten:

welche Stellung nimmt dieselbe Anforderungen gegenüber ein, die auf Beseitigung der vollen verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger zielen?

Berlin, den 13. November 1880.

Dr. Hänel.“

Erster Tag der Debatte am Samstag, den 20. November 1880 Der Vizepräsident des Preußischen Staatsministeriums, Graf zu Stolberg-Wernigerode, sagte zu Beginn zu, die Interpellation sofort zu beantworten.Die Judenfrage vor dem Preußischen Landtage. Berlin 1880. ,

Daran schloss sich die Begründung Albert Hänels für seine Interpellation an. Er erinnerte daran, dass Otto von Bismarck beim Berliner Kongress 1878 darauf bestanden hatte, dass Rumänien, Bulgarien, Montenegro und Serbien ihren Bürgern gleiche Rechte ohne Ansehen der Religion einräumen mussten.

Graf zu Stolberg-Wernigerode beantwortete dann die Anfrage, indem er einer Beurteilung der Antisemitenpetition auswich: diese sei der Regierung noch gar nicht bekannt. Er bestätigte dann aber, dass eine Veränderung in den Rechten der Juden nicht beabsichtigt sei.

Auf Wunsch sowohl der Rechten als auch der Linken wurde danach die Debatte eröffnet.

Als erster Redner sprach Peter Reichensperger (Olpe) von der Zentrumspartei. Er stimmte zu, dass die Rechte der Juden nicht beschränkt werden sollten, auch nicht auf dem Verwaltungswege, bestritt aber, dass die Antisemitenpetition verurteilt werden müsste. Hinter dem Berliner Kongress von 1878 stecke etwas anderes:

Nach dem Abgeordneten Seyffarth sprach der Konservative Ernst von Heydebrand und der Lasa. Er bestritt, antisemitisch zu sein, und sprach sich dafür aus, die Rechte der Juden zu achten. Er machte dann allerdings die Juden für die antisemitische Bewegung verantwortlich:

Als Nächstes ergriff Rudolf Virchow das Wort. Er beklagte die Antwort der Staatsregierung mit den Worten:

Ihm folgte der Abgeordnete Arthur Hobrecht und dann der Führer des Zentrums, Ludwig Windthorst, der betonte, dass er nicht für seine Fraktion argumentiere, sondern persönlich. Er sprach sich auch dafür aus, die Rechte der Juden nicht zu schmälern.

Es wurde eine Fortsetzung der Debatte beschlossen.

Zweiter Tag der Debatte am Montag, den 22. November 1880 miniatur|Eugen Richter, Foto Die Debatte wurde von Alexander Meyer wiedereröffnet. Er wies darauf hin, dass die von den Antisemiten behauptete Masseneinwanderung von Juden eine Schimäre sei.

Danach erhielt Julius Bachem von der Zentrumspartei das Wort. Er behauptete, dass es beispielsweise in Berlin einen „fortschrittlich-jüdischen Terrorismus“ gebe. Dann bediente er diverse antisemitische Klischees:

Dies sei teilweise mit „bedenklichen und verwerflichen Mitteln geschehen“.

Eugen Richter antwortete darauf in einer nach Ansicht der Allgemeinen Zeitung des Judentums „ausführlichen und glänzenden Rede“.Allgemeine Zeitung des Judentums, 1880, Heft 51 (21. Dezember 1880), S. 805. Er wies die pauschalen Verdächtigungen der Juden zurück:Die Judenfrage vor dem Preußischen Landtage. Berlin 1880, Seite 55–66. ,

Politisch werde die Hetze gegen die Juden auch als Mittel gegen die Liberalen eingesetzt:

Es sei nun notwendig, die antisemitische Bewegung ans Tageslicht zu bringen und zu attackieren:

Er wandte sich dann der eigentlichen antisemitischen Bewegung unter dem Hofprediger Stoecker zu, die er so kennzeichnete:

Diese sei ebenso sozialistisch wie die Sozialdemokraten, werde aber von den Behörden im Gegensatz zu diesen sehr nachsichtig behandelt:

Ausdrücklich geißelte Eugen Richter die persönlichen Angriffe Stoeckers auf Gerson Bleichröder:

Dann sagte er die letzte Konsequenz der antisemitischen Bewegung voraus:

Richter wies darauf hin, dass führende Antisemiten von den Sozialdemokraten übergetreten seien:

Die Sympathisanten der antisemitischen Bewegung sollten die Folgen ihres Tuns bedenken:

Deshalb müsse die Regierung nun Stellung beziehen, wie Eugen Richter in seinen abschließenden Worten ausführte:

Auf Eugen Richter antwortete Adolf Stoecker in einer Rede, in der er seinen Antisemitismus offen aussprach:

Stoecker behauptete, nicht die Antisemitenpetition unterschrieben zu haben. Der Fortschrittler Paul Langerhans erbat eine möglichst schnelle Erstellung der stenografischen Mitschrift, um diese Behauptung festzuhalten. Anschließend widersprach der Fortschrittler Ludwig Loewe verschiedenen Behauptungen, die Adolf Stoecker aufgestellt hatte, so anhand einer seiner Broschüren, dass dieser, anders als in der Sitzung behauptet, einen Rassen-Antisemitismus vertrete:

Ein Antrag auf Schluss der Debatte wurde abgelehnt. Der Konservative Jordan von Kröcher, der die Fortschrittspartei attackierte und Adolf Stoecker unterstützte, erhielt das Wort:

Wiederum wurde ein Schluss der Debatte abgelehnt. Auf von Kröcher antwortete Heinrich Rickert. Er forderte Stoecker auf, seine Behauptung zu belegen:

Auf ihn folgte der Konservative Strosser, der wiederum Stoecker unterstützte mit Behauptungen wie:

Ein Antrag auf Vertagung scheiterte. Nach einer kurzen Bemerkung von Eugen Richter ergriffen noch einmal Rudolf Virchow und dann der Freiherr von Minnigerode das Wort. Mit kurzen Bemerkungen von Virchow, Franz, Bachem, Langerhans, Strosser, Stoecker, Dirichlet, Hobrecht, Richter, Virchow, Rickert, Stoecker, Loewe und noch einmal Virchow lief die Debatte aus.

Nachwirkungen miniatur|Verkehrte Welt. Eugen Richter hält dem Hofprediger Adolf Stoecker eine Predigt: „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider Deinen Nächsten.“ Aus: Berliner Wespen, 8. Juni 1881. Die Interpellation Hänel war ein wichtiger Schritt, die antisemitische Bewegung in die Defensive zu drängen. In der Reichstagswahl von 1881 wurden ihre Kandidaten in allen sechs Berliner Wahlkreisen von der Fortschrittspartei vernichtend geschlagen. Das gespannte Verhältnis Adolf Stoeckers zur Wahrheit machte sich in der Debatte zum ersten Mal für die breite Öffentlichkeit bemerkbar und setzte sich fort. Eugen Richter urteilte über Stoecker nach den Wahlen:Reichstagsprotokolle, 1881/82,1, 5. Legislaturperiode, 27. Sitzung, 17. Januar 1882.