Ed Parish Sanders (* 18. April 1937 in Grand Prairie, Texas; † 21. November 2022) war ein US-amerikanischer evangelischer Theologe. Er war ein wichtiger Vertreter der „Third Quest“ der Leben-Jesu-Forschung, ein Spezialist für nichtbiblische jüdische Literatur und ein Verfechter der Neuen Paulusperspektive.

Leben Sanders wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen im ländlichen Texas auf, studierte christliche Theologie in New York City, Göttingen und Oxford und jüdische Theologie in New York und Jerusalem. Er promovierte 1966 am presbyterianischen Union Theological Seminary in New York City über Tendenzen in der synoptischen Tradition.

Ebenfalls 1966 wurde er Professor an der ursprünglich baptistischen McMaster University in Hamilton, Ontario, Kanada, und 1984 Professor für Exegese in Oxford in England. 1990 kehrte er in die USA zurück und kam an die methodistische Duke University in Durham, North Carolina, wo er bis zu seiner Emeritierung lehrte.

Sein erstes, 1977 erschienenes Buch Paul and Palestinian Judaism fand große Beachtung und wurde in den USA mit nationalen Preisen ausgezeichnet. Es erregte aber auch starke Kontroversen, da Sanders die traditionelle christliche Sichtweise der „pharisäischen Werkgerechtigkeit“, die im Judentum vorgeblich gepflegt werde, und des reformierten Gegensatzes von „Werken“ und „Gnade“ anhand von jüdischen Quellen widerlegte. Er ist damit einer der frühesten und wichtigsten Autoren einer Forschungsrichtung, die später von dem methodistischen Theologen James Dunn die Neue Perspektive auf Paulus (New Perspective on Paul) genannt wurde. Sanders galt als Experte der nichtbiblischen jüdischen Literatur der ersten Jahrhunderte.

Ehrungen 1989 wurde er zum Mitglied der British Academy gewählt. 1990 erhielt er für sein 1985 erschienenes Buch Jesus and Judaism, das als wesentlicher Beitrag zur neueren Leben-Jesu-Forschung gesehen wird, den ersten Grawemeyer Award für Religion. 1990 erhielt E. P. Sanders einen Ehrendoktor für Literatur der Universität Oxford und einen Ehrendoktor für Theologie der Universität Helsinki. 2003 wurde er zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt.Ed Parish Sanders, Website American of Arts & Science (englisch, abgerufen am 2. März 2022) 2016 wurde er vom Council of Centers on Jewish-Christian Relations mit dem Shevet Achim Award geehrt.Shevet Achim Award Honorees 2016: Dr. E. P. Sanders, Website Council of Centers on Jewish-Christian Relations, 2017 (englisch), abgerufen am 2. März 2022.

Historische Jesusforschung Seine wichtigsten Beiträge zur historischen Jesusforschung sind Jesus and Judaism (1986) und The Historical Figure of Jesus (1996). In seinem ersten Buch stellt Sanders verschiedene Richtungen des antiken Judentums vor, die in ihrem Glauben an einen besonderen einmaligen Bund (covenant) Gottes mit den Israeliten konvergiert und darin das entscheidende Heil gefunden hätten. Diesen Glauben hätten auch Jesus und seine Anhänger vorausgesetzt und mit ihren jüdischen Zeitgenossen geteilt. Diese Position wird als „Bundesnomismus“ gekennzeichnet und bestimmt auch Sanders’ Deutung des Verhältnisses Jesu zur Tora und Reinheitshalacha.Karlheinz Müller: Neutestamentliche Wissenschaft und Judaistik. In: Lutz Doering, Hans-Günther Waubke, Florian Wilk (Hrsg.): Judaistik und neutestamentliche Wissenschaft: Standorte – Grenzen – Beziehungen. Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments, Band 226. 1. Auflage. 2008, ISBN 978-3-525-53090-0, S. 36f.

In seinem zweiten Buch stellt Sanders jene Elemente der NT-Überlieferung heraus, die er für kaum bestritten historisch hält: Jesus wurde durch Johannes den Täufer getauft. Er war ein Galiläer, der predigte und heilte. Er berief Jünger und sprach über zwölf von ihnen. Er beschränkte seine Aktivitäten auf Israel. Er war in eine Kontroverse bezüglich des Tempels verwickelt. Er wurde außerhalb des Jerusalemer Stadtgebiets durch die römische Besatzungsmacht gekreuzigt. Nach seinem Tod waren seine Jünger weiterhin eine identifizierbare Bewegung. Mindestens Teile des Judentums verfolgten mindestens Teile der neuen Bewegung und diese Verfolgung dauerte bis zum Ende der Wirksamkeit von Paulus an (60er Jahre).

Sanders ging sehr kritisch mit den historischen Belegen um und verzichtete auf Spekulation. Was ihn auszeichnete, war eine profunde Kenntnis der außerbiblischen jüdischen Literatur. Von dort her widerlegte er sachkundig einige der stereotypen Karikaturen, die in der Theologie über die jüdischen Gegner von Jesus existieren.

Für die deutschen evangelischen Theologen Gerd Theißen und Annette Merz war Sanders ein beispielhafter Vertreter der zweiten Hauptströmung innerhalb der Dritten Phase der historischen Jesusforschung. Er prägte den Begriff „common Judaism“ (dt.: allgemeines Judentum) für die Grundüberzeugungen und Ausdrucksformen des Judentums zur damaligen Zeit.

Werke Englisch

(als Herausgeber) Studying the Synoptic Gospels, 1989, ISBN 0-334-02342-4. Jewish and Christian Self-Definition, 1990, ISBN 0-334-00822-0.

Deutsch

Literatur

Fabian Udoh: Redefining First-Century Jewish and Christian Identities: Essays in Honor of Ed Parish Sanders, University of Notre Dame Press, South Bend 2008, ISBN 978-0-268-04453-4

Weblinks

Eine Akademische Autobiografie (englisch) (PDF-Datei; 6 kB) Ed Parish Sanders, Website American of Arts & Science, 2022 (englisch). Shevet Achim Award Honorees 2016: Dr. E. P. Sanders, Website Council of Centers on Jewish-Christian Relations, 2017 (englisch). (Englischsprachiger Vortrag an der Villanova University, 1. Oktober 2008) (Englischsprachiges Interview an der Duke University, Januar 2009)

Einzelnachweise

Kategorie:Evangelischer Theologe (20. Jahrhundert) Kategorie:Evangelischer Theologe (21. Jahrhundert) Kategorie:Neutestamentler Kategorie:Hochschullehrer (McMaster University) Kategorie:Hochschullehrer (University of Oxford) Kategorie:Hochschullehrer (Duke University) Kategorie:Ehrendoktor der Universität Helsinki Kategorie:Ehrendoktor der University of Oxford Kategorie:Mitglied der British Academy Kategorie:Sachbuchautor (Theologie) Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Sachliteratur (Theologie) Kategorie:Mitglied der American Academy of Arts and Sciences Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1937 Kategorie:Gestorben 2022 Kategorie:Mann