Die Bahnstrecke Kreuztal–Cölbe ist eine 88,428 Kilometer lange, eingleisige, nicht elektrifizierte Nebenbahn von Kreuztal in Nordrhein-Westfalen über Erndtebrück, Bad Laasphe und Biedenkopf nach Cölbe in Hessen. Zwischen Hilchenbach und Bad Laasphe-Feudingen hat sie den Charakter einer Gebirgsbahn mit den Scheitelpunkten Lützel und Leimstruth.
Betrieblich ist die Strecke heute zweigeteilt: Der Abschnitt Kreuztal–Erndtebrück wird zusammen mit der Bahnstrecke Erndtebrück–Bad Berleburg unter dem Namen Rothaarbahn befahren und der anschließende Abschnitt bis Cölbe von der Kurhessenbahn befahren und als Obere Lahntalbahn bezeichnet. Züge am östlichen Streckenende sind bis Marburg durchgebunden. Infrastrukturbetreiber ist im Abschnitt Kreuztal–Erndtebrück die DB InfraGO AG und im Abschnitt Erndtebrück–Cölbe die DB RegioNetz Infrastruktur GmbH.
Geschichte Erste Planungen als Hauptbahn Die Notwendigkeit einer Bahnverbindung zwischen dem (oberen) Lahntal und dem Ruhrgebiet wurde erstmals 1847 durch den damaligen kurhessischen Oberingenieur Splingard formuliert. Seine Absicht war es, eine Hauptbahn von Köln nach Marburg zu errichten, um damit eine direkte Ost-West-Verbindung zwischen Breslau – Dresden – Leipzig – Halle – Kassel – Marburg – Köln – Ostende und, per Dampfschifffahrt, London zu ermöglichen. Für die gesamte Strecke von Marburg über Biedenkopf und Siegen nach Köln einschließlich der Zweigbahnen zu den Steinkohlezechen wurden etwa 28 Millionen Gulden veranschlagt, wobei lediglich knapp 900.000 Gulden für die Strecke aufgebracht werden mussten, da auf kostspielige Tunnel, Dämme oder sonstiges weitgehend verzichtet werden konnte. Durch die Auswirkungen der Märzrevolution 1848 wurde die Planungsphase unterbrochen.
Weitere Denkschriften und Veröffentlichungen brachten danach immer wieder eine Oberlahn-Eisenbahn, Lenne-Lahn-Bahn durch das Oberlahnthal oder Ruhr-Lenne-(Sieg-)Oberlahn-Eisenbahn zwischen Siegen und Marburg in Rede, die der Oberen Lahntalbahn ihren Namen verliehen hat. Erst 1863 kam der Staatsvertrag zwischen Hessen, Preußen und Kurhessen zum Bau einer Verbindung zustande.
Bau als Güter- und Nebenbahn Nachdem die Pläne für diese Hauptbahn nicht zur Umsetzung gekommen waren, sollte eine Bahnlinie Kreuztal–Marburg dazu dienen, die sehr strukturschwachen Kreise Wittgenstein und Biedenkopf zu stärken. Insbesondere sollte sie die zahlreichen Hammerwerke, Hüttenwerke und Gießereien entlang der Strecke und im Hinterland mit Steinkohle und Koks aus dem Ruhrgebiet für die Hochöfen und Kupolöfen (Holzkohle war knapp geworden) versorgen und die preiswerte Versendung von Hüttenerzeugnissen nach dort ermöglichen.
Der erste Abschnitt von Laasphe nach Cölbe wurde am 19. März 1883 für den Güterverkehr freigegeben, am 2. April desselben Jahres wurde der Personenverkehr aufgenommen. Die Strecke war damit eine der ersten Nebenbahnen in Preußen überhaupt. Die Fortsetzung der Strecke nach Kreuztal und damit eine durchgängige Verbindung von Marburg nach Siegen war von Anfang an vorgesehen.
Im März 1884 wurde der Streckenabschnitt Kreuztal–Hilchenbach eröffnet, der Abschnitt Feudingen–Laasphe folgte am 1. Juli 1888. Im selben Jahr, am 1. Oktober 1888, wurde auch der Abschnitt Hilchenbach–Erndtebrück in Betrieb genommen. Nachdem am 20. Dezember 1888 der Abschnitt Erndtebrück–Leimstruth und am 1. Oktober 1889 das Teilstück Leimstruth–Feudingen dem Verkehr übergeben wurde, war die Strecke durchgehend befahrbar.
Nach der durchgängigen Eröffnung entwickelte sich der Verkehr zunächst äußerst positiv, so dass der Abschnitt Kreuztal–Hilchenbach am südlichen Hang des Ferndorftals neu trassiert wurde. In den 1930er Jahren lief über die Strecke Kreuztal – Cölbe auch Fernverkehr (KBS Nr. 174n).
mini|links|Ein modernerer VT 628 der DB und ein Schienenbus im Bahnhof Erndtebrück (1995)
Nachkriegszeit und schrittweiser Niedergang Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Bahn im oberen Lahntal den Betrieb am 15. Juli 1945 wieder auf.
Seit den 1950er Jahren gab es sogar ein Eilzugpaar von Frankfurt am Main über Biedenkopf und Siegen nach Köln. Dessen Einstellung im Jahre 1979 ging mit einem starken Nachfragerückgang im Personenverkehr einher. In den 1980er Jahren gab es wochentags zwar ein fast im Stundentakt verkehrendes Angebot. Die aus zwei n-Wagen und einer Baureihe 211 gebildeten Züge wurden praktisch jedoch nur zu den Berufs- und Schülerverkehrszeiten nachgefragt.
Bereits in den 1970er Jahren ging auch der Güterverkehr stark zurück. Mitte der 1990er wurde er komplett eingestellt. Später wurde auch der Personenverkehr bis auf ein einziges „Alibi-Zugpaar“ ausgedünnt.Olli Sydow: Erndtebrück–Laasphe. In: Galerie. Arbeitsgemeinschaft Drehscheibe, 28. Juli 2025. Auf Drehscheibe-online.de, abgerufen am 18. Oktober 2025.
Aufschwung ab den 1990er-Jahren mini|links|Ein Zug der Kurhessenbahn auf der Oberen Lahntalbahn zwischen Buchenau und Carlshütte (2005)
Im Jahr 1994 wurden die Schienenbusse und lokbespannten Wagenzüge zwischen Siegen und Bad Berleburg durch Triebzüge der Baureihe 628 ersetzt. Gleichzeitig wurde das Angebot ausgebaut und ein Taktfahrplan mit einheitlicher Linienführung eingeführt. Die Nahverkehrslinie, die bei der Einführung als „Rothaar-Express“ beworben wurde, fährt seither im Stundentakt zwischen Bad Berleburg und Siegen. Ebenso wurde auch die Linie Erndtebrück–Marburg mit dem neuen Triebwagenmodell ausgestattet und vertaktet. Mit der Jahrtausendwende wurden auf der Linie RB 93 Triebzüge der Baureihe 640 eingesetzt, die auch nach der ersten Vergabe der Dreiländerbahn erhalten blieben.
Seit der Übernahme des Personenverkehrs auf der Relation Erndtebrück–Marburg durch die Kurhessenbahn im Jahr 2002 sind die zuvor rückläufigen Fahrgastzahlen wieder angestiegen. Die Kurhessenbahn hat in den letzten Jahren zwischen Marburg und Bad Laasphe alle Bahnsteige der Bahnhöfe und Haltepunkte gepflastert und auf 38 oder 55 Zentimeter Höhe angehoben. Des Weiteren wurden die neuen Haltepunkte Biedenkopf Schulzentrum (heute Biedenkopf Wissenscampus, 2003), Niederlaasphe (2009) und Lahntal-Sarnau (2010) gebaut.
Im Dezember 2014 wurde im Bahnhof Lützel ein elektronisches Stellwerk (ESTW) in Betrieb genommen. Die Bundesstraße 62, die südöstlich von Saßmannshausen die Bahnstrecke zweimal höhengleich kreuzte, wurde bis 2015 so verlegt, dass diese Bahnübergänge entfallen konnten. Um die weitere Anbindung des Gewerbes südlich der Bahnstrecke zu sichern, musste allerdings ein neuer Bahnübergang eingerichtet werden.
Im Jahr 2017 wurde die Modernisierung des Knotens Erndtebrück komplett fertiggestellt. Die Modernisierung umfasste die Gleisanlagen, den barrierefreien Ausbau der Bahnsteige und den Bau eines elektronischen Stellwerkes. Bahn, Bund und das Land NRW investierten insgesamt 13,8 Millionen Euro in die Modernisierung.
Während einer vier Monate dauernden Vollsperrung des Abschnitts Friedensdorf–Cölbe aufgrund des Neubaus der Umgehungsstraße B 252 wurden 2020 in den Bahnhöfen Sarnau und Buchenau elektronische Stellwerke errichtet, die jetzt vom Fahrdienstleiter in Friedensdorf bedient werden. Ebenso wurden neue Bahnsteige in Buchenau, Sterzhausen und Goßfelden gebaut und mehrere Bahnübergänge erneuert bzw. geschlossen.
Seit Dezember 2019 verkehren zunächst nur an Samstagen zwei Zugpaare der Kurhessenbahn nach Siegen, bis 2025 weiter bis Betzdorf (Sieg) und zurück. Damit wird nach 37 Jahren erstmals wieder die gesamte Strecke von Cölbe nach Kreuztal befahren.
Streckenverlauf mini|links|Die Rothaarbahn von der Ginsburg aus, Blick in Richtung obere Kehre und Bahnhof Vormwald
Die eingleisige Strecke verläuft zwischen Kreuztal und Hilchenbach am südlichen Hang des Ferndorftales und schlängelt sich mit zwei großen Kehren zwischen Hilchenbach und Erndtebrück durch das Rothaargebirge, um Höhe zu gewinnen. Besonders malerisch wirkt die Untertunnelung der Ginsburg durch den „Schlossberg-Tunnel“ direkt am Rothaarsteig. Direkt vor dem mit höchstgelegenen Bahnhof Lützel befindet sich der westliche Scheitelpunkt der Strecke. Ab hier folgt die Strecke dem Edertal. Kurz vor Erndtebrück verlaufen die letzten Kilometer direkt neben der Bundesstraße 62. Aufgrund von vielen nicht-technisch gesicherten Bahnübergängen ist die Streckenhöchstgeschwindigkeit auf diesem Abschnitt stark herabgesetzt.
Nach Erndtebrück, wo die Strecke nach Bad Berleburg abzweigt, wird die Eder überquert, danach steigt die Strecke Richtung Osten zunächst zu ihrem zweiten Scheitelpunkt bei Leimstruth an (), um in Richtung Süden durch den dortigen Tunnel und in einer großen Kurve um Oberndorf herum wieder das Tal zu erreichen. Ab Feudingen folgt die Bahn dem oberen Flusslauf der Lahn über Biedenkopf Richtung Osten. Im Bahnhof Sarnau mündet die Strecke aus Richtung Korbach, nach weiteren vier Kilometern ist der Bahnhof Cölbe an der Main-Weser-Bahn erreicht. Die Züge werden auf dieser bis Marburg durchgebunden.
Die Strecke von Kreuztal bis Cölbe ist 88 Kilometer lang und als Nebenbahn klassifiziert, die Höchstgeschwindigkeit beträgt zwischen Kreuztal und Wallau 70 km/h und zwischen Wallau und Cölbe 80 km/h.
Auf der gesamten Strecke gibt es vier Tunnel, die sich – mit Ausnahme des längsten (Leimstruther Tunnel), der die Wasserscheide zwischen Lahn und Eder unterquert – alle auf dem Abschnitt Kreuztal–Erndtebrück („Rothaarbahn“) befinden und sich alle an der Eder-Sieg-Wasserscheide erstrecken. Die übrigen Tunnel und Brücken können dem Streckenband entnommen werden.
Planungen und Zukunft mini|Zug am Messebahnhof während der Messe Wir in Wittgenstein 2018
Allgemeines Einige Maßnahmen zur Aufwertung der Strecke wie Haltepunktneubauten in Biedenkopf, Niederlaasphe und Sarnau wurden bereits durchgeführt.
Die Bahnsteige aller Haltepunkte werden sukzessive erneuert und auf eine einheitliche Höhe von 55 Zentimetern gebracht. Außerdem soll eine Vielzahl von Bahnübergängen technisch gesichert oder entfernt werden, um die Streckengeschwindigkeit auf 80 km/h anzuheben.
Der Streckenabschnitt der Kurhessenbahn (Cölbe–Erndtebrück) soll in den nächsten Jahren mit digitalem Zugfunk ausgestattet werden. Aktuell wird noch alte analoge Technik verwendet, der neue Funk ist Voraussetzung für dichtere Takte und mehr Züge. Der Umstieg auf Digitalfunk wird auf ca. 7,8 Millionen Euro geschätzt.
Neues Betriebskonzept mit Flügelung in Erndtebrück Ende 2019 wurde eine Absichtserklärung zum weiteren Angebotsausbau auf der Strecke abgeschlossen. Diese sieht den Neubau eines Kreuzungsbahnhofes in Saßmannshausen vor, damit auch im Abschnitt Erndtebrück–Bad Laasphe ein Stundentakt gefahren werden kann. Ebenso soll die Strecke Erndtebrück–Bad Berleburg beschleunigt werden und eine neue Weichenverbindung inklusive Beifahranlage im Bahnhof Erndtebrück installiert werden. Dies soll Flügelungen in Erndtebrück ermöglichen, damit gleichzeitig stündliche Direktverbindungen Siegen–Bad Berleburg und Siegen–Marburg angeboten werden können. Die Kosten der Maßnahme werden auf 6 Millionen Euro geschätzt. Zur Vermeidung einer doppelten Vollsperrung sollte der Umbau 2027 gemeinsam mit der Sanierung des Leimstruther Tunnels umgesetzt werden.
Ende April 2022 wurde von Vertretern der Kreise Siegen-Wittgenstein und Marburg-Biedenkopf, sowie vom Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und dem Regionalen Nahverkehrsverband Marburg-Biedenkopf (RNV) ein „Kooperationsvertrag zur weiteren Attraktivitäts- und Leistungssteigerung“ unterzeichnet. Dieser beinhaltet neben einer Bekräftigung der oben genannten Vorhaben (durchgängiger Stundentakt, Flügelung/Durchbindung, Tunnelsanierung) die Prüfung der Machbarkeit neuer Haltepunkte auf hessischer Seite.