mini|hochkant|Statue von Gnaeus Iulius Agricola in Bath (19. Jahrhundert) Gnaeus Iulius Agricola (* 13. Juni 40 in Forum Iulii (heute Fréjus); † 23. August 93) war ein gallo-römischer Senator und Feldherr. Er war im Jahr 77 Suffektkonsul und anschließend ungewöhnlich lange (bis 84) Statthalter Britanniens. Agricola hatte seine militärische Laufbahn zwischen 58 und 62 n. Chr. in Britannia als Militärtribun im Stab des Statthalters Gaius Suetonius Paulinus begonnen. Nach seiner Rückkehr nach Rom diente Agricola 66 als Volkstribun, zwei Jahre später dann als Praetor. Im Jahre 71 wurde er zum Legatus beim Gouverneur von Britannien, Quintus Petillius Cerialis und Befehlshaber der Legio XX Valeria Victrix. Als Cerialis die Provinz verließ, wurde Agricola zum Statthalter der Provinz Gallia Aquitania ernannt.
In der Zeit seines Aufenthaltes in Britannia konnte er den römischen Herrschaftsbereich vorübergehend bis über die Forth-Clyde-Linie (die Landenge zwischen den heutigen Städten Glasgow und Edinburgh) ausdehnen. Nach seiner Abberufung durch Kaiser Domitian zog er sich ins Privatleben zurück. Der Historiker Tacitus, Agricolas Schwiegersohn, schilderte dessen Leben in der erhaltenen, enkomiastisch abgefassten Biographie De vita et moribus Iulii Agricolae. Durch dieses Werk, die Hauptquelle für die Taten Agricolas, wurden auch dessen Karriere und Feldzüge in Britannien überliefert.
Abstammung und frühe Karriere
Der von bedeutenden gallo-römischen Familien abstammende Gnaeus Iulius Agricola wurde am 13. Juni 40 in Forum Iulii in der römischen Provinz Gallia Narbonensis als Sohn des Senators Lucius Iulius Graecinus und dessen Gattin Iulia Procilla geboren. Seine beiden Großväter waren ritterlichen Ranges und kaiserliche Prokuratoren.Tacitus, Agricola 4 und 44. Aus Agricolas Gentilnamen Iulius dürfte zu schließen sein, dass einer seiner Vorfahren, der entweder unter Gaius Iulius Caesar oder Augustus als Offizier gedient hatte oder als vermögender und angesehener einheimischer Bürger von Forum Iulii hervorgetreten war, das römische Bürgerrecht erhalten hatte. Graecinus verfasste ein Werk über den Weinbau und gab vermutlich aufgrund seiner Neigung für die Landwirtschaft seinem Sohn das Cognomen Agricola. Er wurde Ende 39 oder im Jahr 40 auf Befehl des Kaisers Caligula hingerichtet.Tacitus, Agricola 4; Seneca, de beneficiis 2, 21, 5. Der auf diese Weise zum Halbwaisen gewordene Agricola wuchs seit frühester Kindheit in Massilia (dem heutigen Marseille) auf. Dort ließ ihm seine Mutter eine sorgfältige und angemessene Erziehung angedeihen. Wie für einen vornehmen Jugendlichen üblich, studierte er u. a. eifrig Philosophie, doch erlegte ihm seine Mutter hierbei Schranken auf.Tacitus, Agricola 4.
Agricola begann seine soldatische Laufbahn in Britannien von 58 bis 62 als Militärtribun im Stab des Statthalters Gaius Suetonius Paulinus und half in dieser Stellung höchstwahrscheinlich bei der Unterdrückung des Boudicca-Aufstandes von 60/61 mit. Nach Paulinus’ Abberufung im Jahr 62 dürfte er mit dem Statthalter nach Rom gereist sein. Damals feierte er seine Hochzeit mit Domitia Decidiana, der Tochter eines ebenfalls aus Gallia Narbonensis stammenden Senators.Tacitus, Agricola 5f. Bald nach seiner Vermählung, also etwa im Jahr 63, erhielt er aus seiner glücklich verlaufenden Ehe männlichen Nachwuchs und durfte sich daher gemäß der Lex Papia Poppaea vorzeitig um Ämter des cursus honorum bewerben. Das erwähnte Gesetz erlaubte nämlich beim Vorhandensein von Kindern einen Amtsantritt vor dem ansonsten notwendigen Mindestalter, und zwar um je ein Jahr pro Kind.Digesten 4, 4, 2.
Aus den Angaben des Tacitus im 6. Kapitel der Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters kann gefolgert werden, dass Agricola zunächst, wie die Lex Papia Poppaea ihm gewährte, im Jahr 64 das Amt eines Quästors bereits als 24-Jähriger (und nicht erst im dafür eigentlich vorgesehenen Lebensalter von 25 Jahren) innehatte. In dieser Funktion diente er in Asia unter dem Prokonsul Lucius Salvius Otho Titianus, dem Bruder des späteren Kaisers Otho. Laut Tacitus versah er im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten sein Amt mit großer Rechtschaffenheit. Domitia Decidiana war mit ihrem Gatten nach Asia gereist und gebar ihm während seiner Quästur eine Tochter, die nachmalige Gemahlin des Tacitus. So durfte Agricola nun, obwohl damals sein ältester Sohn im Kleinkindalter verstarb, die staatlichen Ämter zwei Jahre vor dem gesetzlichen Termin bekleiden. Im Jahr 65 und im Folgejahr 66, in dem er als Volkstribun amtierte, setzte er keine größeren öffentlichen Akzente, um sich unter Neros Regierung nicht in Gefahr zu bringen. 68 wurde er Prätor und brauchte, da er keine gerichtliche Zuständigkeiten erhielt, weiterhin nicht besonders hervorzutreten. Er veranstaltete u. a. nicht allzu aufwendige Spiele. Nach Neros Tod (Juni 68) wurde er vom neuen Kaiser Galba mit einer Bestandsaufnahme der Tempelschätze und Wiederbeschaffung geraubten sakralen Eigentums beauftragt, welche Aufgabe er getreulich erledigte; allerdings konnte er die auf Befehl Neros gestohlenen und eingeschmolzenen Tempelschätze nicht mehr herbeischaffen.Tacitus, Agricola 6.
Anfang des Vierkaiserjahres (69) wurde Agricolas Mutter auf ihrem Landgut in Intimilium an der Küste Liguriens von plündernden Soldaten Othos erschlagen. Ihr Landsitz und ein beträchtlicher Teil von Agricolas väterlichem Erbgut wurden ausgeraubt.Tacitus, Agricola 7; vgl. Historien 2, 13f. Der schwer getroffene Agricola sorgte für das Begräbnis seiner Mutter und schloss sich sofort Vespasian an, als dieser in den Kampf um den Kaiserthron eintrat. Auf Anweisung des seit Ende Dezember 69 vorübergehend die Verwaltung in Rom führenden Gaius Licinius Mucianus hob er im folgenden Jahr Truppen aus. Von Mucianus wurde er noch im Jahr 70 zum Legaten der Legio XX Valeria Victrix in Britannien befördert, wo er zunächst unter dem Statthalter Marcus Vettius Bolanus diente. In dieser Legatenfunktion folgte er Marcus Roscius Coelius nach, der mit Bolanus’ Vorgänger Marcus Trebellius Maximus in Streit geraten und dabei im Jahr 69 von vielen Soldaten unterstützt worden war, bis Trebellius schließlich hatte flüchten müssen und durch Vettius Bolanus ersetzt worden war. Das infolgedessen abhanden gekommene Autoritätsgefühl der Truppen konnte Agricola rasch wiederherstellen, wobei er sehr maßvoll vorging.Tacitus, Agricola 7; vgl. Historien 1, 60. Aber erst unter Bolanus’ Nachfolger, dem offensiver eingestellten, Britannien seit 71 verwaltenden Statthalter Quintus Petillius Cerialis, fand Agricola die Möglichkeit, größere Taten zu vollbringen. Er durfte relativ große Heereseinheiten selbständig befehligen und zeichnete sich vermutlich in Kämpfen gegen die Briganten in Nordengland aus.Tacitus, Agricola 8.
Nach seiner Rückkehr aus Britannien im Jahr 73 wurde Agricola von Vespasian unter die Patrizier aufgenommen und 74 zum prätorischen kaiserlichen Statthalter der Aussicht auf das Konsulat verheißenden Provinz Aquitanien bestimmt. Nach nicht ganz dreijähriger Amtstätigkeit, die er sehr bedachtsam angelegt hatte, verließ Agricola die Provinz wieder und wurde wohl im Jahr 77 für einige Monate Suffektkonsul. Während der Bekleidung dieser Funktion verlobte er seine etwa 13-jährige Tochter mit Tacitus, mit dem er sie nach dem Ende seines Konsulats auch verheiratete. Bald nach dem Ablauf seines Konsulats wurde er zum Pontifex sowie als Nachfolger von Sextus Iulius Frontinus zum neuen Statthalter Britanniens ernannt, welches letztere Amt er wahrscheinlich noch in der zweiten Hälfte des Jahres 77 (spätestens im Jahr 78) antrat und insgesamt sieben Jahre lang versah.Tacitus, Agricola 9.
Statthalter von Britannien
Erste erfolgreiche Feldzüge
Der britische Historiker Malcolm Todd vertrat die Meinung, dass Tacitus in der Biographie seines Schwiegervaters dessen Leistungen in Britannien im Wesentlichen nicht übertrieben dargestellt oder etwas hinzuerfunden habe und dass sein Bericht über Agricolas Feldzüge in Nordbritannien sowie dessen Städteentwicklungsprogramm auf der Insel durch archäologische Zeugnisse gestützt werde. Todd sah also Tacitus’ Schilderung von Agricolas britannischer Statthalterschaft als relativ glaubwürdig an.Malcolm Todd, ODNB Bd. 30, S. 823.
Bereits der 71-74 amtierende Statthalter Quintus Petillius Cerialis hatte offensichtlich die im Nordosten Englands siedelnden Briganten endgültig unterworfen, womit das von den Römern kontrollierte Territorium das ganze Flachland nördlich bis etwa zur Linie Solway Firth – Tyne umfasste. Sextus Iulius Frontinus hatte dann die Silurer im Süden von Wales bezwingen können.Karl Christ, Geschichte der römischen Kaiserzeit, 3. Auflage München 1995, ISBN 3-406-36316-4, S. 264f. Kurz vor der Landung Agricolas hatten allerdings die Ordovicer eine in ihr Stammesgebiet, das heutige Nordwales, vorgeschobene Ala fast vollständig vernichtet. Obwohl Agricola erst im Spätsommer 77Die hier angegebene Chronologie von Agricolas Feldzügen folgt der Darstellung von Alexander Gaheis (RE X,1, Sp. 130–138). in Britannien ankam, gelang es ihm unverzüglich, die Ordovicer entscheidend zu besiegen und anschließend mit ausgesuchten berittenen Auxiliartruppen die bereits zu Neros Zeiten umkämpfte Insel Mona (heute Anglesey), das religiöse und nationale Widerstandszentrum der Kelten, zu erobern. Die Einnahme der Insel erreichte er dadurch, dass die Hilfstruppen ihre schwere Ausrüstung ablegten und zur Insel schwammen, was die dortigen Kelten nach Tacitus so beeindruckt haben soll, dass sie sich kampflos ergaben.Tacitus, Agricola 18.
Im Winter 77/78 suchte Agricola dem Ausbruch künftiger Kriege zwischen Römern und einheimischen Stämmen vorzubeugen und erwies sich dabei als fähiger Organisator, indem er u. a. den Aufwand für seinen eigenen Haushalt begrenzte, Positionen unparteiisch mit geeigneten Kandidaten besetzte, die Lasten der Getreide- und Steuerforderungen gerechter verteilte und bisher geübten Schikanen ein Ende bereitete. Im Sommer 78 konnte er mittels häufiger Truppendemonstrationen, ohne eine größere Schlacht ausfechten zu müssen, viele im neu eroberten Gebiet gelegene, aber noch unabhängige civitates zur Stellung von Geiseln und Anerkennung der römischen Herrschaft bringen. Zur Sicherung seiner Erfolge ließ er dort äußerst zweckmäßige Festungen mit Garnisonen errichten. Er trieb sodann im Winter 78/79 die Romanisierung der neu unterworfenen Bevölkerung effektiv voran, sorgte für eine Erziehung der Söhne britannischer Adliger nach römischem Vorbild, regte den Bau von Tempeln sowie komfortablen Wohnhäusern an und rief eine neue Gerichtsordnung ins Leben; sogar das Tragen der römischen Toga wurde nun als modisch empfunden.Tacitus, Agricola 19ff. mini|Feldzüge in den Jahren 78–84 n. Chr. In der Folge stieß Agricola weiter nach Norden vor als jemals ein Römer vor ihm. Im Jahr 79 griff er bis zum Tanaus (oder Taus; unbekannter Lage, vielleicht der Firth of Tay) aus und erbaute dabei erneut einige feste Kastelle, die strategisch besonders günstig lagen. Diese Forts konnten, da in ihnen Vorräte für ein ganzes Jahr lagerten, langen Belagerungen, auch im Winter, standhalten. Agricola schritt im folgenden Sommer des Jahres 80 an die Absicherung seiner Eroberungen und legte an einer Landenge, wo die von Tacitus als Clota (Firth of Clyde) und Bodotria (Firth of Forth) bezeichneten Meeresarme tief in die Insel einschneiden, eine Reihe von Kastellen als Verteidigungswerke an (Gask Ridge).Tacitus, Agricola 22f. mini|Feldzüge in den Jahren 80–84 n. Chr.