mini| Der beglückte Florindo (oder Florindo, HWV 3) und Die verwandelte Daphne (oder Daphne, HWV 4) sind zwei Opern (Original: „Singe-Spiel“) Georg Friedrich Händels auf Libretti von Hinrich Hinsch. Die Uraufführungen fanden Anfang 1708 an der Gänsemarktoper in Hamburg in Abwesenheit des Komponisten statt.
Nach Aussage des Librettisten Hinsch war ursprünglich nur eine Oper geplant, die aber wegen des großen Umfangs geteilt wurde. Daher ist das Libretto zu Daphne inhaltlich die Fortsetzung von Florindo, und es kann von einer „Doppeloper“ gesprochen werden, was in Hamburg durchaus üblich war.
Die Musik ist bis auf wenige Einzelsätze – vor allem Instrumentalstücke – zum größten Teil verschollen. Alle folgenden Opern Händels sind in italienischer Sprache und vom Typ her Opere serie.
Entstehung
Über Entstehung und Komposition von Florindo und Daphne ist nichts Genaueres bekannt. Nach dem Misserfolg seines Nero im Karneval 1705 soll sich Händel bis zum Antritt seiner Italienreise vor allem dem Unterrichten gewidmet haben. Trotzdem erhielt er offenbar zu dieser Zeit den Auftrag für die Doppeloper von Reinhard Keiser und/oder dessen Kompagnon Drüsicke.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 72. Aussagen darüber, dass die Oper 1706 entstanden sei, wie man sie in der Literatur findet, sind offensichtlich Spekulation,1706 als vermutetes Entstehungsjahr geht offenbar auf Chrysander zurück und findet man z. B. in: 1) Friedrich Chrysander: Agrippina. 1708., in: G. F. Händel. Erster Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 141. Auch: 2) Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 63 und 65. Auch: 3) Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 22. Auch: 4) Panja Mücke: Der beglückte Florindo (HWV 3) / Die verwandelte Daphne (HWV 4), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 30. ebenso wie der Beginn von Händels Reise nach Italien nicht wirklich bekannt ist, sondern nur, dass er irgendwann 1706 bereits in Rom war.Und dort Kammerduette von Steffani und Grua kopierte. Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 25 (unten)-26.
Händel hat seine Doppeloper niemals gehört. Er ließ die Partituren in Hamburg zurück, wo Keiser und Drüsicke die Direktion der krisengeschüttelten Gänsemarkt-Oper kurze Zeit später aufgeben mussten und im Frühling 1707 Johann Heinrich Sauerbrey die Theaterleitung übernahm.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 72. Von dem Durcheinander, das hinter den Kulissen im Theater herrschte, zeugt ein Bericht Johann Konrad Dreyers:
Schließlich konnten Händels Florindo und Daphne doch noch im Januar und Februar 1708, aber mit anscheinend geringem Erfolg, auf die Bühne gebracht werden. Die musikalische Leitung hatte vermutlich Christoph Graupner (der von 1705 bis 1709 Cembalist und Kapellmeister am Hamburger Opernhaus war). Die Aufführungen der Daphne im Februar 1708 wurden durch ein Intermezzo in plattdeutschem Dialekt ergänzt: Die lustige Hochzeit, und dabey angestellte Bauren-MasqueradePanja Mücke: Der beglückte Florindo (HWV 3) / Die verwandelte Daphne (HWV 4), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 30. (Text von Mauritz Cuno, Musik vermutlich von Graupner und Keiser).
Die Sängerbesetzung ist nicht überliefert, aber vermutlich sangen Anna-Margaretha Conradi (Sopran) die Partie der Daphne und Johann Konrad Dreyer (Tenor) den Florindo.Panja Mücke: Der beglückte Florindo (HWV 3) / Die verwandelte Daphne (HWV 4), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 34.
Libretto Florindo und Daphne gehören zur Gattung der Pastoral-Oper. Ihr Personal besteht daher aus Hirten, Nymphen und Göttern der griechisch-römischen Mythologie, und stimmt in beiden Opern überein, bis auf die drei Nebenfiguren Vulcanus, Pineus und Enipheus sowie die „Cyclopen, Tritonen und Najadinnen“, die nur in Der beglückte Florindo vorkommen.Vergleiche die Personenlisten beider Opern in: 1) Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 63 und 65. Und: 2) Panja Mücke: Der beglückte Florindo (HWV 3) / Die verwandelte Daphne (HWV 4), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 28 und 29.
Es wird vermutet, dass Hinrich Hinsch ein bislang nicht identifiziertes italienisches Textbuch als Vorlage verwendete, da das Libretto eine Reihe italienischer Arien enthält. Derart gemischt-sprachige Opernaufführungen waren in Hamburg üblich.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 65
Als Grund für die Teilung des Librettos in zwei abendfüllende dreiaktige Opern wurde lange Zeit Händels „jugendliche Unerfahrenheit“ und „musikalische Weitschweifigkeit“ vermutet, weil Hinsch im Vorwort zu Florindo behauptete, „die vortreffliche Music, womit diese Opera gezieret“, sei „etwas gar zu lang“ ausgefallen, und man habe es daher „für nöthig erachtet, das gantze Werck in zwey Theile zu setzen“ (Siehe unten).Vorrede des Librettos. Hamburg 1708.
Mittlerweile wurde jedoch darauf hingewiesen, dass es ausgesprochen unwahrscheinlich ist, dass eine Menge von insgesamt ungefähr 100 Musiknummern ursprünglich nur für eine einzige Oper vorgesehen waren; auch wurden die Texte zu den etwa 90 Arien und Ensembles natürlich bereits vom Librettisten vorgegeben. Andererseits war auch Händel nach der Komposition von zwei Opern (Almira und Nero) keineswegs völlig unerfahren. Daher wird mittlerweile angenommen, dass eine Zweiteilung der Handlung im Sinne einer „Doppeloper“ bereits vor (oder nicht lange nach) Beginn der Komposition vorgenommen wurde.Panja Mücke: Der beglückte Florindo (HWV 3) / Die verwandelte Daphne (HWV 4), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 31. Das war an der Hamburger Bühne durchaus üblich: So wurden allein in den Jahren 1701 und 1702 drei Doppelopern von Reinhard Keiser mit Sujets über StörtebeckerStörtebecker und Jödge Michaels Erster Theil und Störtebecker und Jödge Michaels Zweyter Theil (Libretto: Hotter)., OdysseusCirce, oder Des Ulysses erster Theil und Penelope und Ulysses ander Theil (Libretto: Friedrich Christian Bressand). und OrpheusDie sterbende Eurydice, oder Orpheus Erster Theil und Orpheus Ander Theil (Libretto ebenfalls von Bressand). aufgeführt. Es handelte sich immer um jeweils abendfüllende, dreiaktige Werke.Panja Mücke: Der beglückte Florindo (HWV 3) / Die verwandelte Daphne (HWV 4), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 31–32.
Handlung Historischer und literarischer Hintergrund Im 1. Buch der Metamorphosen erzählt Ovid die Geschichte der Nymphe Daphne, die sich der Zudringlichkeit des Phoebus (Apollon) entzieht, indem sie sich von ihrem Vater in einen Lorbeerbaum verwandeln lässt. Diese beiden Figuren und Cupido entstammen dem Mythos, alle weiteren handelnden Personen der Opern sind frei erfunden.Panja Mücke: Der beglückte Florindo (HWV 3) / Die verwandelte Daphne (HWV 4), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 30.
Musik mini|Apollo tötet den Python (Virgil Solis) Die Partituren beider Opern sind verschollen. Den Libretti lässt sich jedoch entnehmen, dass beide Opern zahlreiche Ensemble- und Chornummern sowie in die Handlung integrierte Tänze enthielten.Dazu ausführlicher: Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. xxxvi-xxxvii.Auch: Panja Mücke: Der beglückte Florindo (HWV 3) / Die verwandelte Daphne (HWV 4), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 33.
Im 20. Jahrhundert wiesen David R. B. Kimbell und Bernd Baselt auf einige Stücke in der „Newman Flower Collection“ der Manchester Central Library und in der Aylesford Collection der British Library hin, bei denen es sich um Fragmente der beiden Opern zu handeln scheint:Panja Mücke: Der beglückte Florindo (HWV 3) / Die verwandelte Daphne (HWV 4), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 30.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 74. In der „Newman Flower Collection“ sind fünf Instrumentalsätze unter dem Vermerk „Florindo del Sigr. G. F. Handel“ überliefert, davon sind drei als „Aria“ und eins als „Chorus“ bezeichnet, aber ohne Vokalparts und Texte. Es lässt sich nicht mit Sicherheit identifizieren, welche Texte der beiden Libretti auf die betreffenden Melodien passen.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 64–65 In der für Charles Jennens angefertigten Aylesford Collection befinden sich außerdem zehn Tänze und zwei als „Coro“ bezeichnete Sätze (HWV 352–354), die in drei viersätzigen Suiten geordnet sind. Sie wurden um 1728 von Händels Junior-Sekretär Johann Christoph Schmidt jun., und einem anonymen Schreiber in einen Sammelband kopiert und gelten ebenfalls als Fragmente aus Florindo und Daphne.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 125–127. Darüber hinaus vermuten einige Autoren, dass die Ouvertüre in B-Dur HWV 336 einerseits mit der von Arcangelo Corelli als „zu französisch“ abgelehnten Einleitung zu Il trionfo del Tempo e del Disinganno identisch ist, und dass es sich andererseits ursprünglich um die Ouvertüre zu Der beglückte Florindo handelte, da sie auch als Transkription für Cembalo, zusammen mit einigen der erwähnten Tänze aus Florindo, überliefert ist.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 105–106 und 127.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 76.
Zitat Händels Freund, Förderer und Rivale in Hamburg, Johann Mattheson, Sänger, Komponist, Impresario und Musikgelehrter, schrieb über die Doppeloper:
Literatur Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7 (englisch). Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3.