Locus Felicis ist der (mutmaßliche) Name einer römischen Siedlung und eines Straßenkastells auf dem Gebiet des heutigen Österreich, im Bundesland Niederösterreich, Bezirk Amstetten, Gemeinde Mauer-Öhling. Es zählt zu den bedeutendsten antiken Fundstätten in Österreich und ist vor allem durch seine massiven spätantiken Befestigungsanlagen und den Fund des Inventars eines Jupiter-Dolichenus-Tempels überregional bekannt geworden. Die befestigte Siedlung diente vermutlich als Straßenwachtposten, eventuell auch als Nachschubdepot für die Limesgarnisonen und war bis in das frühe Mittelalter durchgehend besiedelt. Sichtbare Überreste sind heute keine mehr vorhanden. Nach neueren Forschungen von Hannsjörg Ubl ist jedoch eine Gleichsetzung von Locus Felicis mit dem Auxiliarkastell in Wallsee wahrscheinlicher. miniatur|Limes Noricus miniatur|Kupferstich vom Grundriss des – irrtümlich als Ad Mauros – bezeichneten Kastells von Mauer an der Url, nach Josef Schaukegel, 1797 miniatur|Grabungsplan von 1906 bis 1910 nach Max Nistler

Name Aufgrund der ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes in einer Schenkungsurkunde Konrads II. aus dem Jahr 1034, in dem von einem königlichen Freihof an der Url die Rede ist, wurde der Platz in der älteren Forschung zunächst mit dem Kastell Ad Mauros gleichgesetzt.Kurt Genser: 1986, S. 202. Im Jahr 1111 wird ein Besitzanspruch, „ad Mure“ des Stiftes St. Florian urkundlich bestätigt.„…ad Murum iuxta fluvium Urula“, Rudolf Noll: 1980, S. 9. In der älteren Forschung wurde der Ort noch als Mauer an der Url bezeichnet, heute ist offiziell der Ortsname Mauer bei Amstetten gebräuchlich. Stefan Groh versuchte in einem 2017 publizierten Aufsatz den Namen des Kastells in Mauer an der Url mit Adiuvense gleichzusetzen und lieferte auf neuesten Forschungen (Georadar, Geomagnetik) basierende stichhaltige Argumente auch hinsichtlich der Baugeschichte des Kastells. Die früher bevorzugt vorgenommene Gleichsetzung von Adiuvense mit Wallsee ist hinfällig geworden, Mauer an der Url kann aber auch nicht das in der Notitia dignitatum genannte Kastell sein, da die Stationierung einer Marineeinheit dort keinen Sinn ergab. Wahrscheinlich ist die Stadt Ybbs/Donau an der Mündung des gleichnamigen Flusses in die Donau dafür der bessere Kandidat.Orsolya Heinrich-Tamáska (Hrsg.): Keszthely-Fenekpuszta im Kontext Spätantiker Kontunitärsforschung Zwischen Noricum Und Moesia. Castellum Pannonicum Pelsonense. Vol. 2, Archäologisches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Geisteswissenschaftliches Zentrum, Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e. V. Balatoni Múzeum (Balatoni-Museum) Verlag Marie Leidorf GmbH, Budapest • Leipzig • Keszthely • Rahden/Westf. 2011. Darin: Peter Scherrer: Noricum in der Spätantike – Zu den Forschungen des vergangenen Jahrzehnts (mit einem Beitrag von Bernhard Schrettle), S. 108.

Lage Die Topografie unterscheidet sich von jener westlich der Enns, als dass die Ausläufer der Alpen und die wichtigen Nord‑Süd‑Verbindungsachsen des Kamp‑/Traisentales einerseits und andererseits der Bernsteinstraße bis Aquileia das italische Kerngebiet des Reiches als potentielle Einfallstore für Invasoren gefährdete. Die Festung in Mauer wurde an der (im Itinerarium Antonini und der Tabula Peutingeriana erwähnten) Limesstraße des östlichen Dukates, der Pannonia prima et Noricum ripensis, errichtet. Sie befand sich auf halber Strecke zwischen der Donau im Norden und den nördlichen Ausläufern der Alpen im Süden und bildete, zusammen mit dem Kastell von Wallsee sowie dem spätantiken Burgus von Sommerau einen Sperrriegel, um die zentralen Gebiete von Noricum ripense gegen Überfälle germanischer Stämme aus dem Westen zu sichern. Der Burgus von Sommerau liegt 3,5 km südöstlich von Wallsee und 7,5 km nordwestlich von Mauer. Wahrscheinlich erstreckte sich diese aus Kastellen und Burgi bestehende Verteidigungskette bis in das Alpenvorland bei Neuhofen an der Ybbs. Die Trasse der von Mauer nach Pöchlarn führenden Limesstraße wurde in der Spätantike ebenfalls befestigt, wie z. B. die Burgi/Wachttürme von Ybbs an der Donau, Neumarkt an der Ybbs und vielleicht auch Sarling.Stefan Groh: Castrum Ad Iuvense (?) Neue Forschungen zur norischen Binnenfestung von Mauer bei Amstetten. Die geophysikalischen Prospektionen 2014–2015, in: EPHEMERIS NAPOCENSIS XXVII 2017, S. 90.

Die Ortschaft Mauer liegt ca. sechs Kilometer südwestlich der Bezirkshauptstadt Amstetten. Die römische Siedlung befand sich zwischen den Ortsteilen Mauer und Öhling, am rechten Ufer der Url, ungefähr zehn Kilometer vom nächstgelegenen Kastell in Wallsee entfernt. An der Mündung der Url in die Ybbs breitet sich eine Beckenlandschaft aus, die im Nordwesten durch die Ausläufer der Strengberge begrenzt wird. Die Siedlung lag direkt an der Vereinigung der beiden Talsohlen, im Bereich an der heutigen Kirchwegerstraße. Da die Url seit der Antike ihren Lauf mehrmals geändert hat, wurde im Laufe der Zeit der nordwestliche Bereich des Areals vollkommen abgeschwemmt. Heute ist das Gelände teilweise überbaut oder wird landwirtschaftlich genutzt. In römischer Zeit lag die Siedlung auf dem Gebiet der Provinz Noricum und gehörte verwaltungsrechtlich zum Stadtterritorium von Lauriacum.

Forschungsgeschichte Das Wissen um die antike Befestigungsanlage war in der örtlichen Bevölkerung nie ganz verloren gegangen, da ihr Areal unter den Flurnamen Gehöft „Burgner“, bzw. „in der Burg“ bekannt war. Nach einer dreibändigen Schrift von Josef Schaukegl, Pater des Stift Seitenstetten, war zumindest die spätantike Umwehrung am Ende des 18. Jahrhunderts (1797) noch relativ gut erhalten. Schaukegl ließ auch einen Kupferstich der Grundrisse – seiner Meinung nach das Lager „Ad Mauros“ – anfertigen (Rudera Fortaliti Romani AD MVROS). Die Mönche des Stiftes gelangten in weiterer Folge in den Besitz noch weiterer römische Funde, darunter die Grabsteinfragmente des Veteranen Aelius Valens (1788) und des Vibius Tocionis (1840), sowie ein weiterer Grabstein, Ziegelstempel und vor allem eine große Anzahl von Münzen, mit denen sie die Sammlung ihres „Archäologischen Kabinetts“ bestückten. Der Fundort galt zur damaligen Zeit – nach Carnuntum – als einer der ergiebigsten in Österreich. Der Geistliche Josef Gaisberger besuchte im frühen 19. Jahrhundert den Ort und berichtete, dass die Mauern um 1825 nach und nach vom Landbesitzer abgebrochen bzw. gesprengt und die Graben- und Wallanlagen dadurch komplett eingeebnet wurden. In geringer Tiefe ließen sich nur noch die Fundamente feststellen. Beim Bestellen der Felder kamen immer wieder Mauerreste, Estriche, Hypokausten, viereckige Hohlziegel (tubuli) und große quadratische Ziegelplatten zum Vorschein.

Die meisten Befunde und Erkenntnisse (Südmauer, Tore) konnten in den ersten, wissenschaftlich begleiteten, Ausgrabungen der Österreichischen Limeskommission (Leitung Max Nistler) zwischen den Jahren 1906 und 1910 gewonnen werden. Bei diesen Kampagnen wurden auch die Grundfesten von mehreren Gebäuden der Innenbebauung freigelegt bzw. angeschnitten. 1910 wurden die Grabungen der Limeskommission aber wieder eingestellt. Wegen moderner Überbauung konnte die SO- und NO-Ecke des antiken Areals nicht mehr erfasst werden. Großes Aufsehen erregte der 1937 von Josef Schicker dokumentierte Verwahrfund an der Südmauer, der neben anderem Metallgerät hauptsächlich Kultgegenstände eines Jupiter-Heiligtums enthielt und in das späte 3. Jahrhundert zu datieren ist (siehe auch weiter unten). 1971 konnte bei Kanalbauarbeiten an der Hauptstraße vom Bundesdenkmalamt (Herma Stiglitz) eine weitere Untersuchung vorgenommen werden. Hier zeigten sich vor allem Bodenverfärbungen, die von kleineren Spitzgräben stammten und als Wehr- und Palisadengräben einer frühen römischen Holz-Erde-Befestigung interpretiert wurden.Fundberichte aus Österreich. Band 10, 1971, S. 71.Rudolf Noll: 1980, S. 13.

In den Jahren 2014–2015 führte das Österreichische Archäologische Institut geophysikalische Prospektionen in Mauer bei Amstetten durch. Die Messungen sollten zur Klärung des Umfanges antiker Strukturen im Binnenkastell bzw. der befestigten Siedlung Mauer an der Url sowie in dessen Umfeld beitragen. Im Rahmen der Dorferneuerung hat der „Geschichtskreis Mauer“ 2022–2023 die Bedeutung des römerzeitlichen Ortes erforscht. Dabei entstand auch ein kleines Römermuseum, ein Römerrundweg mit Infotafeln und eine 3D-Visualisierung des Kastells. Mittels Verwendung modernster Bodenradartechnik wurden unter anderem ein Hügelgrab und ein Grubenhaus aus der frühen Bronzezeit auf den Feldern vor der Ortschaft entdeckt. 2024 deckte eine weitere archäologische Untersuchung bei Mauer, unter der Leitung von Martin Obenaus, eine durch Bodenradar-Messungen bereits bekannte römische Villa Rustica auf. Münzen aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. untermauern die Datierung ebenso wie Dachziegelfragmente, mit denen die Gebäude abgedeckt waren. Ebenso gefunden wurden ein Schlüssel, Nägel, Münzen, Knochen und ein Ring.Stefan Groh: Castrum Ad Iuvense (?) Neue Forschungen zur norischen Binnenfestung von Mauer bei Amstetten. Die geophysikalischen Prospektionen 2014–2015, in: EPHEMERIS NAPOCENSIS XXVII 2017, S. 71–121.

Entwicklung Eduard Polaschek und Rudolf Noll vermuten aufgrund diverser Ziegelstempel, Terra-Sigillata-Keramik (Typ Lezoux und Rheinzabern) und Grabsteinen aus dem späten ersten und frühen 2. Jahrhundert n. Chr. ein Vorgängerkastell in trajanischer bzw. hadrianischer Zeit.Kurt Genser: 1986, S. 214. Abt Adalbert Dungel vertrat die Ansicht, dass dieses Kastell im Zuge der Markomannenkriege weiter ausgebaut bzw. vergrößert wurde. Bislang konnte aber bei den Grabungen kein Kastell dieser Zeitstellung bestätigt werden.

An einer bedeutenden West‑Ost‑Handelsroute gelegen, entwickelte sich ab dem 2. Jahrhundert eine Straßenstation samt umliegender Zivilsiedlung. Die Gebäudegrundrisse legen die Existenz einer Statio sowie eines Vicus aus Streifenhäusern nahe. Die Siedlungsentwicklung dürfte aber erst im Zuge der im letzten Drittel des 2. Jahrhunderts n. Chr. im nahen Lauriacum erfolgten Stationierung der legio II Italica einen größeren Anschub erfahren haben, oder überhaupt erst in dieser Zeit begonnen haben. Es ist unklar, ob die antike Siedlung bereits in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts zusätzlich mit einer Mauer umwehrt wurde. Eine ständige Präsenz der Armee ist für diese Zeit nicht nachweisbar, die Bewohner verfügten allerdings über einen Jupiter Dolichenus‑Tempel. Der Kult des Jupiter Dolichenus, welcher vor allem unter den Soldaten großen Anklang fand, breitete sich im Laufe des 2. Jahrhunderts in Noricum aus.Stefan Groh: Castrum Ad Iuvense (?) Neue Forschungen zur norischen Binnenfestung von Mauer bei Amstetten. Die geophysikalischen Prospektionen 2014–2015, in: EPHEMERIS NAPOCENSIS XXVII 2017, S. 92.