mini|hochkant=1.5|Das Ensemble Ackerhof 2/Ölschlägern im November 2024, nach fast abgeschlossener, mehrjähriger Generalsanierung. Der Ackerhof 2 (Assekuranznummer 2286) ist ein Fachwerkhaus im Magniviertel von Braunschweig und trägt auf einem schmucklosen Balken auf der Nordseite die Jahresangabe „Anno d[omi]ni m cccc xxxii“ (1432), was es zum ältesten durch eine Bauinschrift datierten Fachwerkgebäude der Stadt macht.Paul Jonas Meier und Karl Steinacker: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Braunschweig, 2., erw. Auflage, Braunschweig 1926, S. 80 Aufgrund eingehender bauhistorischer Untersuchungen kam der Bauhistoriker Elmar Arnhold 2004 in seinem Gutachten zu der Vermutung, es könne sich sogar um das älteste durch eine Inschrift datierte Fachwerkhaus Deutschlands handeln.Stadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 2
Geschichte mini|Restaurierte lateinische Jahresangabe „Anno d[omi]ni m cccc xxxii“ (Im Jahre des Herrn 1432) Die Traufseite des Fachwerkbaus ist der Westseite des Ackerhofes zugewandt, einem kleinen Platz im Magniviertel, der im Spätmittelalter eine wichtige Verteilerfunktion für die Verkehrs- und Handelsströme in der Stadt hatte.Wolfgang Kimpflinger: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen, Band 1.1.: Stadt Braunschweig, Teil 1, S. 138
Im Häuserbuch der Stadt Braunschweig ist für 1432 verzeichnet, dass es sich um „Borchard Smedes hus“Stadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 12 handele. Der Name des Eigentümers lässt vermuten, dass sich im Haus eine Schmiede befand. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das ursprünglich nicht unterkellerte Gebäude baulich stark verändert: Seit 1872 wechselten sich im Erdgeschoss unterschiedliche Ladengeschäfte ab; seit einigen Jahrzehnten wird in diesem eine Zoohandlung betrieben.
Auf der Nordseite befindet sich die mittlerweile stark beschädigte und in jüngerer Vergangenheit fehlerhaft übermalte sowie teilweise durch ein Regenrohr verdeckte Jahresangabe 1432. In Braunschweig sind Hausinschriften erstmals für das Jahr 1432 eben an diesem Gebäude nachgewiesen, darüber hinaus aus dem Jahre 1435 für das Haus „An der Alten Waage“ 2 und für 1444 für das Gebäude „Güldenstraße“ 2.Wilhelm Hansen, Herbert Kreft: Fachwerk im Weserraum, Niemeyer 1980, S. 141 Das älteste noch erhaltene, aber nicht durch eine Bauinschrift datierte Fachwerkhaus Braunschweigs ist das Gebäude „Spohrplatz“ 7, das Spohrhaus, das Geburtshaus des Musikers Louis Spohr. Sein Gebäudekern stammt aus dem Jahre 1356/57.
Heute umfasst das Gebäudeensemble „Ackerhof 2“, inklusive des Vorderhauses, insgesamt sechs verschiedene Baueinheiten, die mit ihren Fassaden zum einen auf die Straße Ölschlägern, zum anderen auf die Langedammstraße weisen. Im Einzelnen sind dies die Gebäude Ölschlägern 9 und 10 sowie Langedammstraße 11, 12 und 13. Sie stammen von 1517, 1645, 1647, 1740 sowie aus dem 19. Jahrhundert und bilden einen exemplarischen Querschnitt durch die Fachwerkarchitektur der vergangenen 600 Jahre in der Stadt.Stadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 3.
Eine im Jahr 2004 vorgenommene umfangreiche bauhistorische Untersuchung des Ensembles ergab, dass das Gebäude in seinem heutigen Zustand zwar stark verändert ist, in seiner baulichen Kernsubstanz jedoch tatsächlich aus dem Jahr 1432 stammt. Unter anderem wurde dazu das verbaute Holz zur Altersbestimmung dendrochronologisch untersucht.
Architektur miniatur|Vermuteter baulicher Zustand von Vorderhaus und Anbau Langedammstraße um 1432Elmar Arnhold & Sándor Kotyrba: Fachwerkarchitektur in Braunschweig, S. 17 (Rekonstruktionsversuch auf Grundlage der bauhistorischen Untersuchungsergebnisse von 2004).Stadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 11 miniatur|Um 1905: Im Erdgeschoss befinden sich zwei Ladengeschäfte. Der ursprüngliche Gebäudeeingang befindet sich noch immer mittig in der Ostfassade. Wie bei Braunschweiger Fachwerkbauten üblich, ist das nahezu quadratische, zweigeschossige Haus mit der etwa elf Meter langen Traufseite zur Straße hin, in diesem Fall zum Ackerhof, ausgerichtet. Die an das nächste Gebäude angrenzende Langseite misst ca. 12,5 m. Die Giebelseiten messen jeweils etwa acht Meter. Traufseitig sieht man zehn Ständerachsen bzw. neun Gefache, auf den Giebelseiten sieben Ständerachsen mit Abständen von ca. 1,2 m bis 1,4 m.Stadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 7 Das Obergeschoss mit seinen den Geschossboden bildenden, in ost-westlicher Richtung verlaufenden und rund 30 cm dicken Eichenbalken kragt um 50 cm über das Erdgeschoss hinaus auf den Ackerhof.Stadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 9 Dieses auskragende Obergeschoss diente mit hoher Wahrscheinlichkeit als Speicher. Die dazugehörigen Seilzugwinden, Warenaufzüge sowie Ladeluken sind heute nicht mehr vorhanden, konnten jedoch rekonstruiert werden (s. dazu den abgebildeten Rekonstruktionsversuch für das Jahr 1432). Das wohl aus dem 17., evtl. auch schon aus dem 16. JahrhundertStadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 20 stammende Zwerchhaus weist mit der Front ebenfalls auf den Ackerhof.
Bei einem Brand im Jahre 1774 wurde das Haus schwer beschädigt, blieb aber in seiner baulichen Kernstruktur erhalten.Während Kimpflinger 1993 davon ausging, dass das Haus „zerstört“ und anschließend „wiederaufgebaut“ wurde, wies Arnhold aber 2004 nach, dass „… im Gefüge des Vorderhauses wesentliche Bestandteile des spätmittelalterlichen Fachwerkbaus aus dem 15. Jh. erhalten …“ geblieben sind. (vgl. Wolfgang Kimpflinger: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Band 1.1.: Stadt Braunschweig, Teil 1. Hameln 1993, S. 5.) Dachkonstruktion, Balkenlage und Teile der Rückwand und Südseite sind nach Arnhold spätmittelalterlicher Originalbestand.Stadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 5 Die Rückwand, die aufgrund später errichteter Anschlussbauten heute nicht mehr frei sichtbar ist, wurde in Ständerbauweise ausgeführt, während beide Giebelseiten sowie die Seite zum Ackerhof in Stockwerkbauweise errichtet sind.
Baupläne aus dem Jahre 1872 zeigen noch die alte barocke Ostfassade des HausesStadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 23, bevor dieses im selben Jahr im Erdgeschoss umgebaut wurde, um Platz für ein erstes Ladenlokal (eine Schlachterei)Stadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 25 im südlichen Teil zu schaffen. Bei diesem Umbau wurde gleichzeitig das Geschoss angehoben, damit es mit einem Keller mit Preußischer Kappendecke unterkellert werden konnte.Wolfgang Kimpflinger: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen, Band 1.1.: Stadt Braunschweig, Teil 1, S. 139 Im Zuge dieser Veränderungen wurden auch die angrenzenden Gebäude auf dasselbe Niveau angehoben und ebenfalls unterkellert. Der ursprüngliche Gebäudeeingang, der sich mittig auf der Seite zum Ackerhof befand, blieb zunächst erhalten. Der Laden hatte drei Schaufenster. 1882 wurde auch die Nordhälfte der Ostfassade zu einem Ladengeschäft umgebaut, wobei die Gestaltung, inkl. der Fenster, an jene des ersten Geschäftes angepasst wurde. Im Jahre 1900 wurde das südliche Ladengeschäft umgestaltet, indem aus den drei Einzelfenstern ein einziges großes Schaufenster gemacht wurde (s. Aufnahme von um 1905). Noch heute sind innen an der südlichen Gebäudewand einige der Delfter Kacheln aus der Schlachterei erhalten. Durch weitere Umbaumaßnahmen seit dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sind die barocken Baustrukturen im Erdgeschoss vollkommen verschwunden. Seit 1872 wechselten sich unterschiedliche Ladengeschäfte ab. Die Aufteilung in zwei getrennte Geschäfte ist bis 1939 belegt.Stadt Braunschweig, Elmar Arnhold, Architekturbüro Schmidt S&P: Braunschweig – Ackerhof 2: Bauhistorische Untersuchung (Auszug), Braunschweig 2004, S. 26 In einer Bauaufnahme von 1968 zeigt sich jedoch die noch heute (2012) vorhandene Situation mit nur noch einem Ladengeschäft, das aus der Zusammenlegung der zwei kleinen entstand. Wann dies genau geschah, ob in den 1950er oder 1960er Jahren, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.
Bedeutung In ihrem 1906 erschienenen Standardwerk Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Braunschweig bezeichneten Paul Jonas Meier, damaliger Direktor des Herzoglichen Museums Braunschweig und Karl Steinacker, damaliger Leiter des Braunschweigischen Landesmuseums, das Gebäude Ackerhof 2 als Bauwerk mit der „älteste[n] erhaltenen oder wenigstens sichtbare[n] Datierung“ in Braunschweig.
Der Bauhistoriker Elmar Arnhold kam nach eingehenden Untersuchungen 2004 zu dem Urteil: „Es handelt sich meines Wissens um das älteste durch Inschrift datierte Fachwerkgebäude im norddeutschen Raum, möglicherweise sogar ganz Deutschlands.“
Zustand 2011
Sanierung und Restaurierung des Ensembles Ackerhof-Ölschlägern-Langedammstraße mini|Sommer 2021: Abgeschlossene Abrissarbeiten an zwei Häusern Ölschlägern mini|2021: Abstützmaßnahmen Langedammstraße Nachdem der Gebäudekomplex am 27. Februar 2013 den Eigentümer gewechselt hatte, plante dieser (die Borek Immobilien GmbH & Co. KGAckerhof-Ensemble in Braunschweig soll Ende 2023 fertig sein. In: Braunschweiger Zeitung vom 19. April 2023.), die Gebäude vollständig sanieren und restaurieren zu lassen, um sie anschließend einer Neunutzung (evtl. Erlebnisgastronomie und fünf Mietwohnungen) zuführen zu können. Dafür wurden Fördermittel bei der Stadt Braunschweig und beim Land Niedersachsen beantragt. Dieser Antragsprozess zog sich – u. a. Corona-bedingt – über einen Zeitraum von 2013 bis 2021 hin und wurde schließlich abgelehnt.Norbert Jonscher: Bund gibt keine Fördermittel für Magni-Häuser. In: Braunschweiger Zeitung vom 6. Oktober 2014.
Nachdem das aus fünf verschiedenen Fachwerkhäusern bestehende Ensemble acht Jahre lang leer stand und der Witterung ausgesetzt war und sich dadurch immer weiter um sich greifende Schäden an der Bausubstanz zeigten, wurde 2021 schließlich damit begonnen, die Häuser zu entkernen sowie – in Abstimmung mit der Denkmalpflege – zwei Ölschlägern stehende Fachwerkhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert (aber zum Komplex Ackerhof 2 gehörend), aufgrund irreparabler Schäden an der Bausubstanz, abzureißen.Norbert Jonscher: Braunschweiger Ackerhof: Neue Häuser auf 32 Mirkopfählen. In: Braunschweiger Zeitung vom 26. Juli 2021.