mini|Die ehemalige Klosterkirche, 1726 barock umgebaut, heute Schlosskirche Seußlitz Das Klarissenkloster Seußlitz war ein Kloster der Klarissen in Seußlitz, heute ein Teil von Diesbar-Seußlitz in der Gemeinde Nünchritz im Landkreis Meißen (Sachsen). Markgraf Heinrich der Erlauchte stiftete es 1268 an der Stelle eines älteren markgräflichen Hofes; 1271 war der Bau so weit gediehen, dass der Konvent einziehen konnte. Das reich ausgestattete Adelskloster diente mehreren Angehörigen des Hauses Wettin als Aufenthalts- und Begräbnisort; mit Beatrix von Meißen (1365–1399) und Margarete von Sachsen (1461–1491/98) standen ihm zwei Fürstentöchter des Landesherrenhauses als Äbtissin vor. 1429 wurde es im Hussitenkrieg zerstört und wieder aufgebaut, 1539/41 im Zuge der Reformation aufgehoben. Sein Besitz fiel teils an die 1543 gegründete Landesschule St. Afra in Meißen, teils an private Käufer. Auf den Klostergebäuden entstand ab 1722 das Barockschloss Seußlitz. Vom mittelalterlichen Bestand haben sich die Umfassungsmauern der Klosterkirche, ein spitzbogiges Tor und mehrere Grabplatten erhalten.
Name Die ältere landesgeschichtliche Literatur bezeichnet die Gemeinschaft schlicht als Kloster Seußlitz beziehungsweise als „Nonnenkloster St. Claren-Ordens zu Seußlitz“;Otto Richter: Geschichte der Stadt Dresden. Erster Theil: Dresden im Mittelalter. Wilhelm Baensch, Dresden 1900.Cornelius Gurlitt: Amtshauptmannschaft Großenhain (Land) (= Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Heft 37). Dresden 1914. in den Urkunden erscheint der Ort als Suseliz, Suselicz, Suzelicz oder Zuzelicz. Die verbreitete Benennung als „Kloster St. Afra“ ist in dieser Literatur nicht nachweisbar; sie dürfte auf eine Verwechslung mit der Meißner Landesschule St. Afra zurückgehen, der 1541 der nicht veräußerte Klosterbesitz zugewiesen wurde.
Geschichte Vorgeschichte Seußlitz erscheint 1205 erstmals urkundlich; damals war der Ort Sitz eines gleichnamigen Adelsgeschlechts. 1226 wurde die Burg Seußlitz durch den thüringischen Landgrafen gebrochen. Später gelangte der Besitz an die Markgrafen von Meißen: Heinrich der Erlauchte hielt seit 1256 wiederholt Hof in Seußlitz und stellte dort zahlreiche Urkunden aus; neben Seußlitz nutzte er vor allem Tharandt und Meißen als Aufenthaltsorte.
Bereits 1255 war eine Klostergründung in Seußlitz geplant, die jedoch nicht zustande kam; die neuere Forschung führt sie als eigenständiges Vorhaben („Seußlitz I“). In diesen Zusammenhang gehört eine Bulle Papst Alexanders IV. (1254–1261), die die Einkünfte der Seußlitzer Kirche als ausreichend zum Unterhalt mehrerer Kleriker bezeichnet.
Gründung 1268 Am 10. Oktober 1268 starb Heinrichs zweite Frau Agnes, eine Tochter des böhmischen Königs Wenzel I. Unmittelbar danach stiftete der Markgraf in Seußlitz ein Kloster der Klarissen. Die Gründung erfolgte zusammen mit der des Zisterzienserklosters Neuzelle und war dem Gedenken an die verstorbene Markgräfin gewidmet. Als Anregung gilt das 1234 in Prag gegründete Klarissenkloster, dessen Stifterin Agnes von Böhmen eine Tante der Markgräfin war.
Heinrich übertrug dem Orden Schloss und Dorf Seußlitz und stattete das Kloster mit den Dörfern Reinersdorf, Stauda, Zehren, Altlommatzsch und Neuseußlitz sowie der Pflege Schrebitz aus; hinzu kam das Recht der freien Schifffahrt auf der Elbe. Die Päpste Gregor X. (1274) und Martin IV. (1283) sowie König Rudolf I. (1277) bestätigten die Stiftung. Nach älterer Angabe war der Bau nach zehn Jahren vollendet; Gurlitt zufolge konnten die Nonnen bereits 1271 einziehen. Eine im Umfeld des Konvents entstandene Aufzeichnung setzt den Einzug der ersten Nonnen in das Jahr 1272 (anno domini MCCLXXII domine intraverunt claustrum Suselicz).Otto Posse: Die Wettiner. Genealogie des Gesammthauses Wettin Ernestinischer und Albertinischer Linie. Giesecke & Devrient, Leipzig/Berlin 1897. Zur Finanzierung zog der Markgraf auch die Stadt Dresden heran: Mit Begnadungsbrief vom 19. November 1271 befreite er sie gegen eine Beisteuer von zehn Mark Silber zum Seußlitzer Klosterbau für immer vom landesherrlichen Marktzoll.
Besitz und Rechte Das Kloster war reich begütert. Das Patronat über die Seußlitzer Pfarrkirche, das Heinrich der Erlauchte zunächst dem Kloster Altzella überlassen hatte, tauschte er zugunsten des neuen Konvents zurück. Zur Erstausstattung gehörten außerdem das Patronat über die Dresdner Frauenkirche und das Dresdner Maternihospital; beide hatte der Markgraf dem Kloster geschenkt.
Das Patronat über die Frauenkirche ging 1316 an den Bischof von Meißen über und fiel 1404 an die Landesherren zurück. Als Ausgleich wurden dem Kloster 1316 die Pfarrkirchen in Seußlitz und in Zehren inkorporiert; bis ins 16. Jahrhundert unterstanden ihm zudem die Kirchen beziehungsweise Kapellen zu Reinersdorf, Schrebitz und Merschwitz.Wolfgang Huschner: Äbtissin versus Pfarrer. Konflikte um inkorporierte Pfarrkirchen der Klarissenklöster Ribnitz und Seußlitz. In: Alexander Sembdner, Christoph Volkmar (Hrsg.): Nahaufnahmen. Landesgeschichtliche Miniaturen für Enno Bünz zum 60. Geburtstag (= Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde. Band 67). Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2021, ISBN 978-3-96023-409-8. Das Maternihospital trat der Konvent am 6. Januar 1329 unter der Äbtissin Agathe mit landesherrlicher Genehmigung gegen einen vorbehaltenen Jahreszins von 20 Pfund erblich an den Rat der Stadt Dresden ab; ausschlaggebend waren die Schwierigkeit, das Hospital von Seußlitz aus zu verwalten, und das Interesse des Rates an der begüterten Anstalt.
Eine Urkunde des Bischofs von Meißen von 1352 belegt, dass dem Kloster das Kirchlehen in allen ihm gehörigen Dörfern zustand. 1356 übereignete Markgraf Friedrich III. der Strenge dem Kloster für die Zeit nach dem Tod des amtierenden Pfarrers Hartmann die Pfarrei Oschatz mit allem bisher ihm und seinen Vorfahren zustehenden Zubehör; die Einkünfte sollten zunächst seinen im Kloster lebenden Schwestern Beatrix und Anna und erst nach deren Tod dem gesamten Konvent zufließen. Am 20. Oktober 1387 wurde die Abgabe unter der Äbtissin Beatrix neu geregelt; der Oschatzer Pfarrer blieb dem Kloster bis 1537 abgabepflichtig.
1382 erwarb das Kloster die Vorwerke Porschütz und Wyseroda, unter der Äbtissin Margarethe, Herzogin von Sachsen, kam das Vorwerk Kmeben hinzu, später die Dörfer Gohlis und Niedermuschitz. Zum Klosterbesitz zählte auch die Barfußmühle in Leipzig, die 1503 für 1200 Taler verkauft wurde.
Konvent Seußlitz war ein Adelskloster und insbesondere Konvent der Frauen des Hauses Wettin; sein Besitz wuchs durch fortgesetzte Schenkungen, Gerechtsame und Befreiungen. Urkundlich belegt ist, dass in Seußlitz Franziskaner lebten, die den Nonnen zu geistlichen Dienstleistungen verpflichtet waren; sie werden zwischen 1288 und 1463 wiederholt genannt.
Ordensrechtlich gehörte das Kloster zum Zuständigkeitsbereich der Sächsischen Franziskanerprovinz, die sich im 15. Jahrhundert in die Richtungen der Konventualen, der Martinianer und der Observanten aufspaltete. Seußlitz geriet in die Auseinandersetzungen um die Ordensreform, blieb aber – ebenso wie das Klarissenkloster Weißenfels – unreformiert. Der Konvent behielt damit den Charakter eines adligen Damenstifts franziskanischer Prägung, in dem Armutsgelübde und strenge Klausur nur in gemilderter Form galten; erst dies machte den standesgemäßen Aufenthalt hochadliger Frauen möglich. Reformiert wurden Seußlitz und Weißenfels erst durch den Provinzialminister Ludwig Henning während dessen Amtszeit von 1507 bis 1515, und zwar auf Veranlassung Herzog Georgs des Bärtigen, der auch später auf der Einhaltung der Reform bestand.
Für die Zeit zwischen 1277 und 1543 sind dreizehn Äbtissinnen namentlich überliefert. Die Herkunft der ersten drei ist unbekannt; von den zehn übrigen entstammten acht dem Adel und nur zwei dem landesherrlichen Haus. Namentlich bekannt sind unter anderem Mechthild (1289) und Adelheid (1300–1316), Agathe (1329), Katharina von Dohna (bis um 1364), Beatrix, eine Tochter Markgraf Friedrichs II. des Ernsthaften, die von 1365 bis 1399 amtierte, Margarethe, Herzogin von Sachsen, sowie Barbara von Haugwitz als letzte Äbtissin. Beatrix und Margarethe sind zugleich die beiden Amtsinhaberinnen aus dem Landesherrenhaus.
Äbtissin Beatrix von Meißen
Beatrix (* 1. September 1339 auf der Wartburg; † 25. Juli 1399 in Seußlitz), eine Tochter Markgraf Friedrichs II. des Ernsthaften, wurde 1350 als Elfjährige in Seußlitz eingekleidet; ihre jüngere Schwester Anna war bereits 1345 als Kleinkind in den Konvent gebracht worden. Beide Fürstentöchter erhielten im Kloster eine eigene, von der Landesherrschaft finanzierte Pfründe: 1356 die Einkünfte der Pfarrei Oschatz, 1363 einen Jahreszins von 20 Schock 14 Groschen in der Hayner Pflege.
Wann Beatrix zur Äbtissin gewählt wurde, ist nicht überliefert; der Vorgang lässt sich aus der Amtsbestätigung erschließen, die Papst Urban V. ihr am 9. Mai 1365 ausstellte. Danach hatte der Papst auf Bitten der früheren Äbtissin Katharina von Dohna kurz zuvor das alleinige Recht zur Ernennung der Seußlitzer Äbtissin an sich gezogen; Katharina gab das Amt in die Hände Ulrichs, des Provinzialministers der Franziskaner in der Provinz Saxonia, zurück, worauf der Konvent in Unkenntnis der Reservation Beatrix wählte und der Provinzialminister die Wahl bestätigte. Der Papst sanierte den Vorgang, um das Kloster nicht einer langen Vakanz auszusetzen. Die Urkunde belegt zugleich die ordensrechtliche Zuständigkeit des sächsischen Provinzialministers für die Bestätigung der Äbtissin und überliefert mit Katharina von Dohna eine Amtsvorgängerin, die in den bisherigen Äbtissinnenreihen fehlt.
Aus der mindestens 34-jährigen Amtszeit hat sich eine dichte Reihe von Rechtsgeschäften erhalten, in denen Beatrix regelmäßig als „Schwester der Fürsten von Meißen“ erscheint. Sie erwarb unter anderem 1382 das Vorwerk Porschütz aus der Hand ihrer Brüder und Neffen sowie das Vorwerk zu Merschwitz, regelte am 20. Oktober 1387 gemeinsam mit der Vikarin Gertrud und dem Konvent die Abgabe des Oschatzer Pfarrers neu und trat noch am 29. Juni 1399 als Käuferin auf – knapp vier Wochen vor ihrem Tod. Ihre Stellung als Schwester der regierenden Markgrafen begünstigte den Zufluss landesherrlicher Zuwendungen und sicherte dem Haus Wettin zugleich unmittelbaren Einfluss auf das Kloster. Beatrix starb 1399 in Seußlitz und wurde in der Klosterkirche bestattet.
Äbtissin Margarete von Sachsen
Am besten bezeugt ist unter den spätmittelalterlichen Vorsteherinnen Margarete von Sachsen, eine Tochter des Kurfürsten Friedrich II. Nach dem Chronicon terrae Misnensis übergab ihr Vater sie am Margaretentag 1459 im Alter von fünfzehn Jahren dem Seußlitzer Konvent „zum Dienst an Gott“ (deo serviendam); ihre jüngere Schwester Hedwig war ein Jahr zuvor Äbtissin von Quedlinburg geworden. Die geistliche Versorgung nachgeborener Fürstentöchter ersparte dem Haus Wettin eine standesgemäße Mitgift und sicherte ihm zugleich Einfluss auf ein Kloster, das als Grablege der Stifterfamilie ohnehin eng an die Dynastie gebunden war.
Ein Schreiben des Franziskanerprovinzials Matthias Döring belegt, dass Margarete bereits 1461 Äbtissin war; urkundlich ist das Amt seit 1463 nachgewiesen. Sie übernahm die Leitung des Klosters demnach mit etwa siebzehn bis neunzehn Jahren. Der letzte von der genealogischen Forschung ermittelte Beleg stammt vom 30. September 1491; neuere Darstellungen nennen als spätesten Nachweis den 19. November 1498. Ihre Amtszeit umfasste damit mindestens drei Jahrzehnte und fiel in die Jahre, in denen der Konvent noch mit den Folgen der Zerstörung von 1429 befasst war.