Marie-Luise Heuser (auch Heuser-Keßler; * 7. Juni 1954 in Bensberg) ist eine deutsche Philosophin.
Leben Heuser studierte Philosophie, Geschichte, Physik und Mathematik. Während ihres Studiums arbeitete sie als wissenschaftliche Hilfskraft des Technikhistorikers Wolfgang König im Verein Deutscher Ingenieure.Ein Ergebnis dieser Tätigkeit war ihre Mitarbeit an dem Band: Technik, Ingenieure und Gesellschaft. Geschichte des Vereins Deutscher Ingenieure 1856–1981, Düsseldorf 1981 (VDI-Verlag) (Co-Autor). Nach dem Ersten Staatsexamen folgte die Promotion bei Wolfram Hogrebe und Alois Huning an der Universität Düsseldorf mit einer Arbeit zu Schellings Naturphilosophie und das neue Paradigma der Selbstorganisation in den Naturwissenschaften. Ab 1986 lehrte sie an den Universitäten Düsseldorf und Heidelberg. Von 1993 bis 1995 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich 230 Natürliche Konstruktionen der Universität Stuttgart zusammen mit Hermann Haken, Arne Wunderlin und Frei Otto, wo sie die Geschichte des Begriffs der Selbstorganisation erforschte. Im Universitätsklinikum Düsseldorf erarbeitete Heuser die Psychiatriegeschichte der Düsseldorfer Klinik vor dem Hintergrund der allgemeinen Psychiatriegeschichte.Siehe z. B. Marie-Luise Heuser u. Frank Sparing (Hrsg.): Erbbiologische Selektion und „Euthanasie“. Psychiatrie in Düsseldorf während des Nationalsozialismus, Essen (Klartextverlag) 2001.
Von 2002 bis 2015 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Philosophie der Technischen Universität Braunschweig. Dort leitete sie von 2005 bis 2010 das transdisziplinäre Projekt „Kultur und Raumfahrt“, in dem über sechzig Referenten ein deutschlandweites, breites Spektrum aus den Kultur- und Raumfahrtwissenschaften vertraten sowie Künstler und Literaten sprachen.https://www.kultur-raumfahrt.de/reihe/ Zusammen mit der Kunstwissenschaftlerin Annette Tietenberg und Ingrid Schmidt-Winkeler, der Nachlassverwalterin Charles Wilp, kuratierte sie 2008 die Ausstellung „Zero G – der Artronaut Charles Wilp“ im Glaskubus der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig.http://imperia.hbk-bs.de/hbk/forschung/forschungsprojekte/zeroalt/index.php; https://www.hbk-bs.de/hochschule/mitarbeiterinnen/dr-annette-tietenberg/. Siehe auch die Fotos zur Ausstellung: https://www.kultur-raumfahrt.de/reihe/bilder/ sowie den Essay von Thomas Wagner: Zero G oder Der Rausch der Schwerelosigkeit. In: Stylepark. 14. November 2008 (stylepark.com) und den Artikel von Manfred Schwarz: Die Höhenflüge des Charles Wilp – WamS vom 2. November 2008. Begleitend zur Ausstellung fanden zwei Tagungen statt: „Planetarische Perspektiven“ und „Das Raumschiff“.https://www.kultur-raumfahrt.de/reihe/programm//
Von 2015 bis 2020 leitete sie am Institut für Raumfahrtsysteme der Technischen Universität Braunschweig die neu gegründete Arbeitsgruppe Kultur und Raumfahrt. Dort erforschte sie die Ideengeschichte und Philosophie der Raumfahrt seit der Antike und bot dazu Lehrveranstaltungen fachübergreifend für die Fakultät für Maschinenbau und die Fakultät für Geistes- und Erziehungswissenschaften an.
Nachdem sie 2004 den internationalen Kooperationskreis Kultur und Raumfahrt gegründet hatte, ist sie seit 2010 Geschäftsführerin der Gesellschaft für Kultur und Raumfahrt e. V.Kultur und Raumfahrt
2020 übernahm sie zudem die Leitung des Fachausschusses für Raumfahrt und Kultur in der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt e. V. (DGLR)Fachausschuss Raumfahrt und Kultur im DGLR
2022 wurde sie Head of the Space Philosophy Laboratory in der Space Renaissance Academy. 2023 wurde sie zur Direktorin der Abteilung Space Philosophy in den Vorstand der Gesellschaft Space Renaissance International (SRI) gewählt.https://spacerenaissance.space/board/ Seit Juni 2024 hatte SRI einen zunächst auf drei Jahre befristeten Beobachterstatus beim United Nations Committee for the Peaceful Uses of Outer Space (COPUOS) in Wien mit Heuser als einer der Delegierten.https://spacerenaissance.space/press-release-space-renaissance-international-achieves-observer-status-at-u-n-copuos/ Seit dem 2. Juli 2025 hat SRI einen permanenten Beobachterstatus beim UN COPUOS, Heuser ist weiterhin eine ihrer Delegierten.Öffentlich verkündet während der 68. Session des UN COPUOS, die vom 25. Juni bis zum 2. Juli 2025 in Wien stattfand: https://www.unoosa.org/oosa/en/ourwork/copuos/2025/index.html
Heuser hat zwei Töchter.
Werk Bekannt wurde Heuser durch ihre Arbeiten zu Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, dessen dynamistische Naturphilosophie sie in Bezug zu den Selbstorganisationsmodellen der modernen Physik setzte.Marie-Luise Heuser: Die Produktivität der Natur. Schellings Naturphilosophie und das neue Paradigma der Selbstorganisation in den Naturwissenschaften, Berlin (Duncker & Humblot) 1986, ISBN 3-428-06079-2. Siehe auch ihren englischen Beitrag Schelling’s Concept of Selforganization, in: R. Friedrich/A. Wunderlin (ed.), Evolution of dynamical structures in complex systems, Springer Proceedings in Physics, Berlin/Heidelberg/New York (Springer) 1992, S. 395–415. Die Rezensionen und internationalen Bezugnahmen auf ihre Arbeit heben hervor, dass die Naturphilosophie Schellings damit eine neue Lesart erhalten hat.So schrieb beispielsweise Andrew Bowie in Schelling and Modern European Philosophy, London/New York 1993, S. 34: "In her account of Schelling's Naturphilosophie, Marie-Luise Heuser-Kessler makes an important distinction between 'self-organization' and 'self-reproduction' (...)." Und S. 38: "Heuser-Kessler has made the implications of these thoughts particulary clear in relation to Prigogine (...)." Damit gewann Schellings Naturphilosophie, die im Kontext eines mechanistischen Naturverständnisses vergessen und nicht mehr verstanden wurde, neue Geltung und Aktualität.Siehe z. B.: Alois Huning, Selbstorganisation der Materie. Zur langen Tradition einer modernen Theorie, in: VDI-Nachrichten, 6. Februar 1987, S. 14. Peter Eisenhardt, Schellings Naturphilosophie und das neue Paradigma der Selbstorganisation in den Naturwissenschaften, in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, (1988) 1, S. 71–75. Guenter Küppers, Die Produktivität der Natur, in: Quarterly Review of Biology, 63 (1988) 2, S. 256–257. Emilio G. Estébanez, Die Produktivität der Natur, in: Estudios Filosoficos, 106 (1988) 37, S. 618–619. Erich Mende, Die Neubewertung von Schellings Naturphilosophie, in: Philosophischer Literaturanzeiger, 41 (1988) 3, S. 309–312. Rainer Beer, The Produktivity of Nature. Schelling’s Natural Philosophy and the New Paradigma of Self-Organization in the Sciences, in: Philosophy and History, (1989) 1, S. 16–18. Engelbert Schramm, Die Produktivität der Natur, in: Sudhoffs Archiv, 73 (1989) 2. Hermann Braun, Ein Bedürfnis nach Schelling, in: Philosophische Rundschau, 37 (1990) 4, S. 321–32. Ihre Forschungen haben in jüngster Zeit auch in der englischsprachigen Philosophie zu einer Schelling-Renaissance beigetragen. Ihre Entdeckung, dass das Konzept „Selbstorganisation“, vermittelt über die Tradition der schellingianischen Kristallographie, in die Begründung der modernen Mathematik und von dort in die moderne Physik gewandert ist, gewinnt dabei zunehmend an Aufmerksamkeit.
Ihre Arbeiten zur Philosophie und den Wissenschaften in der Renaissance, die sie parallel zu ihren Schelling-Studien durchführte,Siehe beispielsweise Marie-Luise Heuser, Transterrestrik in der Renaissance: Nikolaus von Kues, Giordano Bruno und Johannes Kepler. In: M. Schetsche, M. Engelbrecht (Hrsg.): Von Menschen und Ausserirdischen. Transterrestrische Begegnungen im Spiegel der Kulturwissenschaft. Bielefeld (transcript Verlag) 2008, S. 55–79. betrafen zum Beispiel frühe „Science Fiction“ wie in Keplers Somnium oder Giordano Brunos virtuelle Raumfahrten in De Immenso.Marie-Luise Heuser, Raumontologie und Raumfahrt um 1600 und um 1900. Tübingen 2016: hier. Zitiert zum Beispiel in: Jörg Hartmann, Träumen Astronomen vom Mann im Mond? Keplers „Somnium“ (1634) und Méliès „La lune à un mètre“ (1898) im geopoetischen Vergleich: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/69382; und zitiert in: Landfester, U., Remuss, N.-L., Schrogl, K.-U., Worms, J.-C. (Hrsg.): Humans in Outer Space, Wien / New York (Springer-Verlag) 2011, S. 168–169. 1991 fand sie, dass Keplers Buch Neujahrsgabe oder vom sechseckigen Schnee, in der die regelmäßige Gestalt von Schneekristallen auf Minimumprinzipien und dichte regelmäßige Kugelpackungen zurückgeführt wird, in dieser Hinsicht und bis in die verwendeten Graphiken hinein wahrscheinlich von Giordano Brunos Geometriekonzept und Minimumlehre beeinflusst wurde.Marie-Luise Heuser, Maximum und Minimum: Zu Brunos Grundlegung der Geometrie in den Articuli adversus mathematicos und ihre weiterführende Anwendung in Keplers Neujahrsgabe oder vom sechseckigen Schnee, in: K. Heipcke, W. Neuser, E. Wicke (Hrsg.), Die Frankfurter Schriften Giordano Brunos und ihre Voraussetzungen, Weinheim 1991, S. 181–197.Miguel A. Granada: Kepler and Bruno on the infinity of the universe and of solar systems, Journal for the History of Astronomy, 2008, S. 490f, Fußnote 50. Online
Für ihre Arbeit erhielt sie 1990 den Forschungspreis NRW. Aktuell arbeitet sie zur Philosophie der Raumfahrt und ihrer geschichtlichen Entwicklung seit der Antike. Die Schwerpunkte ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit liegen in der Metaphysik, der Natur- und Wissenschaftsphilosophie, der Kultur- und Technikphilosophie sowie der Ästhetik.
Auszeichnungen „Forschungspreis NRW“, 1990 verliehen durch die Ministerin für Wissenschaft und Forschung des Landes NRW Lise-Meitner-Stipendium des Landes NRW European Union Intellectual Property Office (EUIPO) am 7. Juli 2022: Würdigung des von ihr geprägten Begriffs „Transterrestrialism“ als ihr geistiges Eigentum und Eintragung als Wortmarke unter der Application Number #018674730https://euipo.europa.eu/eSearch/#basic/1+1+1+1/100+100+100+100/transterrestrialism European Union Intellectual Property Office (EUIPO) am 12. November 2022: Würdigung des von ihr geprägten Begriffs „Space Poetry“ als ihr geistiges Eigentum und Eintragung als Wortmarke unter der „Owner ID number“ 1293645https://euipo.europa.eu/eSearch/#basic/1+1+1+1/100+100+100+100/Space%20Poetry European Union Intellectual Property Office (EUIPO) am 2. Juli 2026: Würdigung des von ihr geprägten Begriffs „Space Romanticism“ als ihr geistiges Eigentum und Eintragung als Wortmarke unter der „Owner ID number“ 019323675https://euipo.europa.eu/eSearch/#basic/1+1+1+1/100+100+100+100/Space%20Romanticism
Schriften (Auswahl) Die Produktivität der Natur. Schellings Naturphilosophie und das neue Paradigma der Selbstorganisation in den Naturwissenschaften. Berlin (Duncker & Humblot) 1986, ISBN 3-428-06079-2. Schellings Organismusbegriff und seine Kritik des Mechanismus und Vitalismus. In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 14.2, 1989, 17–36. Zur Kritik gegenwärtiger Selbstorganisationstheorien. In: Paul Weingartner, Gerhard Schurz (Hrsg.), Philosophy of the Natural Sciences. Proceedings of the 13th International Wittgenstein-Symposium, 14th to 21st August 1988, Kirchberg/Wechsel (Austria). Selected Papers, (= Schriftenreihe der Wittgenstein-Gesellschaft, Vol. 17), Wien (Hölder, Pichler, Tempsky) 1989, 246–249. ISBN 3-209-00861-2. Wissenschaft und Metaphysik. Überlegungen zu einer allgemeinen Selbstorganisationstheorie. In: W. Krohn, G. Küppers (Hrsg.): Selbstorganisation. Aspekte einer wissenschaftlichen Revolution. Braunschweig/Wiesbaden (Vieweg) 1990, 39–66. Georg Cantors transfinite Zahlen und Giordano Brunos Unendlichkeitsidee. In: 'Selbstorganisation. Jahrbuch für Komplexität in den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Herausgegeben von Uwe Niedersen, Bd. 2: Der Mensch in Ordnung und Chaos. Berlin (Duncker & Humblot) 1991, 222–244.