Il pastor fido (englisch: The faithful shepherd; HWV 8a-c) ist eine Oper (Opera seria) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Die erste Fassung der Oper (HWV 8a) wurde am 2. November 1712 im Queen’s Theatre am Haymarket in London uraufgeführt. Die zweite Fassung (HWV 8c; sic !) erlebte ihre Premiere am 18. Mai 1734 am selben Ort (umbenannt in King’s Theatre). Für die dritte Fassung (HWV 8c; sic !) fügte Händel unter anderem den Prolog Terpsicore (HWV 8b) hinzu; in dieser Form war das Werk zum ersten Mal am 9. November 1734 zu erleben.Die dritte Fassung besteht laut Baselt also aus 8b und 8c, obwohl Händel Änderungen und Zusätze der zweiten Fassung auch in der eigentlichen Oper machte. Logischer wäre HWV 8b für die zweite und HWV 8c für die dritte Fassung (samt Prolog). Zur merkwürdigen und nicht ganz logischen Nummerierung im HWV, siehe: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 3-7618-0610-8), S. 111, 117 und 119.

Die Handlung ist eine vereinfachte Version von Giovanni Battista Guarinis berühmter „Tragicomedia pastorale“ Il pastor fido von 1585.

Entstehung Erste Fassung Nach dem großen Erfolg seiner ersten Londoner Oper Rinaldo (UA: 24. Februar 1711) ging Händel im Juli 1711 wieder nach Hannover, um seinen Pflichten als Kapellmeister des Kurfürsten Georg Ludwig nachzukommen. Dort verbesserte er nebenbei seine EnglischkenntnisseDavid Vickers (deutsche Übersetzung: Ingeborg Neumann): Il pastor fido, Oper in drei Akten HWV 8a, Erste Fassung 1712. Booklettext zur CD-Einspielung: Harmonia Mundi 907585.86 (2012), S. 25 und kehrte im Herbst 1712 mit der Erlaubnis seines Dienstherren nach England zurück, „mit dem Bedinge, sich nach Verlauff einer geziemenden Zeit wieder einzustellen“ (Mainwaring/Mattheson).Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 57.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 66–67.

Der genaue Zeitpunkt seiner Ankunft ist nicht bekannt,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 215 aber ab Oktober 1712 war Händel nachweislich wieder in London und beendete dort am 24. Oktober die Komposition seiner neuen Oper Il pastor fido, wie er am Ende des dritten Aktes notierte: „Fine dell Atto terzo | G F H | Londres | ce 24 d’Octobr v.st. | 1712“ („v.st.“ = „vieux style“ ist der Hinweis auf den noch bis 1752 in England gültigen Julianischen Kalender). Es ist das früheste Autograph Händels mit einer erhaltenen genauen Datierung.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 223. Eine offene Frage ist, ob er mit der Komposition eventuell bereits in Hannover oder zumindest auf der Reise begonnen hatte – dazu müsste er natürlich irgendwie in Kontakt mit dem Librettisten Giacomo Rossi gestanden haben, mit dem er schon an Rinaldo zusammengearbeitet hatte.

Wahrscheinlich wählte Händel (und Rossi) für seine zweite Londoner Oper aus Gründen der Abwechslung und Vielfalt ein Sujet des pastoralen Genres; die direkt im Anschluss entstandene dritte, Teseo, sollte dagegen wieder eine heroische Zauberoper werden.David Vickers (deutsche Übersetzung: Ingeborg Neumann): Il pastor fido, Oper in drei Akten HWV 8a, Erste Fassung 1712. Booklettext zur CD-Einspielung: Harmonia Mundi 907585.86 (2012), S. 26 Es hat den Anschein, dass Il pastor fido in Eile entstand,„…the opera shows every sign of being a hurried job“. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 215 worauf auch die Tatsache hindeuten könnte, dass Händel mehr als die Hälfte der Musik aus früheren Werken entlehnte;Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 213.Baselt hat die Ursprünge von nur 13 Arien als Entlehnungen identifiziert: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 126–127. dabei war Rossi sogar bereit, schon bestehende Arien in den Text zu integrieren.Sabine Ehrmann-Herfort: Il pastor fido (HWV 8a-c), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 66.

In der Uraufführung am 22. November 1712 im Londoner Queen’s Theatre sangen: Mirtillo – Valeriano Pellegrini, genannt „Valeriano“ (Soprankastrat) Amarilli – Elisabetta Pilotti-Schiavonetti (Sopran) Eurilla – Margherita de l’Épine, genannt „La Margherita“ (Sopran) Silvio – Valentino Urbani, genannt „Valentini“ (Altkastrat) Dorinda – Jane Barbier (Alt) Tirenio – Richard Leveridge (Bass)

Die Oper gilt als Misserfolg, zumindest konnte sie sich nicht mit dem Erfolg des Rinaldo messen und kam insgesamt nur auf sieben Vorstellungen.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 58. Ein Grund dafür mag die bescheidene Inszenierung mit alten Kostümen und Kulissen gewesen sein, die etwa gleichzeitig auch in einem Pasticcio namens Dorinda verwendet wurden.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 215–216 Das fälschlicherweise Francis Colman zugeschriebene Opera Register berichtete:

Zweite Fassung mini|hochkant|Der Mezzosopranist Giovanni Carestini mini|hochkant|Anna Maria Strada Porträt von Johannes Verelst, 1732 Nach über 20 Jahren, im Frühjahr 1734, gegen Ende der zweiten Royal Academy of Music, besann sich Händel wieder auf seinen Il pastor fido und machte eine „gründliche“ Revision, auch mit Hinblick auf sein aktuelles Sängerensemble. Dabei blieb die Handlung erhalten, aber das Ergebnis ist eigentlich ein ganz anderes Werk, ein Pasticcio, das nur noch zu etwa einem Viertel mit der ersten Fassung des Pastor fido übereinstimmt. Der Rest stammt aus verschiedenen jüngeren Bühnenwerken Händels,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 217–219 (siehe auch Table 3 !).Sabine Ehrmann-Herfort: Il pastor fido (HWV 8a-c), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 68. woraus nicht zuletzt auch eine gewisse Modernisierung resultierte.

Eine wichtige Änderung bei den Gesangspartien betrifft die Partie des Silvio, der nun nicht mehr von einem Alt, sondern von dem Soprankastraten Carlo Scalzi gesungen wurde. Die beiden Partien von Mirtillo und Amarilli wurden für die beiden virtuosen Stars Giovanni Carestini und Anna Maria Strada del Pò aufgewertet, während die dramaturgisch wichtige und im Original auch musikalisch bedeutende Rolle der Eurilla für die alternde Margherita Durastanti verkleinert wurde.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 217

Die Premiere der zweiten Fassung von Il pastor fido fand am 18. Mai 1734 im King’s Theatre am Haymarket statt. Es sangen: Mirtillo – Giovanni Carestini, genannt „Il Cusanino“ (Mezzosoprankastrat) Amarilli – Anna Maria Strada del Pò (Sopran) Eurilla – Margherita Durastanti (Sopran) Silvio – Carlo Scalzi, genannt „Il Cichione“ (Soprankastrat) Dorinda – Maria Caterina Negri (Alt) Tirenio – Gustavus Waltz (Bass)

Laut Dean und Knapp gab es 13 Vorstellungen bis zum 6. Juli;Laut Händel-Handbuch 4 waren es 15 Vorstellungen bis 15. Juli, von denen jedoch zwei laut Dean/Knapp nicht stattfanden (siehe dazu folgenden Beleg). Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 241. bei der letzten Vorstellung war Händels ehemalige Schülerin und Freundin Prinzessin Anne anwesend, zu deren Hochzeit mit Wilhelm IV. von Oranien, am 14. März des Jahres, er die Serenata Il Parnasso in festa komponiert hatte.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 216

Dritte Fassung mini|Marie Sallé, ca. 1730. Stich von N. Delarmessin Nachdem Händels Vertrag über die Nutzung des King’s Theatre im Sommer 1734 ausgelaufen war und Johann Jacob Heidegger es an die Konkurrenz, die „Adelsoper“ verpachtet hatte, tat sich der Komponist mit John Rich, dem Impresario des Theatre Royal in Covent Garden, zusammen.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 145–146. Dort brachte Händel Il pastor fido mit einigen Änderungen und Erweiterungen im November 1734 nochmals auf die Bühne. Diese dritte Fassung des Werks erlebte fünf Vorstellungen.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 245.

Grundsätzlich lag diesen Aufführungen die zweite Fassung von Il pastor fido zugrunde, doch da zum Covent Garden Theatre auch ein Ballettensemble mit der berühmten französischen Tänzerin Marie Sallé gehörte, erweiterte Händel die Oper um einen Prolog namens Terpsicore mit zahlreichen Tanzeinlagen, und um Ballett-Divertissements am Ende aller drei Akte der eigentlichen Oper. Darüber hinaus wurde die Partie des Silvio nun für den jungen Tenor John Beard eingerichtet,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 220 der damit eine lange Karriere als einer von Händels Lieblingssängern begann.

Besetzung der Premiere der dritten Fassung am 9. November 1734 im Theatre Royal, Covent Garden:

Terpsicore Apollo – Giovanni Carestini (Mezzosoprankastrat) Erato – Anna Maria Strada del Pò (Sopran) Terpsicore – Marie Sallé (Tanzrolle)

Il pastor fido Mirtillo – Giovanni Carestini (Mezzosoprankastrat) Amarilli – Anna Maria Strada del Pò (Sopran) Eurilla – Maria Rosa Negri (Alt) Silvio – John Beard (Tenor) Dorinda – Maria Caterina Negri (Alt) Tirenio – Gustavus Waltz (Bass)

Aufführungsgeschichte Eine erste Aufführung der Neuzeit ist dem Pionier der historischen Aufführungspraxis August Wenzinger zu verdanken. Sie fand am 5. September 1946 im St. Albansaal in Basel als Produktion der Schola Cantorum Basiliensis und des Basler Marionetten-Theaters statt. Von den sechs Aufführungen dieser Produktion waren zwei in italienischer und vier in deutscher Sprache.

Libretto mini|Titelblatt der literarischen Vorlage Guarinis (1590)