mini|hochkant=1.2|Kathedrale von Vence, Chorhaupt und Glockenturm Die Kathedrale de la Nativité-de-Marie liegt inmitten der ehemals befestigten Altstadt von Vence, im Département Alpes-Maritimes in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur und im Arrondissement Grasse, etwa zehn Kilometer nördlich der Mittelmeerküste.
Vence war das antike Vintium, die Hauptstadt der Nerusi, einem Volk ligurischer Kelten und wurde in der Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. von den Römern erobert. Nach der Überlieferung wurde die Kathedrale auf den Fundamenten eines römischen Marstempels errichtet.Jaques Thirion: Romanik der côte d’azur und der Seealpen. 1984, S. 109. mini|hochkant=1.2|Römischer Stein, Inschrift: D(is) M(anibus) / Maecia / Maeciani fil(ia) / Valeria / viva sibi fec(it)
Geschichte Mit der Verbreitung des Christentums wurde Vence Bistum. In der römischen Civitas Vintium gab es ab etwa 363 einen ersten Bischof Andinus. Diese kleinste Diözese Frankreichs bestand bis zur Französischen Revolution (siehe auch: Liste der Bischöfe von Vence). Der heilige Verant (451–492) war die erste große Persönlichkeit auf dem Bischofsstuhl und Patron der Diözese Vence. Er war Sohn des heiligen Eucherius und hat sich mit seiner Gemahlin Galla auf die Île Saint-Honorat, eine der Îles de Lérins, zurückgezogen, bevor er Bischof von Lyon wurde. Der berühmte Salvian von Marseille bildete auch ihn auf Saint-Honorat aus. Als Bischof von Vence galt er als erbitterter Gegner der häretischen Lehren des Arianismus und Monophysitismus. Es soll ihm gelungen sein, die Goten von seiner Bischofsstadt fernzuhalten.
Aus der Zeit der merowingischen Kathedrale weiß man lediglich, dass die Lombarden sie wahrscheinlich im 6. Jahrhundert verwüsteten.Thirion 1984, S. 110. Die Reihe der Bischöfe weist zwischen 650 und 868 und zwischen 878 und zirka 1040 Lücken auf. Das einzige Überrest aus dem Hochmittelalter sind einige Tafeln von der karolingischen Kanzel des 11. Jahrhunderts, die man in romanischer Zeit im heutigen Bauwerk eingemauert hat.Thirion 1984, S. 111. Sie tragen merowingische Flechtmuster. Demnach kann der jetzige Bau auf dem Platz der vorromanischen Kathedrale stehen. Zu Beginn der romanischen Epoche hat man anscheinend diese Tafeln vervollständigt. Das könnte beweisen, dass der ursprüngliche Schmuck des Altarraums in der Zeit der Sarazenenüberfälle beschädigt wurde und dann in frühromanischer Zeit restauriert und wiederverwendet worden ist.
Das Bauwerk der romanischen Kathedrale wird in das letzte Drittel des 11. Jahrhunderts datiert.Thirion 1984, S. 118. mini|hochkant=0.6|links|Paul II. in einem Gemälde von Cristoforo dell’Altissimo mini|hochkant=0.6|Antoine Godeau Eine weitere prächtige Bischofsgestalt war der heilige Lambert (1114–1154), der durch seine Wohltätigkeiten und Wunder bekannt war. Zu weiteren Titelinhabern rechnen Alessandro Farnese (1508–1511): er sandte als Papst Paul II. im Jahr 1534 in das kleine Bistum, in das er nie mehr zurückkam, einige Reliquien. Ferner die Gelehrten Guillaume Le Blanc, Pierre du Vair, Antoine Godeau – eines der ersten Mitglieder der Académie Française, der nach den schönen Tagen im Hotel Rambouillet ein beispielhafter Hirte wurde. Er vereinigte 1644 die Bistümer von Grasse und Vence und entschied sich selbst 1653 für Vence. Der Oratorianer Jean-Baptiste Surian (1728–1754) „der zweite Massillon der Provence“ (Jean-Baptist Massillon, Oratorianer 1663–1742, war einer der größten Kanzelredner seiner Zeit und wurde 1717 Bischof von Clermont-Ferrand), auch Akademiemitglied und eifriger Kirchenfürst. Sein Dazwischentreten rettete die Stadt vor den Ausschreitungen der Reichstruppen im Jahr 1746.
Ab 1724 beschwerte sich Monsignore du Vair über den schlechten Zustand des Bauwerks. Diese Klagen wiederholten sich anlässlich der Visitationen des 17. und 18. Jahrhunderts. Diese Visitationsberichte verlieren über die Erweiterungen in dieser Zeit kein Wort. Es handelt sich um zwei zusätzliche Seitenschiffe, die an die Außenwände der ursprünglichen Seitenschiffe angebaut worden sind, im Norden mit zwei und im Süden mit drei Jochen. Das geschah wahrscheinlich im 16. Jahrhundert oder zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert kam auf Höhe der ersten beiden Joche des südlichen Seitenschiffs die Vorhalle als Haupteingang zur Kathedrale hinzu.
Die Herrschaftsrechte über die Stadt teilte seit dem 11. Jahrhundert der Bischof mit den weltlichen Herrschaftsfamilien von Nizza und Marseille. Sie mussten dem Grafen der Provence, Raimund Berengar V., weichen, der die Stadt 1231 für seinen Berater Romée de Villeneuve als Lehen nahm. Die Familie von Villeneuve teilte sich bis zur Revolution die Herrschaftsrechte von Vence mit dem Bischof. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts bildete sich ein Gemeinderat mit tatkräftigen Konsuln. Seit dieser Zeit prägten die Streitigkeiten zwischen dem Bischof, der Stadt und den Villeneuves die Geschichte von Vence.
Diese Spannungen erklären möglicherweise, warum die Kirche seit Beginn der romanischen Epoche nie wieder neu und größer aufgebaut worden ist und warum Vence auch keine weiträumige Kathedrale erhielt, wie etwa Grasse, Fréjus oder Senez. Im Jahr seiner Aufhebung 1789 zählte das Bistum noch 21 Pfarreien, was lediglich dazu führte, dass der Bischof nur über geringere Erträge verfügte.
Das flache eigenartige Tonnengewölbe des Mittelschiffs ohne Gurtbögen und Kranzgesimse besteht aus Stuck und stammt aus dem Jahr 1824 oder später. Das Schiff trug wohl ursprünglich kein Gebälk. Die große Dicke der Wände deutet eher auf ein Steingewölbe hin. Auch die Ausweichungen der Nordwand beweisen, dass ein solches Gewölbe das Schiff überdeckte.Thirion 1984, S. 111. Die zum Mittelschiff hin meist glatten Mauerwerkpfeiler der Scheidewände erscheinen eigenartig. Hingegen sind den Pfeilern in den Seitenschiffen recht breite halbrunde Dienste vorgeblendet. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es diese Dienste auf beiden Seiten der Schiffe gegeben hat. Die aufgefundenen Texte liefern dafür den Beweis.
Msgr. du Var vermerkte am 26. Mai 1624: Im 17. Jahrhundert gab es also noch Gurtbögen – während R. Doré glaubte, man habe sie in dieser Epoche bereits entfernt –, aber die Dienste waren zweifellos schon seit dem Bau der Emporen beseitigt worden, um im Schiff Platz zu gewinnen. Tatsächlich glich man die oberen Teile dieser anliegenden Halbsäulen und der Gurtbögen viel später ab: Es ist das Werk von Quine, des Stadtarchitekten von Grasse, der 1824 die „vollständige“ Restaurierung des Bauwerks durchgeführt hat.Thirion 1984, S. 112. Seit dem 22, Nivôse (= 4. Monat der republikanischen Zeitrechnung) des 2. Jahres (11. Januar 1795) machte die Geistlichkeit den Rat der Stadt darauf aufmerksam, dass der Zustand der Gewölbe deren Einsturz befürchten lassen. Am 10. Mai 1809 alarmierte der Bürgermeister mit neuen Mängeln: das zementierte Gewölbe zeige in seiner ganzer Länge neue Risse. Der Kostenvoranschlag von Quine vom 30. November 1822 beschreibt das genauer. „Die Gewölbe... sind rissig, eingesunken auf der ganzen Länge, sowie die sechs Gurtbögen: besonders zur Mitte hin derart gedrückt, dass sie keinerlei Bogenform mehr zeigen.“ Man muss sie abbrechen: „Die Halbsäulenpilaster, welche die Bögen tragen (!), sind seit langem bis unter die vorspringenden Emporen unterbrochen. Da aber die Bögen nicht mehr vorhanden sind, wird man auch den Rest der genannten Dienste bis oben entfernen. Dadurch können die beiden Türen des Chors erhalten bleiben, die sich unter den Pilastern befinden.“ Quinte entschied sich für ein Gebälk. „Es wird ein halbovales Gewölbe gebaut oder ein Korbhenkelgewölbe über die ganze Länge der Kirche. Die beiden Pilaster, die den Bogen über dem Altarraum unterstützen, sind nicht in so schlechtem Zustand, sie werden frisch untermauert bis zum Boden der Kirche, wie auch der Pilaster rechts vom Altar.“ Die Gesamtsumme für die Arbeiten betrug 5184 Francs und 55 Centimes. Die im Kostenvoranschlag aufgelisteten Reparaturarbeiten führte man vom Juni bis Dezember 1824 durch. Das heutige Gewölbe stammt also von 1824, nicht von 1812, wie Blanc aufgrund der Gelder glaubte, die das alte Kapitel von der Lotteriekasse auf königliche Anordnung von 1783 bis 1787 erhielt. Vermutlich errichtete Quine das Gewölbe in gleicher Höhe wie das ursprüngliche wieder auf.
Um eine Vorstellung von der ursprünglichen Anordnung der drei Schiffe des Langhauses zu erhalten, muss man sich die Emporen in den Seitenschiffen wegdenken. Sie sollten das Fassungsvermögen der Kathedrale vergrößern, das für die Bevölkerung nicht mehr ausreichte.Thirion 1984, S. 113. Msgr. du Vair bemängelte den schlechten Zustand der Galeriefußböden der „kleinen Schiffe“, die er auf seine Kosten bereits teilweise hat erneuern lassen. Die Emporen können in einem ersten Abschnitt der Erweiterungen des 16. Jahrhunderts entstanden sein, bevor die beiden zusätzlichen Seitenschiffe angefügt worden sind. Die neuen Seitenschiffe durchschnitten eine Wand in Höhe der Emporen, und Msgr. du Vair hielt 1624 fest, dass sie schon alle Dienste beschnitten. Jedenfalls verringerten die Emporen den sichtbaren Teil der Pfeiler im Parterre auf ein ausgebessertes rechteckiges Massiv. Die großen Arkaden stehen auf einer Hohlkehle, die die alten Bogenkämpfer ersetzt. Die alten Pfeilerstrukturen sieht man über den Emporen, die einem das frühere Aussehen der Hauptschiffwände vermitteln.
Bauwerk mini|hochkant=1.9|Kathedrale von Vence, Grundriss, Handskizze Abmessungen zirka, aus Grundriss entnommen und hochgerechnet:
Länge über alles, inklusive Sakristei (außen): 43,65 m Länge Langhaus mit Chorhaupt (außen): 37,65 m Länge Mittelschiff (innen); 27,50 m Breite einschl. aller Seitenschiffe (außen): 24,90 m Langhausbreite (außen): 15,50 m Mittelschiffbreite (innen): 5,50 m Seitenschiffbreite (innen): 3,00 m Chorbreite (innen): 7,50 m Chortiefe (innen): 7,00 m Höhe Mittelschiffscheitel: 13,70 m Höhe Seitenschiffscheitel: 9,40 m mini|hochkant|Mittelschiff zum Chor
Inneres Langhaus Das ursprünglich dreischiffige romanische Langhaus wird in fünf Joche unterteilt, im südlichen Seitenschiff schließt sich im Osten ein sechstes Joch an. Das erste Joch im Westen ist etwas schmaler als die anderen, ähnlich geht es dem sechsten Joch des südlichen Seitenschiffs.
Der basilikale Aufriss des Langhauses zeigt die relativ geringen Höhenunterschiede den Schiffe, die keine Obergadenfenster zulassen. Das ursprüngliche etwas höhere steinerne Tonnengewölbe des Mittelschiffs besaß einen halbkreisförmigen Querschnitt, wurde von dem heute sichtbaren Tonnengewölbe abgelöst, dass den Querschnitt eines flachen Korbhenkelbogens aufweist, das ohne die Zäsur eines Gesimses aus den glatten Scheidewandoberflächen übergeht. Es besteht aus Stuck und ist am Gebälk des Dachstuhls aufgehängt. mini|Mittelschiff unter Westempore Die schlanken Arkaden, die sich den Scheidewänden der Joche 2 bis 5 zu den Seitenschiffen öffneten, waren von halbrunden kantigen Bögen überdeckt und ihre Scheitel lagen nur wenig unter den Scheiteln der Gurtbögen der Kreuzgratgewölbe der Seitenschiffe. Diese Arkaden haben ihre aufstrebende Eleganz verloren, indem man in den Seitenschiffen Emporen auf Kreuzgratgewölben eingezogen hat. Dabei wurden in die großen Arkaden deutlich niedrigere und etwas schmalere rundbogige Arkaden eingestellt. Die diese Arkaden umschließenden Wandabschnitte treten gegenüber den Oberflächen der Scheidewände etwas zurück, ihre Bogenansätze sind von profilierten Kämpfern markiert. Die Wandabschnitte über den niedrigeren Arkaden schließen in Höhe der Bogenansätze der großen Arkaden waagerecht ab.