Die Luftangriffe auf Singapur zwischen November 1944 und März 1945 waren eine Kampagne der Luftstreitkräfte der Alliierten im Pazifikkrieg gegen Japan gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Insgesamt elf Angriffe wurden durch Langstreckenbomber der United States Army Air Forces (USAAF) geflogen. Die meisten dieser Angriffe zielten auf den dortigen von den Streitkräften des Gegners Japan besetzten Marinestützpunkt und die Dockanlagen auf der Insel. Vereinzelt warfen die Bomber auch Seeminen in die Singapur umgebenden Gewässer ab. Nach der Verlegung der US-amerikanischen Bomber, welche für andere Operationen abgezogen wurden, setzte die britische Royal Air Force die Minenlegeoperationen noch bis Ende Mai 1945 fort.
Während die Angriffe auf Singapurs Hafenanlagen beträchtliche Schäden anrichteten, konnten andere Ziele nicht zerstört werden. So blieben die Zerstörungen der nahe Singapur gelegenen Öllager weit hinter den Zielsetzungen zurück. Der Abwurf von Seeminen konnte den Schiffsverkehr um Singapur zwar beeinträchtigen und hatte den Untergang von drei Schiffen sowie die Beschädigung von weiteren zehn zur Folge, blockierte die Zufahrt jedoch zu keinem Zeitpunkt gänzlich. Bei der Zivilbevölkerung Singapurs sorgten die Luftangriffe für eine Stärkung der allgemeinen Hoffnung, dass die Angriffe ein Zeichen einer bevorstehenden Befreiung der Stadt von der japanischen Besetzung seien. Unterstützt wurde dies dadurch, dass die Verluste unter der Zivilbevölkerung relativ gering waren. Die meisten zivilen Opfer gab es unter den Arbeitern in den japanischen Militäranlagen sowie bei einem schweren Angriff, der teilweise ziviles Wohngebiet traf, wodurch mehrere hundert Menschen obdachlos wurden.
Hintergrund In den Jahrzehnten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs baute Großbritannien in seiner 1819 gegründeten Kolonie die Anlagen der Singapore Naval Base, der lokalen Flottenbasis, im Norden der Insel im Zuge seiner Singapur-Strategie, welche die japanische Expansion in der Region aufhalten sollte, in bedeutendem Maße aus.Boon Kwan Toh: „It was a thrill to see rows of B-29s going through the sky“ The American Strategic Bombing of Singapore, 1944–1945. 2009, S. 908–909. Die so entstandenen Anlagen gehörten zu den wichtigsten dieser Art im britischen Empire und verfügten über das King-George-VI-Trockendock sowie das schwimmfähige Admiralty-IX-Trockendock.Christopher Bayly und Tim Harper: Forgotten Armies: Britain's Asian Empire & the war with Japan. 2004, S. 106.Karl Hack und Kevin Blackburn: Did Singapore Have to Fall?: Churchill and the Impregnable Fortress. 2004, S. 22–23. Die Truppen des Commonwealth in den Straits Settlements und als Teil dieser Singapur wurden in den Monaten nach der Verschärfung des Pazifikkriegs durch den Angriff der japanischen Marineluftstreitkräfte auf das zu den USA gehörende Pearl Harbor schnell zerschlagen. Die verbliebenen Streitkräfte auf der Insel kapitulierten am 15. Februar 1942 vor den Japanern.Boon Kwan Toh: „It was a thrill to see rows of B-29s going through the sky“ The American Strategic Bombing of Singapore, 1944–1945. 2009, S. 909. Die folgende Besetzung Singapurs durch japanische Truppen entsprach auch dem strategischen Interesse des mit Japan verbündeten Deutschen Reiches; so betont der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller, dass Adolf Hitler schon im Zuge seiner Weisung Nr. 24 vom 5. März 1941 einen baldigen Angriff Japans auf Singapur gefordert hatte, das er als „wichtigste britische Festung im Fernen Osten“ ansah.Rolf-Dieter Müller: Der Zweite Weltkrieg 1939–1945. 2004, S. 99. Während der japanischen Invasion Malayas und der Schlacht um Singapur kam es zu wiederholten Luftangriffen auf die Stadt, welche viele zivile Opfer forderten.Christopher Bayly und Tim Harper: Forgotten Armies: Britain's Asian Empire & the war with Japan. Penguin Books 2004, S. 117, 136–137 und 139. In Singapur, wo sich etwa 1250 Chinesen der irregulären Dalforce angeschlossen hatten, ließ die japanische Regierung im März 1942 mehr als 30.000 Chinesen hinrichten.Karl Hack, Kevin Blackburn: Japanese-occupied Asia from 1941 to 1945: one occupier, many captivities and memories, in: Karl Hack, Kevin Blackburn (Hrsg.): Forgotten Captives in Japanese-Occupied Asia, Routledge, New York 2008, S. 1–20, hier: S. 10.
mini|links|Das Passagierschiff Queen Mary im King George VI Trockendock, August 1940 Die Singapore Naval Base erlitt während der Luftangriffe und Kämpfe Ende 1941 und Anfang 1942 nur geringe Schäden und stellte nach der Eroberung die wichtigste Basis für die Kaiserlich Japanische Marine außerhalb der japanischen Hauptinseln dar.James Lea Cate: The Twentieth Air Force and Matterhorn. 1953, S. 156. Unter britischer Herrschaft arbeiteten in der Marinebasis eine Vielzahl einheimischer Zivilisten, welche von der japanischen Marine übernommen wurden. Diese verschärfte die Disziplinarmaßnahmen, zu denen körperliche Misshandlung bei kleineren Vergehen sowie Inhaftierung und Hinrichtung bei Diebstahl und Informationsweitergabe gehörten.Kai Khiun Liew: Labour Formation, Identity, and Resistance in HM Dockyard, Singapore (1921–1971) 2006, S. 429. Zwischen Februar und April 1944 verlegte die japanische Marine Einheiten der japanischen 2. und 3. Flotte vom Zentralpazifik nach Singapur und in die Gewässer der nahen Lingga-Inseln um näher an den strategisch wichtigen Ölquellen und Kraftstoffraffinerien der Region zu sein. Diese beiden Flotten stellten den Großteil der noch verbliebenen japanischen Marinekräfte dar und verfügten über die meisten noch einsatzbereiten Schlachtschiffe und Flugzeugträger.Royal Navy: War with Japan. Bd. IV: The South-East Asia Operations and Central Pacific Advance. 1995, S. 85–87.
Die für die Luftverteidigung Singapurs abgestellten Kräfte waren vergleichsweise schwach ausgerüstet. Anfang 1945 verfügte die Luftabwehr auf der Insel nur über zwei mit Maschinenkanonen ausgerüstete Armeekompanien und insgesamt 58 Jagdflugzeuge der Typen Nakajima Ki-43, Kawasaki Ki-45 und Kawasaki Ki-61, welche jedoch auch die Singapur umgebenden Gebiete abschirmen mussten.Bernard Millot: The Pacific War. 1967, S. 952.Katherine V. Dillon et al. (Hrsg.): Fading Victory – The Diary of Admiral Matome Ugaki, 1941–1945. 2008. Einige der Flugabwehrkanonen waren mit malaiischen Hilfstruppen besetzt.Henry Frei: Surrendering Syonan. 2008, S. 220.Boon Kwan Toh: „It was a thrill to see rows of B-29s going through the sky“ The American Strategic Bombing of Singapore, 1944–1945. 2009, S. 915. Die Effizienz dieser ohnehin schon mangelhaften Luftabwehr wurde durch schlechte Koordination zwischen den Einheiten des Heeres und der Marine und den Mangel an Feuerleitanlagen und Sperrballonen noch zusätzlich reduziert. Das Fehlen von Nachtjägern in der Umgebung Singapurs gestaltete die Abwehr von Nachtangriffen besonders schwierig und auch zwischen den Einheiten mit Suchscheinwerfern und jenen mit Flugabwehrkanonen gab es nur eine sehr schlechte Koordination.Boon Kwan Toh: „It was a thrill to see rows of B-29s going through the sky“. The American Strategic Bombing of Singapore, 1944–1945. 2009, S. 914.
Ab Juni 1944 begann das XX Bomber Command der USAAF mit Langstreckenbombern vom Typ Boeing B-29 von Stützpunkten um Kharagpur im Nordosten Britisch-Indiens aus Angriffe auf japanisch besetztes Gebiet.Norman Polmar: The Enola Gay: The B-29 That Dropped the Atomic Bomb on Hiroshima. 2004, S. 6. Obwohl die Hauptaufgabe des Bomber Commands im Angriff auf Industrieanlagen auf den japanischen Hauptinseln lag, wurde schätzungsweise die Hälfte der Einsätze zur Unterstützung anderer alliierter Operationen im Pazifikraum geflogen.Herman S. Wolk: Cataclysm: General Hap Arnold and the Defeat of Japan. University of North Texas Press 2010, S. 97–98. Das XX Bomber Command unterstand dem Kommando der Twentieth Air Force, welche direkt dem Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte General Henry H. Arnold in Washington, D.C. unterstellt war und nicht von Offizieren vor Ort befehligt wurde.Herman S. Wolk: Cataclysm: General Hap Arnold and the Defeat of Japan. University of North Texas Press 2010, S. 99–100. Nachdem Arnold den vorherigen Kommandeur entlassen hatte, übertrug er das Kommando über das XX Bomber Command am 29. August an Curtis LeMay.James Lea Cate: The Twentieth Air Force and Matterhorn. 1953, S. 103 und 115.
Infolge der japanischen Niederlage in der See- und Luftschlacht im Golf von Leyte Ende Oktober 1944 konzentrierte das Oberkommando die Überreste der japanischen Marine in zwei Schiffsgruppen. Die erste Gruppe kehrte in Stützpunkte in der Seto-Inlandsee zurück, während die zweite Gruppe die Lingga-Inseln anlief.Paul S. Dull: A Battle History of the Imperial Japanese Navy, 1941–1945. Am 27. Oktober unterrichtete Arnold LeMay über seinen Verdacht, dass die Niederlage der Japaner im Golf von Leyte die Bedeutung des Marinestützpunktes von Singapur für diese noch gesteigert haben könnte, und fragte an, ob das XX Bomber Command Ziele auf der Insel angreifen könnte. Zu diesem Zeitpunkt war nur wenig über die Situation in Singapur bekannt und am 30. Oktober überflog erstmals eine B-29 zur Fotoaufklärung die Insel und machte dabei Aufnahmen von guter Qualität. Trotz dieses Erfolgs glaubte LeMays Stab, dass ein Tagesangriff auf Singapur, welcher einen Flug von 6.400 Kilometern von Kharagpur aus erforderte, nicht erfolgreich sein könnte. Ohne Rücksicht auf diese Bedenken ordnete Arnold an, dass das XX Bomber Command Singapur angreifen sollte.
Angriffe Erster Angriff mini|Position der B-29-Stützpunkte auf Ceylon und in Nordostindien sowie die Hauptangriffsziele der dortigen Bomber in Südostasien Der erste Luftangriff auf Singapur fand am 5. November 1944 statt. 76 B-29-Bomber des XX Bomber Command starteten von Flugfeldern in der Umgebung von Kharagpur. Aufgrund der großen Entfernung des Zieles führte jeder Bomber nur jeweils zwei 450-kg-Bomben mit sich. Die Anweisungen für die Piloten sahen vor, dass diese ihre Bomben aus einer relativ niedrigen Höhe von 6.100 Metern abwerfen und dabei eine lockere Formation beibehalten sollten. Das primäre Ziel stellte das King George VI Trockendock dar, während als sekundäres Ziel die Pangkalanbrandan-Raffinerie im nördlichen Sumatra bestimmt wurde.