mini|Thomas Mann im Hotel Adlon, 1929 Das Verhältnis Thomas Manns zum Judentum ist ein Thema der Literaturwissenschaft. Während der Zeit des Nationalsozialismus spielte Thomas Mann eine bedeutende Rolle als politisch engagierter Autor im Exil. Er bezeichnete sich selbst mehrfach als Philosemiten, kämpfte für die Anerkennung der diskriminierten jüdischen Minderheit und hatte Umgang mit etlichen jüdischen Intellektuellen, die er sehr schätzte; auch sein Verleger Samuel Fischer, vor allem aber seine Ehefrau Katia waren jüdischer Herkunft.

Seine Einstellung war indes ambivalent und nicht ohne gewisse Vorbehalte. Sie war zudem von Fehden beeinflusst, die er mit Alfred Kerr und Theodor Lessing hatte. Bei aller Hochschätzung vor allem der geistigen Leistungen des Judentums kommen nach Ansicht einiger Forscher diffuse antijüdische Akzente und Dispositionen zum Vorschein, die vor allem in seinen frühen und mittleren Schaffensjahren zu beobachten sind.

Auf der anderen Seite spielte gerade das Judentum in seinem Erzählwerk wie in der Essayistik eine bestimmende Rolle. Während er die Charaktere nach den jeweiligen Anforderungen der Werke gestaltete, lässt sich in den Essays eine Entwicklung verzeichnen, die von gewissen Klischees und Vorurteilen sowie selbst Beiträgen für die antisemitische Zeitschrift Das zwanzigste Jahrhundert bis zur Absage an das nationalsozialistische Deutschland reichen. Von nun an rückte er die Bekämpfung des Antisemitismus unter die „Fundamente der abendländischen Gesittung“ und stellte sie in den Mittelpunkt seiner von Ernst und Pathos getragenen Veröffentlichungen.Guy Stern in: Thomas Mann und die jüdische Welt. Thomas-Mann-Handbuch. Fischer, Frankfurt am Main 2005, S. 63.

Hintergrund Ambivalenz Die ambivalente Einstellung Thomas Manns zum Judentum ist nach wie vor im Blickfeld der Literaturwissenschaft, wobei sich deren Schwerpunkte hierzu seit etwa 1980 verschoben haben. Nachdem die historische Forschung wie die mediale Bearbeitung allmählich die Dimension des Holocaust erfasst und diesen überwiegend als welthistorisches Schlüsselereignis bewertet hatten, ergaben sich neue Ansätze für die Rezeption.Orientiert am Vorwort von Manfred Dierks und Ruprecht Wimmer, aus: Thomas Mann und das Judentum. (Thomas-Mann-Studien). Klostermann, Frankfurt am Main 2004, S. 7 f. Im Laufe der Zeit rückte die Opferseite zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses, was für die Bundesrepublik auch mit der Aufnahme der Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss zusammenhängt, ein Ereignis mit großer Resonanz.

Schrittweise erblickte die Wissenschaft in der Identität ein zentrales Problem Thomas Manns, das die Bereiche Sprache und Politik, Sexualität und Psychologie berührte. Hierbei ließ sich beobachten, dass der Autor beschädigte Identitäten heilen wollte, dabei aber immer ambivalent blieb, was sich auf das von ihm behandelte Thema Judentum auswirkte. Einerseits bieten sich jüdische Figuren als Projektionsflächen für den Außenseiter an, andererseits bedrohen sie seinen Selbstentwurf. Die Forschung begreift Werk und Person des Dichters zudem immer mehr als ein Element der deutschen Moderne, in der sich förderliche wie verderbliche Tendenzen der Zeit versammeln.Manfred Dierks, Ruprecht Wimmer: Thomas Mann und das Judentum. (Thomas-Mann-Studien). Klostermann, Frankfurt am Main 2004, S. 8.

Viele Widersprüche wurzeln im Persönlichen und legen psychologische Interpretationen nahe, die sich mit dem Selbstbild des Künstlers befassen. So lassen sich gängige antijüdische Versatzstücke bei der Zeichnung der Figuren von den Anfängen bis zu den reifen Werken finden. So ist die Rolle der Hagenströms aus dem ersten Roman Buddenbrooks in den Sündenbock-Mechanismus eingebunden, die Schuld für den Abstieg der traditionsreichen Familie der jüdischen Konkurrenz zu geben. Will Hermann Hagenström sich vergeblich einen Kuss Tonys mit einer Zitronensemmel erkaufen, bietet Saul Fitelberg aus dem Spätwerk Doktor Faustus dem Tonsetzer Adrian Leverkühn an, seine Kunst zu vermarkten.Manfred Dierks, Ruprecht Wimmer: Thomas Mann und das Judentum. (Thomas-Mann-Studien). Klostermann, Frankfurt am Main 2004, S. 12. Demgegenüber verweisen andere Autoren auf erzähltechnische Überlegungen Thomas Manns, stereotype Zeichnungen bewusst zu wählen und dabei auch auf andere Klischees zurückzugreifen, um seine Figuren mit den häufig sprechenden Namen möglichst plastisch zu schildern. Trotz unterschiedlicher Einschätzungen von Teilaspekten gehen viele Autoren davon aus, dass Mann die „jüdische Frage“ projektionsartig vor allem bei sich selbst ausgetragen hat. Viele Seiten, die er an sich selbst nicht mochte, lehnte er bei Juden ab, seine Kritik traf ihn somit häufig selbst.

Die Lösung der Judenfrage hochkant|mini|Königliche Hoheit, Verlagseinband der Erstausgabe 1909 Vor allem der frühe und kurze Essay mit dem missverständlichen, heute unmöglichen Titel Die Lösung der Judenfrage ist mit seinen Stereotypen trotz aller Zeitgebundenheit problematisch und nach wie vor im Blickfeld der Forschung. Heinrich Detering etwa weist auf Spannungsverhältnisse und Widersprüche hin. Thomas Mann habe sich zunächst zwar als Philosemit bezeichnet und den von „Zionisten der strengen Observanz“ geforderten „Exodus“ wegen des für Europa „unentbehrlichen [...] Kultur-Stimulus“ als größtes Unglück charakterisiert, das dem Kontinent zustoßen könne. Wenige Zeilen später aber, so Detering, widerspricht Thomas Mann dem kategorisch Erklärten, während seine Worte unmerklich ins Feindselige abgleiten. Wie selbstverständlich etwa spreche er von den „entarteten und im Ghetto verelendetsten Rasse(n)“. Das „Ghetto“ sitze „den Juden heute noch … zutiefst in der Seele“. Indem der Autor gönnerhaft einschränke, „der Jude“ müsse keine „krummen Beine und rote mauschelnde Hände behalte(n)“, bestärke er genau die Auffassungen, die er vorher habe entkräften wollen.Heinrich Detering: Juden, Frauen und Litteraten. Zu einer Denkfigur beim jungen Thomas Mann. Fischer, Frankfurt am Main 2005, S. 66.

Die Diskrepanz zwischen philosemitischer Zurückweisung des Klischees und seiner tatsächlich antisemitischen Wiederholung dürfe nicht vorschnell relativiert werden, etwa mit dem häufig vorgebrachten Hinweis auf Interpretationsunterschiede vor und nach der Zeit des Nationalsozialismus.

Wegen der Widersprüche zwischen philo- und antisemitischer Deutung hinterfragte Detering das Verfahren, die Texte Thomas Manns nach einschlägigen Belegstellen abzusuchen und unter dem Gesichtspunkt des Anti- oder Philosemitismus zu befragen. Aufschlussreich ist für ihn in diesem Zusammenhang, wie Dr. Sammet, der jüdische Arzt aus dem Roman Königliche Hoheit, auf die Frage nach seinem Judentum und möglichen, daraus folgenden Hindernissen für sein Leben reagiert. Er betont, wie das „Außenseitertum“ kein Hindernis sei, sondern gegenüber der „regelrechte(n) und darum bequemen Mehrzahl“ gerade eine „Veranlassung mehr zu ungewöhnlichen Leistungen“ darstelle, eine Antwort, die inhaltlich dem Essay entspricht, in dem Mann sie als eigene Überzeugung formuliert hatte. Stigmatisierung und Auszeichnung derer, die das „Pathos der Ausnahme im Herzen“ trügen, stehen somit in einem besonderen Verhältnis. Dass eine jüdische Figur die „Judenfrage“ so beantwortet, wie der dezidiert nicht als Jude schreibende Verfasser eines Essays, zeigt, wie dessen Selbstbild vom besonderen, „lebensuntüchtigen“ Außenseiter zu einer zweideutigen Identifikation mit dem Judentum führen kann.Heinrich Detering: Künstlerjude. In: Juden, Frauen und Litteraten. Zu einer Denkfigur beim jungen Thomas Mann. Fischer, Frankfurt am Main 2005, S. 67–68.

Hermann Kurzke hingegen widerspricht der Argumentation, philosemitische Wendungen Thomas Manns – etwa in dem Essay – als verdrängten Antisemitismus zu deuten. Diese psychologische Interpretation wäre allenfalls dann stimmig, wenn Antisemitismus damals nicht „öffentlichkeitsfähig“ gewesen wäre oder man den Schriftsteller in die heutige Zeit versetzte. In jener Phase aber sei die Unterdrückung etwaiger Impulse nicht nötig gewesen, da offen bekundeter Antisemitismus nicht geächtet gewesen sei. Derlei Bekundungen hätten ihm „der im Ruch des Intellektualismus und Internationalismus stand, dem deutschen Durchschnitt“ eher nähergebracht. Während unterdrückte Homoerotik an zahlreichen Stellen seines Werkes, seinen Tagebuchaufzeichnungen und dem autobiographischen Subtext zu finden sei, bleibe eine entsprechende Suche hier ergebnislos.Hermann Kurzke: Juden. in: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Beck, München 2006, S. 211.

Beiträge für die Zeitschrift Das zwanzigste Jahrhundert mini|hochkant|Heinrich und Thomas Mann um 1902 Wie sein Bruder Heinrich verfasste auch Thomas Beiträge für die Zeitschrift Das zwanzigste Jahrhundert. Zwar sind diese nicht von der aggressiven antisemitischen Rhetorik bestimmt, die bei seinem Bruder auffällt; die Rezension der „Ostmarkklänge“, einer Gedichtsammlung des völkischen Lyrikers Theodor Hutter, zeigt nach Auffassung Rolf Thiedes indes gewisse antisemitische Dispositionen, selbst wenn diese nur zitatweise zum Vorschein kommen. Statt aus den Kommentierungen könne man dies dem Vorzug derjenigen Gedichte entnehmen, die Thomas Mann als besprechenswert einstufte.Rolf Thiede: Operativer Antisemitismus. In: Stereotype von Juden, Die frühen Schriften von Heinrich und Thomas Mann, Zum antisemitischen Diskurs der Moderne und den Versuch seiner Überwindung. Metropol Verlag, Berlin 1998, S. 74.

Heinrich Mann hatte von Juden als „winzige[r] Clique einer neuen Aristokratie von Emporkömmlingen“ gesprochen, die sich allenthalben der Führung bemächtigt hätten. Der Antisemitismus sei eine „tiefe und mächtige Volksbewegung“, mit der die Entartung des Kapitalismus und Liberalismus schlagartig kuriert und der Niedergang des Mittelstandes aufgehalten werden könne.Stefan Breuer: „Das Zwanzigste Jahrhundert“ und die Brüder Mann. In: Thomas Mann und das Judentum. (Thomas-Mann-Studien). Klostermann, Frankfurt am Main 2004, S. 92. Die Juden würden nicht wegen ihrer Religion oder ihres Volkstums verfolgt, sondern „weil sie die verkörperte Verneinung von beidem“ seien, der „sichtbarste Beweis dessen, was zerstört und niedrig macht“.Stefan Breuer: Das „Zwanzigste Jahrhundert“ und die Brüder Mann. In: Thomas Mann und das Judentum. (Thomas-Mann-Studien). Klostermann, Frankfurt am Main 2004, S. 93.

Nun habe sich, so Stefan Breuer, Thomas Mann davon nicht distanziert und seinem Jugendfreund Otto Grautoff geschrieben, wie „feuereifrig“ er seinem Bruder helfe, das Blatt zu redigieren. Doch könne man anerkennen, dass sein Ton deutlich moderater gewesen sei. Zwar bekunde er gewisse antijüdische Stereotype, trage diese allerdings längst nicht so gewaltsam vor wie sein Bruder. Seine auch zur Schau getragene Überzeugung von der Überlegenheit der deutschen Kultur in Europa sei zwar deutschnational, bleibe aber unterhalb der Exaltationen, die sich sonst in dem Blatt finden ließen.

Die antijüdischen Tendenzen in Thomas Manns Frühphase hätten sich teils aus seiner psychologischen Verfassung, teils aus der Prägung durch ein stadtbürgerliches Milieu ergeben. Dieser Hintergrund sei seit den napoleonischen Kriegen durch ein hohes Maß an Diskriminierungsbereitschaft gekennzeichnet gewesen. Von Antisemitismus könne – nach Reinhard Rürup und Johannes Heil – bei der schlichten Bündelung antijüdischer Stereotype noch nicht gesprochen werden, sondern erst dann, wenn diese zu einer Doktrin und postreligiösen Weltanschauung ausgestaltet würden, mit der die nicht verstandenen Tendenzen der bürgerlichen Gesellschaft modellartig erklärt werden sollten.Stefan Breuer: „Das Zwanzigste Jahrhundert“ und die Brüder Mann. In: Thomas Mann und das Judentum. (Thomas-Mann-Studien). Klostermann, Frankfurt am Main 2004, S. 94.

Konflikt mit Theodor Lessing mini|hochkant|Theodor Lessing zwischen 1925 und 1930 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid