Die Kollaboration in Frankreich (1940–1944) bestand in der freiwilligen Zusammenarbeit und dem gemeinsamen Handeln von Franzosen mit der deutschen Besatzungsmacht auf französischem Staatsgebiet während des Zweiten Weltkrieges. Sie umfasst nicht nur die staatliche Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich, wie sie Marschall Pétain anlässlich seiner am 30. Oktober 1940 im französischen Rundfunk ausgestrahlten Ansprache gefordert hatte,Clio online. Themenportal Europäische Geschichte: Pétain, Philippe: Ansprache zur "Kollaboration" (30. Oktober 1940) (zuletzt geprüft am 16. Oktober 2011) sondern auch jegliche sonstige Zusammenarbeit mit deutschen Dienststellen oder Personen außerhalb des französischen Staatsapparates.

Drei Arten der Kollaboration lassen sich unterscheiden.

Als Staatskollaboration gilt die auf Regierungs- und Verwaltungsebene erfolgte Zusammenarbeit des Vichy-Regimes mit den Besatzern.Robert Paxton: La Collaboration d'État, in Jean-Pierre Azema/François Bédarida (Hrsg.): La France des années noires, Bd. I. Èditions Le seuil, Paris 2000. ISBN 978-2-02-018306-2 Politische Kollaboration betrieben französische Faschisten und ihnen nahestehende Personen und Parteien, die eine eigenständige politische (Rassemblement national populaire, RNP; Parti populaire français, PPF) oder militärische (Französische Freiwilligenlegion gegen den Bolschewismus, LVF) Zusammenarbeit anstrebten.Philippe Burrin: La Collaboration d'État, in La France des années noires, Bd. 1. Éditions du seuil, Paris 1993. ISBN 978-2-02-018306-2 Sie überschnitt sich zum Teil mit der Staatskollaboration, da viele politische Kollaborateure, die vom deutschen Endsieg und vom Nationalsozialismus überzeugt waren, Ämter im Vichy-Regime erhielten. Die unpolitische private Kollaboration von Unternehmern, Künstlern usw.Jean-Pierre Azéma/Olivier Wieviorka: Vichy 1940-44. Éditions Perrin, Paris 1997, Kap. Le temps des profiteurs, S. 231f. ISBN 978-2-262-02229-7 war zum Teil auch eine „von den Siegern aufgezwungene technische Kollaboration“.Claude d'Abzac-Epezy: Nachwort zu L'Armée de Vichy von Robert Paxton, Taillandier, coll. « Points Histoire », S. 547.

Französische Historiker sprechen außerdem von einer Alltags-Kollaboration (collaboration au quotidien),Philippe Burrin, La France à l'heure allemande, Éditions du Seuil, 1995. um bestimmte alltagsrelevante Verhaltensweisen zu beschreiben, die nicht als aktive politische Stellungnahme zu werten sind: z. B. gute persönliche Beziehungen zu Deutschen; das Verschicken von Denunziationsbriefen an die Polizei oder an die Gestapo (drei bis fünf Millionen anonyme Briefe in Frankreich, also im Schnitt 2.700 Briefe täglichChristophe Cornevin: Les indics: Cette France de l'ombre qui informe l'État. Flammarion, Paris 2011. ISBN 978-2-08-124116-9); Unternehmer, die sich aus eigener Initiative um Aufträge von deutschen Stellen bewarben; Liebesbeziehungen französischer Frauen zu deutschen Soldaten oder auch zu Gestapo-Angehörigen («collaboration horizontale»).

Die staatliche Kollaboration Als staatliche Kollaboration werden alle Unterstützungsmaßnahmen des Vichy-Regimes und der französischen Administration für das Dritte Reich bezeichnet. Die Unterstützung erstreckte sich vor allem auf den wirtschaftlichen Bereich (Besatzungskosten), auf polizeiliche Maßnahmen (Bekämpfung der Résistance, Sondertribunale, Auslieferung nach Frankreich geflüchteter deutscher Nazigegner usw.), auf die Beteiligung an der nationalsozialistischen Rassenpolitik (Erfassung, Verhaftung und Deportation von Juden) und militärische Zusammenarbeit (Darlan-Abetz-Abkommen vom 28. Mai 1941, Légion des volontaires français contre le bolchévisme (LVF), französische Waffen-SS, Milice française).

Politische Kollaboration Der Begriff Kollaborateur («collaborationniste») wurde zum ersten Mal von Marcel Déat in der Tageszeitung L’Œuvre vom 4. November 1940 gebraucht. Die politische Kollaboration wurde geprägt von politischen Parteien und der Kollaborations-Presse, die sich zwar selbst als «national» bezeichneten, aber dennoch öffentlich für eine Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Deutschland eintraten und sich auch aktiv an dieser beteiligten. Die deutsche Besatzungsmacht, die sie nicht sonderlich ernst nahm, bediente sich ihrer vor allem, um Druck auf das Vichy-Regime auszuüben. Da die «collabos» eine in der Bevölkerung weitgehend isolierte Minderheit waren (geschätzte 2 % der Gesamtbevölkerung) und auch um die Vormachtstellung der deutschen Besatzungsmacht nicht zu gefährden, hütete sich Adolf Hitler, ihnen zu große Verantwortung zu übertragen. Die öffentlichkeitswirksame Agitation der politischen Kollaboration der verschiedensten Ausrichtungen, die sich vor allem im besetzten Paris abspielte, ließ die gleichzeitige weniger spektakuläre, jedoch entschlossene und wirkungsvollere Kollaboration des Vichy-Regimes in den Hintergrund treten.

Die Parteien der Kollaboration Schon ab Juli 1940 versuchten einzelne Politiker, der Besatzungsmacht gefällige politische Parteien zu gründen. Ihnen schlossen sich ab Herbst 1940 faschistische Politiker an, die von der rückwärtsgewandten und katholisch-moralisierenden Politik des Vichy-Regimes enttäuscht waren. Charakteristisch waren von Anfang an die Unfähigkeit der kollaborierenden Politiker, sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen, sowie zahlreiche Intrigen zwischen den Führern der verschiedenen Gruppierungen (z. B. rivalisierte Jacques Doriot mit Marcel Déat, aber auch Marcel Déat mit Eugène Deloncle usw.). Marcel Déat versuchte erstmals 1941 aus dem RNP und MSR und dann nochmals 1943 im Rahmen eines kurzlebigen Front révolutionnaire national eine Einheitspartei der Kollaboration zu formen.

Obwohl sich alle Parteien und Gruppierungen offiziell auf Marschall Pétain beriefen, waren die in Paris versammelten kollaborationistischen Milieus vor allem bestrebt, das Vichy-Regime politisch zu verändern: in direktem Kontakt mit der deutschen Besatzungsmacht strebten sie für Frankreich die Einrichtung eines «revolutionären» faschistischen oder nationalsozialistischen Regimes an, das in einem von Deutschland dominierten Europa vorbehaltlos mit dem Dritten Reich zusammenarbeiten würde. Die Pariser Kollaborateure übernahmen nach und nach Positionen innerhalb des von ihnen zuvor so stark kritisierten Vichy-Regimes und versuchten dessen Politik nach ihren Vorstellungen zu radikalisieren. Marcel Déat wurde im März 1944 zum Minister für Arbeit und nationale Solidarität ernannt.

Von Oktober 1944 bis April 1945 war Sigmaringen Sitz der geflohenen Vichy-Regierung. Im deutschen Exil fanden sich Marschall Pétain und seine letzten Getreuen aus Vichy wieder.Dieses Exil wird beschrieben von Louis-Ferdinand Céline: D’un château l’autre, Gallimard, Paris 1957. Deutsch: Von einem Schloß zum andern. Rowohlt, Reinbek 1982. ISBN 978-3-499-14964-1. Einige ehemalige Angehörige der im September 1944 aufgelösten Légion des volontaires français (LVF) kämpften noch auf deutscher Seite in der Schlacht um Berlin 1945.

Die 2 wichtigsten Parteien der Kollaboration mini|hochkant|Jacques Doriot (1898–1945) als kommunistischer Abgeordneter des Départements Seine (1929) mini|hochkant|Marcel Déat (1894–1955) als sozialistischer Abgeordneter von Paris (1932) der offen faschistische Parti populaire français (PPF) wurde bereits 1936 gegründet und seitdem geleitet von dem ehemaligen Kommunisten Jacques Doriot; geschätzte Mitgliederzahl 20.000 bis 30.000; Presseorgan Le Cri du peuple. Rassemblement national populaire (RNP) wurde 1941 als Mittelstandspartei gegründet und dann geleitet von Marcel Déat, einem früheren Abgeordneten der Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO), galt als «gemäßigter» als der PPF; geschätzte Mitgliederzahl 20.000 bis 30.000. Aus dem RNP hervorgegangen ist die Ligue de la pensée française: (1942 von René Château (Pseudonym: Jean-Pierre Abel); 1906–1970), einem früheren Abgeordneten des Parti radical als Kollaborationsbewegung gegründet und von republikanischen Intellektuellen in der Hoffnung unterstützt, als Gegenleistung von Deutschland zu erreichen, dass Frankreich die Wiedererrichtung der Republik gestattet würde; Presseorgan La France au travail, ab 1941 unter dem Namen La France socialiste. Kleinere Kollaborationsparteien (mehr als 1000 Mitglieder): Parti franciste: 1933 von Marcel Bucard (1895–1946) als Abspaltung der faschistisch orientierten Milice socialiste nationale des früheren Sozialistenführers Gustave Hervé (1871–1944) gegründet. Geschätzte Mitgliederzahl: 5500 bis 8000; Presseorgan La Victoire. Mouvement social révolutionnaire (MSR): aus der Cagoule hervorgegangene, 1936 von Eugène Deloncle, einem ehemaligen Mitglied der Action française, gegründete und geleitete rechtsgerichtete Bewegung. 1942 bis 1944 von Georges Soulès geleitet, einem ehemaligen Sozialisten und Mitglied der Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO) und Mitglied des Kabinetts Charles Spinasse in der Volksfrontregierung. Geschätzte Mitgliederzahl: zwischen 1.500 und 16.000 (je nach Quelle) Jeunes de l’Europe nouvelle: geleitet von Marc Augier, dem früheren Organisator der französischen Jugendherbergsbewegung (Centre laïque des auberges de jeunesse) und ehemaligen Mitglied des Kabinetts Léo Lagrange in der Volksfrontregierung. Geschätzte Mitgliederzahl: maximal 1500 Les jeunes du Maréchal: gegründet von dem Gymnasialprofessor Jacques Bousquet, dann unter der Führung von Jean-Marie Balestre und Robert Hersant. Geschätzte Mitgliederzahl: maximal 1400 Ligue française d’épuration, d’entraide sociale et de collaboration européenne (Mouvement social européen): geleitet von Pierre Costantini, einem ehemaligen Offizier, der auch Mitbegründer der Légion des volontaires français contre le bolchévisme (LVF) war. Geschätzte Mitgliederzahl: 1000 bis 3000 Organisationen von Notabeln und Mandatsträgern Groupe Collaboration: Gruppe von konservativen Amts- und Würdenträgern unter der Führung des Schriftstellers Alphonse de Châteaubriant, die Kongresse zu Themen der Kollaboration abhielt; 33 lokale Komitees in der Südzone und eine unbekannte Anzahl in der besetzten Nordzone Comité d’action antibolchévique (CAA): Unterstützergruppe der Légion des volontaires français contre le bolchévisme (LVF) unter der Führung von Paul Chack, einem Marineoffizier, rechtsgerichteten Schriftsteller und Mitglied der Action française bis 1939. Geschätzte Mitgliederzahl: ungefähr 1.000, die aber auch anderen Kollaborationsorganisationen angehörten Parti ouvrier et paysan français (POPF): kollaborierender Flügel der kommunistischen Partei, zunächst unter der Führung von Marcel Gitton, der vormaligen Nummer 3 in der Hierarchie des Parti communiste français (PCF), dann unter der Führung von Marcel Capron, Abgeordneter und Bürgermeister der PCF für Alfortville. Geschätzte Mitgliederzahl: 300 in der Nordzone Comité ouvrier de secours immédiat (COSI): «Wohltätigkeitsorganisation» für ausgebombte Arbeiter, kurzzeitig unter der Führung von Georges Yvetot, einem ehemaligen Führer der anarcho-syndikalistischen Arbeiterbewegung in Frankreich, dann von René Mesnard, einem zum RNP übergewechselten ehemaligen Sozialisten, und von Jules Teulade, einem zum PPF übergewechselten ehemaligen Kommunisten Les Énergies françaises: Ende 1942 von Pierre Laval als Keimzelle einer künftigen Einheitspartei ins Leben gerufen; blieb unter der Führung von Léon Cayla, dem ehemaligen Generalgouverneur von Madagaskar, aber letztlich eine unbedeutende Gruppe konservativer Würdenträger Splittergruppen (weniger als 1000 Mitglieder) Parti français national-collectiviste (PFNC): 1934 von Pierre Clémenti (1910–1982), einem Journalisten der radikal-sozialistischen Parteipresse, gegründete und geleitete Gruppierung; Mitgliederzahl: einige Hundert; Presseorgan Le Pays libre. Stand 1940 der von Robert Hersant geleiteten faschistischen Jugendorganisation Jeune front nahe.