mini|300px|Darstellung einer Witwenverbrennung im 19. Jahrhundert
Witwenverbrennung, auch beschönigend Sati genannt, ist ein Femizid in hinduistischen Religionsgemeinschaften, bei dem Frauen lebendig verbrannt werden. Witwenverbrennungen sind eine Form der Totenfolge. Am häufigsten waren Witwenverbrennungen in Indien, es gab sie aber auch auf Bali und in Nepal.
Bei einer Witwenverbrennung in Indien wird eine Witwe zusammen mit dem Leichnam ihres Ehemanns auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Einige der auf diese Weise verbrannten Witwen wurden nach ihrem Tod als „Sati“ hoch geehrt und teilweise göttlich verehrt; ihre Familien erlangten hohes Ansehen.
Ursprünglich töteten sich auf diese Weise Frauen der im Kampf gefallenen Männer aus Fürstenfamilien, möglicherweise, um nicht den Feinden in die Hände zu fallen. Die Witwenverbrennung, zunächst als Selbsttötung gedacht, wurde jedoch im Laufe der Zeit in vielen Bevölkerungskreisen eingefordert. Besonders häufig war die Witwenverbrennung bei den Kshatriya-Kasten, wie zum Beispiel den Rajputen in Nordindien, wo sie bis heute noch vorkommt.
Etymologie von Sati Die Bezeichnung Sati stammt aus dem Sanskrit. Es handelt sich um die feminine Ableitung zur Partizipialform „sat“, die „seiend“ oder „wahr“ bedeutet und etwas moralisch Gutes bezeichnet. Demnach ist „sati“ eine „gute Frau“. Da eine gute Frau im klassischen hinduistischen Verständnis ihrem Mann treu ergeben ist, bedeutet „sati“ auch „treue Frau“. Weil im Hinduismus ein Mensch erst nach der Einäscherung als tot gilt, können „sati“ und Witwe auch als sich ausschließende Kategorien betrachtet werden – bis zur Verbrennung handelt es sich nicht um eine Witwe, sondern weiterhin um die Ehefrau.Hawley 1994, S. 12f.
Sati ist auch der Name der Göttin Sati.
Ablauf mini|Englische Darstellung einer in den Tod gehenden Witwe
Wenn ein Mann gestorben ist, wird seine Leiche binnen eines Tages verbrannt. Die Witwe muss sich also kurz nach dem Verlust des Ehemannes für die Witwenverbrennung entscheiden, um zu einer religiös legitimierten Sati zu werden und eine schnelle Wiederaufnahme der Ehe nach dem Tod zu ermöglichen. Die fortbestehende Bindung wird dadurch symbolisiert, dass die Frau bis zuletzt wie eine Ehefrau und nicht wie eine Witwe behandelt wird.
Nach der Entscheidung wurde früher eine aufwändige Zeremonie vorbereitet, die sich je nach Region unterschied, bei der aber stets Priester beteiligt waren. Außerdem waren begleitende Musikanten, geschmückte Gewänder sowie Geschenke üblich. Die Witwe starb meistens durch Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Der flämische Maler Frans Balthasar Solvyns aus dem 18. Jahrhundert lieferte den einzigen bekannten Augenzeugenbericht über das Lebendigbegraben eine indischen Witwe.The Representation of Sati: Four Eighteenth Century Etchings by Baltazard Solvyns, Robert L. Hardgrave, Jr., 1998, Bengal, Past & Present Es kam auch zum Einsatz von Gewalt, falls sich das Opfer gegen die Verbrennung wehrte und flüchtete.
Die Witwe saß auf dem Scheiterhaufen mit der Leiche des Mannes, oft nahm sie den Kopf des Toten in ihren Schoß und sie selber, der älteste Sohn oder der nächste männliche Verwandte entzündete das Feuer.
Mittel, um eine Flucht der Witwe aufgrund von Todesangst zu verhindern, waren das Verschütten mit großen Holzstücken oder das Niederhalten mit langen Stangen.Travels in the Mogul Empire, AD 1656-1668, Francois Bernier, in das Englische übersetzt von Archibald Constable, Nachdruck Delhi, 1994 Eine erweiterte Form, die in Zentralindien verbreitet war, ist die Errichtung einer hüttenartigen Konstruktion auf dem Scheiterhaufen. Der Eingang wurde mit Holz verschlossen und verbarrikadiert und die mit weiterem Holz beschwerte Hütte kurz nach Entzündung des Feuers zum Einsturz gebracht. Im Süden Indiens gab es noch eine weitere Methode, bei der eine Grube ausgehoben wurde. Ein Vorhang versperrte der Witwe den Anblick des Feuers, bis sie schließlich selbst hineinsprang oder hineingeworfen wurde. Meist wurden dann schwere Holzklötze und leicht brennbares Material auf das Opfer geworfen.
Sobald die Frau das Bewusstsein verlor, wurde die Verbrennung unter Gesängen und religiösen Ritualen zu Ende gebracht.
Geschichte mini|Sati-Steine, Handabdrücke königlicher Satis, Festung Junagarh in Bikaner, Rajasthan
Im 1. Jahrhundert vor Christus berichtet der Historiker Diodor von einem gefallenen indischen Heerführer namens Keteus.G. Wirth, O. Veh (Hrsg.): Diodoros Griechische Weltgeschichte. Band XIX, Stuttgart 2005, Kapitel 33, S. 125f. Beide Witwen von Keteus verbrannten mit der Leiche ihres Mannes auf dem Scheiterhaufen. Auch andere antike griechisch-römische Autoren beschreiben die Witwenverbrennung. Sie war vor allem in der kriegerischen Elite verbreitet.
Zwischen 700 und 1100 wurden die Witwenverbrennungen in Nordindien immer häufiger, besonders in Kaschmir und in adligen Familien. Der indische Historiker Kalhana beschreibt in seinem Werk Rajatarangini Fälle, bei denen auch Konkubinen nach dem Tod ihres Lebensgefährten verbrannten. Das Prinzip wurde auch auf nahe weibliche Verwandte wie Mütter, Schwestern, Schwägerinnen und sogar Bedienstete ausgedehnt. Das Geschichtswerk erwähnt zahlreiche Fälle von Witwenverbrennungen. Archäologisch lässt sich diese Entwicklung anhand von Gedenksteinen, den „Sati-Steinen“, nachweisen. Sie zeigen meist den erhobenen rechten Arm mit einem Armreif, der die verheiratete Frau symbolisiert. Auch unter Brahmanen wurde die Witwenverbrennung zunehmend beliebt. Die Witwenverbrennung war im Hinduismus hoch angesehen, aber keine Pflicht. Sie beschränkte sich meist auf bestimmte Regionen und Gesellschaftsschichten.A. S. Altekar: The position of women in Hindu Civilization. Delhi 1959, S. 126–130.
Aus dem Mittelalter stammen Berichte muslimischer Autoren, die nach der Eroberung Indiens durch die Moslems ins Land kamen.
Al Beruni schrieb um das Jahr 1030: "Eine Witwe darf in Indien nicht wieder heiraten. Sie kann nur zwischen zwei Möglichkeiten wählen: Entweder sie bleibt Witwe, solange sie lebt, oder sie verbrennt sich. Der zweite Weg gilt als der bessere, denn eine Witwe wird zeitlerbens schlecht behandelt. Was die Frauen der Könige betrifft, so pflegen sie diese zu verbrennen, ob sie es wollen oder nicht. Sie wollen auf diese Weise verhindern, dass eine von ihnen etwas tut, was ihres illustren Gemahls unwürdig ist. Eine Ausnahme machen sie nur für ältere Frauen und solche mit Kindern, denn der Sohn ist für den Schutz seiner Mutter verantwortlich." Alberuni's India. An account of the religion, philosophy, literature, geography, chronology, astronomy, customs, laws and astrology of India about A.D. 1030 , Muhammad ibn Ahmad Biruni, 973?-1048; Übersetzung ins Englische von Eduard Sachau, Band 2, S. 155 (PDF).
Der Berber Ibn Battuta, der im 14. Jahrhundert Indien bereiste, berichtet von Witwenverbrennungen.H. D. Leicht (Hrsg.): Reisen ans Ende der Welt. Das größte Abenteuer des Mittelalters. Tübingen/Basel 1974, ISBN 3-7711-0181-6, S. 72–78. Ibn Battuta schreibt, dass Witwenverbrennungen in den muslimischen Gebieten Indiens vom Sultan erlaubt werden mussten und unter den Indern als lobenswerte, jedoch nicht zwingende Tat galten. Allerdings galt die Witwe als untreu, wenn sie nicht verbrannte.
Martin Wintergerst, der um 1700 in Indien war, schrieb, er habe gehört, das Witwenverbrennen habe seine Ursache im Mord an Männern durch ihre Ehefrauen wenige Monate nach der Hochzeit. Um solche Morde zu verhindern, sei die Witwenverbrennung eingeführt worden.Martin Wintergerst: Zwischen Nordmeer und Indischem Ozean – Meine Reisen und Kriegszüge in den Jahren 1688 bis 1710. Verlag Neues Leben, Berlin 1988, S. 263.
Ab Ende des 16. Jahrhunderts breitete sich die Witwenverbrennung im Raum von Rajasthan stark aus und wurde bei den Rajputen immer häufiger. Nach dem Tod eines Königs oder hohen Adligen folgten kinderlose und für Amtstätigkeiten entbehrliche Witwen fast stets ihren Männern. Verpflichtend war es jedoch nicht, die überlebenden Frauen erhielten beispielsweise weiter Lehen. Europäische Reisende berichteten von Witwenverbrennungen, die sie selbst erlebt hatten. Ende des 18. Jahrhunderts war die Witwenverbrennung bereits so weit verbreitet, dass sie zumindest in Königshäusern verpflichtend war. Sie war zur kollektiven Erfahrung geworden, so dass jeder Mensch von einer Witwenverbrennung gehört und sie wahrscheinlich sogar miterlebt hatte. Es gab jedoch auch Gegenstimmen, die ein Leben in Keuschheit für wichtiger erachteten als die Witwenverbrennung.M. Gaur: Sati and Social Reforms in India. Jaipur 1989, S. 47 ff.
Zur Zeit der britischen Herrschaft versuchten die englischen Kolonialherren, nach anfänglicher Gleichgültigkeit, die Witwenverbrennung zu reglementieren. Dazu wurden großflächig Einzelfälle dokumentiert und Statistiken erstellt. In der Präsidentschaft Bengalen ergab sich aus der Sterberate, Bevölkerungszahl und der Dunkelziffer ein statistischer Durchschnitt von einer verbrannten Witwe auf 430 Witwen. In einem Ort mit 5000 Einwohnern fand somit alle 20 Jahre eine Verbrennung statt. Die regionalen Unterschiede waren beträchtlich. Die Ablehnung der Witwenverbrennung durch die Europäer führte 1829/1830 zum Verbot der Verbrennungen in der britischen Kolonie, das von der Bewegung um den Hindu-Reformer Ram Mohan Roy durchgesetzt wurde. Schon die beobachtende Teilnahme konnte strafbar sein. Witwenverbrennungen wurden in der Folge immer seltener, und bei Bekanntwerden wurde in der Presse ausführlich berichtet. In der Stadt Jodhpur in Rajasthan verbrannte 1953 die letzte Sati aus dem Königshaus.J. Fisch: Tödliche Rituale. 1998, S. 235–249.
In Nepal wurde die Witwenverbrennung 1920 verboten.
Witwenverbrennung heute In vereinzelten Fällen kommt es immer noch zu Verbrennungen. Ein bekannter Fall ist Roop Kanwar, eine achtzehnjährige Witwe, die in Rajasthan 1987 auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes verbrannte. Die Verbrennung wurde von tausenden Zuschauern verfolgt und in aller Welt durch Medien und Wissenschaft rezipiert. Es ist strittig, ob sie mit oder ohne Zwang auf den Scheiterhaufen gelangte. Tausende Anhänger der Witwenverbrennung pilgerten anschließend zu dem Ort.Seelen im Tod vereint, Rainer Paul, Der Spiegel, 11. Januar 1999 Der Tod von Roop Kanwar führte zu heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen und einer weiteren Verschärfung des Verbots der Witwenverbrennung.
Vollständig unterbunden werden konnte die Witwenverbrennung jedoch nicht, Einzelfälle werden weiterhin bekannt. Aufgrund der Illegalität und der teilweise existenten gesellschaftlichen Akzeptanz wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen. Geschätzte Zahlenangaben gehen von 40 Fällen im Zeitrahmen von 1947 bis 1999 aus, davon 28 in Rajasthan, möglicherweise sind es noch mehr. Von einer Steigerung der Zahlen in den letzten Jahrzehnten wird nicht ausgegangen.
Bekannt gewordene Fälle seit Roop Kanwar sind: Am 11. November 1999 verbrannte im nordindischen Dorf Satpura die 55-jährige Bäuerin Charan Shah auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes. In: India Today, 29. November 1999. Am 7. August 2002 starb die 65-jährige Kuttu Bai als Sati auf dem Scheiterhaufen ihres verstorbenen Mannes in dem Dorf Patna Tamoli, Distrikt Panna, Madhya Pradesh. Am 7. Mai 2005 verbrannte die 75-jährige Witwe Ramkumari, eine Brahmanin aus dem Dorf Banudarhi im Banda Distrikt, im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh auf dem Scheiterhaufen ihres am gleichen Tag verstorbenen Ehemannes Jageshwar Tewari. Die Behörden bezeichnen die Tat als Selbstmord. Das Dorf wurde von der Polizei abgeriegelt, um Wallfahrten zu dem Ort zu verhindern.Pervez Iqbal Sidddiqui: UP village turns sati pilgrimage. The Times of India, 26. Mai 2005 Am 18. Mai 2006 verbrannte die 35-jährige Vidyawati im Dorf Rari-Bujurg, Fatehpur, im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. 19. Mai 2006.