Das Schloss Lenzburg (auch: die Lenzburg) befindet sich oberhalb der Altstadt von Lenzburg im Kanton Aargau. Es zählt zu den ältesten und bedeutendsten Höhenburgen der Schweiz. Die Anlage steht auf dem 508 Meter hohen Schlossberg, einem fast kreisrunden Molassehügel, der sich rund hundert Meter über der umliegenden Ebene erhebt. Der Name des Schlosses stammt von den Grafen von Lenzburg, die wahrscheinlich im frühen 11. Jahrhundert ihren Stammsitz auf dem Hügel errichten liessen. Ab 1173 war das Schloss im Besitz der Staufer, ab etwa 1230 der Kyburger und ab 1273 der Habsburger. Nach der Eroberung des Aargaus durch die Stadt Bern im Jahr 1415 diente das Schloss über dreieinhalb Jahrhunderte lang als Sitz der Berner Landvögte, bis es 1804 in den Besitz des Kantons Aargau gelangte. Es beherbergte danach ein Erziehungsinstitut und war ab 1860 in Privatbesitz. 1956 kaufte eine vom Kanton und der Stadt Lenzburg getragene Stiftung das Schloss der Witwe des US-amerikanischen Polarforschers Lincoln Ellsworth ab und machte es der Öffentlichkeit zugänglich.
Die Anlage zuoberst auf dem Hügel ist von einer Ringmauer umgeben und besteht aus sieben Gebäuden, die zwischen dem 12. und dem frühen 18. Jahrhundert errichtet wurden. Sie sind hufeisenförmig um einen Innenhof angeordnet. Vorherrschend sind die Baustile Gotik und Barock. Nach dem Abschluss einer umfassenden Sanierung ist das Schloss seit 1987 Sitz des Historischen Museums Aargau, welches wiederum seit 2007 Teil des Verbundes Museum Aargau ist. Präsentiert werden die Wohnkultur der früheren Schlossbewohner, die historischen Sammlungen des Kantons Aargau und Wechselausstellungen zur Kunst- und Kulturgeschichte. Eine Stiftung, die vom Kanton und der Stadt Lenzburg getragen wird, ist für den Unterhalt zuständig. Eine weitere Stiftung und ein Verein organisieren zahlreiche Anlässe.
Schlossberg Das Schloss befindet sich unmittelbar östlich der Altstadt von Lenzburg auf der abgeflachten Kuppe des Schlossbergs (). Dieser erhebt sich rund hundert Meter über der Ebene des unteren Seetals, sein Durchmesser beträgt jedoch nur knapp 250 Meter. Im Norden, Westen und Süden ist der markante Hügel von flachem Terrain umgeben. Im Osten fällt er zu einem rund 460 Meter hohen Sattel ab, der ihn vom benachbarten und annähernd gleich hohen Goffersberg () trennt. Geologisch gesehen, handelt es sich bei beiden Erhebungen um in der Schweiz seltene Beispiele von Molasse-Rundhöckern. Der Schlossberg besteht an seiner Basis aus horizontal liegenden, relativ leicht verwitternden Mergeln und weichen Sandsteinen der unteren Süsswassermolasse. Im obersten Bereich besteht er aus hartem Muschelsandstein der oberen Meeresmolasse, wobei der Fels zum Teil überhängend ist. Seine Form erhielt der Hügel während der Risseiszeit.
Geschichte Vorgeschichte mini|Luftansicht des Schlosses Der Schlossberg könnte schon in prähistorischer Zeit als Siedlungsstätte gedient haben. So stiess man 1959 bei Bauarbeiten für ein Wasserreservoir auf dem Sattel zwischen Schloss- und Goffersberg auf eines der grössten Gräberfelder der Schweiz aus der Jungsteinzeit (ca. 3000 v. Chr.).Natur- und Kulturpfad Schloss- und Goffersberg. S. 26. Untersuchungen der Kantonsarchäologie Aargau in den Jahren 1981 bis 1986 förderten eine bis zu 2,5 m dicke Kulturschicht zutage, die sich über das gesamte Burgareal erstreckt. Die Datierung baulicher Überreste bleibt aber weiterhin unsicher.Frey: Schloss Lenzburg, neue Erkenntnisse zur Bau- und Siedlungsgeschichte. S. 2. Es gelang lediglich der Nachweis einer prähistorischen Herdstelle, einer römischen Ziegelschüttung und eines hochmittelalterlichen Holzhauses aus dem 11. Jahrhundert. Die ältesten Artefakte sind ein unbestimmbares Gerät aus Silex und eine fragmentierte Steinaxt, beide aus der Jungsteinzeit. Zahlreiche Keramikfunde deuten auf eine Besiedlung während der Bronzezeit hin. Die römischen Funde stammen aus dem 1. und 2. Jahrhundert und stehen im Zusammenhang mit dem benachbarten Vicus Lindfeld. Möglicherweise existierte hier ein Höhenheiligtum.Frey: Schloss Lenzburg, neue Erkenntnisse zur Bau- und Siedlungsgeschichte. S. 3.
Eine Sage erzählt, dass in einer Höhle auf dem Schlossberg einst ein Drache hauste. Dieser wurde von zwei Rittern, Wolfram und Guntram, bezwungen. Die dankbaren Bauern erkoren die beiden zu Grafen von Lenzburg und gaben ihnen die Erlaubnis, auf dem Drachenfelsen eine Burg zu errichten.
Adelsherrschaft mini|Ansicht von der Nordseite mini|Ansicht von Stadt und Schloss Lenzburg von Matthäus Merian, um 1642 Das erste sicher nachweisbare Mitglied des Geschlechts der Lenzburger ist Ulrich I., auch «der Reiche» genannt. Er war Reichsvogt von Zürich sowie Kastvogt der Abteien Beromünster und Schänis. Eine Urkunde aus dem Jahr 1036 bezeichnet ihn als Graf im Aargau. Die erste gesicherte Erkenntnis über die Existenz einer Burg stammt aus dem Jahr 1077: Ulrich III., sein Enkel, hatte sich im Investiturstreit auf die Seite des deutschen Königs Heinrich IV. gestellt und hielt während eines halben Jahres zwei päpstliche Legaten fest. Die Grafen von Lenzburg gehörten zu jener Zeit zu den bedeutendsten Lehnsherren im schweizerischen Mittelland und unterhielten enge Beziehungen zu den jeweiligen deutschen Herrschern.Dürst, Weber: Schloss Lenzburg und Historisches Museum Aargau. S. 15–16.
Das Adelsgeschlecht erlosch 1173. Ulrich IV., der letzte Graf von Lenzburg, bestimmte in seinem Testament Kaiser Friedrich I. («Barbarossa») zum persönlichen Erben. Sie waren miteinander befreundet gewesen und einst gemeinsam in den Zweiten Kreuzzug gezogen. Der Kaiser regelte auf Schloss Lenzburg persönlich die Verteilung des Erbes und vergab einen Grossteil der Ländereien an seinen Sohn, den Pfalzgrafen Otto I. von Burgund.Dürst, Weber: Schloss Lenzburg und Historisches Museum Aargau. S. 18. Nach Ottos Tod im Jahr 1200 wurden die Staufer aus dem Aargau verdrängt. Über zwei nahestehende Hochadelsgeschlechter (Andechs-Meranien und Chalon) gelangte die Lenzburg um 1230 durch Heirat an die Kyburger. Diese gründeten damals am westlichen Fuss des Schlossbergs eine befestigte Marktsiedlung, die heutige Stadt Lenzburg.
Hartmann IV., der letzte Graf von Kyburg, starb 1264 ohne männliche Nachkommen. Rudolf I., Graf von Habsburg und späterer deutscher König, übernahm die Vormundschaft der minderjährigen Erbin Anna von Kyburg, was auch die Verwaltung des Herrschaftsgebiets mit einschloss. Anna heiratete später Rudolfs Cousin Eberhard I. von Habsburg-Laufenburg. 1273 erwarb Rudolf für 14'000 Silbermark den Besitz von seinem verarmten Verwandten. Zwei Jahre später hielt er auf der Lenzburg einen Hoftag ab. Verschiedene Herzöge von Österreich bzw. deren Amtsleute regierten von hier aus. Das Schloss sank jedoch zu einem regionalen Verwaltungssitz ab, als die Macht der Habsburger sich immer mehr nach Österreich verlagerte. Herzog Friedrich II. von Habsburg bewohnte ab 1339 das Schloss. Hier sollte seine Hochzeit mit Joan, der Tochter des englischen Königs Edward III., stattfinden. Zu diesem Zweck liess er das Ritterhaus errichten. Der Herzog starb 1344, ohne dass er seine zukünftige Braut je gesehen hätte. Die Arbeiten am Ritterhaus blieben unvollendet.Dürst, Weber: Schloss Lenzburg und Historisches Museum Aargau. S. 18–20.
Die ursprünglich aus Seengen stammende Familie Ribi-Schultheiss, die vom Bauernstand in den niederen Adel aufgestiegen war, war ab 1369 im Besitz des Burglehens. 1375 hielt das Schloss einer Belagerung durch die Gugler stand.
Berner Herrschaft mini|Vogelperspektive im Jahr 1624 mini|Festungsprojekt von 1628 Die latenten Spannungen zwischen dem deutschen König Sigismund und dem österreichischen Herzog Friedrich IV. entluden sich 1415 am Konzil von Konstanz, als Friedrich einem der drei damals amtierenden Päpste, Johannes XXIII., zur Flucht aus der Stadt verhalf. Sigismund sah darin eine Chance, seinem Widersacher zu schaden. Er forderte am 30. März 1415 die Nachbarn der Habsburger auf, deren Ländereien im Namen des Reiches einzunehmen. Bern liess sich nicht lange bitten und eroberte den westlichen Teil des Aargaus (den später so bezeichneten Berner Aargau). Am 20. April ergab sich die Stadt Lenzburg sofort dem anrückenden Heer, das Schloss hingegen blieb vorerst unangetastet. Konrad von Weinsberg, der königliche Statthalter, versuchte das Schloss für das Reich zu sichern und liess es für eine Belagerung ausrüsten. Doch bereits im August sah er von diesem aussichtslosen Plan ab und überantwortete das Schloss 1418 wieder der Familie Ribi-Schultheiss. Nach langen Verhandlungen konnte Bern 1433 die niederen Herrschaftsrechte über die Grafschaft Lenzburg und 1442 auch das Schloss erwerben.Dürst, Weber: Schloss Lenzburg und Historisches Museum Aargau. S. 21–22.
1444 zog auf dem Schloss der erste bernische Landvogt ein, der von hier aus das Oberamt Lenzburg verwaltete. Dieses umfasste das Seetal, das Wynental und das Suhrental. Zum Aufgabenbereich der Landvögte gehörten das Eintreiben von Steuern, die Durchsetzung administrativer Massnahmen, richterliche und polizeiliche Befugnisse und die militärische Befehlsgewalt. Daneben waren sie auch für den Unterhalt des Schlosses verantwortlich. Die Landvögte wurden jeweils für vier Jahre aus den Reihen des Grossen Rates der Stadt Bern gewählt. Der bekannteste war von 1457 bis 1461 Adrian I. von Bubenberg, späterer Schultheiss von Bern und Held der Schlacht bei Murten. In den Jahren 1509 und 1510 wurden umfangreiche Arbeiten durchgeführt; so brach man das 1339 begonnene Ritterhaus zum Teil ab und errichtete es neu. 1518 wütete ein Grossbrand, wobei nicht überliefert ist, welche Häuser dabei zerstört wurden (am wahrscheinlichsten das «Aarburghaus» auf der Nordseite). 1520 erhielt der Landvogt eine neue Behausung, die «Landvogtei».Dürst, Weber: Schloss Lenzburg und Historisches Museum Aargau. S. 23–24.
Nachdem 1528 in Bern die Reformation eingeführt worden war, nahm die strategische Bedeutung der Lenzburg zu, da das Schloss nahe der Konfessionsgrenze lag und Angriffe der katholischen Luzerner durch die Freien Ämter befürchtet wurden. Während des Ersten Kappelerkriegs von 1529 und des Zweiten Kappelerkriegs zwei Jahre später diente das Schloss als Operationsbasis der Reformierten. Danach hatte es die Funktion einer bedeutenden Grenzfestung, da von hier aus die nahen Übergänge über die Reuss kontrolliert werden konnten.Dürst, Weber: Schloss Lenzburg und Historisches Museum Aargau. S. 25.
1624 zeichnete Joseph Plepp im Auftrag von Festungsingenieur Valentin Friderich die ersten exakten Darstellungen und Grundrisse des Schlosses, welches damals eher einem befestigten Bauernhof glich. Plepps Pläne dienten als Grundlage für die Modernisierung der Festungsanlagen. Angesichts des seit 1618 wütenden Dreissigjährigen Krieges sah sich Bern veranlasst, die Lenzburg artillerietauglich zu machen. Als erste Massnahme entstand 1625 an der Nordseite eine vorgelagerte Doppeltor-Anlage mit Zwinger, die Erdaufschüttungen an der Ost- und Südseite wurden erhöht.Dürst, Weber: Schloss Lenzburg und Historisches Museum Aargau. S. 28–29. 1628 plante Friderich den Bau mehrerer Bastionen, das Projekt konnte jedoch aufgrund von Geldmangel nicht ausgeführt werden. Ein redimensioniertes Projekt von Niklaus Willading hingegen kam zustande, als von 1642 bis 1646 ein elf Meter hoher Wall aufgeschüttet wurde.Dürst, Weber: Schloss Lenzburg und Historisches Museum Aargau. S. 30–31. Die dadurch entstandene Ostbastion hatte aber einen grossen Nachteil: Regenwasser sickerte durch die angrenzenden Mauern und machte die Landvogtei wegen ständiger Feuchtigkeit unbewohnbar. Aus diesem Grund baute man zwischen 1672 und 1674 eine neue Landvogtei im Nordtrakt.Dürst, Weber: Schloss Lenzburg und Historisches Museum Aargau. S. 32–33.