mini|Kykladenidol, früher „Spedos-Typ“, Goulandris Museum Athen Kykladenidole sind Figuren überwiegend aus Marmor, die aus der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit stammen. Sie wurden vorwiegend auf der griechischen Inselgruppe der Kykladen gefunden und sind charakteristisch für die Kykladenkultur in der Zeit um 5000 v. Chr. bis 1600 v. Chr. Die ausgeprägtesten Formen werden dem 3. Jahrtausend v. Chr. zugerechnet. Die Herstellung von Kykladenidolen endet mit dem Umbruch zur Mittelkykladischen Zeit um 2000 v. Chr. Ein kausaler Zusammenhang mit der damaligen Einwanderung von Indo-Europäern in den griechischen Raum wird diskutiert.Doumas, S. 81. „Idol“ bezeichnet in der Vor- und Frühgeschichte alle abstrahierten Bildwerke, bei denen eine kultische Bedeutung anzunehmen ist.

Rund 230 Objekte werden im Goulandris-Museum für kykladische Kunst in Athen ausgestellt, eine umfangreiche Sammlung hat auch das Archäologische Museum in Iraklio auf Kreta. In Deutschland besitzt das Badische Landesmuseum in Karlsruhe eine bedeutende Sammlung. Kleinere Sammlungen befinden sich im Louvre, Paris, im Britischen Museum in London, dem J. Paul Getty Museum in Los Angeles und verschiedenen weiteren Museen und Privatsammlungen.

Herkunft, Verwendung und Bedeutung

Das Material der Figuren ist weit überwiegend Marmor aus Paros und Naxos, sie wurden aber auf verschiedenen Inseln der Ägäis mit Schwerpunkt auf den Kykladen, auf dem attischen Festland und in Kleinasien gefunden, was auf kulturelle Beziehungen, gemeinsame Gebräuche und religiöse Überzeugungen im ganzen ägäischen Raum hindeutet, die weit über reinen Handel hinausgehen. Verschiedene mögliche Nutzungen werden diskutiert: Sie könnten Objekte eines zeremoniellen Tauschhandels gewesen sein, als kultischer Gegenstand benutzt, als Idol verehrt worden sein oder eine Rolle in Begräbnisriten gespielt haben. Aufwand der Herstellung, Seltenheit und nicht zuletzt der ästhetische Wert lassen vermuten, dass sie ein wertvoller persönlicher Besitz waren und nur vereinzelt ihrem Besitzer ins Grab beigegeben wurden. Eine definitive Antwort ist nicht möglich.Vianello (mit weiteren Nachweisen).

Funde

Kykladenidole wurden in unterschiedlichen Situationen gefunden. Da sie meistens aus Raubgrabungen stammen und über den Kunsthandel verbreitet wurden, ist ihr archäologischer Kontext häufig verloren. Umso bedeutender sind die ungestörten Funde.

Lange Zeit galt der so genannte Keros-Hort als der bedeutendste Einzelfund an Kykladenidolen. In den frühen 1960er oder möglicherweise auch schon den 1950er Jahren wurde eine große Zahl von Bruchstücken und einige vollständigen Figuren von einem griechischen Kunsthändler mit Sitz in Paris erworben. Einige Teile tauchten in den frühen 1960er Jahren in Privatsammlungen, insbesondere der „Sammlung Erlenmeyer“ in der Schweiz auf, woraufhin 1963 Christos Doumas eine Rettungsgrabung am vermuteten Fundort durchführte und weitere Bruchstücke von Idolen sowie Keramiken fand. Bis 1968 waren die vollständigen Idole und ein wesentlicher Anteil der Bruchstücke an private Sammler verkauft, der Händler hielt jedoch noch eine große Zahl der Bruchstücke. Zu jenem Zeitpunkt erhielt die damalige Doktorandin der Archäologie Pat Getz-Preziosi erstmals ungehinderten Zugang zu dieser Sammlung, ihre Angaben über den Umfang und die Aussagen des Händlers zur Herkunft schwankten jedoch in der Folgezeit.Peggy Sotirakopoulou: The Keros Hoard – Some Further Discussion. In: American Journal of Archaeology. Band 112, 2008, S. 279–294. Heute gelten ihre Angaben als gefestigt, danach stammen alle Figuren, die über den Pariser Händler in Privatsammlungen gelangten, aus einer Raubgrabung im so genannten Kavos-Feld auf der Süd-West-Seite der heute unbewohnten Insel Keros.Pat Getz-Gentle (früherer Name: Pat Getz-Preziosi): The Keros Hoard Revisited. In: American Journal of Archaeology. Band 112, 2008, S. 299–305.

Systematische Begehungen im geplünderten Bereich 1966 und 1967 durch ein griechisch-britisches Team konnten eine außergewöhnlich große Anzahl von Artefakten sichern, architektonische Spuren konnten nicht nachgewiesen werden. Weitere Ausgrabungen fanden 1987/88 durch Colin Renfrew und Christos Doumas statt und 2006–2008 konnte Renfrew noch einmal eine große Grabung in Kavos und auf dem vorgelagerten Eiland Daskalio organisieren. Diese Grabung erbrachte den ersten ungestörten Depotfund der Kykladenkultur. Neben 25.000 Keramikscherben und knapp tausend Scherben von Marmorgefäßen wurden 367 eindeutig identifizierbare Fragmente von Kykladenidolen gefunden. Alle Artefakte wurden absichtlich zerbrochen, in Einzelfällen sogar zersägt. Da die Fragmente der Figuren bis auf zwei zusammenpassende Teile keine gemeinsamen Bruchkanten aufweisen und die Keramik aus dem Ton verschiedener Inseln besteht, ist anzunehmen, dass die Zerstörung auf den identifizierten Inseln Amorgos, Syros, Sifnos und Pano Koufonisi sowie möglicherweise weiteren noch unbekannten stattfand und Teile der Scherben für eine rituelle Deponierung nach Keros gebracht wurden. Rund 25 % der Fragmente der Kykladenidole konnten einem Typ zugeordnet werden, das Depot enthält demnach Figuren aus der mittleren und späten Keros-Syros-Kultur. Funde aus der vorhergehenden Grotta-Pelos-Kultur konnten nicht nachgewiesen werden.Colin Renfrew et al.: Keros – Dhaskelion and Kavos, Early Cykladic Stronghold and Ritual Center. Preliminary Report of the 2006 and 2007 Excavation Seasons. In: The Annual of the British School at Athens. Band 102, 2007, S. 103–136.

Die weitaus meisten vollständig erhaltenen Kykladenidole sind Grabbeigaben. Sie wurden meist auf der Insel Naxos in Steinkisten-Gräbern der Grotta-Pelos-Kultur gefunden. Weitere Funde stammen aus der Keros-Syros-Kultur und westlichen Kykladeninseln wie Kea sowie dem Grabfeld von Plastiras im Norden der Insel Paros. Einzelfunde in anderem Kontext, wie in der Siedlung Agia Irini auf Kea, Phylakopi auf Melos, und insbesondere die Funde verschiedener Typen in der Stadt Akrotiri auf der Insel Santorin lassen jedoch vermuten, dass sie nicht speziell für Bestattungszwecke hergestellt wurden.Jack L. Davis: A Cycladic figure in Chicago and the non-funeral use of Cykladic marble figures. In: Fitton 1989, S. 15–21.

Interpretation

Die üppigen Formen wurden von Jürgen Thimme als Hinweise auf ein Fruchtbarkeitssymbol interpretiert, die Haltung auf eine Gebärsituation. Die Verwendung als Grabbeigaben und die Hockstellung der Leichname in den damaligen Grabformen lässt demnach auf eine Religion des Kreislaufes schließen, die im Begräbnis eine Rückkehr in den Schoß einer Erd- und Muttergottheit sieht.Thimme S. 74. Die verschränkten Arme würden dann auf eine Warte- und Abwehrphase hindeuten, in denen die Hochschwangere noch nicht loslassen und gebären kann. Eine Interpretation zieht eine Parallele zur Herakles-Sage, in der Alkmene den Helden erst gebären kann, als die bei ihr sitzende Eileithyia und die Moiren ihre verschränkten Arme lösen.Thimme S. 80.

Thimmes Deutung wird von Christos Doumas widersprochen. Die Haltung mit den vor dem Körper verschränkten Armen wird von ihm vielmehr auf die Grenzen des Materials und der damaligen Bearbeitung zurückgeführt.Doumas S. 88–89. Doumas stellt die Kykladenidole in den Kontext anderer figürlicher Grabbeigaben. Als mögliche Zwecke kommen in Frage ein Ersatz für Menschenopfer, die Abbildung geehrter Vorfahren, Führer der Seele des Verstorbenen ins Totenreich im Sinne eines Psychopompos, als Begleiter und Dienstleister des Verstorbenen in Anlehnung an Uschebti im Alten Ägypten sowie als Apotropaion, magischer Schutz vor Unheil. Im Ergebnis lehnt er einen Zweck speziell für die Zeit nach dem Tod ab, schließlich wurden in den weitaus meisten Gräbern keine Idole gefunden; es gibt auch keine einfacheren Ausführungen.

Aus der Darstellung nahezu ausschließlich weiblicher Formen und dem häufigen Auftreten schwangerer Figuren schließt Doumas auf religiöse Vorstellungen, die eine magische Anrufung der Göttin zum Schutz vor unerklärlichen Bedrohungen beinhalten. In Zeiten der Gefahr wird die Figur geschaffen und der Göttin geweiht. Frauen und insbesondere Schwangere sind in der archaischen Gesellschaft viel häufiger durch unerklärliche Gefahren bedroht, während die Risiken für Männer offensichtlicher sind, in keinem direkten Zusammenhang mit der Reproduktion stehen und daher keinen magischen Schutz benötigen. Zu Lebzeiten wird die Figur im Haushalt aufbewahrt und in Ritualen benutzt. Gelegentlich zerbricht eine Figur, wird repariert oder auch nicht. Beim Tod ist die Figur mit magischer Kraft aufgeladen und muss zum Schutz der Lebenden ins Grab, unter eine Steinplatte.Doumas S. 93.

Die wenigen männlichen Figuren sind fast alle in besonderen Handlungen dargestellt, die vom Musizieren über das Darbieten eines Bechers bis zum Griff zum Dolch reichen. Er schlägt vor, die männlichen Idole als Magier zu sehen.Doumas S. 94.

Colin Renfrew stellte die verschiedenen Interpretationen und die Hinweise in den ursprünglichen Fundsituationen zusammen und kommt zum Schluss, dass es sich um Kult-Figuren handelt, die im Leben verwendet wurden, wobei die gelegentliche Beisetzung mit Verstorbenen zu den mit dem Kult verbundenen Ritualen gehörte. Die Sonderformen sitzender Figuren interpretiert er als Objekte in einem Schrein, Altar oder ähnlichen Situation, die üblicheren liegenden Idole als Votivgaben oder personale Repräsentanten eines Kult-Anhängers. Bei den seltenen großen Figuren diskutiert er die Verwendung an einem öffentlichen Ort, schränkt dies aber durch die Fundsituation in Gräbern ein, woraus er eine trotz der öffentlichen Verwendung enge Bindung an einen Besitzer annimmt. Bei allen Ausführungen legt er Wert darauf, dass alle Interpretationen als spekulativ zu gelten haben.Colin Renfrew in: Fitton 1989, S. 24–31.

Aufgrund der relativen Seltenheit von Marmorfiguren in den Gräbern der frühen Kykladenkultur wurde diskutiert, dass Marmor möglicherweise nur wenigen Menschen zugänglich war, die Mehrzahl sich mit einfacherem Material begnügen musste und die angenommenen Figuren aus vergänglichen Materialien wie Holz nicht erhalten sind. Wenn also von einer wesentlich größeren Zahl an Figuren und der Verwendung durch jedermann ausgegangen werden darf, dann könnte es sich um die Überreste von Schreinen handeln, in denen Figuren von Göttinnen und solche von Anbetern aufbewahrt wurden. Beschädigungen würden dann darauf hindeuten, dass die Figuren bei Ritualen verwendet wurden. Die große Überzahl von weiblichen Figuren würde für eine besondere Rolle der Frau in der frühkykladischen Gesellschaft als Ursprung des Lebens stehen. Dem steht entgegen, dass das naheliegende Material Terracotta zwar in einem Fall aus dem Endneolithikum bekannt ist, aber zur Hochzeit der kykladischen Figuren völlig unbekannt war.R. L. N. Barbers Beitrag in der Diskussion in: Fitton 1989, S. 35.

Entwicklung

Vorgänger Die kanonischen Idole der frühen Bronzezeit vom Spedos-Typ und dessen Nachbarn haben noch im Neolithikum zwei sehr unterschiedliche Vorgänger (zur zeitlichen Einordnung siehe: Kykladenkultur).