Ludwik Fleck, auch Ludwig Fleck (* 11. Juli 1896 in Lemberg, Österreich-Ungarn; † 5. Juni 1961 in Nes Ziona, Israel) war ein polnischer Mikrobiologe, Immunologe und Erkenntnistheoretiker. Sein philosophisches Hauptwerk Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache ist ein Klassiker der modernen Wissenschaftsforschung, das einen erheblichen Einfluss in den Disziplinen Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftstheorie, Wissenschaftssoziologie und Ideengeschichte ausgeübt hat.
Nach Fleck muss eine erfolgreiche Erkenntnistheorie die historischen und sozialen Faktoren berücksichtigen, durch die Erkenntniskriterien geformt werden. Im Zusammenhang mit dieser These lehnt er die Formulierung universeller Erkenntniskriterien ab und gilt als Vordenker der Historischen Epistemologie.Vgl. etwa Flecks philosophisches Werk blieb zu seinen Lebzeiten weitgehend unberücksichtigt: In den ersten zwanzig Jahren nach der Veröffentlichung seines Hauptwerkes wurden vermutlich weniger als 500 Exemplare verkauft. Die neuere Rezeption wurde durch Thomas S. Kuhn angestoßen, der im Vorwort von Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen bemerkte, dass Fleck viele
Fleck war im biowissenschaftlichen Bereich vor allem als Mikrobiologe, insbesondere als Fleckfieberforscher bekannt. Er beschrieb 1930 den ersten zuverlässigen HauttestLudwik Fleck: Versuche über eine lokale Hautreaktion mit Proteus X-19 Extrakten (Die Exanthinreaktion). In: Zschr. Immunit.forsch. exp. Therap. Band 72, 1931, S. 282–300.Andrej Grzybowski: Ludwik Fleck’s studies in microbiology. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 26, 2007, S. 110–119. zum Fleckfiebernachweis.Florian G. Mildenberger: Kein Heil durch Arsen? Die Salvarsandebatte und ihre Konsequenzen. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013 (2014), S. 327–390, hier: S. 369–372.Ludwik Fleck, I. Hescheles: Über eine Fleckfieber-Hautreaktion (die Exanthinreaktion) und ihre Ähnlichkeit mit dem Dicktest. In: Klinische Wochenschrift. Band 10, 1931, S. 1075 f.
Leben Ludwik Flecks Eltern, Sabina (geb. Herschdörfer) und Maurycy Fleck, die einen mittelständischen Malereibetrieb führten, teilten ihre polnische Muttersprache mit etwa drei Vierteln und ihr jüdisches Religionsbekenntnis mit rund einem Viertel der Bevölkerung Lembergs. Neben Polnisch wurde in der Stadt, die bis zum Ersten Weltkrieg Kultur-, Handels- und Verwaltungszentrum des habsburgischen Kronlandes Galizien und Lodomerien war, vor allem Deutsch – das Fleck später ebenso fließend wie seine Muttersprache beherrschen sollte – sowie Jiddisch und Ukrainisch gesprochen.
Ausbildung und Forschungstätigkeit in Lemberg (1914–1939) Nach dem Besuch des polnischen humanistischen Gymnasiums begann Fleck 1914 an der Universität Lemberg ein Medizinstudium, das er im Zuge des Ersten Weltkrieges für den Militärdienst, in dessen Rahmen er als Arzt tätig war, unterbrechen musste. Ab 1920, noch vor seiner Promotion zum Dr. med. im Jahr 1922, war er als Assistent des Biologen und Fleckfieber-Spezialisten Rudolf Weigl zuerst in einem Militärlabor in Przemyśl und dann an der Universität Lemberg (polnisch Lwów) bereits im Bereich der Bakteriologie tätig.
1923 verließ Fleck die Universität, gründete ein privates bakteriologisches Laboratorium und übernahm am Allgemeinen Krankenhaus Lembergs die Leitung zuerst des bakteriologisch-chemischen Labors der Abteilung für Innere Medizin und später des bakteriologischen Labors der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Im selben Jahr heirateten Ludwik Fleck und Ernestyna Waldmann; im Dezember 1924 kam ihr Sohn Ryszard zur Welt. Nach einem Studienaufenthalt am Serotherapeuthischen Institut der Universität Wien bei Rudolf Kraus 1927 übernahm Fleck die Leitung des bakteriologischen Laboratoriums der örtlichen Krankenkasse, bevor er ab 1935 – dem Erscheinungsjahr seines philosophischen Hauptwerkes Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache – ausschließlich in dem von ihm selbst gegründeten Labor arbeitete.
Nach dem Überfall auf Polen, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, wurde Lemberg 1939 durch die UdSSR annektiert und Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik. Fleck kehrte in seinen Beruf zurück und wurde in den folgenden zwei Jahren zum Dozenten und Leiter der Abteilung für Mikrobiologie am – aus der medizinischen Fakultät hervorgegangenen, aber nun selbständigen – Ukrainischen Medizinischen Institut und zum Direktor des Städtischen Hygiene-Instituts, außerdem nahm er die Funktion des Fachgutachters im Bereich der Serologie am (von Franciszek Groër geleiteten) Mutter-und-Kind-Institut wahr.
Deportation ins Lemberger Ghetto und die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald (1941–1945) Mit der deutschen Besatzung Lembergs 1941 (im Zuge des Angriffs des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion) verlor Fleck – als Angehöriger der imaginierten jüdischen RasseVgl. auch Veronika Lipphardt: Denkstil, Denkkollektiv und wissenschaftliche Tatsachen der deutschen Rassenforschung vor 1933. Zur Anwendbarkeit des wissenschaftshistorischen Ansatzes von Ludwik Fleck. In: Rainer Egloff (Hrsg.): Tatsache – Denkstil – Kontroverse: Auseinandersetzungen mit Ludwik Fleck. Zürich 2005, S. 63–70. – alle Positionen und wurde gezwungen, mit seiner Familie ins Ghetto Lemberg zu ziehen, wo er von nun an als Leiter des chemisch-bakteriologischen Labors im Jüdischen Krankenhaus, welches provisorisch im Gebäude eines früheren Gymnasiums eingerichtet worden war, arbeitete. Innerhalb kürzester Zeit und unter widrigsten Bedingungen entwickelte er mit seinen Kollegen ein Verfahren zur Herstellung von (im Ghetto dringend benötigtem) Fleckfieber-Impfstoff aus dem Urin Infizierter.
Da die im Krankenhaus verfügbare Infrastruktur völlig unzureichend für die Herstellung der benötigten Mengen des Serums war, nahm die Forschergruppe Kontakt mit dem (nun deutschen) Eigentümer der in Nähe des Ghettos gelegenen pharmazeutischen Fabrik Laokoon auf; Fleck und seine Mitarbeiter boten an, ihm das Patent für die Herstellung des Impfstoffs zu überlassen, wenn sie dafür die Möglichkeit erhielten, diesen in der Fabrik herzustellen. Nach Überprüfung der Forschungsergebnisse durch deutsche Mediziner wurde Fleck gemeinsam mit seiner Familie und einigen anderen Spezialisten im Dezember 1942 auf dem Gelände der Fabrik eingesperrt und gezwungen, die Arbeit am Fleckfieber-Impfstoff für die Deutschen fortzusetzen.
Bereits zwei Monate später, Anfang Februar 1943, wurde Fleck mit seiner Familie in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er und sein Sohn zunächst schwerer körperlicher Arbeit zugeteilt wurden. Im März erkrankten beide an Fleckfieber, mussten die Arbeit aber trotz hohen Fiebers fortsetzen. Durch die Folgen eines – ihm von einem nationalistisch gesinnten Gefangenen zugefügten – Rippenbruches zusätzlich geschwächt, wurde Fleck schließlich im halb-bewussten Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Nach seiner Genesung arbeitete er als Leiter des serologischen Labors (dem auch seine Frau Ernestina Waldman und später sein Sohn Ryszard Fleck zugeteilt wurden) am Institut für Hygiene im Block 10 des Lagers – denselben Räumlichkeiten, in denen unter der Leitung des SS-Arztes Carl Clauberg medizinische Experimente an Häftlingen durchgeführt wurden.
Im Januar 1944 wurde Fleck auf Anordnung des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und dort bis zur Befreiung im April 1945 gezwungen, in einem Labor unter der Leitung von Erwin Ding-Schuler in Block 50 Forschungen zu einem Fleckfieber-Impfstoff für das Hygiene-Institut der Waffen-SS durchzuführen. Hier beteiligte er sich an einer Sabotage-Aktion: Die Gruppe lieferte bewusst unwirksamen Impfstoff an die SS und produzierte Proben wirksamen Impfstoffs lediglich für die an Mithäftlingen durchgeführten Kontrollen. Wie Fleck selbst überlebten seine Frau und sein Sohn den Krieg, alle anderen Familienangehörigen kamen um.
Die Jahre in Lublin und Warschau, Auswanderung nach Israel (1945–1961) Nach einem mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt gingen Fleck und seine Frau nach Lublin, wo er als Leiter der Abteilung für medizinische Mikrobiologie der Fakultät für Medizin an der Maria-Curie-Skłodowska-Universität arbeitete, nach seiner Habilitation bei Ludwik Hirszfeld wurde er 1947 zum außerordentlichen und bereits 1950 zum ordentlichen Professor an der inzwischen selbständig gewordenen Medizinischen Universität Lublin ernannt. 1952 zogen sie nach Warschau, wo Fleck Direktor der Abteilung für Mikrobiologie und Immunologie des Mutter-und-Kind-Instituts (poln. Instytut Matki i Dziecka) wurde. 1954 wurde er zum Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften gewählt.
Die Nachkriegsjahre stellten eine Phase intensivster medizinischer Forschungstätigkeit für Fleck dar: In den Jahren nach 1945 betreute er mehr als 50 Doktorarbeiten und publizierte mehr als 80 Studien in polnischen, französischen, englischen und Schweizer wissenschaftlichen Zeitschriften. Vorlesungen und Kongresse besuchte Fleck in Dänemark, Frankreich, der UdSSR, den USA und Brasilien. Im Mittelpunkt seiner Forschungsarbeiten stand ein Abwehrmechanismus (das Phänomen der Zusammenballung von Leukozyten unter Bedingungen des Stresses und bei Infektionen), den er Leukergie nannte.
Nach einem Herzinfarkt 1956 und einer Krebsdiagnose (Lymphosarkom) 1957 emigrierte Fleck mit seiner Frau zum Sohn Ryszard, der bereits nach dem Krieg nach Israel ausgewandert war. Hier arbeitete Fleck am Israelischen Institut für biologische Forschung in Nes Ziona als Leiter der Abteilung für experimentelle Pathologie, 1959 wurde er zum Visiting Professor für Mikrobiologie an der medizinischen Fakultät der Hebräischen Universität Jerusalem ernannt.
Am 5. Juni 1961 starb Ludwik Fleck im Alter von 64 Jahren nach einem zweiten Herzinfarkt in Nes Ziona.
Frühe wissenschaftstheoretische Schriften Flecks erste wissenschaftstheoretische Arbeit Über einige spezifische Merkmale des ärztlichen Denkens wurde 1927 in polnischer Sprache publiziert und basierte auf einem Vortrag, den er 1926 vor der Gesellschaft der Freunde der Geschichte der Medizin in Lemberg gehalten hatte. Der Vortrag verdeutlicht, auf welche Weise Flecks Wissenschaftsverständnis durch seinen medizinischen Standpunkt geprägt wurde. Nach Fleck zeichnet sich die Medizin durch eine Reihe von Merkmalen aus, die von Wissenschaftstheoretikern und -historikern vernachlässigt werden, da sie in der Regel von dem Paradigma der Physik oder Chemie ausgehen. Dies habe zur Folge, dass das Ziel des medizinischen Denkens nicht auf die Formulierung allgemeiner Naturgesetze ausgerichtet sei und dass die Krankheitstypen der medizinischen Taxonomie zwangsläufig idealisierte Fiktionen darstellten. Die medizinische Beschreibung könne daher auch keine allgemeingültige Theorie formulieren, sondern sei immer an praktisch dominierte Standpunkte gebunden.