Großalmerode ist eine Stadt im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis.
Geographie Lage Großalmerode liegt im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land (Werratal.Meißner.Kaufunger Wald) zwischen den Bergen Hirschberg () im Südwesten, Steinberg () und Bilstein (; beide im Norden), Langenberg () im Nordosten, Hohekopf (; mit Querenberg) im Südosten und dem jenseits davon liegenden Bergmassiv Hohen Meißner (). Durchflossen wird die Stadt vom Oberlauf der Gelster. Die nächste Großstadt ist das 21 km westnordwestlich liegende Kassel.
Nachbargemeinden Witzenhausen im Norden, Werra-Meißner-Kreis Bad Sooden-Allendorf im Osten, Werra-Meißner-Kreis Berkatal im Osten, Werra-Meißner-Kreis Hessisch Lichtenau im Süden, Werra-Meißner-Kreis Helsa im Westen, Landkreis Kassel außerdem: Gutsbezirk Kaufunger Wald im Norden, gemeindefreies Gebiet, Werra-Meißner-Kreis
Stadtgliederung Zur Stadt Großalmerode gehören neben der Kernstadt noch die Stadtteile Weißenbach, Trubenhausen, Uengsterode, Rommerode, Laudenbach und Epterode, außerdem die Gemeindegebiete Bransrode, Faulbach und das Gut Giesenhagen.
Geschichte mini|300px|Blick auf Großalmerode in Richtung NW
Ersterwähnung, historische Namensformen Im Jahr 1386 wird Almerodde in einer Urkunde genannt, dies stellt die früheste urkundliche Erwähnung des Ortes dar.Manfred Niemeyer (Hrsg.): Deutsches Ortsnamenbuch. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-018908-7, S. 224. Ab 1516 ist eine weitere Siedlung im östlichen Kaufunger Wald mit dem Ortsnamen Kleinalmerode bekannt, daher wird nun die Schreibweise Großalmerode gebräuchlich. Die Kleinsiedlung Gut Niedergut ist auch als Niederalmerode bekannt.
In historischen Dokumenten wurde der Ort im Laufe der Jahrhunderte unter wechselnden Ortsnamen erwähnt (in Klammern das Jahr der Erwähnung): Almerodde (1386), Almerade (1446), Almeraide (1471), Almeraede (1473), Almanrode (1537), Almenraid (1558), Almerode (1558), Grossen Almerode (1558), Almenrod (1558), Almnrodt (um 1570), Glaß-Großalmerode (1572/1589), Almerodt (1575/1585), Grossen Almerodt (1575/1585), Grossen Almeroda (1575/1585), Groß Allmerode (1747) und Almerode (1747).
Ziegler-, Töpfer-, Tiegel- und Glasmacherdorf Der Ort verdankt seine Entstehung den in seiner Region vorkommenden hochwertigen Tonvorkommen. Bodenfunde in Großalmerode und Epterode belegen, dass hier Schmelztiegel schon um das Jahr 1200, wahrscheinlich bereits seit den Anfängen der örtlichen Töpferei im 12. Jahrhundert hergestellt wurden. Der Abbau von Glashafenton, und damit indirekt auch die Herstellung technischer Keramik, ist ab 1503 belegt. Tiegelmacher werden erstmals um 1600 genannt.Gustav Brachmann: Die Schmelztiegelmacher von Großalmerode. In: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, Jg. 72 (1961), S. 190–195. mini|Mittelalterliche Glashütte
Ab dieser Zeit, vor allem von der Mitte des 15. bis Anfang des 16. Jahrhunderts, war die Produktion von Glas in Waldglashütten des Kaufunger Waldes (am Hirschberg, Schwarzenberg, Langenberg, Steinberg, Querenberg), am Fahrenbach und im Tal der Nieste wichtigste Einnahmequelle des seit 1446 zum Amt Kassel-Neustadt gehörenden Dorfes. Nach der Auflösung der Glasmacherzunft „Spessartbund“ im Jahr 1525 schlossen sich die Glasmacher 1537 zum Hessischen Gläsnerbund zusammen; sie wählten zugleich „Almanrode“ als dessen Sitz.
Holzmangel und das Aufkommen neuerer Technologien in anderen Glasmacherregionen führten Ende des 16. Jahrhunderts zum Niedergang der nordhessischen Glashütten, verbunden mit der Suche nach Alternativen. Die Wahl fiel auf die um Großalmerode in verschiedensten Varietäten vorhandenen Tonvorkommen. Man unterscheidet diese in hochwertige Sorten: Töpferton – für Irdenware, Steingut und Steinzeug, daraus entstehen Haushaltsgefäße (Töpfe, Schalen, Schüsseln, Teller, Bräter, Kannen), auch Spezialgefäße, wie beispielsweise Apothekenkruken Glashafenton – für Glashäfen und feuerfeste Ofenauskleidungen. Früher auch als Pfeifenton bezeichnet, da Tabakpfeifen und figürliches Spielzeug (Knicker/Üller/Murmeln) daraus hergestellt worden sind.Stefan BAUER, Zum Tonbergbau von Großalmerode, Die Tongruben der Aktiengesellschaft Vereinigte Großalmeroder Thonwerke, Teil 1. In: Keramische Zeitschrift 55, (2003), Nr. 1, S. 18–22; ebenso Untertägiger Tonabbau am Beispiel der Lagerstätte Großalmerode. In: Glückauf 142 (2006), Nr. 4, S. 154–158. Halbfetter Ton für Schamottemörtel zum Vermauern von feuerfesten Steinen Fetton – als Bindeton für Schmelztiegel und Schneiderkreide Tiegelton – für Schmelztiegel Pfeifenton – für Tabakspfeifen, figürliches Spielzeug, Knicker/Üller (Murmeln) Minderwertiger Ton wurde für Tonröhren, Dachziegel und Backsteine benutzt. Der Ton war auch Rohstoff für die Gewinnung von Mineralsalzen, Laugen und Ultramarinfarben sowie Soda. Weitere einträgliche Exportgüter waren Alaun und Braunkohle. Die Gewinnung von Alaunerzen am Hirschberg ist ab 1573 belegt, in unmittelbarer Nachbarschaft begann später die Förderung von Braunkohle im Tagebau.
Stadtentwicklung Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel verlieh dem Ort 1775 die Stadtrechte. Damit verbunden war ein Privileg zur Abhaltung von vier Jahrmärkten und eine unabhängige Stellung im Amt Kassel-Neustadt, dies galt „zur Belohnung des Fleißes seiner Einwohner“. 1807 folgte die zeitlich begrenzte Zugehörigkeit zum Kanton Kaufungen, sie endete 1813. Seit dem Jahr 1817 hatte die Stadt, bis 1821, ein eigenes Amt Großalmerode, zu dem auch die Vogtei Rückerode und einige Dörfer gehörten. 1832 erhielt die Stadt mit dem Justizamt Großalmerode ein eigenes Gericht, aus dem das Amtsgericht Großalmerode wurde (dieses wurde 1945 aufgehoben). Verwaltungsmäßig gehörte die Stadt ab 1821 zum Kreis Witzenhausen und ab 1974 zum Werra-Meißner-Kreis. Die Alaunproduktion war schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu Ende gegangen, die Braunkohlenförderung erst am 1. Dezember 2003. Großalmerode war bis 2011 ein staatlich anerkannter Erholungsort. Die Stadtteile Trubenhausen und Weißenbach führen noch dieses Prädikat. Ton wird noch immer in geringen Mengen gefördert und verarbeitet, die Nischenproduktion feuerfester Keramikmaterialien dauert an, auch Schneiderkreide wird noch in Epterode hergestellt.
Hessische Gebietsreform Eingemeindungen Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurde am 31. Dezember 1970 die bis dahin selbständige Gemeinde Epterode auf freiwilliger Basis eingegliedert. Am 31. Dezember 1971 kam Weißenbach ebenfalls freiwillig hinzu. Laudenbach, Rommerode, Trubenhausen und Uengsterode folgten am 1. Januar 1974 kraft Landesgesetz. Für alle nach Großalmerode eingegliederten Gemeinden sowie für die Kernstadt wurden Ortsbezirke mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung gebildet.
Ausgliederungen Am 1. Januar 1974 erfolgte im Rahmen der Gebietsreform eine Grenzverschiebung in nördlicher Richtung zwischen den ehemaligen Grenzen der selbständigen Gemeinden Laudenbach (Großalmerode) und Hausen (Hessisch Lichtenau) im Bereich der bisher zu Hausen gehörende Liegenschaft des „Psychiatrischen Krankenhauses Meißner, Am Vogelherd“ und die Abtretung der bis dahin zu Laudenbach, heute Stadt Großalmerode, gehörenden Liegenschaft mit etwa 100 Einwohnern an die Nachbarstadt Hessisch Lichtenau.Historisches Gemeindeverzeichnis 1970bis1982| ISBN 3-17-003263-1, S. 409 f.
Bevölkerung Einwohnerentwicklung Quelle: Historisches Ortslexikon • 1461: 19 Feuerstellen • 1480/84: 19 Feuerstellen • 1519: 26 Hühner • 1528: 26 Hühner • 1564/65: 104 Rauchhühner • um 1570: 113 Hausgesesse • um 1580/82: 118 Hausgesesse • 1747: 194 Mannschaften mit 147 Feuerstellen • 1791: 1267 Einwohner • 1970: Kernstadt 4096 Einwohner, mit Epterode 4611 Einwohner • 1974: 8386 Einwohner (nach den Eingemeindungen)
Religion mini|130x130px|Älteste Inschrift 1497 mini|130x130px|Westportal am Großen Kirchrain mini|130x130px|Südportal am Kleinen Kirchrain
Historische Religionszugehörigkeit Quelle: Historisches Ortslexikon • 1885: 2393 evangelische (= 97,99 %), 10 katholische (= 0,41 %), 34 anderes christliche-konfessionelle (= 1,39 %), 5 jüdische (= 0,20 %) Einwohner • 1925: 3185 evangelische (= 94,26 %), 75 katholische (= 2,22 %), 45 baptistische (= 1,33 %), 135 sonstige (= 4,00 %) Einwohner • 1961: 3471 evangelische (= 78,25 %), 838 katholische (= 18,89 %) Einwohner
Evangelische Kirche (EKD) Der erste Kirchenbau wurde wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts als hölzerne Kapelle erstellt und an deren Stelle um 1497 ein spätgotisches Bauwerk errichtet. Bei der Inschrift im Deckengewölbe der heutigen Sakristei, ehemals der zum Kleinen Kirchrain gelegenen Außenwand des erhaltenen spätgotischen Chores, handelt es sich um den bisher ältesten Nachweis eines frühen Kirchenbaues in Großalmerode.Hermann Nobel: Kirchturm-lnschrift von 1491 in Großalmerode entdeckt. In: Hessischer Gebirgsbote, Nr. 4, 2004. Von diesem ursprünglichen Bau sind noch heute der Chorturm im Osten mit jüngerem Oberbau und nahe dem Chorturm im Mauerwerk des Kirchhofes zwei Spitzbogenportale erhalten.Hermann Nobel: Ein Portal aus alten Zeiten - Historie des Gotteshauses: Relikte zeugen von Existenz der Stadtkirche im 15. Jahrhundert in Großalmerode. In: Unbenannte Druckschrift, S. 6 (Werra-Meißner Kreis). Die heutige Kirche mit einem typischen Sakralraum des frühen 20. Jahrhunderts wurde in den Jahren 1913–16 unter dem in Kassel ansässigen Architekten Johannes Walpert erbaut. Sie ist architektonisch eine Mischung aus neubarocken, neugotischen und späteren Stilelementen. Das Langhaus wurde 1913/16 an einen spätgotischen Kirchturm mit Chor angefügt. Bei der seitlich am Chorraum angebauten steinernen Kanzel, mit drei Wappenschildern, Weinstockmotiv und der Datierung 1514, handelt es sich um eine schlichte und solide Steinmetzarbeit in gotisch schlanken Proportionen mit Stilelementen der Gotik und RenaissanceHeinz Richard zur Nieden: Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt; In: Festschrift zum 75. Jubiläum der Evangelischen Stadtkirche Großalmerode, 1991, S. 40. Ein Pfarrer wird 1539 erwähntErnst Werner Magdanz: Pfarrergeschichte des Kirchenkreises Kassel-Land von den Anfängen bis 1977; In: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 33,4, N.G. Elwert Verlag, Marburg 2002, 407 Seiten, ISBN 3-7708-1222-0. Kirchenfilialen um 1570 und noch 1872 Epterode und Wickenrode, ab 1925 nur noch EpterodeHerbert Brandt: Evangelische Kirche Wickenrode; In: Daten und Fakten der Kirche zu Wickenrode bis zum Ende des letzten Jahrhunderts, 1995,S. 16.
Erweckungsbewegung 1892/93 führte die von Kassel und Großalmerode ausgehende Erweckungsbewegung unter Pfarrer Karl Holzapfel 1907 zu Versammlungen der christlichen Gemeinschaftsbewegung mit ekstatischen Erscheinungen und ZungenredenHermann Nobel: Schwarmgeisterei vor 100 Jahren in Großalmerode, 2008; In: Hessischer Gebirgsbote (HGb), Heft 1, S. 5f.. Die Missbilligung dieser Schwarmgeisterei führte 1909 zu einem Bruch der Gemeinschaftsbewegung mit der Pfingstbewegung (Berliner Erklärung).
Christliche Studentenvereinigung 1895 wurde in Großalmerode die Christliche Studentenvereinigung (CSV) unter der Leitung von Eduard Graf Pückler gegründet.Während der 6. Konferenz der christlichen Bibelkränzchen vom 8. – 11. August 1895: Heinz-Werner Kubitza: Geschichte der Evangelischen Studentengemeinde Marburg : Band 1 von Marburger wissenschaftliche Beiträge In: Tectum Verlag DE, 1992, ISBN 3-929019-00-0, ISBN 978-3-929019-00-1, S. 24. Aus der CSV ging zwei Jahre später die Deutsche Christliche Studentenvereinigung (DCSV) hervor.
Pfarrer Hermann Sauter links|mini|100px|Pfarrer Hermann Sauter 200px|mini|Pfarrer Hermann-Sauter-Haus links|mini|100px|Vorreformatorische Kanzel von 1514