EQ. Emotionale Intelligenz (engl. Originaltitel: Emotional Intelligence: Why It Can Matter More Than IQ) ist ein 1995 in den Vereinigten Staaten erschienenes Buch des klinischen Psychologen und Wissenschaftsjournalisten Daniel Goleman. Goleman hat in diesem Buch einem breiten Publikum das Konzept der emotionalen Intelligenz vorgestellt. Die Persönlichkeitspsychologen John D. Mayer und Peter Salovey haben dieses theoretische Konstrukt in den 1990er Jahren entwickelt, um auf die Schlüsselrolle hinzuweisen, die Kompetenz im Umgang mit Gefühlen beim Erreichen beruflicher Ziele und für das persönliche Lebensglück spielt.

Inhalt Das emotionale Gehirn mini|Gefühle werden von der Amygdala (rot) generiert. In Alarmsituationen übernimmt sie oft die Kontrolle über andere Teile des Gehirns. Das menschliche Verhalten wird sowohl vom Verstand als auch von Gefühlen angetrieben; beide sind eng verknüpft. Gefühle sind ein Produkt der Evolution; da diese sich langsam vollzieht und mit einem beschleunigten gesellschaftlichen Wandel nicht Schritt hält, erscheinen Gefühle archaisch; das emotionale Repertoire, auf das Menschen bei der Bewältigung von Problemen noch heute zurückgreifen, ist auf die Anforderungen des Pleistozän zugeschnitten.Emotional Intelligence (1995), S. 3‒5 Gefühle sind quintessenzielle Handlungsimpulse: Wut führt zu Angriff, Angst zur Flucht, Glück begeistert zum Tun, Überraschung führt zu Erkunden, Abscheu zum Ausspucken und Traurigkeit zu Anpassung an den Verlust und zu Neuorientierung.Emotional Intelligence (1995), S. 6f Neurologisch werden die Gefühle vom limbischen System repräsentiert, der Verstand vom ‒ entwicklungsgeschichtlich sehr viel jüngeren ‒ Neocortex. Die Beziehungen zwischen beiden Systemen sind hochkomplex; so entstand die Mutterliebe z. B. erst mit dem Neocortex. Auch die heutige Subtilität und Komplexität von Gefühlen (z. B. Gefühle über Gefühle) hat sich erst mit dem Neocortex entfaltet.Emotional Intelligence (1995), S. 10‒12

Entwicklungsgeschichtlich waren blitzschnell wirkende Gefühle für den Menschen eine sinnvolle Verhaltensmaßgabe (z. B. Angst/Flucht).Emotional Intelligence (1995), S. 21 Wie Joseph LeDoux beschrieben hat, sind die Gefühle innerhalb des limbischen Systems insbesondere in der Amygdala repräsentiert, die als emotionaler Wächter fungiert und in bestimmten als Alarm empfundenen Situationen die Kontrolle über das Gehirn an sich reißt, bevor der Verstand einsetzen kann; LeDoux spricht von „präkognitiver Emotion“, die zum Handeln führt, bevor die Situation komplett überblickt wird.Emotional Intelligence (1995), S. 14‒18, 24; Joseph LeDoux: Emotional Memory Systems in the Brain, in: Behavioral Brain Research, Band 58, Heft 1‒2, 20. Dezember 1993, S. 69 79; Joseph LeDoux: Emotion, Memory and the Brain, Scientific American, Juni 1994; Joseph LeDoux: Emotion and the Limbic System Concept, in: Concepts in Neuroscience, Band 2, 1992, S. 169 199 Die Amygdala arbeitet allerdings, wie Goleman es formuliert, „schlampig“ und vereinnahmt das Gehirn oft auch dann, wenn die tatsächliche Situation dem als alarmierend erinnerten Szenario nur vage ähnelt, was dazu führen kann, dass das emotional motivierte Verhalten der Situation nicht angemessen ist.Emotional Intelligence (1995), S. 21‒24

Zu einer Kontrollübernahme der Amygdala kommt es freilich nur in emotionalen Notfällen. Im Normalfall wird ihre Funktion vom präfrontalen Cortex entweder schnell nachgebessert, oder der präfrontale Cortex arbeitet mit der Amygdala von vornherein zusammen, was ein hohes Maß an Verschaltung voraussetzt, sodass die neokortikale Antwort weitaus langsamer ist als der „Alleingang“ der Amygdala.Emotional Intelligence (1995), S. 24f Der präfrontale Cortex spielt eine Schlüsselrolle in der Feinregulierung der Gefühle und ist, weil dem Fühlen hier Denken vorausgeht, auch die Voraussetzung für eine erhöhte Komplexität des Fühlens.Emotional Intelligence (1995), S. 25f

Wie António Damásio aufgewiesen hat, sind eine fruchtbare Zusammenarbeit des präfrontalen Cortex mit der Amygdala und damit der Zugang zu emotionalem Lernen unverzichtbare Voraussetzungen für die Leistungsfähigkeit des Verstandes.Emotional Intelligence (1995), S. 27f; António R. Damásio: Descartes' Irrtum - Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, München: List, 1994. ISBN 3-471-77342-8

Die Natur der emotionalen Intelligenz Intelligenz im traditionellen Sinne ist kein zuverlässiger Prädiktor für Erfolg (Fortkommen, Prestige, Glück) im Berufs- und Privatleben;George E. Vaillant: Adaptation to Life, Boston: Little, Brown, 1977; J. K. Felsman, G. E. Vaillant: Resilient Children as Adults: A 40-Year Study, in: E. J. Anderson, B. J. Cohler (Hrsg.): The Invulnerable Child, New York: Guilford Press, 1987; Emotional Intelligence (1995), S. 34 sie eignet sich bestenfalls als Prädiktor für Erfolg in der Schule oder als Hochschullehrer.Emotional Intelligence (1995), S. 42 Howard Gardner hat 1983 darum angeregt, das traditionelle Intelligenzkonzept zu erweitern und nicht nur sprachliche und mathematische Kompetenzen, sondern darüber hinaus eine ganze Bandbreite weiterer „Intelligenzen“ zu berücksichtigen (Theorie der multiplen Intelligenzen).Howard Gardner: Frames of Mind: The theory of multiple Intelligences, New York, 1983; Emotional Intelligence (1995), S. 38 40 Gardners Konstrukte einer „interpersonalen“ und einer „intrapsychischen“ Intelligenz werden mit einem nicht empirisch-wissenschaftlichen Terminus oft auch als „Charakter“ bezeichnet.Emotional Intelligence (1995), S. 36 Auf ihrer Grundlage haben John D. Mayer und Peter Salovey 1990 eine grundlegende Definition für emotionale Intelligenz formuliert. Diese umfasst fünf Einzelkompetenzen:John D. Mayer, Peter Salovey: (PDF; 350 kB), in: Imagination, Cognition, and Personality, Band 9, 1990, S. 185–211; Emotional Intelligence (1995), S. 38, 43f emotionale Selbstwahrnehmung emotionale Selbstregulation Fähigkeit zu Selbstmotivation und Belohnungsaufschub Empathie soziale Kompetenz

Emotionale Selbstwahrnehmung Menschen unterliegen persönlichen Wahrnehmungs- und Verhaltensgewohnheiten und nehmen Gefühle mit unterschiedlich großer Aufmerksamkeit wahr, wobei Frauen ihren Gefühlen tendenziell größere Beachtung schenken als Männer.Emotional Intelligence (1995), S. 48 50 In seltenen Fällen fehlt das Vermögen, Gefühle bewusst wahrzunehmen und zu bezeichnen, vollständig (Alexithymie).Emotional Intelligence (1995), S. 50f Nach John D. Mayer umfasst emotionale Selbstwahrnehmung nicht nur die Wahrnehmung eines Gefühls, sondern auch die bewusste Wahrnehmung eventueller Gedanken und Urteile über das Gefühl.Emotional Intelligence (1995), S. 47

Emotionale Selbstwahrnehmung ist eine fundamentale Voraussetzung der emotionalen Selbstregulation und der Impulskontrolle.Emotional Intelligence (1995), S. 46f Damásio hat bemerkt, dass sie dem Menschen als „Bauchgefühl“ auch unerlässlich ist, wenn er Entscheidungen zu fällen hat; reine Rationalität hilft hier oft nicht weiter.Emotional Intelligence (1995), S. 53; António R. Damásio: Descartes' Irrtum - Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, München: List, 1994. ISBN 3-471-77342-8

Emotionale Selbstregulation Wie u. a. John Bowlby und Donald Winnicott hervorgehoben haben, ist die Fähigkeit, sich bei unlustvollen Gefühlen Linderung zu verschaffen, eine der grundlegendsten Lebensfähigkeiten überhaupt. Zwar kann der Mensch nicht steuern, welche Gefühle ihn ereilen, er kann aber beeinflussen, wie lange sie anhalten und ob sie eskalieren („Emotionsregulation“, allgemeiner: „Selbstregulation“).Emotional Intelligence (1995), S. 57 Ein effizientes Präventivmittel gegen die Eskalation von Wut z. B. ist das frühzeitige Reframing des auslösenden Reizes; einen bereits begonnenen Wutanfall kann der Tobende abkürzen und beenden, indem er sich von weiteren potenziellen Wutreizen abschottet.Emotional Intelligence (1995), S. 58‒63; Diane Tice, Roy Baumeister: Controlling Anger: Self-induced emotion change and self-justification, in: Daniel Wegner, James Pennebaker (Hrsg.): Handbook of Mental Control, Band 5, Englewood Cliffs, New Jersey: Prentice-Hall, 1993; Dolf Zillmann: Mental Control of Angry Aggression, in: Daniel Wegner, James Pennebaker (Hrsg.): Handbook of Mental Control, Band 5, Englewood Cliffs, New Jersey: Prentice-Hall, 1993; Redford Williams, Virginia Williams: Anger Kills, New York: Times Books, 1993 Auch Sorgen ‒ eigentlich ein eufunktionales Gefühl, mit dem der Mensch sich auf mögliche Notsituationen vorbereitet ‒ können sich chronifizieren. Wie man sich wirkungsvoll dagegen hilft, haben u. a. Lizabeth Roemer und Thomas Borkovec beschrieben.Emotional Intelligence (1995), S. 65‒69; Lizabeth Roemer, Thomas Borkovec: Worry: Unwanted Cognitive Activity That Controls Unwanted Somatic Experience, in: Daniel Wegner, James Pennebaker (Hrsg.): Handbook of Mental Control, Band 5, Englewood Cliffs, New Jersey: Prentice-Hall, 1993 Ähnliches gilt für Traurigkeit und Melancholie. Letztere ist eskalierte Traurigkeit, die durch Ablenkung oder durch Reframing unter Kontrolle gebracht werden kann.Emotional Intelligence (1995), S. 70‒75; Susan Nolen-Hoeksma: Sex Differences in Control of Depression, in: Daniel Wegner, James Pennebaker (Hrsg.): Handbook of Mental Control, Band 5, Englewood Cliffs, New Jersey: Prentice-Hall, 1993.

Selbstmotivation und Belohnungsaufschub Emotionale Intelligenz ist eine erlernbare Meta-Befähigung, die bestimmt, wie effizient andere Fähigkeiten (z. B. roher Intellekt) genutzt werden können.Emotional Intelligence (1995), S. 34, 36 Wut, Angst, Sorgen und Traurigkeit beeinträchtigen, wenn sie eskalieren, die Verstandesleistung.Emotional Intelligence (1995), S. 78f, 83f Gefühle sind den Leistungen und Erfolgen eines Menschen jedoch nicht grundsätzlich abträglich. Im Gegenteil: Enthusiasmus, Eifer und Ausdauer machen Erfolge z. B. auf akademischem, intellektuellem, künstlerischem oder sportlichem Gebiet überhaupt erst möglich; selbst ein gesundes Maß an Sorge kann zur Selbstmotivation beitragen.Emotional Intelligence (1995), S. 79f Besonders machtvolle Determinanten für intrinsisch motiviertes, selbstvergessenes Tun („Flow“) und für persönlichen Erfolg sind die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren und auf Belohnung zu warten, sowie Hoffnung und Optimismus bzw. diejenige Form von Selbstvertrauen, die Albert Bandura als Self-efficacy bezeichnet hat.Emotional Intelligence (1995), S. 81‒95 All diese Fähigkeiten sind erlernbar.Emotional Intelligence (1995), S. 89

Empathie