Digitale Kunstgeschichte ist ein Forschungsgebiet, das digitale Methoden und Verfahren für die Untersuchung kunsthistorischer Fragestellungen verwendet. Sofern noch nicht vorhanden werden auch neue digitale Verfahren für einen Untersuchungszweck entwickelt.
Mit dieser Ausrichtung wird das Forschungsgebiet meistens als Teil der geisteswissenschaftlichen Disziplin Kunstgeschichte aufgefasst; enge inhaltliche wie personelle Beziehungen bestehen darüber hinaus zu dem jungen, interdisziplinären Fach der digitalen Geisteswissenschaften (engl. Digital Humanities).
Verwandt, aber nicht deckungsgleich sind die Begriffe kunsthistorische Fachinformatik, Kulturinformatik sowie Digitale Kunst und Medienkunst.
Entwicklung des Fachgebiets In der Kunstgeschichte entstanden die ersten Aktivitäten auf dem Gebiet der digitalen Geisteswissenschaften im Rahmen von Forschungsprojekten, wie dem Census of Antique Works of Art and Architecture Known To The Renaissancehttp://www.census.de/ oder Marilyn Aronberg-Lavins The Place of Narrative: Mural Painting in Italian Churches, heute bekannt als The Piero Project/ECIT – Electronic Compendium of Images and Text.
In den 1990er Jahren begannen Archive und Bibliotheken, ihre vorhandenen Bestände in digitalen Datenbanken zu erfassen und Bildmaterial zu digitalisieren. In der deutschen Kunstgeschichte war hier federführend das Bildarchiv Foto Marburg (Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte), das ab den 1990er Jahren die ältere Verfilmung der umfangreichen Bildbestände führender deutscher Archive, Bibliotheken und Museen auf Mikrofiches, den sogenannten Marburger Index, in digitaler Form aufbereitete und Ende der 1990er Jahre auch online zugänglich machte. Diese digitale Sammlung kunsthistorisch relevanten Bildmaterials wurde nach der Jahrtausendwende zum allgemein zugänglichen Nationalen Bildarchiv der Kunst und ArchitekturBildindex der Kunst und Architektur ausgebaut.
Dieses eher zentralistisch organisierte Kooperationsmodell wurde 2001 ergänzt durch prometheus – Das verteilte digitale Bildarchiv für Forschung & LehrePrometheus-Bildarchiv, mit dem auch die universitären Aktivitäten im Bereich der digitalen Kunstgeschichte Gestalt annahmen. Prometheus wurde im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung aufgelegten Förderprogramms "Neue Medien in der Lehre" realisiert, das gleichzeitig die ersten intensiven Bemühungen zur Förderung von E-Learning in der Kunstgeschichte (Kooperationsprojekt unter dem Titel Schule des Sehens) ermöglichte.
Vom Münchener Institut für Kunstgeschichte,http://www.kunstgeschichte.uni-muenchen.de/ifk/index.html wurde ebenfalls 2001 in enger Kooperation mit Historikern die digitale Rezensionszeitschrift Kunstform gegründet.arthistoricum.net: In Kooperation mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte entstand zudem Arthistoricum.net, heute ein wichtiges kunsthistorisches Internetportal mit eigenem Blog.arthistoricum.net
2012 wurde in Nymphenburg bei München der Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte gegründet, der seitdem die Aktivitäten im deutschsprachigen Raum bündelt und besonders von Akteuren aus dem universitären Bereich mitgestaltet wird. Etwa zweimal im Jahr finden Arbeitstreffen an verschiedenen Orten statt.http://www.digitale-kunstgeschichte.de/wiki/AK-Treffen Der Arbeitskreis betreibt außerdem ein Wiki, auf dem aktuelle Informationen und Hinweise auf einschlägige Projekte und Publikationen zusammengetragen werden.
Zentrale Arbeitsfelder Digitalisierung von Abbildungen, Quellendokumenten und Kunstliteratur Der Bereich der digitalen Bereitstellung von ursprünglich analog vorhandenen Abbildungen, Quellendokumenten und Literatur unterscheidet sich zunächst technologisch und methodisch nicht von entsprechenden digitalen Editionsprojekten in den Literaturwissenschaften und sonstigen historischen Wissenschaften; er war aber ein früher Motor für die Anwendung digitaler Instrumente in der Kunstgeschichte wie der elektronischen Auswertung der Viten Vasaris und anderer kunsthistorischer Dokumente durch Paola Barocchi seit den 1980er Jahren.Barocchi, Paola: Vasari e il lessico tecnico, 1996, in: Bollettino d'informazioni, 6.1996, S. 25–35 Dieses Aufgabenfeld wird heute überwiegend durch Bibliotheken übernommen, die auf ihren Webseiten Kataloge anbieten, in denen digitalisierte Quellenschriften und Abbildungen eingesehen werden können. Durch die Erweiterung der technischen Möglichkeiten lassen sich inzwischen Bilddaten und Verknüpfungen zu anderen Dokumentationsformen einbeziehen.
Im Bereich der kunsthistorischen Diatheken und anderer Bilddatenbanken bietet das Bildarchiv Prometheus die (teilweise kostenpflichtige) Möglichkeit des zentralen Zugriffs auf die Datenbestände seiner zahlreichen Mitglieder.
Ein frühes Experiment bildbasierter Erschließung eines kunstgeschichtlichen Gegenstandes war 1992 die Aufbereitung der Ebstorfer Weltkarte an der Universität Lüneburg. Daraus entstand die Arbeit an den komplexen Ensembles Anna Oppermanns und schließlich die HyperImage-Technikhyperimage.eu: und der Dienst Meta-Imagehttp://meta-image.de/ in Prometheus.
Wissenschaftliches Dokumentieren von Objekten und Sachverhalten Das Erfassen von Information über kunsthistorische Gegenstände ist eine für die weitere Analyse und Interpretation grundlegende Aufgabe. Die digitale Dokumentation wurde bislang überwiegend von einzelnen Institutionen wie Museen, Bildarchiven, Denkmalämtern und Forschungsinstituten durchgeführt. Durch interaktive Systeme werden diese Institution inzwischen stärker untereinander verbunden und die Forscher und das Publikum stärker einbezogen. Der theoretische Aspekt des Gebietes liegt im Konzipieren von Datenmodellen und Erfassungsstandards.
Bestandsdatenbanken
Mittlerweile existiert eine hohe Zahl von einzelnen, im Internet zugänglichen Katalogen, die jedoch zumeist nach unterschiedlichen Standards funktionieren. Die Verbreitung des MIDAS-Systems von Foto Marburg sorgte in einigen Bereichen zunächst für eine gewisse Vereinheitlichung (Diskus-Verbund), wurde aber nicht flächendeckend akzeptiert. In Ländern mit zentraler Kulturverwaltung wie Frankreich führte die Digitalisierung unter staatlicher Oberhoheit zu Einheitskatalogen, bei denen die Präzision der Datenbestände dennoch schwanken kann (Base Joconde). Die Tendenz geht inzwischen zu vernetztem Arbeiten oder – bei heterogenen Einzeldatenbanken zumeist unter erheblichem Komplexitätsverlust – zu Metadatenbanken.
Ein Beispiel für vernetztes Arbeiten ist die gemeinsame Erschließung des ehemals zusammengehörigen Herzoglichen Kupferstichkabinetts durch die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel und das Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig im Projekt Virtuelles Kupferstichkabinett. Die auf Initiative der EU eingerichtete Metadatenbank Europeana ist ein im Ausbau befindlicher Versuch, die inhaltliche und formale Heterogenität digitaler Kataloge zu Kulturgütern aller Art in einem europaweiten Metakatalog zusammenzufassen.
Ein ebenfalls als Metakatalog geführtes Projekt ist der vom Bildarchiv Foto Marburg koordinierte Digitale Portraitindex.
Die von der EU im 5. Rahmenprogramm geförderte, nicht nur auf Kunstgeschichte, sondern Kulturgeschichte allgemein bezogene ECHO-Initiative als Sammlung von digitalisierten Inhalten und Tools zeigt die besonders große Heterogenität bei interdisziplinären Sammlungs- und Forschungsdatenbanken.
Forschungsdatenbanken
Die spezifische Aufgabe von Forschungsdatenbanken besteht in der Speicherung und Verfügbarmachung von Forschungsprimärdaten (Bilder, Quellentexte, Sachverhalte), die (noch) nicht in Textform traditionell oder digital publiziert wurden. Im Gegensatz zu den Bestandsdatenbanken beziehen sie sich meistens nicht nur auf einen bestimmten Sammlungsbestand und werden für einen übergeordneten Themenbereich angelegt. Mit zunehmender Vernetzung der Struktur und Inhalte von Dokumentationssystemen verwischen die Grenzen zwischen Bestands- und Forschungsdatenbanken jedoch zusehends. Aufgrund der großen Heterogenität des Gegenstands kunsthistorischer Forschung (Architektur und Artefakte aller Art und Beschaffenheit in ihren jeweiligen historischen Zusammenhängen) sowie durch die vielfachen Verbindungen zu Nachbardisziplinen (Archäologie, allgemeine Geschichte, historische Soziologie) bestehen nach wie vor erhebliche Herausforderungen in der Verarbeitung kunsthistorischer Gegenstände und Sachverhalte in digitalen Systemen.
Als Ergebnis langjähriger konzeptioneller und theoretischer Arbeit in der Auseinandersetzung mit der Aufgabe der Beschreibung heterogener kunsthistorischer Daten entwickelte eine vom Getty Research Center geleitete Arbeitsgruppe die Categories for the Description of Works of Art (CDWA), die 2009 auch in Buchform publiziert wurden. Da zu kompliziert für die praktische Anwendung, wurde eine „lite“-Version als xml-Datei entwickelt. Beide Anleitungen gehen von einem inhaltlich normativen Beschreibungskatalog aus. Parallel dazu hat das International Committee on Documentation (CIDOC) des International Council of Museums das CIDOC Conceptual Reference Model, ein Beschreibungsmodell, entwickelt, das sich völlig vom bisherigen Paradigma einer Auflistung von Beschreibungskategorien für den einzelnen Gegenstand aus, sondern beschreibt den Gegenstand in seinem historischen Kontext durch ein sog. Ereignisbasiertes Modell. Es ist nicht auf kunsthistorische Anwendung beschränkt, sondern kann auch nahezu alle historischen Sachverhalte abbilden.Karl-Heinz Lampe (Hrsg.): Definition des CIDOC Conceptual Reference Model. Berlin: ICOM Deutschland, 2010
Eine der ersten kunsthistorischen Datenbanken ging zugleich über das reine Erfassen und Beschreiben von Objekten hinaus. Der Census of Works of Arts Known to the Renaissance dokumentiert die Rezeption der Antike anhand von Renaissance-Kunstwerken und schuf dafür ein diese Beziehungen abbildendes Datenmodell. Auch das Regelwerk MIDAS (Marburger Informations-, Dokumentations- und Administrations-System) erhob den Anspruch, Kulturgüter aller Art wissenschaftlich zu erfassen und zu verwalten, erforderte dabei aufgrund der beschränkten technologischen Rahmenbedingungen ein strenges Regelwerk und eine zentrale Administration, die vernetztes Arbeiten nur bedingt erlaubte. Das im Kontext von Einzelprojekten zur römischen Kunstgeschichte an der Bibliotheca Hertziana, MPI, hervorgegangene Datenbanksystem Zuccaro versucht eine generische und an den Ideen des CIDOC CRM orientierte Grundlage zur Erfassung kunsthistorischer Sachverhalte zu schaffen.ZUCCARO. Ein Informationssystem für die historischen Wissenschaften, in: IT Information Technology 51 (2009), pp. 207–215 Bislang existieren nur vorläufige Arbeitsumgebungen. Eine frei einsetzbare Software, die auch vernetztes und interaktives Arbeiten ermöglichen soll, ist in Entwicklung.
Regelwerke, Thesauri, Normdaten
Das Getty Research Institute trägt zu den Möglichkeiten digitaler kunsthistorischer Dokumentation insbesondere mit der Entwicklung von Vokabularien und Thesauri bei, die als Referenzdaten für kunsthistorische Datenbankprojekte eingesetzt werden können (Getty Thesaurus of Geographic Names, Union List of Artist Names, Art and Architecture Thesaurus). Mit diesen Datenbanken und insbesondere dem Provenance Index zur Provenienz von Kunstwerken erarbeitet Getty zudem bedeutende Datenbestände zu historischen Sachverhalten. Als eigener Zweig hat sich die Erfassung von ikonographischen Inhalten – eine bedeutende Forschungsrichtung innerhalb der Kunstgeschichte vor allem in der Mitte des 20. Jahrhunderts – herausgebildet. Mit dem vom Dewey-Dezimal-System abgeleiteten Klassifikationssystem Iconclass, das Henry van de Wall seit den 1950er Jahren entwickelte, lassen sich ikonographische Inhalte systematisch und sprachunabhängig erfassen.Straten, Roelof van: Iconography, indexing, iconclass. A handbook. Leiden Foleor Publ., 1994