Das neue Weserkraftwerk Bremen am Weserwehr in Bremen-Hastedt wurde 2011 nach dreijähriger Bauzeit in Betrieb genommen – etwa 24 Jahre nach der Abschaltung seines Vorgängers. Dieses Laufwasserkraftwerk ist nachträglich zur Wehranlage als weitgehend unterirdisches Umgehungsbauwerk am Nordufer errichtet worden. Die Anlage nutzt bis zu 220 m³/s Weserwasser, verfügt über zwei Turbinen mit einer installierten Leistung von zusammen 10 Megawatt (MW), erzeugt rund 42 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr und soll im gleichen Zeitraum CO2-Emissionen von etwa 20.748 Tonnen vermeiden.Gemessen am bundesweiten Strommix, Stand: November 2011. Quelle für die Umweltauswirkungen des bundesweiten Strommixes: „Informationen zur Stromkennzeichnung“ auf swb-gruppe.de (swb AG), abgerufen am 29. November 2011.

Die Anlage zählt zu den wenigen Laufwasserkraftwerken, die im tidebeeinflussten Bereich eines Flusses liegen. Am Bremer Weserwehr verändert sich der Wasserspiegel unterhalb der Staustufe aufgrund der Tide regelmäßig um etwa 4 Meter innerhalb von durchschnittlich 6,2 Stunden. Auf diese besondere Bedingung ist die Turbinentechnik eingerichtet, so dass die zwischen 2 und 6 m veränderliche Fallhöhe mit hohem Wirkungsgrad genutzt werden kann.

Das Weserkraftwerk Bremen ist nach einem Ideenwettbewerb 2002 in die Genehmigungsphase eingetreten, die Anfang 2007 zum Planfeststellungsbeschluss geführt hat.Senator für Bau, Umwelt und Verkehr Bremen: „Das Weserkraftwerk wird gebaut“ senatspressestelle.bremen.de, Pressemitteilung vom 5. Feb. 2007. Über die fachtechnischen Planungen und Umweltgutachten hinaus waren Klärungen und Vereinbarungen erforderlich zum Wasserrecht, zu den Eigentumsverhältnissen an den Grundstücken und zur Abstimmung mit der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, dem das Weserwehr Bremen untersteht. Mit dem Bau wurde Anfang 2008 begonnen. Schwierigkeiten in der Bauabwicklung führten Ende 2009 zur Kündigung der beauftragten Baufirma. Die Bautätigkeiten wurden Anfang 2010 von einem neuen, regionalen Konsortium wieder aufgenommen. Die Turbinenmontage startete im Oktober 2010 mit dem Einbau der Turbinenrohre.

Die Anlage steht im Eigentum der Weserkraftwerk Bremen GmbH & Co. KG, an der ursprünglich zu je 50 Prozent der Bremer Energieversorger swb und das im Feld der erneuerbaren Energien tätige niedersächsische Unternehmen Enercon beteiligt waren. Enercon hat seinen Anteil im Jahr 2022 an die Aquarius I Beteiligungs GmbH verkauft. Die Betriebsführung erfolgt durch die swb Erzeugung AG & Co. KG, die sich der Leitwarte im knapp 450 Meter östlich gelegenen Kraftwerk Hastedt bedient.

Standort Das Kraftwerk liegt im Bremer Ortsteil Hastedt am rechten Flussufer unmittelbar neben dem Weserwehr und führt in einem kleinen Bogen nördlich um den Wehrkörper herum. Die Anlage liegt an der Grenze zwischen Mittel- und Unterweser, ist also flussabwärts am Wehr Ebbe und Flut ausgesetzt. Der wesentliche Vorteil der Positionierung am rechtsseitigen Ufer besteht in den günstigen Anströmungsverhältnissen an der Außenkurve des Flusslaufs.

Während der Bauphase musste der über das Wehr führende öffentliche Weg stets passierbar bleiben, sodass er Fußgänger und Radfahrer direkt durch das Baustellengelände führte. Im Zuge der Bauarbeiten wurde ein angrenzender Sportplatz des Hastedter TSV genutzt. Dieser Bereich wird langfristig als Grünanlage umgestaltet, so dass eine Ergänzung zu den Grünanlagen in Ufernähe geschaffen wird. Als Ersatz finanzierten die Bauherren dem Verein die Ausstattung eines nahegelegenen Platzes mit Kunstrasen.

Bauhistorie Planungen Im Zuge der Planungen des zwischen 1989 und 1993 ausgeführten Neubaus des Weserwehres wurde auch die Errichtung eines neuen Weserkraftwerks erwogen.taz vom 6. Juli 1990: „Hochwasserpapst: Wasserkraftwerk kein Problem“ Jedoch wurden diese Planungen 1999 aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. Die entstandene Wehranlage war auf eine eventuelle spätere Integration einer Wasserkraftanlage durch steuerungstechnische Vorkehrungen für das so genannte sechste Wehrfeld eingerichtet.

Die Senatsverwaltung Bremen gab 2001 den Anstoß für eine privatrechtliche Lösung durch die Aufforderung zu einem Ideenwettbewerb, an dem sich Anfang 2001 elf Unternehmen beteiligten. Sie konnten Einblick in die vorliegenden Planungsunterlagen nehmen und wurden aufgefordert, bei Interesse innerhalb von zwei Monaten ein Konzept für Bau und Finanzierung des Wasserkraftwerks vorzulegen. Vier Interessengruppen reichten Vorschläge ein, die vergleichend bewertet wurden. Ausgewählt wurde der Vorschlag einer Arbeitsgemeinschaft aus der Planet energy GmbH (einer Tochtergesellschaft des Stromversorgers Greenpeace Energy eG), der bremischen Tandem Investitions-Beteiligungsgesellschaft für ökologische Projekte mbH sowie einer Nattheimer Baufirma. Diese Pläne wurden am 11. September 2001 der Öffentlichkeit präsentiert.Radio Bremen, Buten un Binnen: "Pläne für ein neues Weserkraftwerk" [mediathek von www.radio-bremen.de], 11. Sep. 2011. Angedacht war ein Kraftwerk mit einer jährlichen Energieproduktion von 32 Millionen Kilowattstunden und einer installierten Leistung von 5 Megawatt. Damit hätte es den durchschnittlichen Jahresbedarf von 9000 Haushalten decken und im selben Zeitraum 28.000 Tonnen CO2 einsparen können. Optional sah das Konzept die Erweiterung auf 10 MW vor. Der Entwurf, dessen Kosten auf 35 Millionen Deutsche Mark veranschlagt wurden, war der einzige der vier Bewerber, der den Anforderungen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung nach einer mit dem Wehr verträglichen Bauweise am weitestgehenden nachkam. Besondere Aufmerksamkeit erweckte die Idee des so genannten „Bürgerkraftwerks“, die eine breite Bürgerbeteiligung über einen Anlagenfonds zur Finanzierung des Projektes vorsah. Auf diese Weise sollten mindestens neun Millionen Euro der Kosten aufgebracht werden.

Das Konsortium ging davon aus, dass der Senat der Freien Hansestadt Bremen bis Jahresende 2001 alle notwendigen Vorentscheidungen träfe und in der Folge 2002 das erforderliche Planfeststellungsverfahren hätte durchgeführt werden können. Zur Bürgerschaftswahl 2003 sollte der erste Spatenstich erfolgen, man ging von einer Inbetriebnahme bis spätestens 2005 aus. Der erzeugte Strom sollte im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) in das öffentliche Netz eingespeist werden. Eine zusätzlich eingerichtete Aussichtsplattform und ein gastronomischer Betrieb sollten das Weserkraftwerk zu einem Ausflugsziel und einer Attraktion Bremens machen.

Das Auricher Unternehmen Enercon, das als Hersteller von Windkraftanlagen international bekannt war, zeigte bereits Anfang des Jahres 2002 Interesse, neue Turbinen speziell für die Verhältnisse am Bremer Standort zu entwickeln.http://www.weserstrom-genossenschaft.de/ Mitteilungen der WeserStrom Genossenschaft vom 12. Dezember 2006. Für diese Entwicklung wurden einige Jahre veranschlagt.

Das Konsortium wurde schließlich 2004 in die Rechtsnachfolgerin Weserkraftwerk Bremen GmbH umgewandelt, die die fachtechnischen Planungen und Umweltgutachten erstellen ließ, wie sie als Grundlage eines Planfeststellungsverfahrens erforderlich waren. Darüber hinaus waren Klärungen und Vereinbarungen erforderlich zum Wasserrecht, zu den Eigentumsverhältnissen an den Grundstücken und zur Abstimmung mit der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, dem das Weserwehr Bremen untersteht. Die ehemaligen Mitbewerber erhoben im Frühjahr 2005 Vorwürfe gegen das Bremer Umweltressort. So kritisierte Jürgen Franke, ehemaliger Geschäftsführer des Bremer Energiebeirats und Mitbegründer der WeserStrom Genossenschaft, die Vergabeentscheidung der Behörde aus dem Jahre 2002. Den ersten Planungen zufolge hätte bereits 2005 der erste Strom aus Wasserkraft geliefert werden sollen, die Bevorzugung der Planet energy GmbH und der Tandem GmbH habe jedoch zu erheblichen Verzögerungen geführt.Bericht in die tageszeitung vom 2. März 2005.

Der Senator für Bau, Umwelt und Verkehr verfügte schließlich in seiner Funktion als Obere Wasserbehörde am 31. Januar 2007 die Planfeststellung, und in der Folge begann die Ausführungsplanung für den Bau. Im Februar 2007 wurde die Gesamtinvestition mit 28 Millionen Euro beziffert, die etwa zu einem Drittel im Rahmen einer Bürgerbeteiligung erbracht werden sollte. Ein entsprechendes Beteiligungsangebot sollte nach Erhalt belastbarer Daten und Ergebnisse aus den Ausschreibungs- und Bieterverfahren etwa Anfang 2008 vorgelegt werden. Der Einweihungstermin wurde für den Dezember 2009 angekündigt. Die Leistung wurde auf 10 Megawatt erhöht, da mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz die Obergrenze von 5 MW für die Vergütung von Strom aus neuen Wasserkraftwerken weggefallen war. Das neue Kraftwerk sollte 38 Millionen Kilowattstunden liefern, 32.500 Tonnen CO2 einsparen und umgerechnet 12.500 Haushalte versorgen.

Die Bauleistungen wurden Ende 2007 ausgeschrieben und Anfang 2008 beauftragt. Am 4. März wurde die Weserkraftwerk Bremen GmbH in die Weserkraftwerk Bremen GmbH & Co. KG überführt. 51 Prozent der Anteile sollten weiterhin an einer Zeichnung interessierten Privatpersonen zur Verfügung stehen, wobei Anteile von 2.500 bis 250.000 Euro angeboten wurden. Mit jeweils 24,5 Prozent beteiligten sich die Firmen Enercon (Aurich) und swb AG (Bremen).Bremen – Öko-Strom mit Bürgerbeteiligung, auf sein.de Die Bremer Landesbank gab die Zusage für eine Fremdfinanzierung über eine Laufzeit von 30 Jahren, falls durch private Investoren nicht genügend Kapital zusammenkommen würde. mini|Blick auf die Baustelle am 20. August 2010

Das erste Baujahr Anfang Mai 2008 erfolgte der erste Spatenstich zum Baubeginn. Nach der Einrichtung der Baustelle wurden vier getrennte Baugruben mit Hilfe von Bohrpfahlwänden angelegt. Insgesamt wurden 350 Bohrpfähle mit einer Länge von jeweils 23 Metern und Durchmessern zwischen 1,20 und 1,50 Metern gesetzt. Die ersten beiden Gruben sollten später das Einlaufbauwerk und die Turbinenhalle aufnehmen. Noch hielt man an der Bürgerbeteiligung fest; die Veröffentlichung des Beteiligungsprospekts wurde auf Sommer 2008 verschoben. Mittlerweile hatte sich das Investitionsvolumen stark erhöht und betrug rund 40 Millionen Euro. Im Frühjahr 2009 sollten der Planung entsprechend der Triebwasserkanal und das Auslaufbauwerk errichtet werden.

Es handelt sich um ein anspruchsvolles Bauwerk, das direkt neben dem Fluss und in teilweise weit unter den Wasserspiegel reichenden Baugruben errichtet wurde. Planmäßig war auch ein Hochwasserschutz sicherzustellen. Als man am 3. Dezember 2008 die Arbeiten im Hinblick auf das Winterhochwasser einstellte, wurde bekanntgegeben, dass zwar die Spezial-Tiefbauarbeiten in Zusammenhang mit den Bohrpfahlwänden zu 75 Prozent abgeschlossen seien, sich aber ansonsten gegenüber dem vertraglich vereinbarten Bauzeitenplan starke Verzögerungen ergeben hätten, so dass mit „einer nicht unerheblichen Verschiebung des Fertigstellungstermins zu rechnen ist.“swb-Pressemitteilung vom 3. Dezember 2008. Auf Grund dessen wurde die Beteiligung interessierter Anleger am Weserkraftwerk in das kommende Jahr 2009 verschoben.

Entwicklung nach dem Wechsel der Eigentümer mini|Luftbild des Weserkraftwerks während der Bauphase am 5. Oktober 2011 Enercon und swb stockten ihre Anteile am 17. Juli 2009 signifikant auf und sind seitdem – da die Planet energy GmbH und die Tandem GmbH zeitgleich aus dem Projekt ausstiegen – mit jeweils 50 Prozent gleichberechtigte Gesellschafter. Man errichtete ein Containerdorf mit eigener Projekt- und Bauleitung am Weserwehr, um sich vor Ort stärker in den operativen Betrieb der Baustelle einbringen zu können. Darüber hinaus erhöhten die Unternehmen die Personalkapazitäten, die für die Koordinierung der Baudurchführung eingesetzt wurden. Die Inbetriebnahme wurde nun für Ende 2010 anvisiert; Projektrisiken, die sich inzwischen ergeben hatten, führten dazu, dass von der geplanten Bürgerbeteiligung Abstand genommen wurde.