Die Tonkin-Kampagne () war ein bewaffneter Konflikt, der etwa vom Juni 1883 bis zum April 1886 andauerte und in dem Frankreich abwechselnd gegen die Armeen der Schwarzen Flaggen, Vietnams und Chinas um die Vorherrschaft in Tonkin und damit verbunden auch Annam kämpfte. Die Lage der Franzosen wurde im August 1884 durch den Ausbruch des Chinesisch-Französischen Krieges und im Juli 1885 durch den Aufstand der Can Vuong in Annam zusätzlich noch erschwert. Die Hauptlast der Kämpfe wurde auf französischer Seite vom Expeditionskorps Tonkin und der Tonkinflotille getragen. Besonders im Chinesisch-Französischen Krieg griff jedoch auch das französische Fernostgeschwader in den Konflikt ein. Das offizielle Ende der Kampagne kam im April 1886, als das Expeditionskorps Tonkin bedeutend verkleinert und in eine Besatzungstruppe umgewandelt wurde. Das Gebiet Tonkins konnte jedoch bis in das Jahr 1896 hinein nicht als befriedet gelten, da es immer wieder zu Erhebungen der einheimischen Bevölkerung kam.

Vorgeschichte – Hanoi und Nam Dinh (April 1882 bis Juli 1883) mini|links|Henri Rivière

Neun Jahre nachdem Francis Garnier mit dem Versuch gescheitert war, Tonkin gewaltsam für Frankreich zu erobern, kam es erneut zu Auseinandersetzungen, als der französische Marineoffizier Henri Rivière mit einer kleinen Einheit Marineinfanteristen am 25. April 1882 die Zitadelle von Hanoi besetzte.Auguste Thomazi: La conquête de l’Indochine: Avec vingt-deux croquis. 1934, S. 140–144. Zwar ließ er sie eiligst wieder räumen und entschuldigte sich für diesen Vorfall, forderte allerdings gleichzeitig Verstärkungen in Frankreich an, da ihm mit Rückendeckung des Staates die Gelegenheit günstig erschien, nun doch ein französisches Protektorat über Tonkin zu errichten, nachdem dies in Annam schon 1874 gelungen war.

Als die erwarteten Verstärkungen im Februar 1883 eintrafen, begann Rivière Vorbereitungen zu treffen, um die Stadt Nam Định zu erobern und von dieser aus eine Nachschublinie bis zum Meer zu errichten. Das Vorhaben gelang mit dem französischen Sieg in der Schlacht von Nam Dinh am 27. März 1883.Auguste Thomazi: La conquête de l’Indochine: Avec vingt-deux croquis. 1934, S. 149–150.

Während der Abwesenheit Rivières und eines Großteils der französischen Truppen versuchte eine vietnamesische Armee unter dem Kommando von Hoang Ke Viem die trotz des Vorfalls um die Eroberung der Zitadelle von Hanoi in der Nähe der Stadt gelegenen Positionen der Franzosen zu überrennen. Diese konnten den Angriff in der Schlacht von Gia Cuc am 27. und 28. März jedoch abwehren und dem Gegner schwere Verluste zufügen.Auguste Thomazi: La conquête de l’Indochine: Avec vingt-deux croquis. 1934, S. 150–151.

Diese auf die Initiative von Henri Rivière zurückgehenden Aktivitäten werden teilweise schon der Tonkin-Kampagne zugerechnet, meist wird ihr Beginn jedoch auf den Juni 1883 datiert, nachdem die französische Regierung beschlossen hatte, weitere Verstärkungen nach Tonkin zu entsenden. Dies war eine Konsequenz aus der Niederlage und dem Tod Rivières in der Schlacht an der Papierbrücke am 19. Mai 1883, als seine Truppe von einer zahlenmäßig überlegenen Einheit der Schwarzen Flaggen unter Liu Yongfu gestellt und geschlagen wurde. Aus den schon in Tonkin stehenden Truppen und den Verstärkungen wurde das Expeditionskorps Tonkin geformt, welches zunächst unter das Kommando von Brigadegeneral Alexandre-Eugène Bouët, dem höchstrangigen Offizier der Marineinfanterie in Cochinchina, gestellt.Auguste Thomazi: La conquête de l’Indochine: Avec vingt-deux croquis. 1934, S. 158–162.

mini|Das Gefecht bei Nam Dinh am 19. Juli 1883

Die französische Position in Tonkin stellte sich bei Ankunft Bouëts als verhältnismäßig schwach heraus. Es gab nur kleine Garnisonen in Hanoi, Haiphong und Nam Dinh sowie isolierte Außenposten bei Hon Gai und Qui Nhon in Annam, welche eine Offensive gegen die Truppen Liu Yongfus und Hoan Ke Viems vorerst unmöglich erscheinen ließen.E. Duboc: Trente-cinq mois de campagne en Chine, au Tonkin. 1899, S. 139–151. Bouët befahl daher als erstes die Räumung der Außenposten bei Qhi Nhon, Hon Gai und Nam Dinh, änderte den Befehl später jedoch dahingehend um, dass Nam Dinh nicht geräumt, sondern verstärkt und gehalten werden sollte. Den restlichen Juni über verschanzten die Franzosen sich in ihren Garnisonen und wehrten dabei ohne größere Schwierigkeiten kleine Störmanöver der Vietnamesen gegen die Posten in Hanoi und Nam Dinh ab.Lucian Huard: La guerre du Tonkin. 1887, S. 84–88.

Die Ankunft von Verstärkungen aus Frankreich und Neukaledonien sowie die Anwerbung cochinchinesischer und tonkinesischer Hilfstruppen erlaubten Bouët ab Mitte Juli, seinerseits in die Offensive zu gehen. Am 19. Juli griff der Bataillonsführer und Oberbefehlshaber der französischen Garnison in Nam Dinh die um die Stadt stationierten Truppen Hoang Ke Viems an und vertrieb diese, was den feindlichen Druck von der dortigen französischen Stellung nahm.Lucian Huard: La guerre du Tonkin. 1887, S. 88–92.

Errichtung des französischen Protektorats (August 1883) mini|Courbet und Harmand in Hue im August 1883

Die Ankunft von Admiral Amédée-Anatole Courbet mit erheblichen Verstärkungen in der Halong-Bucht im Juli 1883 stärkte die französische Position in Tonkin weiter. Obwohl die Franzosen nun die uneingeschränkt schlagkräftigste militärische Macht in Tonkin darstellten, war ihnen klar, dass sie zu einer Übereinkunft mit dem vietnamesischen Hof in Huế kommen mussten, bevor sie die Schwarzen Flaggen Liu Yongfus restlos zerschlagen konnten. Minimalziel war hierbei die Errichtung eines französischen Protektorats über Tonkin, dass notfalls mittels Zwang erreicht werden sollte. Nach der Einrichtung eines solchen Protektorats wäre es den Franzosen möglich gewesen, die Schwarzen Flaggen als Landesfeinde zu deklarieren und notfalls vietnamesische Truppen zur Unterstützung im Kampf gegen diese heranzuziehen.

Am 30. Juli trafen sich Admiral Courbet, General Bouët und der neuernannte zivile Generalkommissar für Tonkin, François-Jules Harmand, zu Beratungen über ihr weiteres Vorgehen in Haiphong. Bei diesem Treffen kamen sie überein, dass Bouët so bald wie möglich einen Angriff auf die Stellungen der Schwarzen Flaggen bei Phu Hoai und am Fluss Day führen sollte. Da der vietnamesische Hof weiterhin diese unterstützte und auch der vietnamesische Prinz Hoang mit seiner Armee den Franzosen feindlich gegenüberstand, beschlossen sie vor allem auf Bestreben Harmands, die französische Regierung um die Erlaubnis eines Angriffs auf die Verteidigungsstellungen bei Huế zu bitten. Nach der Einkreisung der Stadt sollte ein Ultimatum gestellt werden, das französische Protektorat über Tonkin anzuerkennen oder sich einer sofortigen Attacke durch die belagernden Truppen auszusetzen.Auguste Thomazi: La conquête de l’Indochine: Avec vingt-deux croquis. 1934, S. 165–166.

Der Vorschlag wurde am 11. August vom Marineministerium bestätigt und am 18. August begann das Geschwader Admiral Courbets den Beschuss der Forts von Thuan An im Vorfeld von Huế. Am 20. August landeten zwei Kompanien französischer Marineinfanterie, unterstützt von Matrosen dreier französischer Kriegsschiffe, darunter der Panzerkorvette Atalante, am Strand und stürmten in der Schlacht von Thuan An die Forts. Am Nachmittag desselben Tages liefen die beiden Kanonenboote Lynx und Vipère in die Mündung des Parfüm-Flusses ein, um einen jederzeitigen Angriff der angelandeten Truppen auf Huế selbst zu decken.

mini|Unterzeichnung des Vertrags von Hue am 25. August 1883

Da die Vietnamesen keine ausreichenden Truppen zur Verteidigung der Stadt zusammenziehen konnten, baten sie um Verhandlungen und einen Waffenstillstand. Am 25. August diktierte Harmand den vietnamesischen Unterhändlern den Vertrag von Huế und zwang sie zur Unterzeichnung. Durch diesen Vertrag erkannte der vietnamesische Hof die französische Besetzung Cochinchinas und das französische Protektorat sowohl über Annam als auch Tonkin an und verpflichtete sich, alle eigenen Truppen aus Tonkin abzuziehen. Als Gegenleistung behielt das vietnamesische Kaiserhaus seinen Thron und konnte formell, jedoch nur nach Absprache mit Frankreich, weiter regieren. Zu diesem Zwecke wurde die Entsendung eines französischen Residenten, der dem Generalkommissar Tonkins unterstellt war, nach Huế beschlossen, welcher als Berater des Kaisers diente. Um einen Aufstandsversuch zu unterbinden, besetzte zusätzlich eine französische Garnison dauerhaft die Forts bei Thuan An. Als Gegenleistung für den Erlass seiner Schulden trat Vietnam zusätzlich seine Provinz Binh Thuan an die französische Kolonie Cochinchina ab und erlaubte es den Franzosen, verwaltungstechnisch Gebiete zwischen Annam und Tonkin zu tauschen. Als letzte Punkte garantierten die Franzosen, neben dem freien Handel auf dem Roten Fluss, die Schwarzen Flaggen, welche angeblich Vietnam zerschlagen und an China angliedern wollten, aus Tonkin zu vertreiben um die innere Integrität des Landes und der Kaiserherrschaft zu sichern.Auguste Thomazi: La conquête de l’Indochine: Avec vingt-deux croquis. 1934, S. 166.

Phu Hoai, Palan und Hai Duong (August bis November 1883) mini|Liu Yongfu

In der Zwischenzeit begann General Bouët, wie in der Konferenz von Haiphong vereinbart, eine Offensive gegen die Schwarzen Flaggen Liu Yongfus. Am 15. August und 1. September griff er deren Verteidigungsstellungen am Day-Fluss an, konnte in der Schlacht von Phu Hoai und der Schlacht von Palan jedoch keinen entscheidenden Durchbruch erzielen, weshalb sie trotz des teilweise französischen Erfolgs von der Weltöffentlichkeit als Niederlagen Frankreichs gewertet wurden.Auguste Thomazi: La conquête de l’Indochine: Avec vingt-deux croquis. 1934, S. 162–167. Parallel hierzu gelang es jedoch dem Bouët unterstellten Oberstleutnant Brionval, welcher mit einer Einheit Marineinfanterie und cochinchinesischer Hilfstruppen gegen die vietnamesischen Stellungen in der Provinz Hai Duong vorging, die Verteidigungsanlagen der gleichnamigen Stadt am 13. August zu stürmen. Dieses Gefecht wurde für die von beiden Seiten verübten Grausamkeiten bekannt. So entdeckten die französischen Soldaten bei der Erstürmung die aufgehängten Leichen mehrerer vermisster französischer und cochinchinesischer Soldaten des Expeditionskorps, die eindeutige Folterspuren aufwiesen. Als Rache hierfür töteten die Franzosen nach der Schlacht alle gefangengenommenen vietnamesischen Soldaten mit Bajonetten. Nach der Eroberung der Stadt besetzten die Franzosen die örtliche Zitadelle und richteten auf dem Elefantenberg, einige Kilometer nördlich, einen zusätzlichen Posten ein, um so die Kommunikationslinien auf dem Wasserweg zwischen Haiphong und Hanoi abzusichern.Lucian Huard: La guerre du Tonkin. 1887, S. 98–99.

Im November 1883 besetzten die Franzosen die Städte Ninh Binh, Hung Yen und Quang Yen, um ihre Position im Delta des Roten Flusses weiter zu stärken. Besondere Bedeutung hatte dabei die Besetzung der Zitadelle von Ninh Binh, da deren hochgelegene Position es erlaubte, mittels Artillerie den gesamten durchgehenden Verkehr auf dem Roten Fluss zu kontrollieren und notfalls zu blockieren. Des Weiteren sollte der als franzosenfeindlich geltende, vietnamesische Gouverneur von Ninh Binh abgesetzt werden, welcher im März 1883 den Vormarsch Henri Rivières auf Nam Dinh zu behindern versucht hatte. Da sie Widerstand erwarteten, schickten die Franzosen neben einer Einheit Marineinfanterie unter dem Kommando von Oberstleutnant Pierre de Badens zusätzlich die beiden Kanonenboote Léopard und Pulvier gegen die Stadt, welche jedoch ohne Gegenwehr von den vietnamesischen Truppen aufgegeben wurde.