Eliécer Ávila Cicilia (* 1985 in Puerto Padre, Las Tunas) ist ein kubanischer Informatiker und prominenter Regierungskritiker. Er wurde 2008 als Student für seine außergewöhnlich offenen und kritischen Fragen an den Parlamentspräsidenten des Landes bekannt, mit denen er diesen während einer politischen Versammlung an einer Elite-Hochschule in Havanna in für Kuba einmalige Weise in peinliche Verlegenheit brachte.

Ávila stammt aus El Yarey, einem kleinen Dorf in der Nähe der ostkubanischen Kleinstadt Puerto Padre Provinz Las Tunas und hatte durch seine schulischen Leistungen und seine Bekenntnisse zum bestehenden politischen System einen Studienplatz an der Hochschule für Informatik (UCI) in Havanna erlangt. Seit dem Grundschulalter und seinem Eintritt in die kommunistische Pionierorganisation hatte er sich immer vorbildlich in den staatlich gelenkten Aktivitäten engagiert. An der UCI war er als aktives Mitglied des Studentenbundes und des Jugendverbandes der Kommunistischen Partei in die Organisation politischer Aktivitäten eingebunden. Außerdem war er an seiner Fakultät Leiter des Projekts „Vigilancia Tecnológica y Política“ (technische und politische Überwachung), einem eigens und ausschließlich an der UCI gebildeten Team von ideologischen Kontrolleuren, die in der von der Staatsführung häufig beschworenen Überzeugung, sich in einem „Cyberkrieg“ mit den Feinden der Revolutionsregierung zu befinden, im Internet systematisch nach Kritik an der Politik in Kuba suchen, um solchen Äußerungen mit regierungskonformen Kommentaren oder anderen „Waffen“ zu begegnen.

Im März 2013 gründete Ávila die oppositionelle Organisation Somos+ (sprich: Somos más, ). Ziel dieser Bewegung ist die Schaffung „eines modern, florierenden und freien Landes“.

Die Diskussion mit Parlamentspräsident Alarcón an der UCI Am Vortag der Wahlen zur Nationalversammlung besuchte Ricardo Alarcón, Parlamentspräsident und Mitglied des Politbüros der allein zugelassenen Kommunistischen Partei, am 19. Januar 2008 die Hochschule zu einer Informationsveranstaltung für Studenten und Professoren, die über den hochschulinternen Fernsehkanal UCI TV für die 10.000 Studenten übertragen wurde. Nach mehreren Ansprachen wurde dem aus rund 300 Personen bestehenden Publikum die Möglichkeit gegeben, Fragen an Alarcón zu richten. Zu den Studenten, die diese Gelegenheit nutzten, gehörte Ávila, der sich in seiner 16 Minuten langen Wortmeldung zwar als treuer Anhänger der Kubanischen Revolution und ihrer Führer zu erkennen gab, gleichzeitig aber mehrere politisch heikle Themen ansprach, die sehr häufig von als Staatsfeinden kriminalisierten Oppositionellen oder ausländischen Beobachtern, kaum jedoch von der Führung des Landes öffentlich behandelt wurden. Zu diesen Themen gehörte beispielsweise das bestehende Verbot für Kubaner, auf eigene Verantwortung Auslandsreisen zu unternehmen, behördliche Blockaden wichtiger Bereiche des Internets, der zunehmende Verkauf von Produkten des täglichen Bedarfs ausschließlich gegen die Parallelwährung „Peso Convertible“, zu der ein großer Teil der Bevölkerung keinen Zugang hat, und das völlige Fehlen eines von der Führung erläuterten politischen Zukunftsprojekts. Alarcón, der zu den in der öffentlichen Rede sowie im Umgang mit kritischen Fragen erfahrensten Repräsentanten der Staatsführung gehört, ging auf einige der vorgebrachten Punkte überhaupt nicht ein, sondern sprach stattdessen ausführlich über die Zeit vor 1959. Er antwortete, weder über das Thema Internet noch zur Frage nach den parallelen Währungen ausreichend informiert zu sein. Die Reiseverbote legitimierte Alarcón mit dem Argument, dass vor 1959 noch weniger Kubaner als aktuell in einheimischen Hotels übernachteten und dass am Himmel nicht genug Platz für die notwendigen Flugzeuge sei, damit alle sechs Milliarden Erdenbewohner reisen könnten wohin sie wollten.Alarcon y estudiantes de la UCI, video completo Video auf YouTube (48'48 Minuten), abgerufen am 28. November 2011 (spanisch)

Das internationale Medienecho Innerhalb weniger Tage zirkulierten in Havanna zahlreiche Kopien von Ton- und Videomitschnitten der Versammlung.desdecuba.com: (spanisch)desdecuba.com: (englisch) Kubaner innerhalb wie außerhalb der Insel diskutierten das Gesehene, viele schrieben öffentliche Kommentare.miscelaneasdecuba.net: (spanisch)france24.com: (englisch)Ernesto Morales: También Nosotros, los Cubanos Menores de 35 años… ursprünglich veröffentlicht in Kaosenlared vom 9. November 2008, erneut veröffentlicht im Blog El Pequeño Hermano am 29. November 2011, abgerufen am 1. Dezember 2011 (spanisch) Große internationale Verbreitung erfuhr die Nachricht von der höchst ungewöhnlichen Diskussion, nachdem die BBC und wenig später CNN über das inzwischen bereits im Internet hochgeladene Video berichtetenFernando Ravsberg: Cuba: preguntas difíciles al gobierno in: BBC Mundo vom 5. Februar 2008, abgerufen am 28. November 2011 (spanisch)cnn.com: (englisch) und eigene Zusammenschnitte der zentralen Aussagen im Internet verbreiteten.BBC Mundo: alarcon enfrenta cuestionamientos de estudiantes editierte Version der Diskussion auf YouTube, abgerufen am 29. November 2011 (spanisch)Morgan Neill (CNN): Videos show discontent in Cuba TV-Beitrag vom 7. Februar, abgerufen über LiveLeak am 29. November 2011 (englisch) Zahlreiche Medien – auch in Deutschland – griffen die Meldung auf.Sandra Weiss: Fernsehdebatte: Kubaner verlangen mutiger nach Freiheit in: WELT.de vom 12. Februar 2008, abgerufen am 29. November 2011Kuba nach Fidel: Raúl Castro klopft bei den Amerikanern an in: Spiegel.de vom 19. Februar 2008, abgerufen am 29. November 2011France24: Les étudiants se rebellent sur le Net TV-Beitrag vom 10. Februar 2008 auf YouTube, abgerufen am 29. November 2011 (französisch) Da es sich um die historisch ersten Videoaufnahmen handelte, die kubanische Bürger zeigen, die einem hohen Vertreter der Staatsführung politisch sensible Fragen stellen, lag der Schwerpunkt der Berichterstattung auf der schonungslosen Benennung dieser in den Fragen der Studenten angesprochenen, jedoch noch nie zuvor öffentlich formulierten Probleme, teilweise auch auf den ausweichenden Antworten des Politikers. Beide Elemente wurden fast einhellig als Zeichen von Unzufriedenheit auf Seiten der Studenten und der Gesamtbevölkerung gewertet. Kurz bevor die Nachricht ihre größte mediale Verbreitung fand, kam die spektakuläre ergänzende Meldung auf, Ávila sei infolge seiner kritischen Äußerungen verhaftet worden, die von vielen internationalen Medien übernommen wurde, sich jedoch wenige Stunden später als Fehlinformation herausstellte. Die ursprüngliche Meldung der Verhaftung ging auf Aussagen seiner verängstigten Mutter zurück, die regierungsunabhängigen Berichterstattern gegenüber ihre große Besorgnis geschildert hatte, nachdem ihr Sohn plötzlich durch Vertreter der Staatsmacht aus dem Heimatdorf abgeholt worden war, um ihn auf höhere Anweisung sofort nach Havanna zu bringen.payolibre.com: (spanisch) Die meisten Medien, Organisationen und Politiker, die die Falschmeldung übernommen hatten, zogen ihre Aussagen später zurück oder korrigierten sie, während andere dies nicht oder nur teilweise taten.Freedom House: Student Critic of Cuban Government Should be Immediately Released unkorrigiert gebliebene Pressemitteilung vom 11. Februar 2008, abgerufen am 29. November 2011 (englisch)

Die Reaktion der staatlichen Medien Angesichts des ungeahnten internationalen Medienechos bemühten sich die betroffene Hochschule und die kubanischen Medien, den entstandenen Eindruck von Grundsatzkritik am Zustand des Landes umgehend zu entkräften und dabei den Vorwurf der Festnahme Ávilas nicht nur zu widerlegen, sondern als Beweis für die schlimmsten Absichten der internationalen Medien zu nutzen. So verbreitete die kubanische Webseite „Cubadebate“ das Video einer eigens an der UCI einberufenen Talkshow, bei der Eliécer Ávila und weitere Studenten auftraten, um ihre absolute Treue zum politischen System und ihre Dankbarkeit für die Begegnung mit Alarcón zu bezeugen und die angeblich gegen Kuba losgetretene internationale Medienkampagne zu verurteilen.Dalia Acosta: . In: IPS Weltblick vom 18. Februar 2008, Seite 24Cubadebate: Entrevista con estudiantes de la UCI (1) und Entrevista con estudiantes de la UCI (2) Video der Interviewsendung mit den UCI-Studenten vom 11. Februar 2008 bei YouTube (2 Teile, 14 Minuten), abgerufen am 29. November 2011 (spanisch)Transcripción de la entrevista de Cubadebate con los estudiantes de la UCI in: Cubadebate vom 13. Februar 2008, abgerufen am 28. November 2011 (spanisch) Auch die Hauptausgabe der Nachrichten des kubanischen Fernsehens berichtete in einem dreieinhalbminütigen Beitrag, dass Eliécer Ávila im Mittelpunkt einer gegen Kuba gerichteten Kampagne ausländischer Medien stehe, die von den USA gefördert sei. Auch bei dieser Gelegenheit bekräftigte er im Interview seine ungeteilte Identifikation mit dem herrschenden politischen System.Reportaje NTV a Eliecer desde la UCI Cuba desmienten infamia Nachrichtenbeitrag des kubanischen Fernsehens vom 11. Februar 2008 auf YouTube, abgerufen am 29. November 2011 (spanisch) Weder in diesem Beitrag noch an anderer Stelle gingen die kubanischen Medien jedoch in irgendeiner Weise auf den tatsächlichen Gegenstand der ausländischen Meldungen ein, nämlich die Fragen, die der Student gestellt hatte und die Antworten, die ihm der Parlamentspräsident darauf gegeben hatte. Alarcón erwähnte die Veranstaltung an der UCI einige Wochen später in einem langen Artikel, in dem er BBC und CNN vorwarf, durch den Zusammenschnitt der zweistündigen Diskussion auf ein Video von wenig mehr als vier Minuten die Wahrheit verfälscht zu haben, was zahlreiche andere Medien ungeprüft übernommen hätten. Er beklagte, die ausländischen Medien hätten nicht die Originalquellen genutzt, allerdings ohne gleichzeitig zu erwähnen, dass die kubanischen Behörden ausländischen Journalisten keinen Zutritt zu Diskussionsveranstaltungen wie der an der UCI gewähren. Auf die ausschließlich von den ausländischen Medien wahrheitsgemäß wiedergegebenen Inhalte der unbequemen Fragen und seiner Antworten ging er nicht ein.puntofinal.cl: (spanisch)

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