Die Sprechkunst, auch als Vortragskunst oder ästhetische Kommunikation bezeichnet, stellt das bewusst gestaltete, gesprochene künstlerische Wort in unterschiedlichen Kommunikationssituationen dar. Sprechkunst ist immer an ein Publikum bzw. an einen oder mehrere Hörer gerichtet und kann „live“ (direkt im Sinne einer auditiv-visuellen Kommunikation) oder in medienvermittelter Form (indirekt) ablaufen. Das künstlerisch gesprochene Wort ist in einer Vielzahl von Kommunikationssituationen wiederzufinden, z. B. auf der Theaterbühne (einschließlich im Musiktheater), im Gesang, im Hörfunk und im Hörbuch, im Film, bei Lesungen, im Rap oder beim Poetry Slam, aber auch im Literaturunterricht in der Schule. Die Sprechkunst kann als spezifische Kunstform, als Kunstausübung und somit als künstlerische Tätigkeit verstanden werden. Sie wird als Teildisziplin der Sprechwissenschaft angesehen und dient der Analyse und Gestaltung von sprechkünstlerischen Prozessen in den unterschiedlichsten Kontexten. Die Theorie zur Sprechkunst und das entsprechende methodisch-didaktische Inventar basieren auf sprechwissenschaftlicher Theoriebildung unter der Einbeziehung anderer Kunsttheorien (bspw. Ästhetik, Theaterwissenschaft, Schauspielmethodik, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Literatur- und Sprachwissenschaft).
Geschichte und Entwicklung (Quelle: )
In der Nachzeit der Antike war die Dichtungs- bzw. Rezitationskunst auf der Bühne jahrhundertelang durch freie Improvisationen gekennzeichnet. Die Handlung bzw. der Text wurden meist spontan von den Schauspielern erfunden und direkt vorgetragen. Erst 1737 verkündete der Leipziger Professor für Dichtkunst Johann Christoph Gottsched die Verbannung vom „Hanswurst“ (Stegreifspiel) von der Bühne. Er plädierte dafür, dass sich Schauspieler an literarische Texte zu halten hatten. An die Stelle der Improvisation trat die Verantwortung des Schauspielers gegenüber dem Text. Beeinflusst von den Reformbestrebungen des Theaters entwickelten sich eine neue Literatursprache und modernere Lektüreformen, bspw. Vorlesezirkel oder Leseproben. Theater und Literatur standen nicht mehr getrennt nebeneinander, sondern in einer wechselseitigen Beziehung.
Seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde das Schauspiel als Bildungsinstrument für die Überwindung der höfisch-klassizistischen Dichtung und als Emanzipierung des Bürgertums angesehen. Friedrich Gottlieb Klopstock schuf Oden-Dichtungen nach antikem Vorbild, welche nur durch das Sprechen zur vollen Wirkung und lebhafteren Empfindung gelangten. Er forderte „Verse fürs Ohr“ (Texte, welche dem Sprechvortrag förderlich waren).
Conrad Ekhof war der erste Schauspieler, der unter Wahrung der Versform die Aussprache und den Charakter der Rolle in Einklang bringen wollte. Er gründete 1753 eine der ersten Schauspielakademien und forderte von seinen Schauspielern, sich intensiv mit dem Text auseinanderzusetzen und bei der Menschendarstellung natürlich zu sprechen.
Gotthold Ephraim Lessing entwarf 1767/68 eine Dramentheorie, die darauf ausgerichtet war, die Qualität der Dichtkunst und Schauspielkunst zu verbessern und den Geschmack des Publikums auszubilden. Johann Jakob Engel, der Direktor des Königlichen Nationaltheaters Berlin, erklärte 1785, dass Mimik und Gestik als natürliche und unverstellte Sprache der Seele zu verstehen sind und das gesprochene Wort zu unterstützen haben.
Als Nachfolger Engels forderte der Theaterpraktiker August Wilhelm Iffland, dass die Kostüme eine Hilfestellung für das Rollenverständnis der Schauspieler liefern sollten. Zudem setzte er sich in seinem seit 1807 jährlich erschienenen Theater-Almanach u. a. für eine systematische Ausbildung der Schauspieler mit einer fundierten Methodik der Sprecherziehung ein (unter den Schwerpunkten Atemtraining, Akzentuierung im Dialog und Zungenlockerheit).
Als Direktor des Weimarer Hoftheaters erzog Johann Wolfgang von Goethe um 1800 die Schauspieler zu einer gehobenen Verssprache ohne Regionalismen und verpflichtete sie auf einen metrisch-rhythmischen Sprechstil. Er setzte die Kunst des Vorlesers mit der Kunst des Schauspielers kontrastierend in Beziehung. Des Weiteren definierte er die Rezitation als Fundament für die Schauspielkunst im engeren Sinn. Es entstanden Dichterlesungen, in welchen die Poeten den Wert ihrer Werke von den Zuhörern bewerten ließen und damit Anregungen für das eigene dichterische Schaffen gewannen.
Der Vers galt als adäquates Dichtungsmaß und verkörperte Bindung und Freiheit in einem. Insbesondere mittels des Blankverses konnten Stoffe aus der Antike und Weltliteratur poetisch erhöht werden. William Shakespeare verwendete dieses Versmaß und übte mit seinen Werken großen Einfluss auf die deutsche Dramatik aus. Versdramen von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller entstanden, die ein öffentliches Sprechen im Sinne von Versvorträgen nach sich zogen.
Da die damaligen Bühnenverhältnisse durch eingeschränkte technische Möglichkeiten für die schauspielerische Aufführung von Dramen ungeeignet waren, entwickelte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die „Dramenvorlesekunst“ als vorherrschende Praxis für die Darstellung von dramatischen Texten. Sie wurde nicht als bloßer Ersatz für szenische Ausführungen angesehen, sondern als besondere Anregung der Fantasie bewertet. Erstmals entstanden auch in ländlichen Gebieten Lesegesellschaften, welche Bildung, Unterhaltung und Geselligkeit miteinander verknüpften. Das Vorlesen durch einzelne Sprecher und die Darstellung mit verteilten Rollen konnten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als eigene performative Gattung etablieren. Ludwig Tieck war zwischen 1819 und 1842 der erste berühmte Vertreter der Dramenvorlesekunst in Dresden. Der von ihm eingeführte „edle Konversationston“ zielte auf die nuancierte Herausarbeitung der Stimmungen und Emotionen unter Berücksichtigung des Textzusammenhangs. Dies gelang ihm selbst jedoch nur bedingt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lösten Schauspieler wie Eduard Devrient in Berlin die Sprechkunst von der Schauspielkunst ab und etablierten sie als eigenständige Kunstform. Da die Mehrzahl der ersten Vortragskünstler bekannte Bühnenschauspieler waren, übertrugen sie den dramatischen, „extensiven Sprechstil“ des Theaters auf den Gedichtvortrag. Eine Loslösung vom althergebrachten Pathos dauerte bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts hinein.
Josef Kainz zeigte erste Ansätze eines moderneren Sprechstils. Der von ihm verkörperte Stilwandel zeigte sich insbesondere in einem wirkungsvollen Einsatz sprachmusikalischer Mittel und einer sachlichen Textbezogenheit. Dennoch war er ein subjektiver Sprecher, der den pathetischen Stil nie überwand. Neben Kainz trug u. a. Alexander Moissi zusätzlich zu klassischen Texten auch zeitgenössische Literatur vor, welche auf diese Weise in der Gesellschaft verbreitet wurde.
Ludwig Wüllner, ein berühmter, wissenschaftlich interessierter Opernsänger, Schauspieler und Rezitator, wies trotz seines Strebens nach geistiger Durchdringung der Texte Nachklänge des 19. Jahrhunderts auf. Emil Milan, einem Sprechkünstler neuerer Zeit und Lehrer der Vortragskunst an der Universität Berlin, gelang es hingegen, künstlerische Erfahrungen mit neuen wissenschaftlichen Betrachtungen zur Vortragskunst wegweisend zu verbinden. Seine klare Abgrenzung des Schauspielers vom Sprecher war damals ein Novum und bewirkte, dass sich die Sprechkunst als selbständige Kunst auch in der Praxis umsetzte.
Als erster Vertreter moderner sprechkünstlerischer Deskription und Didaktik gilt Erich Drach. Er war ab 1918 Nachfolger von Milan im Lektorat für Sprechkunde und Vortragskunst an der Universität Berlin. In seiner Lehrtätigkeit konzentrierte er sich auf die Vermittlung der Sprechkunst in den Bereichen Schule und Universität. Er proklamierte revolutionäre Wege der sprecherischen Erarbeitung von Dichtungen im Deutschunterricht, u. a. durch die Einfühlung und sprecherische Erprobung mit dem Ziel, Sprechfreude zu wecken.
An der Universität Halle begründete Ewald Geißler 1906 im Rahmen seiner Lehrtätigkeit als Lektor das Fach der „Vortragskunst“, in dessen Lehrinhalte sprechkünstlerische Theorien und Praktiken einflossen. Richard Wittsack trat die unmittelbare Nachfolge Geißlers an. Auch Wittsack widmete sich einer umfassenden universitären sprechkundlichen Arbeit in Theorie und Praxis, in welche er die sprechkünstlerische Komponente einfließen ließ.
Ab 1952 führte Hans Krech die Arbeit Wittsacks an der Universität Halle fort. Krech schuf Neuerungen, die für damalige Verhältnisse bahnbrechend waren, da er konsequente sprecherzieherische Maßstäbe in Forschung und Didaktik etablierte. Er initiierte zudem akademische Studienpläne, die in den 1950er-Jahren maßgeblich zur Aufnahme der neu entstandenen Disziplin der Sprechwissenschaft in den Kanon wissenschaftlicher Fachdisziplinen beitrug.
Durch das Wirken von Irmgard Weithase gelang 1935 die Gründung eines Instituts für Sprechkunde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Weithase war zudem in München tätig und entwickelte zahlreiche Übungsbücher zu speziellen sprechkünstlerischen Detailfragen.
Hellmut Geißner legte ein theoretisch-terminologisches sprechkünstlerisches Konzept vor, das er als „Grundzüge einer sprechwissenschaftlichen Theorie ästhetischer Kommunikation“ betitelte. In seiner darin enthaltenen Theorie des interpretierenden Textsprechens und Hörens beschrieb er Didaktisierungsvorschläge für die sprecherische Realisierung von Texten.
In jüngster Vergangenheit, Gegenwart und auch als Tendenz der näheren Zukunft ist eine erhebliche Diversifizierung der sprechkünstlerischen Theorie und Praxis beobachtbar. Es gibt verschiedenste bedeutende Fachvertreter, die die Sprechkunst als Bestandteil der Sprechwissenschaft entwickelt und transformiert haben. Stellvertretend genannt seien hier Egon Aderhold, Eva-Maria Krech und Hans Martin Ritter. Die Sprechkunst lässt sich nicht mehr auf das sprecherische Textinterpretieren reduzieren. Sie ist nunmehr geprägt durch (multi)mediale Vielfalt in einem gestalterisch und beruflich transdisziplinär-pluralistischen Umfeld.
Erscheinungsformen Seit der Ausdifferenzierung des Theaters im Barock (in Oper, Ballett und Schauspiel) ist eine Vielfalt der Formen und Anwendungen des künstlerischen Ausdrucks gegeben. Eine ähnliche Ausdifferenzierung in verschiedene Erscheinungsformen findet sich auch in der Sprechkunst wieder. Sie kann als eigenständige Kunstform, unabhängig von anderen Künsten, „quasi autonom“ existieren (z. B. historisch im sogenannten Dramenlesen, als Rezitation oder auch zum Teil im Hörbuch oder Poetry Slam). Zudem tritt sie als wesentlicher, synthetischer Bestandteil anderer Künste und Kunstformen auf, denen eine spezifische Wesensart und Funktion eigen ist (z. B. im Schauspiel oder als Teil der klassischen Gesangskunst). Zuletzt ist die Sprechkunst auch als künstlerische Mischform auffindbar, verknüpft im fließenden Übergang mit anderen Kunstformen (z. B. als Szenische Lesung oder Szenische Collage).
Textgrundlagen