Naqqara, , auch naghara, naqara, nakkare, naghāreh, ist eine Gruppe von Kesseltrommeln, die vom Maghreb über den Nahen Osten und Südasien bis nach Zentralasien paarweise gespielt werden. Die meist mit Stöckchen geschlagenen Trommeln waren ein unverzichtbarer Bestandteil von Militärkapellen und Palastorchestern in den islamischen Ländern dieser Region und an den europäischen Königshäusern. Sie werden bis heute zur Tanzbegleitung und in der religiösen Zeremonialmusik eingesetzt.

Ab dem 12. Jahrhundert verbreitete sich die Doppeltrommel durch heimkehrende Kreuzfahrer zusammen mit langen Trompeten in der Kavallerie Westeuropas. Aus ihr entwickelten sich in dieser Zeit die englische Trommel nakers und die deutsche puke, die zu Vorläufern der Orchesterpauke wurden. In Persien, an den nordindischen Mogulhöfen und in den Sultanaten auf der Malaiischen Halbinsel gehörte die naghara (nagārā) ab etwa dem 16. Jahrhundert zum zeremoniellen Palastorchester naubat (nobat) und zu den Insignien des Herrschers. In Indien stellt sie einen Vorläufer für das Kesseltrommelpaar tabla dar. mini|Frauenkapelle von 1633 in Osterhofen, Ortsteil Altenmarkt. Kesseltrommelpaar und Trompeten spielende Engel

Herkunft der Kesseltrommeln Die ältesten Trommeln waren Abbildungen an Wänden und auf Tongefäßen zufolge Rahmentrommeln im Alten Ägypten und in Mesopotamien. Frauen spielten sie vermutlich bei kultischen Ritualen. Ein im Tempelbereich des mesopotamischen Ortes Tell Agrab gefundenes Tongefäß wird auf etwa 3000 v. Chr. datiert. Es zeigt drei nackte Frauen, die kreisförmige Objekte in den Händen halten und stellt die vermutlich früheste bekannte Abbildung von Trommeln dar. Aus der 17. ägyptischen Dynastie ist der Musiker Emhab mit einer großen Fasstrommel im Bild überliefert. Die große stehende Priestertrommel lilissu mit einem Bronzekorpus aus altbabylonischer Zeit gilt als die älteste Kesseltrommel und entfernte Vorläuferin der heutigen Pauke. Von altägyptischer bis in frühislamische Zeit waren die vierkantigen Rahmentrommeln ad-duff, abgeleitet vom hebräischen Fraueninstrument tof (die heutigen daf sind rund), und verschiedene große, zweifellige Fasstrommeln für den Einsatz der Männer im Krieg weit verbreitet. Einfellige kleine Kesseltrommeln gab es kaum.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abt. Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV. Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 200, 207f

Ein türkischer Geschichtsschreiber aus dem 17. Jahrhundert schilderte, dass zum Umkreis des Propheten Mohammed ein Spieler der runden Rahmentrommel ad-dāʾira und ein indischer Musiker mit einer großen Kesselpauke (kūs, Pl. kūsāt, von aramäisch kāsā) gehört habe. Zu den vom Propheten erlaubten Musikinstrumenten gehörte im 7. Jahrhundert auch die größere runde Rahmentrommel ghirbāl, die vermutlich unter der Membran gespannte Schnarrsaiten besaß. Auch der bandīr (bendaīr) war wohl schon zu der Zeit mit Schnarrsaiten, oder den Löchern im Rahmen nach zu urteilen, mit einem Schellenring ausgestattet. Zum führenden Instrument der Militärkapellen (ṭabl-khāna) wurden neben Trompeten und Hörnern Kesseltrommeln, die auf Arabisch allgemein tabl genannt werden.

In den arabischen Ländern des Nahen Ostens gab es um das 10. Jahrhundert verschiedene Arten von Kesseltrommeln: die große al-kūs (in der türkischen Militärmusik heißt sie kös), die noch größere mongolische kūrgā (kūrka), ferner ṭabl al-markab, die naqqāra dabdāb und die qasa mit einem flachen Boden. Ṭabl šāmī war eine flache Kesseltrommel mit Hautstreifenspannung, die bei Kriegstänzen in Südarabien an einer umgehängten Schnur getragen wurde. Die kleine Kesseltrommel ṭabelet al-bāz wurde in Ägypten bei Festen mit Lederriemen geschlagen. Im Lauf der Zeit erhielten die einfachen Tontöpfe mit flachem Boden einen tiefen rundbauchigen Korpus. In dieser Form ist die große arabische Kesseltrommel atabal mit einem Korpus aus Metall unter der Namensvariante t'bol in den Ländern des Maghreb überliefert. Die paarweise gespielte kleine Kesseltrommel hieß an-naqqāra, ihre beiden unterschiedlich großen Hälften produzieren bis heute einen tieferen und einen höheren Ton.Hans Hickmann: Die Musik des Arabisch-Islamischen Bereichs. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abt. Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV. Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 62, Blades, S. 184–186

Das Kesseltrommelpaar naqqāra war typisch für die Militärmusik der arabischen Länder, des Irans und der zentralasiatischen historischen Region Chorasan, die heute Afghanistan beinhaltet. Es diente zusammen mit Trompeten im Palastorchester naqqāra-khāna als Symbol der Herrschermacht und wurde an den Höfen zeremoniell eingesetzt zum Empfang von Gästen, bei der Rückkehr des Sultans von einer Reise, zur Ankündigung eines Ereignisses und an Feiertagen. In frühislamischer Zeit besaßen nur die Kalifen das Recht, ein solches Orchester zu unterhalten, das an ihrem Wohnsitz fünf Mal täglich zum Gebet (ṣalāt) rief. Später durften auch Provinzgouverneure ein naqqāra-khāna unterhalten. So gab der abbasidische Kalif at-Tā'iʿ 978/9 dem Buyiden Adud ad-Daula die Erlaubnis, drei Orchester drei Mal am Tag spielen zu lassen. Die Aufführungspraxis mit einem festgelegten musikalischen Ablauf wurde als nauba bezeichnet.

Unter den Safawiden, die von 1501 bis 1722 regierten, und in späterer Zeit ertönten die lauten Klänge des naqqāra-khāna in der Hauptstadt Isfahan von den beiden Balkonen über dem Eingang zum Qeisarieh, dem Königlichen Basar am Nordende des Meidān-e Emām. Nach Berichten aus dem 17. Jahrhundert spielte das Orchester in allen persischen Gouverneurs-Städten von einer erhöhten Stelle. Um 1684 soll es laut dem Arzt und Reisenden Engelbert Kaempfer in Isfahan aus 40 Mann bestanden haben.Lambton, EI(2), S. 928

Bei Märschen und Gefechten waren große Kesseltrommeln (naqqarya) zu beiden Seiten auf dem Rücken eines Pferdes oder Kamels festgebunden, die höher klingende Trommel auf der linken Seite. Kleinere Trommelpaare (naqrazan) wurden von Eseln getragen.Habib Hassan Touma: Die Musik der Araber im 19. Jahrhundert. In: Robert Günther (Hrsg.): Musikkulturen Asiens, Afrikas und Ozeaniens im 19. Jahrhundert. Gustav Bosse, Regensburg 1973, S. 67. Die begriffliche Unterscheidung nach der Größe naqqarya – naqrazan – naqqara geht auf Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton & Company, New York 1940, S. 251, zurück. Einzeln oder paarweise gespielt hing die naqqara an einer Schnur um den Hals des Musikers, anderenfalls hielt dieser die Trommel mit der linken Hand und schlug den Stock mit der rechten.

Iran und Zentralasien mini|hochkant|Aserbaidschanisches Trommelpaar gosha naghara, darüber die Röhrentrommel naghara, links die Kegeloboe zurna Vom aramäischen kāsā erhielt wohl in den ersten Jahrhunderten n. Chr. auch die große iranische Kesseltrommel kōs (kus) ihren Namen. Ihr bauchiger Korpus in der Form einer Kettenlinie bestand aus Ton, Holz oder Metall. Auf den sassanidischen Felsreliefs von Taq-e Bostan (Ende 6. Jahrhundert n. Chr.) sind die Harfe čang, die Kegeloboe surnāy, eine der chinesischen sheng ähnliche Mundorgel, Trompeten und Trommeln abgebildet. Dieselbe kōs wurde im Iran des 10. Jahrhunderts zusammen mit der kelchförmigen Trommel dunbaq, der Rahmentrommel dā’ira und der sanduhrförmigen Trommel kōba erwähnt. Die kōs war eine Kriegstrommel, die auf Pferden und Kamelen mitgeführt und zusammen mit der iranisch-zentralasiatischen Langtrompete karnai in der Schlacht gespielt wurde.

Der Name naghara (englische Umschrift naghghareh) steht seit der islamischen Zeit in der iranischen Musik für ein kleines Trommelpaar. Dschalal ad-Din ar-Rumi (1207–1273) erwähnte mehrfach naghara, die ein wesentlicher Bestandteil der alten höfischen Zeremonialmusik naubat wurden. Der Korpus besteht aus Ton, die Hautmembran wird durch kreuzweise verflochtene Hautstreifen, die unter dem halbkreisförmigen Boden herumgeführt werden, gespannt. Beide Trommeln liegen getrennt vor dem am Boden sitzenden Spieler mit den Oberseiten schräg zueinander geneigt und werden mit kurzen Holzstöckchen (damka) geschlagen, deren Enden leicht aufgebogen sind. Die größere, tiefer klingende Trommel heißt nar (steht für männlich), die kleinere (weibliche) bcats. Im unteren Industal in Pakistan wird das größere Instrument nar oder bam, das kleinere zed genannt, in Nordindien ebenfalls nar das männliche, aber madi das weibliche.

Lokale Variationen der naghara tragen im Iran die Namen ihrer Herkunftsregion. Die naghareh-ye shomal („nördliche naghara“Mit shomal („Norden“) ist umgangssprachlich der Landstrich am Kaspischen Meer gemeint.) aus Ton wird vor allem in der nördlichen Provinz Māzandarān in der Unterhaltungsmusik gespielt, wo sie auch als desarkutan bekannt ist. Der größere Korpus mit etwa 22 Zentimetern Durchmesser heißt hier bam, der kleinere mit 16 Zentimetern zil. Die beiden Membranen bestehen aus Kuhhaut und werden mit ebensolchen Streifen festgezurrt. Eine oder zwei desarkutan kommen zusammen mit einer Kegeloboe (lokaler Name serna, von surnai) bei Hochzeiten oder Sportveranstaltungen zum Einsatz. Etwas größer sind die naghara in der südlichen Provinz Fars und in der kurdischen Stadt Sanandadsch.Peyman Nasehpour: Persias Kettledrums. nasehpour.com, 2002

In der Musik von Tadschikistan und Usbekistan bezeichnen nagharä oder nägharä die kleinen Kesseltrommelpaare. Fasstrommeln tragen dort Varianten des ähnlich weit verbreiteten Namens dhol. In Usbekistan bezeichnet die Vorsilbe dul eine tiefe und laut klingende Kesseltrommel, rez ein kleines hohes Instrument und kosh-naghara ein kleines Trommelpaar aus Ton, das mit Ziegenhaut bespannt ist.

In der westchinesischen Region Xinjiang versammeln sich die muslimischen Uighuren am Jahrestag eines der vielen Heiligen vor dessen Grabstätte (mazar, entspricht der qubba in arabischen Ländern). Im Verlauf eines solchen Festes treten mehrere naghra sunay-Bands auf, typische Kesseltrommel-Oboen-Orchester, wie sie vermutlich im Zuge der Islamisierung mit den Karachaniden im 10. Jahrhundert in die Region eingeführt wurden. Tanzende Männer im Prozessionszug zum Heiligtum schlagen außerdem die große Rahmentrommel dap (ähnlich der daira).Rachel Harris, Rahilä Dawut: Mazar Festivals of the Uyghurs: Music, Islam and the Chinese State. In: British Journal of Ethnomusicology, Vol. 11, No. 1, Red Ritual: Ritual Music and Communism, 2002, S. 101–118, hier S. 106

mini|Diplipito in Georgien In der Musik Aserbaidschans ist das häufigste Schlaginstrument die meist vom mugham-Sänger gespielte Rahmentrommel däf. Daneben bezeichnet naghara (naģara) ausnahmsweise keine Becher-, sondern eine Röhrentrommel, die zum Volksmusiksänger aşyg gehört. Ihr Korpus aus Holz oder Kunststoff ist durch eine Zickzack-Schnürung beidseitig mit Schaf- oder Ziegenhäuten, heute auch mit Kunststoffmembranen bespannt. Die Trommel ragt auf einem Knie ruhend schräg nach vorn, gehalten vom linken Unterarm. Sie wird überwiegend bei Hochzeitsfeiern gespielt, beide Hände schlagen wie bei der däf auf die obere Membran.Peyman Nasehpour: Naghara, the Azerbaijani Cylindrical Drum. nasehpour.com Das kleine aserbaidschanische Kesseltrommelpaar aus Ton nennt sich zur Unterscheidung goša naģara (gosha naghara), von gosha, „Paar“. Beide Teile besitzen bei gleicher Höhe unterschiedliche Durchmesser und sind durch gedrehte Schnüre miteinander verbunden.Galliano Ciliberti: Aserbaidschan. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 1994, Sp. 928Naghara, Gosha Naghara (double drums) and Garmon played by Kamil Vazirov. azer.com (Foto) In Georgien heißt dasselbe Tontrommelpaar diplipito. Beide werden mit kurzen Holzstöckchen gespielt.