Albruna (lateinisch Albrinia, Aurinia) war eine germanische Seherin, die Anfang des 1. Jahrhunderts tätig war.Wolfgang Spickermann: Albruna. S. 442 Sie ist einzig in der Germania des Tacitus genannt.Tacitus, Germania 8, 2 (Text). Augenscheinlich hatte sie während der Feldzüge des Drusus und Tiberius in der Zeit von 9 v. Chr. bis 14 n. Chr. einiges Ansehen und erscheint deshalb im Bericht des Tacitus.Sabine Tausend: Germanische Seherinnen, S. 169 f. Außer dem Namen ist zur Person nichts Weiteres bekannt. Die Funktion als Seherin ergibt sich aus der Etymologie des Namens und aus der quellenbedingten Vergesellschaftung mit der Seherin Veleda.

Albruna bedeutet „die mit Geheimwissen der Alben versehene“.Rudolf Much: Die Germania des Tacitus. 3. Auflage, S. 169 f.; Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 11. Der Name *Albruna ist eine Konjektur des 19. Jahrhunderts aus den handschriftlichen Formen Aurinia, Albrinia, Flurinia, die durch Wilhelm WackernagelWilhelm Wackernagel: Die Germanischen Personennamen. In: Schweizerisches Museum für historische Wissenschaften 1, 1839, S. 109. und Karl MüllenhoffKarl Müllenhoff: Zur Runenlehre, 1852, S. 51 ff. wissenschaftlich etabliert wurde. Diese Konjektur wird heute als problematisch und wissenschaftlich nicht mehr überzeugend bewertet und die handschriftliche Form Aurinia vermehrt befürwortet.Ånders Hultgard: Seherinnen. S. 114.

Der Name *Albruna – Aurinia rechts|mini|500px|Sequenz mit Glosse: Folio 33v. Codex Leidensis Perizonianus mini|rechts|Sequenz des Codex Aesinas Folio 67v. mit Glosse mini|Johann Theodor Jablonskis Übersetzung und Kommentierung der Germania von 1724 mit dem Verweis auf die Handschriften, den Lesarten, resp. Glossen, Marginalien und: "die alle zu erkennen geben, dass sie ihn aus dem alten Wort Allrune nachgemacht oder verderbt [haben]. Ähnlich Kurt Sprengel in: Tacitus Germanien. Übersetzt mit Erklärungen. Halle/Saale 1817, S. 61 „Der Name Alrune, Aurinia beym Tacitus, kommt wahrscheinlich von runa, das Geheimnis, beym Ulfilas.“ mini|Müllenhoffs Textausgabe (Germania Antiqua Berlin 1873)

In den Handschriften der Germania variiert die gemeine lateinische Wiedergabe Aurinia in den wesentlichen Formen:Alf Önnerfors: De origine et situ Germanorum liber, Sigla codicum ; S. 7 Anm. 7. Zum Handschriftenkorpus: VII–XI; Hermann Reichert: Lexikon der altgermanischen Namen, Bd. 1 S. 34; Roland Schuhmann: Aurinia und Veleda : zwei germanische Seherinnen? Personennamen im Sprachkontakt. In: Beiträge zur Namenforschung 34, 1999, S. 132f.

auriniam (Handschriften: B, b, C, E)Faksimile Tac. Germ. 8, 2 aus dem Codex Leidensis (b) mit der Lesart Albrinia über dem regulären Eintrag Aurinia in der vorletzten Zeile. fluriniam (c) albriniam (B, E am Rand; b, c über der Zeile)

Β = Codex Vaticanus Lat. 1862 b = Codex Leidensis Perizonianus C = Codex Vaticanus Lat. 1518 c = Codex Neapolitanus IV C 21 Ε = Codex Aesinas

Wackernagels Ansatz war, aus der glossierten Form Albrina(m)n die Situation aufzulösen und eine „germanische“ Namensform *Albruna in den wissenschaftlichen Diskurs einzuführen, da die Endung -run geläufig bei weiblichen Personennamen der Germanen sei und das Geheimnisvolle, Magische betone.Robert Nedoma: Personennamen in südgermanischen Runeninschriften, S. 170. Verglichen wurde mit den althochdeutschen Namen Al(b)run, Frithurun und der bei Jordanes (Getica) belegten gotischen Form haljoruna = zauberische Frau.Jordanes, Getica 24, 121 magas mulieres quas patrio sermone haliurunnas is ipse cognominat; Siehe auch: Alexander Sitzmann, Friedrich E. Grünzweig: Die altgermanischen Ethnonyme. Fassbaender, Wien 2008, ISBN 978-3-902575-07-4, S. 165 f. Jacob Grimm erschloss sich aus dem Problem der Formen Aurinia („Auriniam .. schwerlich Übertragung eines deutschen namens, wie etwa des altn. Gullveig; man mutmaßst auch Aliruna, Ölrun, Albruna“)Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. Göttingen 1844, S. 85. und Albrinia in Verbindung mit den gotischen *Haljarūnōs („Aliorumnas“) eine vermittelnde Form der Aliruna, beziehungsweise im Plural Alirunas als Gattungsname für Priesterinnen und Seherinnen die Aliorunen.Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. Göttingen 1844, S. 375. Müllenhoff betonte, dass mit dem Tragen des Namens eine Kraftübertragung in Bezug zur mantischen Funktion als Seherin verbunden sei. Grundsätzlich war sein Ansatz in der Textkritik begründet, die er im Kontext der zahlreichen verderbten Namen (Korruptel) bedingt durch die Stemmata der überlieferten Handschriften des taciteischen Gesamtwerks bewertete und besonders fallbezogen im Hinblick der Geschichte des Germania-Archetyps des Codex Hersfeldensis (H) und dessen direkten Abschriften (x, y, z) – ein bis heute bestehender Umstand in der wissenschaftlichen Diskussion. Die nebeneinander stehenden Formen Aurinia und Albrinia der besten Germania-Haupthandschriften lassen, so Müllenhoff, aus Au- plausibel ein Alb- herstellen, umgekehrt jedoch nicht.Karl Müllenhoff: Verderbte Namen bei Tacitus. In: Zeitschrift für deutsches Altertum, 9 (1853) S. 240. Aus der Form Albrinia der Handschriften b und c und den Handschriften B und E mit der Randnotierung wurde die Form Albruna dadurch gebildet, dass erstens angenommen wurde, hier liege eine der des Hersfeldensis nahen Abschrift vor, und zweitens, dass die graphematische Überlieferung der i-Punkte auf einem interpretatorischen Abschreibfehler beruhe.Hermann Reichert: Sprache und Namen der Wandalen in Afrika, S. 73. In der Folge fand die Form *Albruna Eingang in diverse Textausgaben und Übertragungen der Germania deutscher Provenienz, sowie in internationalen Ausgaben (Loeb Classical Library, Henri Goelzer) und wurde eine gebräuchliche Form im wissenschaftlichen Diskurs und Veröffentlichungen.Gottfried Schramm: Die germanische Seherin Aurinia bei Tacitus, S. 577 f. Beispielsweise verweist der Thesaurus linguae Latinae im ersten Druckband aus dem Jahr 1900 unter dem Stichwort Auriniam zum Lemma Albruna.

Die Konjektur wurde hingegen nicht allgemein akzeptiert. Moritz Schönfeld bemängelte die Form *Albruna mit ihrem germanisch lautenden Gepräge und verwies analog zur Etymologie von Veleda darauf hin, dass die Möglichkeit einer Entlehnung oder Beeinflussung aus dem Keltischen vorliegen kann. Schönfeld befürwortete das konservative Beibehalten des handschriftlichen Aurinia.Moritz Schönfeld: Wörterbuch der Altgermanischen Personen- und Völkernamen, S. 38. Schönfelds ansicht folgten seriöse kommentierte Ausgaben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie beispielsweise bei Wilhelm Reeb.Mit Reeb unter anderen Alfred Gudeman, Georg Wissowa, Erich Köstermann, Rodney P. Robinson, Anderson. Aus der handschriftlichen Überlieferung heraus sprach sich Wilhelm Capelle ebenfalls gegen die Konjektur Wackernagels und deren zu Teilen unkritische Aufnahme aus. Im wissenschaftlich bedeutenden Germaniakommentar (und Textausgabe) von Rudolf Much sprach sich dieser für *Albruna als eine gültige „unbedenkliche“ Form auf Grund der häufigen handschriftlichen Belege der Form Albrinia aus. Much bemängelte lediglich, dass bei der Konjektur Albruna der Fugenvokal, in diesem Fall ein „i“ oder nach Much ein zu setzendes „o“ zur Form Alb-o-runa nötig sei, um der Sprachstufe des Germanischen des 1. Jahrhunderts zu entsprechen.Rudolf Much: Die Germania des Tacitus, S. 169 f.; Gottfried Schramm: Die germanische Seherin Aurinia bei Tacitus, S. 578. Gerhard Perl folgt in seiner Textausgabe, Übertragung und Kommentar Much und merkt an, dass die handschriftlichen Varianten den Umgang mit dem fremden germanischen Namen – Alboruna? [sic] – der römischen Wortbildung zu Albrinia angeglichen haben.Gerhard Perl: Germania. Lateinisch – Deutsch. Akademie-Verlag Berlin 1990, S. 88f., S. 158. Gegen diese bis Dato herkömmlichen Aufnahmen der Konjektur Wackernagel/Müllenhoff wendet sich entschieden Allan A. Lund und präferiert selbst Aurinia.P. Cornelius Tacitus: Germania. Ed. Allan A. Lund.Universitätsverlag Carl Winter, Heidelberg 1988, S. 76f., 137.

Roland Schuhmann stellt in seiner Untersuchung die Form Aurinia als die bestbelegte Form des handschriftlichen Befunds dar, und verweist darauf – ohne auf die Stemmabildung, das heißt die Überlieferung, die Lesarten und die Qualitäten der Germania-Handschriften insgesamt einzugehen –, dass moderne rezente Textausgaben (Alf Önnerfors und andere) diesen Umstand wieder vermehrt berücksichtigen.Roland Schuhmann: Aurinia und Veleda : zwei germanische Seherinnen?..., S. 133. Siehe auch: Anders Hultgård: Seherinnen, S. 114. Ihm folgend untersuchte die schwedische Philologin Lena Peterson nochmals die Handschriften der Germania und deren Überlieferungsgeschichte in Bezug zu den Formen Albrinia, Aurinia und kam zum Ergebnis, dass Aurinia die Form ist, die auf die des Codex Hersfeldensis zurückführt.Lena Peterson: ALBRUNA (Tacitus) – ett seglivat spöknamn, In: T. Bull - E. Mørck - T. Swan (Hrsg.): Venneskrift til G. Alhaug. Tromsø 2002, S. 148–152. Peterson verwarf die Konjektur Wackernagels als einen „Geisternamen“.Hermann Reichert: Sprache und Namen der Wandalen in Afrika, S. 73; Gottfried Schramm: Die germanische Seherin Aurinia bei Tacitus, S. 577 f.

Sprachwissenschaftlich, beziehungsweise aus Sicht der Namenforschung ist die Konjektur deshalb von Bedeutung, da diese Form den frühesten Beleg von -run als Glied eines (weiblichen) Funktions- oder „sprechenden“ germanischen Personennamens darstellen würde – und überhaupt einer der frühesten germanischen weiblichen Personennamen wäre.Hermann Reichert: Die Sprache der Wandalen in Afrika, S. 73; Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 11. Thorsten Andersson führt zur generellen germanischen Personennamenbildung an, dass die Bedeutung der Frau innerhalb der vorchristlichen religiösen Sphäre durch Proprialnamen wie beispielsweise im Beleg altnordisch Guðrún verdeutlicht wird, der sich als „eine, die die rúnar, die Geheimnisse oder die geheimen Kenntnisse der Götter, besitzt“ verstehen lässt.Thorsten Andersson: Germanische Personennamen vor indogermanischem Hintergrund. In: Albrecht Greule, Matthias Springer (Hrsg.): Namen des Frühmittelalters als sprachliche Zeugnisse und als Geschichtsquellen. (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde – Ergänzungsbände, 66). de Gruyter, Berlin/New York 2009, S. 9–25; hier S. 12.

Im Kontext der Diskussion zur Lesung und Interpretation der voralthochdeutschen Runeninschrift der alemannischen Runenschnalle von Pforzen und den dort allgemein gelesenen weiblichen Personennamen aïlrun, liest die niederländische Runologin Tineke Looijenga die Inschrift als *alrun und bezeichnet Albruna unsicher als mögliche Vorläuferversion.Tineke Looijenga: Runes Around the Northsea and on the Continent AD 150–700; Texts & Contexts. Groningen 1997. S. 147. Edith Marold liest den Namen als *al(lu)run und stellt das Erstglied Alu- im Vergleich zu germanisch *alb- (altnordisch alfr, mittelhochdeutsch alp) und Personennamenmaterial wie althochdeutsch Alu-pert. Marold sieht bei angenommener Richtigkeit ihrer Lesung eine mögliche „verlockende“ Verbindung zur Form Albruna und verweist auf MuchRudolf Much: Die Germania des Tacitus, S. 170., das besonders bei den Sueben und späteren Alemannen („Semnonen-Alemannen“) der Typus der Germanischen Seherin überliefert sei. Marold rät jedoch selber zur Vorsicht bei solchen weitreichenden Vermutungen.Edith Marold: Die Schnalle von Pfrozen und die altnordische Heldensage, S. 222f. besonders Fußnote 19.