Der Mordfall Lesley Molseed ereignete sich 1975 in Großbritannien. Besondere kriminalgeschichtliche Bedeutung und großes Medieninteresse erlangte der Fall dadurch, dass der unschuldig als Mörder verurteilte Stefan Kiszko 16 Jahre lang im Gefängnis saß. 32 Jahre nach der Tat bzw. 15 Jahre nach Kiszkos Rehabilitierung konnte der wahre Täter überführt werden.
Mordfall Am Sonntag, dem 5. Oktober 1975, wurde die elfjährige Lesley Molseed aus Rochdale gegen 12.30 Uhr von ihrer Mutter zum Einkaufen in einen Laden geschickt, bei dem sie nie ankam. Drei Tage später fand man ihre Leiche etwa 15 Kilometer entfernt in einem Moor im Metropolitan Borough of Calderdale. Das Mädchen war mit zwölf Messerstichen getötet worden, auf ihrer Unterwäsche wurden Spermaspuren sichergestellt. Die folgenden großangelegten Ermittlungen der Polizei führten über Wochen zunächst zu keinem Ergebnis.Jonathan Rose, Steve Panter, Trevor Wilkinson: Innocents. How Justice Failed Stefan Kiszko and Lesley Molseed. Fourth Estate, London 1997, ISBN 1-85702-402-8.
Ermittlungen gegen Stefan Kiszko Am Abend des 3. Oktober 1975 ging bei der Polizei eine Anzeige ein, wonach sich vor einem Jugendclub in Rochdale ein Mann mehreren jungen Mädchen in exhibitionistischer Weise gezeigt haben sollte. Am Nachmittag des 4. Oktober sollte sich ebenfalls ein Mann vor zwei zwölfjährigen Mädchen, die am Vorfall des Vortags beteiligt waren, entblößt haben. Eines der Mädchen meldete am 5. November der Polizei, dass sie in dem Exhibitionisten den 23-jährigen Stefan Ivan Kiszko (* 24. März 1952 in Rochdale) erkannt habe.
Kiszko, dessen im Jahr 1970 verstorbener Vater Ivan aus der Ukraine stammte und dessen Mutter Charlotte, bei der er lebte, als Sloweniendeutsche nach 1945 aus Slowenien emigrieren musste, war Angestellter der Steuerbehörde. Er litt unter Hypogonadismus und galt als Außenseiter, der außer zu seiner Mutter und Tante keine gesellschaftlichen Kontakte pflegte, durch ein weltfremd-naives Verhalten auffiel sowie Kindern und Jugendlichen als Zielscheibe für Spott diente. Bei polizeilichen Befragungen am 5. und 10. November 1975 wies Kiszko die Vorwürfe der Mädchen als unwahr zurück. Da er durch den Exhibitionismusverdacht und seinen Status als Sonderling ins Täterprofil eines sexuell gestörten Mannes passte, wurde er in den folgenden Wochen für die unter starkem Erfolgsdruck stehende Polizei zum Verdächtigen im Mordfall Lesley Molseed. Obwohl keine belastbaren Verdachtsmomente wegen des Mordes gegen Kiszko vorlagen,Innocents (1997), S. 89: “There was nothing of substance to make him a suspect.” lud ihn die Polizei am Vormittag des 21. Dezember 1975 zu einer Vernehmung ins Polizeirevier Rochdale vor. Die Beamten teilten Kiszko, der lediglich mit einer erneuten Befragung zu dem angeblichen Fall von Exhibitionismus rechnete, zunächst nicht mit, dass er als (zu diesem Zeitpunkt einziger) Verdächtiger eines Mordfalles vernommen werden sollte. Mit dem Einverständnis von Charlotte Kiszko wurden sein Zimmer und sein Auto durchsucht. Im Auto fand man Erotikzeitschriften, eine Tüte Bonbons und Luftballons. Daraus entwickelte die Polizei die Theorie, Kiszko habe sich anhand der Magazine sexuell erregt und anschließend versucht, mit den Bonbons und Ballons kleine Mädchen anzulocken. Außerdem hatte Kiszko die Angewohnheit, Autokennzeichen von Fahrern aufzuschreiben, durch deren verkehrswidriges Verhalten er sich bedroht fühlte. Auf einem Notizzettel fand sich die Nummer eines Wagens, der ungefähr zur Mordzeit an der Stelle gesehen worden war, wo Lesleys Leiche lag. Daraus schlossen die Ermittler, dass Kiszko zu dieser Zeit an diesem Ort das Kennzeichen notiert haben musste. Das Verhör wurde mit kurzen Ruhepausen auch in der Nacht und am folgenden Tag fortgeführt, wobei Kiszko keinen Rechtsbeistand hatte.
Am Nachmittag des 22. Dezember gestand Kiszko nach mehr als 24 Stunden Vernehmung und ohne Schlaf, sich am 3. Oktober vor dem Jugendclub als Exhibitionist gezeigt zu haben sowie am 5. Oktober Lesley Molseed entführt, auf ihren Körper ejakuliert und sie anschließend erstochen zu haben. Was den 4. Oktober anging, sei er zwar zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort gewesen, habe sich vor den beiden Mädchen jedoch nicht entblößt. Am frühen Abend desselben Tages, mittlerweile in Anwesenheit eines für ihn engagierten Rechtsanwalts, widerrief Kiszko sein Geständnis in allen Punkten. Als Grund für das Geständnis gab er an: „Als ich beim Verhör meine Geschichte erzählte, wollten sie mir nicht glauben, also habe ich angefangen, Lügen zu erzählen und das schien ihnen zu gefallen und der Druck war weg, soweit es mich anging. Ich dachte, die Polizei würde nachprüfen, was ich gesagt hatte, und herausfinden, dass es nicht stimmte, und würde mich dann gehen lassen.“Innocents (1997), S. 183: “During the interrogation when I was telling what was my story they would't believe me, so I started telling lies and that seemed to please them and the pressure was off so far as I was concerned. I thought the police would check out what I had said and find it was untrue and would then let me go.” Die folgenden beiden Nächte verbrachte Kiszko in Polizeigewahrsam, am Vormittag des 24. Dezember wurde er vor dem Magistrates’ Court in Halifax des Mordes angeklagt und zur Untersuchungshaft ins Gefängnis nach Leeds verbracht.
Prozess Am 7. Juli 1976 begann der Prozess vor dem Crown Court in Leeds, die Anklage führte Peter Murray Taylor. Kiszko wurde von drei Rechtsanwälten vertreten: Als Barrister traten David Waddington und sein Juniorpartner Philip Clegg auf, als Solicitor arbeitete ihnen Albert Wright zu, der seit dem 22. Dezember 1975 Kiszkos Rechtsbeistand war. Da keine forensischen Beweise vorlagen, konzentrierte sich die Anklage hauptsächlich auf Kiszkos zunächst abgelegtes Geständnis. Zur Behandlung seines durch Hypogonadismus hervorgerufenen Mangels an männlichen Hormonen hatte Kiszko seit dem Spätsommer 1975 Testosteron-Injektionen erhalten. Zwei ärztliche Gutachter vertraten vor Gericht die Ansicht, dass diese zu einem übermäßigen Sexualtrieb und einer nicht zu kontrollierenden Aggressivität geführt haben könnten.
Kiszkos Mutter und Tante sagten aus, er habe zur Tatzeit zunächst zusammen mit ihnen das Grab seines Vaters besucht, anschließend sei man gemeinsam zu einem Lebensmittelgeschäft gefahren. Da Kiszko sich seit Beginn der Ermittlungen gegen ihn bezüglich eines Alibis in Widersprüche verstrickt hatte und es sich hierbei bereits um die fünfte Version eines Alibis handelte, stufte Peter Murray Taylor die Aussage als unglaubwürdig ein. Kiszko selbst beharrte darauf, er sei unschuldig, Lesley Molseed nie in seinem Leben begegnet und habe das später widerrufene Geständnis unter Vernehmungsdruck abgelegt.
Sehr ungünstig wirkte sich vor diesem Hintergrund die Strategie seiner Verteidiger aus,Innocents (1997), S. 142: “The criticism of David Waddington’s handling of Stefan Kiszko’s alleged confessions is based […] upon the unusual tactic he did employ. Rather than simply cross-examine the police officers, and call Kiszko himself to give evidence to the effect that the confession was involuntarily made and/or untrue, the defence in this trial took a most curious – and dangerous – note.” die offenbar selbst an Kiszkos Schuld glaubten und nicht ausdrücklich seinen Freispruch forderten. Waddington wies einerseits darauf hin, es gebe durchaus Indizien dafür, dass Kiszko nicht der Täter sei. Andererseits legte er das Hauptaugenmerk darauf, dass Kiszko, sollte er die Tat begangen haben, wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit durch die Testosteron-Injektionen nicht wegen Mordes, sondern lediglich wegen voluntary manslaughter verurteilt werden könne. Ankläger Taylor versuchte, diese Strategie mit dem Schlagwort riding two horses („zwei Pferde reiten“) ad absurdum zu führen.
Am 21. Juli 1976 sprach die Jury mit 10:2 Stimmen Stefan Kiszko des Mordes schuldig, Richter Hugh Park verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe.
Kiszkos Jahre im Gefängnis Die ersten viereinhalb Wochen nach seiner Verurteilung verbrachte Kiszko im Gefängnis in Leeds, am 23. August 1976 wurde er ins Hochsicherheitsgefängnis Wakefield verlegt. Gleich am Tag seiner Ankunft wurde er von fünf Mitgefangenen erheblich verletzt. Am 11. Mai 1977 wurde er erneut verprügelt und musste am Kopf genäht werden. Ein Antrag seiner Anwälte auf Revision des Urteils fand am 25. Mai 1978 keine Bewilligung durch das zuständige Gericht. Seit Anfang des Jahres 1979 besuchte der praktizierende Katholik keine Gottesdienste mehr, weil er in der Gefängniskapelle von einem Mitgefangenen geschlagen wurde. Ebenfalls von 1979 an wurde Kiszko wegen Depressionen, Schizophrenie und Paranoia behandelt. Insbesondere seine ständigen Beteuerungen, die Tat nicht begangen zu haben, wurden als krankhafter „Unschuldswahn“, also als psychische Unfähigkeit, sich selbst die Schuld einzugestehen, ausgelegt. 1980 versuchten Kiszkos Bewährungshelfer und sein Psychiater erfolglos, ihn dazu zu bewegen, ein Geständnis abzulegen und sich einer Therapie für Sexual- und Gewaltstraftäter zu unterziehen, da er nur so überhaupt eine Chance habe, jemals auf Bewährung entlassen werden zu können. Mehrmals wurde Kiszko in andere Gefängnisse verlegt, so im November 1981 nach Gloucester, im Mai 1984 nach Bristol, im Dezember 1984 zurück nach Wakefield, im August 1987 in ein Spezialgefängnis für psychisch Kranke nach Aylesbury und im Mai 1989 erneut zurück nach Wakefield. Über die ganzen Jahre seiner Haft hindurch besuchten ihn seine Mutter und seine Tante zweimal im Monat, die zugelassene Höchstzahl an Gefangenenbesuchen. 1990/91 waren Kiszkos Zustände geistiger Verwirrtheit so schlimm geworden (unter anderem schlug er häufig wild um sich, weil er sich von Geistern bedroht fühlte), dass er am 15. März 1991, als bereits die Ermittlungen zu seiner Rehabilitierung liefen, in eine geschlossene psychiatrische Hochsicherheitsklinik in Maghull (Metropolitan Borough of Sefton) eingewiesen wurde. Am 8. Januar 1992, als sich Kiszkos bevorstehender Freispruch bereits abzeichnete, wurde er in eine weniger hermetisch gesicherte Klinik nach Prestwich verlegt.
Kiszkos Rehabilitierung und Tod Nach jahrelangen erfolglosen Versuchen, die Unschuld ihres Sohnes zu beweisen, fand Charlotte Kiszko im Februar 1986 mit Campbell Malone einen Solicitor, der bereit war, neue Wege zu suchen. Malone kontaktierte Philip Clegg, der als einziger von Kiszkos Anwälten des Prozesses von 1976 Zweifel an der Schuld seines Mandanten hegte. Zusammen mit Clegg und dem Barrister Jim Gregory erarbeitete Malone in den folgenden Jahren einen Punktekatalog, der als Petition an den Innenminister geschickt werden sollte. Der Innenminister des Vereinigten Königreichs hatte von 1968 bis 1995 das Recht, Revisionsverfahren für bereits rechtskräftig entschiedene Kriminalfälle anzuordnen. Eine heikle Situation entstand im Herbst 1989, als ausgerechnet Kiszkos früherer Verteidiger David Waddington, der von der Schuld seines Mandanten überzeugt war, Innenminister wurde. Dennoch reichten Malone und Gregory die Petition am 18. Juni 1990 ein. Am 21. November 1990 erging die Mitteilung, dass der Innenminister nach Prüfung der Angelegenheit die Wiederaufnahme der polizeilichen Ermittlungen im Mordfall Lesley Molseed angeordnet habe. Diese führten unter anderem zu folgenden, für Kiszko entlastenden Ergebnissen: