mini|Plakette an der School Street in Erinnerung an das erste Schulgebäude (2008) mini|Aula des Schulhauses in der Bedford Street (1844–1881)
Die Boston Latin School ist eine öffentliche Magnet School in Boston im Bundesstaat Massachusetts der Vereinigten Staaten. Sie wurde am 23. April 1635 gegründet und ist damit sowohl die erste öffentliche High School als auch die älteste noch existierende Schule der USA insgesamt. Die Public Latin School war eine Bastion für die Unterrichtung der Söhne der sogenannten Brahmanen von Boston, wodurch sich die Schule rühmen kann, eine Vielzahl prominenter Bostoner Bürger unterrichtet zu haben. Die Unterrichtspläne folgen dem Curriculum der Lateinschulen des 18. Jahrhunderts, welche die Klassische Altertumswissenschaft als Grundlage eines gebildeten Geistes ansehen. Vier Jahre Lateinunterricht sind für alle Schüler verpflichtend, die als 7th Grade in die Schule eintreten, drei Jahre für alle 9th Grade.
2007 erzielte die Schule im U.S. News & World Report eine Platzierung in den Top 20 der US-amerikanischen High Schools. Für das Jahr 2012 wird die Schule in der Liste der Goldmedaillen auf Platz 38 unter den Top 100 High Schools der Vereinigten Staaten geführt. Insgesamt wurden für die Studie 21.000 öffentliche High Schools aus 48 Bundesstaaten und dem District of Columbia durch den U.S. News & World Report untersucht. Das Schulgebäude ist Bestandteil des Freedom Trail.
Geschichte Zu Beginn hatte die Schule nur sehr wenige Schüler, heute zieht sie ca. 2400 Schülerinnen und Schüler aus ganz Boston an. Von der Boston Latin School stammen vier Präsidenten der Harvard University, vier Gouverneure von Massachusetts und fünf Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. Benjamin Franklin und Louis Farrakhan gehören zu den berühmtesten Aussteigern der Schule.
Die Schule wurde dem Vorbild der Boston Grammar School in Lincolnshire, England nachempfunden, die viele der ursprünglichen Siedler in Boston besucht hatten. Die heutigen Schüler erzählen mit Stolz, dass das 1636, also ein Jahr später gegründete Harvard College für die ersten Abgänger der Boston Latin School errichtet wurde. Sei dies nun wahr oder falsch, von der Boston Latin School gehen seit jeher viele ehemalige Schüler als Studenten nach Harvard, zuletzt etwa 25 pro Jahr. Über 99 % der etwa 300 jährlichen Schulabgänger werden von wenigstens einem College akzeptiert.
Die BLS ließ seit ihrer Gründung 1635 nur männliche Schüler zu und stellte auch nur männliche Lehrer ein. Die erste Schülerin wurde im 19. Jahrhundert aufgenommen. Helen Magill White war die erste Abgängerin der Schule und später auch die erste Frau in den Vereinigten Staaten, die einen Doktorgrad erhielt. Kurz nach ihrem Schulabschluss im Jahr 1877 wurde die Boston Latin Academy gegründet, die ausschließlich Mädchen aufnahm. Für ein gutes Jahrhundert besuchten alle qualifizierten Schülerinnen diese Schule. Erst 1972 wurde an der BLS die erste gemischte Klasse eingerichtet.
Bevor die ersten weiblichen Schüler akzeptiert wurden, gab es bereits Lehrerinnen an der BLS. 1967 wurden Marie Frisardi und Juanita Ponte als erste weibliche Lehrkräfte eingestellt.
Die erste Schulleiterin Cornelia Kelley war von 1998 bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 2007 im Amt. Als ihre Nachfolgerin wurde Lynne Mooney Teta bestimmt, die damit Platz Nr. 28 in der Reihenfolge der Schulleiter einnimmt. Sie machte ihren Abschluss 1986 an der BLS und war zuvor stellvertretende Schulleiterin.
Standorte Foto Ort Koordinaten(Links zu Karten & Fotos) Quellen 100px Das erste Gebäude der Boston Latin School, ca. 1635. Koordinaten geschätzt aus: sowie 100pxDas erste Schulgebäude auf der Südseite der School Street, 1748–1810. 100px Das zweite Schulgebäude auf der Südseite der School Street, 1812–1844. Koordinaten geschätzt aus: 100px Das Schulgebäude in der Bedford Street, 1844–1881. Koordinaten geschätzt aus: 100px Das Schulgebäude in der Warren Avenue, 1881–1922. Koordinaten geschätzt aus: Das Schulgebäude in der Avenue Louis Pasteur, 1922–heute.
Wissenschaft & Lehre Das Motto der Boston Latin School ist „Sumus Primi“ (lat. für „Wir sind die Ersten“). Dieses Aussage bezieht sich doppeldeutig sowohl auf das Gründungsjahr der Schule als auch auf ihre akademische Ausgestaltung. Seit ihrer Gründung verfolgt die Schule die gleichen Standards wie private Eliteschulen in Neuengland, die zur Vorbereitung auf das College oder die Universität dienen, wobei sie jedoch die gleiche egalitäre Einstellung wie öffentliche Schulen aufweist. Aus akademischer Sicht übertrifft die Schule regelmäßig öffentliche Schulen in reichen Bostoner Vororten, was insbesondere im Rahmen der für alle öffentlichen Schulen in Massachusetts vorgeschriebenen jährlichen MCAS-Begutachtung gemessen wird. 2006 wurde in New York City die Brooklyn Latin School gegründet und explizit nach dem Vorbild der Boston Latin School entworfen. In diesem Zuge wurden viele Traditionen und auch ein Großteil der Lehrpläne übernommen.
Zulassungen Ob ein neuer Schüler aufgenommen wird oder nicht, wird anhand einer Kombination aus der erreichten Punktzahl in der Independent School Entrance Examination (ISEE) und aktuellen Noten entschieden. Darüber hinaus können nur Einwohner von Boston die Schule besuchen. Obwohl die Schule die Stufen 7 bis 12 bedient, nimmt sie neue Schüler ausschließlich in den Stufen 7 und 9 auf. Daher haben die höheren Klassen zum Teil deutlich weniger Schüler als die niedrigeren, da eine relativ große Anzahl zwischenzeitlich die Schule wechselt. Seit jeher wird von der Schule gesagt, dass sie eine Schwimm' oder geh’ unter-Mentalität aufweise, jedoch wurden in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um eine mehr unterstützende Atmosphäre zu schaffen.
Da es sich um eine renommierte Schule mit hoher Effektivität und Leistungsfähigkeit handelt, die in einem der schlechtesten städtischen Schulsysteme im ganzen Bundesstaat angesiedelt ist, wird der restriktive Aufnahmeprozess der Boston Latin School kontrovers diskutiert. Die Zulassungen sind sehr konkurrenzbetont und es ist nicht ungewöhnlich, dass nur weniger als 20 % der Bewerber angenommen werden. Bis zum Schuljahr 1997 reservierte die Boston Latin School 35 % der zur Verfügung stehenden Plätze für unterrepräsentierte Minderheiten, die auch dann vergeben wurden, wenn die Leistungen dafür eigentlich nicht ausreichend waren. Die Schule musste diese Praxis jedoch aufgeben, nachdem sie eine Serie von Gerichtsverfahren verloren hatte, in denen Mädchen, die nicht einer Minderheit angehörten und trotz besserer Noten als diejenigen zugelassener Minderheiten abgewiesen worden waren, geklagt hatten.Das Gerichtsurteil zur Aufnahmepraxis der Boston Latin School (Wikisource)
Die Schule verteidigte sich in der Folge juristisch gegen die Forderung, die Aufnahmeverfahren vollständig einzustellen und die verfügbaren Plätze unabhängig von Kriterien zu verlosen. Seit 1997 sank der Anteil der Minderheiten an der Boston Latin School von 35 % auf unter 19 % im Jahr 2005, obwohl die Schule gemeinsam mit den anderen öffentlichen Bostoner Schulen sowie der Boston Latin School Association große Anstrengungen unternahm, mehr Schüler aus Minderheiten aufzunehmen und an der Schule zu halten. Einige fordern eine Quote für die Anzahl von Schülern, die aus den öffentlichen Bostoner Middle Schools aufgenommen werden müssen.
Lehrpläne mini|Haupteingang des Schulgebäudes in der Avenue Louis Pasteur (2007) Die altehrwürdigste aller Traditionen an der Boston Latin School ist die Deklamation. Schüler der Grade 7 bis 10 müssen in ihrem Englischunterricht dreimal im Schuljahr eine Rede halten. Es gibt auch eine öffentliche Deklamation, wo Schüler aller Altersstufen und aus allen Kursen vor einer größeren Zuhörerschaft eine auswendig gelernte Rede vortragen. Während des Vortrags werden sie anhand verschiedener Merkmale bewertet, unter anderem in Bezug auf Erinnerungsvermögen, Präsentation, Sprache und Ausdrucksvermögen. Die am besten bewerteten Redner in drei der ersten vier öffentlichen Deklamationen erhalten die Gelegenheit, vor einer Jury aus Alumni zu sprechen und besondere Auszeichnungen zu erhalten.
Zusätzlich zu dieser langjährigen Tradition führte vor kurzem die schuleigene Abteilung für moderne Sprachen einen jährlichen Wettbewerb namens ein. Während der (in der Regel die erste Woche im März) halten Schüler der Grade 8 bis 12 Reden in anderen Sprachen als Englisch. Die meisten wählen dazu die Sprache, die sie gerade lernen, und einige halten ihre Rede in Latein, Griechisch oder ihrer Muttersprache. Die Wertungsrichter werden aus verschiedenen Institutionen der ganzen Stadt eingeladen und bewerten die Schüler in mit der öffentlichen Deklamation vergleichbaren Kategorien. Die Vortragenden werden dazu nach ihrem Lernfortschritt kategorisiert und nicht nach der gewählten Sprache, so dass ausschließlich Schüler mit vergleichbarem Wissensstand gegeneinander antreten. Schüler, die in diesem Wettbewerb regelmäßig herausragende Leistungen aufweisen, werden in der mit dem Celia Gordon Malkiel Preis ausgezeichnet.
Mit einem unter einigen Alumni kontrovers diskutierten Beschluss entschied die Schule im Jahr 2001, die Dauer des verpflichtenden Lateinunterrichts beginnend mit dem Schuljahr 2006 um ein Jahr zu verkürzen. Damit sank die minimal erforderliche Unterrichtsdauer für die 7. Grade von fünf auf vier und für die 9. Grade von vier auf drei Jahre. Diese Entscheidung wurde vom Vorsitzenden der Abteilung für die lateinische Sprache mit der Erkenntnis getroffen, dass die bis dahin geltenden Anforderungen die Schüler darin behinderten, ausreichend Kurse in wichtigen Fächern wie Physik, Chemie, Informatik und Moderne Sprachen zu belegen. Dennoch können die Schüler Latein freiwillig bis in ihr sechstes Jahr an der Schule fortführen, und viele nehmen diese Gelegenheit auch wahr, insbesondere um die Zahl ihrer AP-Kurse zu maximieren.
In einem Kodizill hinterließ Benjamin Franklin im Jahr 1789 ein Vermächtnis zur Stiftung der Franklin Medaillen, die den besten Schülern bei ihrem Abschluss verliehen werden. Der Dixwell Prize kommt in Hinblick auf sein Prestige direkt nach den Franklin Medaillen und wird als Auszeichnung für besondere Leistungen in Latein oder Griechisch vergeben.
Veröffentlichungen Die beiden Hauptpublikationen der Boston Latin School sind das Literaturmagazin The Register und die Schulzeitung The Argo. The Register wurde 1881 von George Santayana als Schulzeitung gegründet, jedoch hat es sich über die Jahre zu einem reinen Literaturmagazin entwickelt. Darin werden sowohl von den Schülern geschriebene Prosa und Dichtungen als auch Kunstwerke veröffentlicht. Das Magazin erscheint zwei Mal pro Jahr und wird üblicherweise von zwei Chefredakteuren betreut. Die Schulzeitung The Argo ist bedeutend jünger und wurde erst nach der Umwandlung des Register im März 1969 gegründet. Mit Stand des Schuljahrs 2006/2007 erschien die Zeitung sieben Mal pro Jahr. Sowohl der Register als auch die Argo werden ausschließlich von Schülern produziert. Beide Publikationen konnten bereits Preise der New England Scholastic Press Association gewinnen.
Daneben erscheint der BLSA Bulletin, der von der Boston Latin School Association herausgegeben wird.
Sport Die Sportmannschaften der Boston Latin School nennen sich das Boston Latin Wolfpack mit den Trikotfarben Violett und Weiß. Im American Football tritt das Team der Schule seit 1887 zu jedem Thanksgiving gegen die ständigen Rivalen von der English High School of Boston an. Dieser andauernde Wettbewerb zwischen den beiden Schulen ist der älteste in den gesamten Vereinigten Staaten.