mini|Selbstbildnis mit Hermann Matthäi – Dieses Gemälde von Theobald von Oer aus dem Jahr 1831 schildert die Entstehung eines Porträts in einem Privatatelier der Biedermeierzeit.

Als Porträtmalerei (zu ‚Bildnis‘) bezeichnet man ein Genre der Malerei, dessen Gegenstand die Abbildung eines Menschen in einem Gemälde ist.

Differenzierungsbereiche Je nach der Größe des Bildausschnittes unterscheidet man in der Malerei Kopfstück, Brustbild, Hüftbild (halbe Figur), Halbfigur, Kniestück (Porträt vom Kopf bis zum Knie), Ganzfigur, nach der Haltung oder Wendung der Figur, besonders des Kopfes, bezeichnet man das Bildnis als von vorn (en face) oder von der Seite genommen (en profil), als Halb- oder Dreiviertelprofil. Eine Übersicht darüber gibt der Artikel Porträt.

Studienkopf nennt man ein skizzenhaft, mehr zur Übung oder als Studie ausgeführtes Bildnis.

Tronies sind vollständig ausgeführte porträtähnliche Kopf- und Charakterstudien, die keine individuelle Person darstellen und von Malern oft als Vorstudien für Gemälde oder für einen Typus geschaffen wurden.

mini|Porträt der sogenannten Sappho, Fresco aus Pompeji, 1. Jahrhundert (Archäologisches Nationalmuseum Neapel)

Geschichte Die Porträtmalerei war bereits in der Antike – gemäß schriftlichen Quellen – gut ausgebildet, erhalten sind allerdings nur außerordentlich wenige Exemplare. Gerühmt werden in den Schriften die Maler Apollodoros (5. Jh. v. Chr.), Apelles, Zeuxis und Pamphilos (4. Jh. v. Chr.), deren Namen auch in der Neuzeit noch einen mystischen Klang behielten, und z. T. selber Gegenstand der Historienmalerei wurden. Als bedeutendste Bildnismalerin trat Jaia von Kysikos (1. Jh. v. Chr.) hervor, die in Rom und Neapel gewirkt haben soll."Bildnis", in: Lexikon der Kunst, Karl Müller Verlag, 1994, S. 173.

In großer Zahl erhalten sind römische Mumienporträts aus ägyptisch-hellenistischer Zeit. Ihr Anfang wird ins letzte vorchristliche Jahrhundert, das Ende ihrer Produktion in der neueren Forschung mehrheitlich Mitte des 3. Jahrhunderts angesetzt. Sie wurden in der Technik der Enkaustik gemalt, das heißt die Farben wurden mit Wachs gebunden.

Nach dem Untergang des Römischen Reiches, etwa vom 4. bis zum 14. Jahrhundert, spielte eine individuelle Bildniskunst so gut wie keine Rolle. Porträts aus dem Mittelalter sind häufig in der Form von Dedikationsbildern überliefert. Auf Altären seit dem späten Mittelalter finden sich oft Stifterbildnisse, normalerweise streng im Profil und in Gebetshaltung (z. B. Giottos Bildnis des Enrico Scrovegni in der Arenakapelle, Padua)."Bildnis", in: Lexikon der Kunst, Karl Müller Verlag, 1994, S. 174

Als eins der ersten autonomen Tafelbilder, auf denen ein Einzelner porträtiert ist, gilt das Bildnis Johanns des Guten im Louvre. Ein weiteres frühes bedeutendes Beispiel der Porträtmalerei, jedoch aus dem böhmischen Wirkungsfeld, ist das Porträt Erzherzog Rudolfs IV. von Habsburg, das nicht im Profil, sondern in Dreiviertelansicht gemalt ist.

mini|hochkant=1.1|Rogier van der Weyden: Diptychon des Philippe de Croÿ (Rekonstruktion !), ca. 1460. Links Madonna mit Kind (Madonna Huntington), rechts Stifterporträt in Gebetshaltung. Die beiden Hälften des Diptychons werden heute getrennt als Einzelwerke in zwei verschiedenen Museen aufbewahrt; dass es sich bei der fehlenden Madonna zum Porträt tatsächlich um diese sogenannte Madonna Huntington handelt, ist eine nicht eindeutig bewiesene Theorie – aber die Dimensionen der Bilder stimmen überein.Alexander Duckers & Marcello Toffanello: Rogier van der Weyden, RCS Libri S.p.A., 2004, S. 156 und 160.

Schon im 14. Jahrhundert wurden nicht mehr nur Herrscher porträtiert, sondern auch Feldherren, Universitätsprofessoren (z. B. im Wiener Stephansdom), Künstler (z. B. Petrarca); ab dem 15. Jahrhundert sind auch Bildnisse von (oft reichen) Kaufleuten, Bürgern, Gelehrten oder Beamten erhalten – und auch von Frauen.

Bedeutende Zeugnisse spätmittelalterlicher Bildniskunst wurden von niederländischen Malern wie Jan van Eyck, Rogier van der Weyden u. a. geschaffen, wobei die noch völlig neue Technik der Ölmalerei im Gegensatz zu der in Italien weiterhin gebräuchlichen Temperatechnik einer möglichst natürlichen und lebensechten Darstellung sehr entgegenkam. Van Eyck wird die Entwicklung des erweiterten Brustbildnisses zugeschrieben, das auch die Arme bis zum Ellenbogen miteinbezieht."Bildnis", in: Lexikon der Kunst, Karl Müller Verlag, 1994, S. 175 Dabei wurden in dieser Epoche nicht selten Arme und Hände im Vergleich zum Gesicht verkleinert dargestellt. Viele heute als Einzelporträts überlieferte Gemälde der niederländischen Schule des 15. Jahrhunderts waren ursprünglich eigentlich Stifterporträts im Zusammenhang eines Diptychons (oder Triptychons, z. B. mit einem Madonnenbild), zu erkennen an der Gebetshaltung. Van Eycks Hochzeit des Giovanni Arnolfini mit Giovanna Cenami (1434; London, National Gallery) gilt außerdem als erstes bedeutendes Beispiel für ein Doppelbildnis. Bedeutende frühe Porträtmaler in Frankreich waren Jean Fouquet und Nicolas Froment. Gleichzeitig wurde in der italienischen Frührenaissance die Porträtkunst durch Maler wie Antonello da Messina, Piero della Francesca, Pisanello, Botticelli und Giovanni Bellini entwickelt. Hier verwendete man noch bis Ende des 15. Jahrhunderts Temperafarben auf Holz, die ein farblich ganz anderes Ergebnis erzielen als die im Norden bereits übliche Ölmalerei. Auch schätzte man in Italien das emblemhafte Bildnis im Profil, das allerdings immer auch etwas artifiziell wirkt.

mini|Tizian: La Bella (Die Schöne), 1536 (Palazzo Pitti, Florenz) In der Hochrenaissance kam es zu einer ersten großen Hochblüte des Porträts. Die bis dahin noch oft hieratisch-starren Bildnisse wichen nun vollends einem naturnahen Ideal. Nach der Übernahme der Öltechnik auch durch italienische Künstler gelang es um und nach 1500 endgültig, dem Porträt die Bedeutung eines Charakterbildes zu geben, in welchem das ganze Wesen des Dargestellten lebensnah zum Ausdruck gelangt. In technischer Hinsicht trug auch die Erfindung des sogenannten sfumato durch Leonardo da Vinci zur Lebensechtheit des dargestellten Modells bei (z. B. Porträts der Mona Lisa oder der Belle Ferronière im Louvre, Paris), wodurch Weichheit und Wärme der Haut – in der Malerei als Inkarnat bezeichnet – besonders gut dargestellt werden konnten. Auch Giorgione, Raffael und insbesondere Tizian gehören zu den bedeutendsten Bildnismalern überhaupt. Tizian schuf neben seinen geradezu 'klassischen' halbfigurigen Porträts oder Brustbildern auch mehrere Porträts Karls V., die sowohl für das höfische Porträt (Karl V. mit Hund, 1533; Prado, Madrid) zum Vorbild avancieren sollten, als auch in dem Spezialfall des Reiterporträts (Karl V. in der Schlacht bei Mühlberg, 1547; Prado, Madrid).

mini|links|hochkant=0.8|Anthonis Mor: Kardinal Granvelles Zwerg mit einer Dogge, 1549–1560 (Louvre, Paris). Der große Hund dient hier vermutlich vor allem dazu, die Kleinheit des Zwergs hervorzuheben – und umgekehrt.

Zeitgleich war der wohl bedeutendste Porträtmaler nördlich der Alpen Hans Holbein d. J., der in der nordischen Tradition, und neben großen Künstlern wie Albrecht Dürer und Anthonis Mor, einen beinahe mikroskopisch exakten Stil von erbarmungslosem Realismus entwickelte (zahlreiche Bildnisse vom englischen Hof, u. a. von Heinrich VIII. und Jane Seymour). Holbeins Stil steht auf der malerischen Ebene in einem deutlichen Gegensatz zu dem weichen venezianischen Kolorismus Tizians – zwei Pole, zwischen denen sich die Kunst des Porträts in der Folgezeit bewegen sollte.

Ab etwa 1500 kam es auch zu einer zunehmenden Spezialisierung: Zahlreiche Künstler beschränkten sich fast ausnahmslos auf die Bildnismalerei. Entgegen einer eher negativen Einstufung des Porträts als einer „minderen Bildgattung“ durch Kunsttheoretiker wie z. B. Giorgio Vasari,"Bildnis", in: Lexikon der Kunst, Karl Müller Verlag, 1994, S. 172 finden sich unter den Porträt-Spezialisten von Anfang an große Künstler, wie die schon genannten Hans Holbein d. J., Anthonis Mor, Jean und François Clouet, Corneille de Lyon oder Giovanni Battista Moroni. Die Porträtkunst war im 16. Jahrhundert bereits vollständig ausgereift.

Das Porträt erfüllte außerdem eine bedeutende soziale Funktion, besonders als Gedenk- oder Herrscherporträt – Abbilder des herrschenden Königs waren sehr gefragt und wurden oft von einer Vielzahl von Einzelkünstlern und Werkstätten kopiert (oft nur mittelmäßig oder sogar schlecht).José Lopez-Rey: Velázquez - Sämtliche Werke. Benedikt Taschen Verlag, Köln 1997, S. 187 Auch in der Heiratspolitik der Königshäuser und des Adels wurden vor einer politischen Heirat Porträts ausgetauscht und nicht selten wurde ein Maler an einen fremden Hof gesandt, um eine in Frage stehende Braut zu malen. Dabei war der Empfänger des Porträts durchaus an einer möglichst naturnahen Darstellung interessiert, keineswegs an einer allzu sehr geschönten oder geschmeichelten Idealisierung, die allerdings auch vorkam – beabsichtigt und unbeabsichtigt.

mini|Das sogenannte Armada Portrait von Elizabeth I., Englische Schule, ca. 1590. Beispiel für ein repräsentatives Herrscherporträt mit Darstellung des englischen Sieges über die spanische Armada im Hintergrund. mini|rechts|hochkant=0.5|Nicholas Hilliard: Portrait of a Woman, 1597, Vellum (47 × 39 mm) Beim repräsentativen Herrscher- oder Adelsporträt trat neben die möglichst lebensechte, menschliche Darstellung der Person auch eine Strömung, die gewollt distanziert und kühl das Modell sozusagen dem 'normal Menschlichen' entrückt, wie dies in extremer Form die Porträts des in Florenz wirkenden Manieristen Agnolo Bronzino zeigen. Zum offiziellen Herrscherporträt gehörten auch wichtige Insignien wie Krone, Szepter, Krönungsmantel oder Rüstung (wenn das Porträt Gewicht auf die Leistung als Feldherr legte) und ein feierliches Ambiente, nicht selten mit Säule oder Draperien aus rotem Samt; ähnliches gilt für andere Formen des Repräsentationsporträts, bei weiblichen Modellen wurde oft minutiös und detailliert Schmuck und reichbestickte Kleider dargestellt. Überhaupt sollte im repräsentativen Standesporträt nicht nur die Persönlichkeit des Modells eingefangen werden, sondern auch in immer perfekterem Maße Stoffe wie Samt und Seide, oder die vom Ende des 16. Jahrhunderts etwa zweihundert Jahre lang hochmodernen Spitzen. Auch Anspielungen an bedeutende Leistungen wurden manchmal im Hintergrund dargestellt, beispielsweise sieht man in Porträts von Feldherren oft eine Schlacht, aus der sie siegreich hervorgingen (z. B. Gruppenporträt der Sieger der Schlacht von Lepanto, 1571 (KHM Wien); siehe auch das Armadaporträt Elisabeths I.). Zu den bekanntesten Porträtspezialisten im 16. und frühen 17. Jahrhundert, die auch als Hofmaler wirkten, gehören François Clouet, Alonso Sánchez Coello, Juan Pantoja de la Cruz, Frans Pourbus d. J. und Daniel Mytens.

Auch das intime Miniaturbildnis, das man immer bei sich tragen konnte, erlebte um 1600 eine erste Blüte, besonders im elisabethanischen und jakobinischen England mit dem überragenden Nicholas Hilliard und Isaac Oliver.

Eine gewisse Sonderrolle spielte das Selbstbildnis, das einige Maler auch zu humorvollen oder experimentellen Kreationen anregte, wie z. B. Hans von Aachen oder Rembrandt, der überhaupt ungewöhnlich viele Selbstporträts – auch in Verkleidung – hinterließ. Allerdings stellte sich erst spät heraus, dass z. B. die „Büste eines jungen Mannes“ kein Selbstporträt Rembrandts ist. Doch tragen die meisten Selbstporträts eher die Züge eines würdigen Repräsentationsbildnisses, und mindestens ebenso häufig stellte ein Maler sich beim Malen selber dar. Zuweilen porträtierte ein Künstler sich auch zusammen mit seiner Frau oder im Kreise seiner Familie.

mini|Anthonis van Dyck: Dreifachporträt von Karl I., 1635–1636 (Windsor Castle)