mini|Luftkampf (Ölgemälde von Michael Zeno Diemer aus dem Jahre 1918) Der Luftkrieg im Ersten Weltkrieg umfasst den Zeitraum vom 28. Juli 1914 bis zum 11. November 1918. Der Erste Weltkrieg kann als eigentlicher Beginn der Luftkriegsführung gesehen werden, in dem sich die meisten der heute gängigen Gattungen an Militärflugzeugen und heute noch gültigen Luftkriegskonzepte entwickelten. Er ist insofern Gegenstand der Militärgeschichte wie auch der Technikgeschichte. Die Erringung der Luftüberlegenheit war in hohem Maße durch die technische Entwicklung der Flugzeuge bestimmt.
Die zentrale Plattform für den Luftkrieg im Ersten Weltkrieg war das erst elf Jahre zuvor erfundene Flugzeug. Fesselballons und Militärluftschiffe spielten eine Nebenrolle. Wie bei kaum einem anderen Kriegsmittel standen technischer Fortschritt, industrielle Kapazitäten, militärische Forderungen und organisatorische Rahmenbedingungen in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Die im Vergleich zum Land- und Seekrieg völlig andersartige räumliche Dimension führte zu einem neuen strategischen, operativen und taktischen Denken. Insofern war der Luftkrieg ein Teil der „Epochenschwelle“, die manche Historiker im Ersten Weltkrieg sehen.G. Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2014, S. 687.Friedrich Kießling: Europa im Zeitalter des Imperialismus 1890–1918 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte. Band 53). Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2024, S. 238 ff.
Die kriegsführenden Mächte brachten zu Kriegsbeginn etwa 1000 Flugzeuge zum Einsatz. Neben der generellen Luftaufklärung als erste zentrale Einsatzart trat nach dem Übergang zum Stellungskrieg bald die Nutzung als Artilleriebeobachter. Zu dieser eng an die Heeresoperationen gebundene Unterstützungsrolle fand das Flugzeug zunehmend als eigenständige Waffenplattform Verwendung.G. Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2014, S. 687.
Der strategische Luftkrieg richtete sich gegen das Hinterland und versuchte mit der Zerstörung von Infrastruktur und Rüstungspotential die Fähigkeit zur Kriegsführung zu mindern. Da die Massenbasis an Flugzeugen und die technischen Möglichkeiten für exakte Bombardierungen fehlten, hatte der strategische Luftkrieg im Ersten Weltkrieg keine entscheidende Auswirkung auf den Kriegsverlauf. Abgesehen von der materiellen Wirkung hatte der strategische Luftkrieg von Anfang an die Absicht, Moral und Kampfbereitschaft der Zivilbevölkerung zu treffen. Darunter fiel vor allem die von Frühjahr 1917 bis Frühjahr 1918 von der Obersten Heeresleitung befohlene Luftoffensive gegen London.G. Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2014, S. 687.
Der taktische Luftkrieg zielte auf die Unterstützung der eigenen Land- und Seestreitkräfte. Die Alliierten betrachteten diese Aufgabe im Wesentlichen als Nebenaufgabe der Jagdflieger und vermieden diese abgesehen von der Somme-Schlacht in aller Regel wegen der hohen Gefährdung durch die Bodenluftabwehr. Die deutschen Luftstreitkräfte entwickelten dagegen spezielle Einsatzverfahren und Flugzeugmuster, jedoch nur mit mäßigen Erfolg. Für die Frühjahrsoffensive 1918 schuf man 38 spezielle Schlachtstaffeln, die im Tiefflug die gegnerischen Linien angriffen. Als Element der Durchbruchsschlacht sollten die Schlachtflugzeuge die Sturmtruppen nach dem Vorverlegen des Artilleriefeuers unterstützen, indem sie die feindliche Infanterie (weiterhin) in Deckung zwangen.G. Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2014, S. 688 f.
Der Erfolg der Aufklärer, Artilleriebeobachter, Bomber und Schlachtflugzeuge hing davon ab, inwieweit sie in der Luft ungestört ihrer Aufgabe nachgehen konnten. Dementsprechend kam es im Krieg zu einer rasanten Entwicklung von Jagdflugzeugen: von provisorischen Anfängen bis zu den leistungsfähigen Maschinen zu Kriegsende. Aus den 1914 als Hilfswaffe eingesetzten Flugzeugen waren vier Jahre später bei allen kriegsführenden Nationen große und spezialisierte Luftstreitkräfte mit eigenen Einsatzgrundsätzen geworden.G. Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2014, S. 689.
Technische Entwicklung Fesselballons mini|Befüllen eines Fesselballons im Ersten Weltkrieg Durch das Aufkommen von Flugzeugen und lenkbaren Luftschiffen war das Interesse an Ballons vor dem Ersten Weltkrieg geschwunden, die zudem wegen der schwerfälligen Bodenstationen im Bewegungskrieg als nur eingeschränkt verwendungsfähig erschienen. Der Fesselballon und mit ihnen die Feldluftschiffer erlebten eine Renaissance, als die Fronten erstarrten und der Stellungskrieg begann. Sie wurden in Frontnähe zur Lenkung des Artilleriefeuers und zur Beobachtung der feindlichen Linien eingesetzt, zumeist in der Form von Drachenballons. Die Alliierten produzierten deutlich verbesserte Ballons nach dem System Caquot. Mit entsprechenden optischen Geräten konnte der Gegner bis weit ins Hinterland beobachtet werden. Diese Spähposten waren jedoch exponierte und leichte Ziele für bewaffnete Flugzeuge.G. Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2014, S. 368.
Lenkbare Militärluftschiffe mini|LZ 36 (Marineluftschiff L9 Typ O) In Hinblick auf einen eventuellen Krieg mit Großbritannien hatte man in Deutschland die Entwicklung lenkbarer Militärluftschiffe forciert, vor allem Zeppelin- und Schütte-Lanz-Luftschiffe. Ab 1910 wurden sie rüstungspolitisch und finanziell gegenüber den Flugzeugen bevorzugt. Zu Beginn des Krieges setzte man auf sie große Hoffnungen, da sie verglichen mit Flugzeugen größere Höhen erreichten, zunächst fast ebenso schnell waren, deutlich größere Nutzlasten tragen und länger in der Luft bleiben konnten sowie eine größere Reichweite aufwiesen. Schon die ersten Einsätze für Bombenabwürfe über Belgien führten zur Ernüchterung, erhebliche Verluste gingen mit marginaler Wirkung einher. Trotz enormer technischer Verbesserungen im Krieg blieben sie durch die gegnerische Flugabwehr verwundbar, was durch Faktoren wie Größe, geringe Geschwindigkeit, schlechte Manövrierfähigkeit und brennbare Gasfüllung bedingt war. In immer größere Flughöhen gezwungen, verminderte sich die Leistungsfähigkeit der Motoren und die Zielgenauigkeit der Bomben, zudem machte die Höhenkrankheit den Besatzungen schwer zu schaffen. Brachten die Aufklärungsfahrten vor allem auf See noch einen relativ hohen militärischen Nutzen, so stand das Ergebnis der Angriffsfahrten in keinem Verhältnis zum Aufwand.G. Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2014, S. 976.
Großbritannien verwendete Luftschiffe kaum zu Angriffen und setzte eher auf kostengünstige Prallluftschiffe für den Küstenschutz (Coastal-Class-Luftschiff) und die Konvoibegleitung. Nach Einführung von Brandmunition im Frühjahr 1916 stiegen die Abschusszahlen vor allem der Ballons, die Fortschritte bei der Entwicklung leistungsfähiger Flugzeuge machten das Luftschiff zunehmend ersetzbar, so dass das Militärluftschiff seine militärische Bedeutung weitgehend verlor.
Des militärisch erfolgreichste deutsche Marineluftschiff, der Zeppelin LZ 46 fuhr 42 Aufklärungsfahrten und 17 Angriffsfahrten gegen England, wobei er 22.045 kg Bomben abwarf; er war zudem einer der wenigen Zeppeline, die den Krieg überlebten. In 95 Stunden und fünf Minuten Fahrzeit legte die LZ 104 auf ihrer Afrikafahrt eine Strecke von 6757 Kilometern zurück. Der Zeppelin hatte eine Länge von 226,5 m und wurde von fünf Maybach-Motoren mit je 245 PS (180 kW) angetrieben. Als Fanal der Angriffszeppeline gilt ein Ereignis im Sommer 1918: Der „Führer der Marine-Luftschiffe“ Peter Strasser startete am 5. August 1918 mit einem ganzen Zeppelin-Geschwader, er war dabei an Bord des bis dahin größten und modernsten Zeppelins L 70/LZ 112. LZ 112 wurde auf Grund seines Funkverkehrs geortet und von einer britischen Airco DH.4 abgeschossen. Strasser hatte an der Idee festgehalten, Großluftschiffe als Bomber einzusetzen. Kurz darauf, am 11. August 1918, ging die LZ 100 (L53) verloren. Danach wurden die Marineluftschiffe nur noch in der Fernaufklärung für die Hochseeflotte eingesetzt, womit die Ära der Zeppeline als Bomber endete. Mehr als zwei Drittel aller deutschen Kriegsluftschiffe (110 von 123) gingen verloren, etwa je zur Hälfte durch Feindeinwirkung oder Unfälle.Swanston: Die größten Luftkriege. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Invasion im Irak. Fränkisch-Crumbach 2010, S. 30–39.
Tauben und Gitterschwänze mini|Vickers F.B.5. Gunbus, zweisitziger bewaffneter Doppeldecker mit Druckpropeller Noch zu Kriegsbeginn war die Etrich Taube eines der meistgeflogenen Maschinen auf deutscher Seite. Es hatte sich aber schon bei Manövern im Jahre 1913 gezeigt, dass derartige Konstruktionen den Doppeldeckern Aviatik B.1, Albatros B.I und DFW B.I unterlegen waren. Bei den Alliierten dominierten zu Kriegsbeginn noch die sogenannten „Gitterschwänze“ wie der Voisin LA.S, die teilweise noch bis 1916 und 1917 gebaut wurden, so britische Gitterschwanz-Jäger wie das erste britische Jagdflugzeug Vickers F.B.5 sowie die RAF FE 2b, Airco D.H.2, Vickers F.B.12 und RAF FE 8. Der zweimotorige Bomber Caudron G.IV hatte ebenfalls noch einen unverkleideten Gitterschwanz. Im Herbst 1916 läuteten die deutschen Halberstadt- und Albatros D-Typen das Ende der Gitterschwänze ein, nach britischen Flugversuchen im Juni 1917 wurde entschieden, dass die Konstruktionsweise nicht mehr den Frontanforderungen gerecht werden konnte.Kens, Müller: Die Flugzeuge des Ersten Weltkrieges 1914–1918. Eine Flugzeugtypen-Sammlung. 1980, S. 20 ff.
Druckpropeller Die Anordnung eines Druckpropellers kam bei der französischen Farman M.F.11 im Jahre 1913 zum Einsatz und wurde dann zum Beispiel bei der britischen Airco D.H.1 und der einsitzigen Airco D.H.2 übernommen, um ein nach vorn gerichtetes Maschinengewehr abfeuern zu können, ohne den Propeller zu beschädigen. Trotz dieses Vorteils kam den entsprechenden Typen keine größere Bedeutung zu, da die Leistung der damaligen Maschinen mit Druckpropeller geringer als jene mit Zugpropeller war.Kens, Müller: Die Flugzeuge des Ersten Weltkrieges 1914–1918. Eine Flugzeugtypen-Sammlung. 1980, S. 20 ff.
Deflektor und Synchronisation mini|Fokker M.5K, Prototyp mit synchronisiertem MG
Im Frühjahr 1915 ließ sich der französische Flieger Roland Garros hinter der Luftschraube seiner Morane Parasol einen keilförmigen Geschossabweiser anbringen, der es erstmals ermöglicht, durch die Luftschraube zu schießen. Durch die Konstruktion gewannen die Alliierten monatelang die Luftüberlegenheit an der Westfront. Nach der Untersuchung einer erbeuteten Morane mit Geschossabweiser ging man in Deutschland einen Schritt weiter – auch weil sich die deutschen Stahlmantelgeschosse so nicht vom Propeller abweisen lassen – und versah Propeller und Maschinengewehr mit einem Unterbrechergetriebe. Anfang August 1915 wurde der Fokker-Eindecker Fok E1 mit synchronisierten Maschinengewehr an die Front ausgeliefert und begründete dann eine für Monate andauernde Überlegenheit der deutschen Luftwaffe. Im April 1916 fiel den Alliierten eine Fokker E III mit synchronisierten Maschinengewehr in die Hände und entwickelten daraufhin ähnliche Synchronisierungsmethoden.Spitz: Taktik und Technik im Luftkampf. Tagjagd 1914 bis heute. Stuttgart 1984, S. 14; Kens, Müller: Die Flugzeuge des Ersten Weltkrieges 1914–1918. Eine Flugzeugtypen-÷Sammlung. 1980, S. 9 ff.
Luft-Luft-Raketen mini|Nieuport 16 ausgerüstet mit Le-Prieur-Raketen zur Bekämpfung von Militärluftschiffen