mini|Schiffe der deutschen ostamerikanischen Kreuzerdivision (links: Panther, rechts: Flaggschiff Vineta) während der Blockade Venezuelas 1902. Zeichnung von Willy Stöver. mini|Großbritannien und Deutschland „rupfen“ Venezuela, während Uncle Sam aufmerksam zuschaut. Karikatur aus dem New York Herald, Januar 1903

Die Venezuela-Krise (seltener auch Zweiter Venezuelakonflikt) in den Jahren 1902/03 war eine diplomatische und militärische Auseinandersetzung zwischen Venezuela einerseits und dem Deutschen Reich, Großbritannien und Italien andererseits, zugleich aber auch Indikator und Austragungsfeld weltpolitischer Gegensätze zwischen den imperialistischen Mächten, insbesondere zwischen Deutschland und den USA. Daneben steht sie für eine besondere, zwischen dem endgültigen Scheitern der deutsch-britischen Bündnisverhandlungen 1901Siehe dazu Friedrich Meinecke: Geschichte des deutsch-englischen Bündnisproblems 1890–1901. Oldenbourg, München / Berlin 1927, , S. 177–228. und dem Beginn der britisch-französischen Annäherung 1902/1903 – der „revolutionären Wende im internationalen Staatensystem“John C. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900–1941. München 2008, ISBN 978-3-406-57779-6, S. 283. – liegende Etappe deutsch-britischer Beziehungen.

Hintergrund In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Ostasien und der lateinamerikanisch-karibische Raum zu Aktionsfeldern deutscher „Weltpolitik“. In diesem Zusammenhang verfolgte das Reichsmarineamt das Ziel, einzelne, für die projektierte weltweit operierende Flotte als nötig erachtete Stützpunkte zu erwerben. Neben Manila und der malaiischen Insel Pulau Langkawi gerieten dabei die (dänischen) Jungferninseln St. Thomas und St. John sowie die Hauptinsel der Niederländischen Antillen, Curaçao, ins Blickfeld.Siehe Baldur Kaulisch: Alfred von Tirpitz und die imperialistische deutsche Flottenrüstung. Eine politische Biographie. 3., durchgesehene Auflage. Berlin 1988, S. 122f. sowie Röhl: Wilhelm II. 2008, S. 265ff. Der im Bau befindliche Panamakanal machte zu dieser Zeit die zuvor lange periphere Karibik deutlich interessanter,Siehe Mitchell: The Danger of Dreams. 1999, S. 64. zudem war Tirpitz der Ansicht, dass man mit einem ausgebauten karibischen Flottenstützpunkt „einen Konflikt mit Amerika nicht zu scheuen“Zitiert nach Kaulisch, Tirpitz, S. 123. brauche. Derlei deutsche Ambitionen blieben den als Hegemon der Region auftretenden USA (vgl. Monroe-Doktrin) nicht verborgen und wurden vor dem Hintergrund des seit Beginn der 1890er Jahre wegen ausgeprägter Handelsrivalitäten und andauernder Zollstreitigkeiten ohnehin gespannten Verhältnisses beider StaatenSiehe Mitchell: The Danger of Dreams. 1999, S. 10ff. mit besonderem Argwohn verfolgt. Bereits während des Spanisch-Amerikanischen Krieges hatte das Auftauchen des deutschen Ostasiengeschwaders vor Manila im Sommer 1898 international für Aufsehen gesorgt und unter anderem dokumentiert, dass die deutsche Außenpolitik nicht gewillt war, von den Amerikanern beanspruchte Einflusszonen kommentarlos zu akzeptieren.Siehe dazu Rolf-Harald Wippich: „War with Germany is imminent.“ Deutsch-amerikanisches Säbelgerassel vor Manila 1898. In: Jost Dülffer u. a.: Vermiedene Kriege. Deeskalation von Konflikten der Großmächte zwischen Krimkrieg und Erstem Weltkrieg 1865–1914. München 1997, S. 513–525. Auch gegenüber den ihr lange weitgehend unzugänglichen mittel- und südamerikanischen Staaten trat die deutsche Politik nun mit einem gewissen Macht- und Ordnungsanspruch auf und zwang die traditionell dort agierenden Mächte, sich hiermit zu arrangieren. Die Probleme Venezuelas boten dafür ein Szenario.

Venezuela, das sich 1829/1830 von der Republik Kolumbien (vgl. Großkolumbien) getrennt hatte, wurde während des ganzen 19. Jahrhunderts in selten unterbrochener Folge von Staatsstreichen und Bürgerkriegen erschüttert. Deren Rückwirkungen führten seit 1892 verstärkt zu Spannungen mit auswärtigen Mächten. Während der Präsidentschaft Joaquín Crespo (1892–1898) intervenierte erstmals eine Gruppe von Staaten diplomatisch, um Restitutions- bzw. Schadenersatzansprüche für im Zuge des Bürgerkrieges von 1892 eingetretene Vermögensverluste geltend zu machen. Zudem eskalierte der venezolanisch-britische Disput über den Grenzverlauf Britisch-Guayanas (vgl. Venezuela-Krise 1895). Ungeachtet der politischen Friktionen drang in diesem Zeitraum verstärkt ausländisches Kapital, insbesondere auch deutsches, in Venezuela ein.Siehe Ragnhild Fiebig-von Hase: Lateinamerika als Konfliktherd der deutsch-amerikanischen Beziehungen 1890 bis 1903. Vom Beginn der Panamerikapolitik bis zur Venezuelakrise von 1902/03. 2 Bände, Göttingen 1986, Band 1, S. 68ff., 120ff. Prominent war vor allem die Fried. Krupp AG vertreten, der Ende der 1880er Jahre die Errichtung der ersten längeren Eisenbahnstrecke des Landes (Caracas–Valencia, 1894 fertiggestellt) übertragen worden war. Die hierfür nötigen Kredite hatte der venezolanische Staat – zu für ihn ausgesprochen ungünstigen Konditionen – von einem Konsortium unter Führung der Berliner Disconto-Gesellschaft erhalten.Siehe Michael Zeuske: Von Bolívar zu Chávez. Die Geschichte Venezuelas. Rotpunktverlag, Zürich 2008, ISBN 978-3-85869-313-6, S. 311. Daneben engagierte sich deutsches Kapital im Transportgewerbe sowie der Grundstoff- und Lebensmittelindustrie des Landes. Seit 1891 bezog Venezuela zudem Waffen aus Deutschland.Siehe Zeuske: Von Bolívar zu Chávez. 2008, S. 311, 319. Bereits 1896 musste der venezolanische Staat einen neuen Kredit bei der Disconto-Gesellschaft aufnehmen, um den Schuldendienst für die Eisenbahnanleihe zu gewährleisten.Siehe Zeuske: Von Bolívar zu Chávez. 2008, S. 311. Aus den inneren Unruhen nach Crespos Tod ging 1899 Cipriano Castro als neuer Staatschef hervor, ohne allerdings seine Herrschaft sofort konsolidieren zu können. Seit 1901 musste er sich mit einem Aufstand auseinandersetzen, der von Teilen der venezolanischen Oberschicht um den ins Exil gegangenen Bankier Matos unterstützt wurde und auch die mehr oder weniger offene Billigung ausländischer Mächte fand.Siehe Zeuske: Von Bolívar zu Chávez. 2008, S. 317ff. 1899 und erneut am 1. März 1902 erklärte Castro den Schuldendienst Venezuelas für eingestellt. Anfang 1901 schränkte er auch die Schadenersatzleistungen für beschlagnahmtes oder zerstörtes Eigentum von Ausländern ein.Siehe Ragnhild Fiebig-von Hase: Großmachtkonflikte in der Westlichen Hemisphäre: Das Beispiel der Venezuela-Krise vom Winter 1902/03. In: Jost Dülffer u. a.: Vermiedene Kriege. Deeskalation von Konflikten der Großmächte zwischen Krimkrieg und Erstem Weltkrieg 1865–1914. München 1997, S. 527–555, S. 530. Zu diesem Zeitpunkt war der venezolanische Staat allein bei britischen und deutschen Gläubigern mit 119,3 Millionen Bolívares (nach damaligem Kurs etwa 96,6 Millionen Mark bzw. 4,73 Millionen Pfund) verschuldet. Dem standen jährliche staatliche Einnahmen von nur etwa 30 Millionen Bolívares gegenüber.Siehe Zeuske: Von Bolívar zu Chávez. 2008, S. 324.

Verlauf Vorbereitung Die einseitigen Schritte Castros – der offenbar darauf spekulierte, dass der Respekt vor der Monroe-Doktrin die Europäer fernhalten würdeSiehe Zeuske: Von Bolívar zu Chávez. 2008, S. 325 sowie Fiebig-von Hase: Venezuela-Krise. S. 536. – verursachten nicht nur finanzielle Schäden, sondern standen auch für eine Art Ausbruch Venezuelas aus der von den imperialistischen Großmächten verwalteten Weltordnung. Mit Ausnahme von Mexiko und Kuba, wo bereits US-amerikanisches Kapital beherrschenden Einfluss ausübte, unterlag zu diesem Zeitpunkt noch ganz Lateinamerika europäischer – in erster Linie britischer und deutscher – ökonomischer Dominanz.Siehe Fiebig-von Hase: Venezuela-Krise. S. 535. Angesichts der gleichzeitigen Schuldenkrisen in mehreren anderen mittel- und südamerikanischen Staaten barg daher die venezolanische „Disziplinlosigkeit“ – vor allem dann, wenn sie ungeahndet blieb – ein gewisses Risiko für die ökonomische Grundlage des Einflussniveaus der (europäischen) imperialistischen Mächte in Mittel- und Südamerika.Siehe Fiebig-von Hase: Venezuela-Krise. S. 533. Schon 1896 hatte Wilhelm II. in einer Notiz „Venezuela (...) im Begriff [gesehen], durch die Monroe-Doktrin entsprechend flöten zu gehen.“Zitiert nach Röhl: Wilhelm II. 2008, S. 272. Hinzu kam, dass nun Vertreter betroffener Bankhäuser zur Absicherung neuer Kredite die Errichtung einer Finanz- oder zumindest einer Zollaufsicht über das südamerikanische Land fordertenSiehe Fiebig-von Hase: Venezuela-Krise. S. 534. – womit Venezuela einer klassischen Form informeller Herrschaft unterworfen worden wäre. Im Sommer 1901 unternahmen deutsche Kriegsschiffe um den Kreuzer SMS Vineta zunächst einen demonstrativen Vorstoß an die venezolanische Küste.Siehe Fiebig-von Hase, Konfliktherd, Band 2, S. 850ff. Dieses Unternehmen zeigte deutlich, dass die mit offenkundiger Absicht auftretenden Deutschen im Land wenig willkommen waren; es kam mehrfach zu Zwischenfällen zwischen deutschen Seeleuten und venezolanischen Beamten.Siehe Röhl: Wilhelm II. 2008, S. 273.

Am 6. Oktober 1901 wurden in Caracas zwei Maate der Vineta verhaftet. Vineta entsandte ein Landungskorps nach La Guaira und befreite diese. Durch diplomatische Maßnahmen wurde dieser Konflikt bereinigt.Siehe Hildebrand, Hans H.Die deutschen Kriegsschiffe, Band 6, S. 32.