Geschichte des Palastbaues in Warschau mini|300px|Mitte des 18. Jahrhunderts entstandenes Gemälde von Canaletto, hier mit Ansicht des damals noch barock gestalteten Lubomirski-Palastes am Platz zum Eisernen Tor (Plac Za Żelazną Bramą) mini|300px|Das zerstörte Warschau im Jahr 1945; hier die Altstadt Nachdem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit der Union von Lublin und den Articuli Henriciani entschieden wurde, dass zukünftig der Sejm in Warschau tagen und die Wahl des Königs in einem Vorort Warschaus stattfinden sollte, begannen viele der mächtigen polnischen Magnatenfamilien, Residenzen für ihren regelmäßigen Aufenthalt in der Stadt zu errichten. Als Sigismund III. Wasa zur Wende des 17. Jahrhunderts begann, – zunächst inoffiziell – auch die Königsresidenz nach Warschau zu verlegen, erbauten hier weitere Adelsgeschlechter standesgemäße Paläste. Mit der offiziellen Benennung als Hauptstadt Polens im Jahr 1795 erfolgte schließlich eine dritte Ausbauwelle der Stadt mit Magnatenresidenzen.

In der Geschichte der Warschauer Paläste, die häufig über Erbfolge oder Verkauf in die Hände anderer Familien gelangten, tauchen so stets Angehörige der immer gleichen Familien Branicki, Chodkiewicz, Czartoryski, Czetwertyński, Denhoff, Krasiński, Koniecpolski, Leszczyński, Lubomirski, Ossoliński, Opaliński, Ostrogski, Pac, Poniatowski, Potocki, Prażmowski, Raczyński, Radziwiłł, Sapieha, Sanguszko, Sieniawski, Sobieski, Tyszkiewicz, Wielopolski oder Zamoyski als Bauherren oder Eigentümer auf.

Architekturstil Die Paläste in Warschau zeigen heute überwiegend einen barocken oder klassizistischen Architekturstil. Mischformen sind eher selten, da bei den nach dem Krieg wiederaufgebauten Gebäuden zumeist ein einheitlicher Bauzustand der Vergangenheit ausgewählt wurde. Es finden sich nur einige wenige Gebäude im Stil oder mit Anklängen des Rokokos, des Historismus (Neorenaissance, Eklektizismus) oder des Art déco/Jugendstils.

Baumeister Neben polnischen Architekten spielten im 17. und 18. Jahrhundert holländische und vor allem sächsische und preußische Baumeister eine bestimmende Rolle beim Bau der Warschauer Paläste. Im 19. Jahrhundert waren verschiedene Nachkommen italienischer Einwandererfamilien einflussreich. In den Jahren 1946 bis 1960 kam es im Rahmen des massenhaften Aufbaus kriegszerstörter Objekte zum Einsatz vieler polnischer Architekten.

17. Jhd: Tylman van Gameren, Augustyn Locci, Isidoro Affaitati

18. Jhd: Jakub Kubicki, Domenico Merlini, Giacomo Fontana, Simon Gottlieb Zug, Carl Friedrich Pöppelmann, Joachim Daniel von Jauch, Johann Sigmund Deybel von Hammerau, Ephraim Schröger, Friedrich Albert Lessel, Johann Heinrich Klemm, Johann Christian Kamsetzer, Chrystian Piotr Aigner, Johann Friedrich Knöbel, Andreas Schlüter, Johann Christoph von Naumann, Kacper Bażanka, Augustyn Wincenty Locci und Adolf Woliński

19. Jhd: Antonio Corazzi, Borys von Zinserling, Adolf Gregor Franz Schuch, Władysław Marconi, Leandro Marconi, Jan Jakub Gay, Jan Kacper Heurich, Józef Huss, Francesco Maria Lanci, Enrico Marconi, Wilhelm Heinrich Minter, Witold Lanci, Andrzej Gołoński, Adolf Woliński, François Arveuf und Aleksander Jan Woyde

20. Jhd: Bohdan Lachert, Zygmunt Stępiński, Piotr Biegański, Szymon Syrkus, Józef Szanajca, Elżbieta Kienitz-Trembicka, Maria Zachwatowicz, Jan Dąbrowski, Jan Bieńkowski, Marian Lalewicz, Bruno Zborowski, Zasław Malicki, Stanisław Brukalski, Barbara Brukalska-Sokołowska, Tadeusz Zieliński, Oskar Sosnowski, Lech Niemojewski und Mieczysław Kuźma.

Lage Die überwiegende Anzahl der ehemaligen Warschauer Residenzen liegen bzw. lagen am historischen Teil des Königstraktes (vom Königsschloss bis zum Belevedere-Palast) und an denen die Alt- und Neustadt umgebenden Straßen Ulica Długa, Ulica Miodowa und Ulica Senatorska. Wegen Platzmangels konnten diese Paläste nicht innerhalb der Stadtmauern der Altstadt errichtet werden; auch in der Neustadt war nur Platz für einige wenige Residenzen (Chodkiewicz-Palast, Mokronowski-Palast, Sapieha-Palast). Die meisten Objekte entstanden also in dem Vorstadtgebiet rund um die ursprüngliche Stadt. Die beste Lage war die auf der hohen Weichselböschung. Hier – in Linie mit den königlichen Sitzen bei der Altstadt und in Jazdów (Schloss Ujazdowski) – bauten bedeutende Familien bereits im 17. Jahrhundert ihre Residenzen – wie die Kazanowskis oder die Koniecpolskis (Präsidentenpalast). Auf der terrassenförmig zur Weichsel abfallenden Böschung befanden sich die Parks dieser Paläste.

Palastanlage Typisches Merkmal der Warschauer Residenzen ist die „französische“ Struktur des Ensembles: es sind meist symmetrische Dreiflügelanlagen mit einem zurückgesetzten Kernbau (Corps de Logis), der von zwei zur Straße verlaufenden Seitenflügeln flankiert wird, die so den Ehrenhof (Cour d’honneur) bilden. Zur Straßenseite werden sie von einem Gitter mit einer Toreinfahrt in der Mittelachse begrenzt.

In einer Flucht mit der Straßenbebauung liegende Paläste wurden mit einigen Ausnahmen (Palast der Bischöfe von Krakau) erst ab der Wende zum 19. Jahrhundert gebaut. Auch wenn die Residenzen aus dem 17. und 18. Jahrhundert im Stil des Barock errichtet wurden, wurden sie durch Umbauten im 19. Jahrhundert zumeist klassizistisch oder im Neorenaissancestil umgestaltet.

Zweiter Weltkrieg und Zerstörung Annähernd alle Warschauer Paläste wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Bereits beim deutschen Angriff auf Warschau im Jahr 1939 wurden viele Objekte im Innenstadtdistrikt von Bomben getroffen und brannten dabei großteils aus. Während der auch in Außendistrikten erbittert geführten Kämpfe während des Warschauer Aufstandes wurden bereits beschädigte und noch unbeschädigte Paläste zusätzlich zerstört. Der der Niederschlagung des Aufstandes unmittelbar folgende Einsatz zur endgültigen Zerstörung der Stadt eliminierte Gebäudereste. Rund 90 % der Bausubstanz ging dabei verloren. Nur einige wenige Residenzen (meist kleinere Objekte) überstanden die Zerstörung mit nur geringfügigen Schäden: die Paläste Belvedere, Dziewulski, Janasz, Karnicki, Koniecpolski, Natolin und Krasiński. Nach dem Krieg wurde eine Mehrzahl der zerstörten Paläste wiederaufgebaut und zumeist als Behördensitz genutzt. Da viele Paläste vor Kriegsausbruch als Mietshäuser zweckentfremdet und heruntergekommen waren, wurde für den Wiederaufbau weitgehend ältere Versionen der Baugeschichte gewählt. Hilfreich waren hier als Vorlage alte Stiche und Gemälde; vor allem Werke von Bernardo Bellotto (Canaletto) wurden zur Wiederherstellung der barocken Bauwerke herangezogen.

Wiederaufbau Nur ausnahmsweise wurden Paläste nicht in einem früheren Originalzustand errichtet. Das Nachfolgegebäude des Rzyszczewski-Palastes entstand zwar auf dessen Fundamenten, ist aber im Stil des Neoklassizismus errichtet, den das Gebäude nie hatte. Auch der Potocki-Palast in Jabłonna sah nie so aus, wie er sich heute präsentiert. Der erst 1995 bis 1997 errichtete Jabłońowski-Palast verfügt nur über eine Fassade, die dem alten Gebäude entspricht, der gesamte nach hinten liegende Baukörper ist moderne Zweckarchitektur. Nicht wieder errichtet wurden unter anderem die Paläste Badeni, Gozdzki, Kotowski, Kronenberg, Lelewel, Walicki, Wierzbowski, Branicki sowie das Brühlsche und das Sächsische Palais. Der Wiederaufbau einiger dieser Gebäude wird diskutiert.

Listen In den beiden nachfolgenden Auflistungen befinden sich derzeit 94 existierende und 26 ehemalige Paläste. Die Aufstellung beinhaltet Gebäude im heutigen Stadtgebiet Warschaus. In der Warschauer Umgebung gelegene Paläste (z. B. in Jabłonna) sind in der Liste der Burgen, Schlösser und Paläste in der Woiwodschaft Masowien enthalten. Wegen uneinheitlicher Sprachregelung werden solche Gebäude erfasst, die im Deutschen oder Polnischen als Palast (polnisch: Pałac), Palais (polnisch: Pałacyk) oder Schloss (polnisch: Zamek) bezeichnet werden. Dazu gehören in Ausnahmefällen auch herrschaftlich gestaltete Mietshäuser, sofern sie vom Erbauer selbst genutzt wurden (wie der Gay-Palast) oder Behördensitze (wie der Palast der Regierungskommission für Einkünfte und Finanzen). Nicht enthalten sind in der Regel Objekte, die nach dem Zweiten Weltkrieg entworfen und gebaut wurden (z. B. der Warschauer Kulturpalast oder großzügige Privatresidenzen, Ausnahme: die palastartige, im Stile des realsozialistischen Klassizismus ausgeführte Russische Botschaft). Nach dem Krieg wiederaufgebaute Gebäude sind dagegen enthalten.

Als Baudatum wird i. d. R. das Jahr der Fertigstellung genannt. Es werden nur bekannte wesentliche Um- oder Ausbauten der Objekte festgehalten. Damit wird auch nur ein Teil aller an den Umgestaltungen zu verschiedenen Stilepochen beteiligten Architekten und Bauherren benannt.

Liste existierender Paläste in Warschau

A Bild Bezeichnung Alternative Bezeichnungen Lage Koordinaten Wesentliche Baujahre Wesentliche Architekten Wesentliche Bauherren Stil Bemerkungen zentriert|200x200px|Palast Abramowicz-Palais Innenstadt 1785 Simon Gottlieb Zug Grzegorz Abramowicz Klassizismus zentriert|200x200px|Palast Palais zur Artischocke Palais Marconi Innenstadt Antonio Corazzi,Leandro Marconi Jan Sokołowski,Henryk Marconi (d. J.) Eklektizismus mit neogotischen Elementen Sitz der litauischen Botschaft in Polen

B Bild Bezeichnung Alternative Bezeichnungen Lage Koordinaten Wesentliche Baujahre Wesentliche Architekten Wesentliche Bauherren Stil Bemerkungen zentriert|200x200px|Palast Basilianer-Palast Innenstadt Anfang 18. Jhd. Klassizismus Teil eines ehemaligen Klosters (Basilianer), in der Zwischenkriegszeit Sitz des Nationalmuseums zentriert|200x200px|Palast Belvedere Innenstadt 1660,1818 Jan Kubicki Stanislaus II. August Poniatowski Klassizismus Wohnsitz polnischer Präsidenten zentriert|200x200px|Palast Biernacki-Palais Wola 19. Jhdt. Józef Orłowski Adam Biernacki Klassizismus zentriert|200x200px|Palast Palast der Bischöfe von Krakau Innenstadt 1642,1762 Giacomo Fontana Constanze von Österreich,Jakub Zadzik,Kajetan Sołtyk,Łukasz Piotrowski Spätbarock Im Jahr 2010 an Alteigentümerfamilie zurückerstattet, derzeit Sitz der ZUS zentriert|200x200px|Palast Blank-Palast Innenstadt 1764,1938,1949 Simon Gottlieb Zug,Stanisław Gadzikiewicz, Elżbieta Kienitz-Trembicka Filip Nereusz Szaniawski, Piotr Blank,Michał Budziszewski,Stadt Warschau Spätbarock zentriert|200x200px|Palast Blauer Palast Zamoyski-Palast Innenstadt 1726,1768,1781,1815 Carl Friedrich Pöppelmann,Joachim Daniel von Jauch,Johann Sigmund Deybel,Giacomo Fontana,Ephraim Schröger,Friedrich Albert Lessel, Bruno Zborowski,Zasław Malicki Anna Karolina Orzelska,Adam Kazimierz Czartoryski,Stanisław Kostka Zamoyski Klassizismus zentriert|200x200px|Palast Palast unter dem Blechdach Palais Martin Innenstadt 1701,1720,1777,1849 Giacomo FontanaDomenico Merlini Jerzy Dominik Lubomirski,Stanisław August Poniatowski,Józef Antoni Poniatowski Barock zentriert|200x200px|Palast Bogusławski-Palais Innenstadt 1807 Bonawentura Solari,Karol Henryk Gall,Beata Trylińska Wojciech Bogusławski Klassizismus Der Palast wird heute als Schulgebäude genutzt zentriert|200x200px|Palast Borch-Palast Innenstadt 1780,1954 Domenico Merlini Jan Borch,Stanislaw Marzyński,Primas von Polen Klassizismus zentriert|200x200px|Palast Branicki-Palast Innenstadt 1743,1754,1805,1953 Jan Zygmunt Deybel,Johann Heinrich Klemm,Giacomo Fontana,Johann Christian Kamsetzer,Friedrich Albert Lessel,Borys von Zinserling Jan Klemens Branicki,Izabela Poniatowska Spätbarock zentriert|200x200px|Palast Branicki-Palast Innenstadt 1825,1852 Adolf Gregor Franz Schuch,Enrico Marconi,Zygmunt Stępiński,Bolesław Gałązka Wincenty Lewiński,Familie Branicki, Neorenaissance Ehemaliger Sitz der britischen Botschaft zentriert|200x200px|Palast Brühl-Palast Młociny 1758,1786 Johann Friedrich Knöbel,Simon Gottlieb Zug Heinrich von Brühl,Alois Friedrich von Brühl Spätbarock zentriert|200x200px|Palast Brzozowski-Palast Innenstadt 1882 Bronisław Żochowski-Brodzic Familie Brzozowski Neorenaissance Hinterhof-Palast