mini|Heinrich Dreser, 1897

Heinrich Dreser (* 1. Oktober 1860 in Darmstadt; † 21. Dezember 1924 in Zürich) war ein deutscher Arzt und Pharmakologe. Er leitete Universitätsinstitute und das Pharmakologische Laboratorium der Bayer AG, damals „Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co.“, in Elberfeld. Dort entdeckte er mit den Chemikern Arthur Eichengrün und Felix Hoffmann das Diacetylmorphin (bekannt unter dem Handelsnamen Heroin) und die Acetylsalicylsäure (Aspirin), welche Dreser pharmakologisch erprobt hat und 1899 als Aspirin in die Therapie eingeführtPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 50. wurde. mini|Heinrich Dreser (2. von rechts) im Pharmakologischen Laboratorium bei Bayer 1897.

Leben Hauptquellen sind die Nachrufe seines akademischen Kollegen Hans Horst Meyer und seines Industrie-Kollegen Ernst Lomnitz. Dreser studierte in Heidelberg Medizin und wurde dort 1884 mit einer Arbeit „Zur Chemie der Netzhautstäbchen“ zum Dr. med. promoviert. Anschließend arbeitete er am Physiologischen Institut der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau bei Rudolf Heidenhain, am Pharmakologischen Institut der Kaiser-Wilhelm-Universität Straßburg bei Oswald Schmiedeberg und am Physiologisch-chemischen Institut der Eberhard Karls Universität Tübingen bei Gustav von Hüfner. In Tübingen habilitierte er sich 1891 für Pharmakologie und Toxikologie. Er ging dann zu Carl Binz ans Pharmakologische Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, von wo er 1896 als Nachfolger von Wilhelm Marmé (1832–1897) auf den Lehrstuhl für Pharmakologie der Georg-August-Universität Göttingen berufen wurde, zunächst allerdings nur als außerordentlicher Professor. Das mag der Grund dafür gewesen sein, dass er zum 1. April 1897 die Leitung des 1890 gegründeten Pharmakologischen Laboratoriums der „Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co.“ in Elberfeld übernahm.Michael de Ridder, Heroin: vom Arzneimittel zur Droge, S. 38. - Jürgen Lindner, Heinz Lüllmann: Pharmakologische Institute und Biographien ihrer Leiter, S. 145 und S. 175. Editio Cantor, Aulendorf 1996, ISBN 3-87193-172-1. - Den vakanten Lehrstuhl für Pharmakologie in Göttingen übernahm dann 1897 Carl Jacobj.

Nach siebzehn Jahren bei Bayer, 1914, wandte er sich, wie Hans Horst Meyer schreibt, „aus mir unbekannten Gründen nach Lüttich, wo ihm ein experimentelltherapeutisches Laboratorium zur Mitarbeit offen stand. Wenige Monate später brach der Krieg aus, und Dreser mußte gleich allen Deutschen unter Zurücklassung von Hab und Gut mit seiner Gattin eiligst Belgien verlassen.“ Er erhielt, vermutlich finanziell unabhängig dank seiner Tantiemen von Bayer, am Institut für Biochemie der Medizinischen Akademie Düsseldorf eine ehrenamtliche Professur für Pharmakologie, aus der 1923 ein selbständiges Pharmakologisches Institut hervorging. Im Oktober 1924 begann er Experimente an dem von Max Cloetta (1868–1940) geleiteten Pharmakologischen Institut der Universität Zürich, starb aber nach wenigen Wochen. Umfassend gebildet sei er gewesen, habe Geige, Bratsche und Cello gespielt, dabei verschlossen, im Gespräch oft sarkastisch oder ironisch, außer im wissenschaftlichen Austausch wenig geneigt zum Umgang mit Menschen.

Forschung: an Universitäten Nach Hans Horst Meyer besteht Dresers Leistung vor allem in der Quantifizierung pharmakologischer Beobachtungen; er „suchte die Untersuchungsmethodik so einzurichten und dem jeweiligen Vorwurf in solcher Weise anzupassen, dass sie zu einem zahlenmäßig darstellbaren Ergebnis führen musste. Das setzt nicht nur mathematisch-physikalische Gewandtheit, sondern auch in bedeutendem Maße erfinderisches Geschick voraus.“ Beides bewährte er, als er im Schmiedebergschen Labor in Straßburg eine Methode zur Quantifizierung der Arbeit von isolierten Froschherzen ersann. Ebenfalls aus Straßburg stammt eine Arbeit über Lobelin, ein Alkaloid aus der nordamerikanischen Loblia inflata. Die Pflanze war „ein Hauptmittel des amerikanischen Quacksalberthums, der ‚Medical botanists‘, welche Lobelia als Panacee bei den verschiedensten Krankheiten anwandten. Eine derart ausgiebige Verwendung heroisch wirkender Mittel, wie sie die Volksmedicin oft beliebt, hat die amerikanische und englische Literatur zu einer Fundgrube ‚medicinaler‘ Vergiftungen durch Lobelia inflata gemacht. … Der Umstand, dass das Medicament sehr häufig Erbrechen bewirkt, scheint vielen Patienten das Leben gerettet zu haben; die Lobelia wirkte dabei gewissermaassen als ‚Antidot gegen sich selbst‘“. Dreser erkannte, „dass das Alkaloid Lobelin ein Respirationsgift ist“ und bei nicht zu hoher Dosierung die Atmung anregte. Wieder ersann er eine Quantifizierung, diesmal des Atemzugvolumens; sie wurde eine Standardmethode.Leopold Ther: Pharmakologische Methoden. Stuttgart, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft m.b.H. 1949, S. 251 Lobelin wurde später auch therapeutisch als Atemstimulans angewendet.Paul Trendelenburg: Grundlagen der allgemeinen und speziellen Arzneiverordnung. Leipzig, Vogel 1926. In Tübingen benutzte Dreser die Gefrierpunkterniedrigung zur Bestimmung des Harngehaltes an gelösten Stoffen und zum Studium der Nierentätigkeit. Seit seiner Bonner Zeit und bis zu seinen letzten Wochen in Zürich beschäftigte er sich mit den Gefahren von Inhalationsanästhetika, warnte vor dem heute nicht mehr gebrauchten Bromethan und konstruierte Narkoseapparate.

Forschung: bei Bayer In Elberfeld, später Leverkusen entstand unter Dreser und dem Bayer-Direktor Carl Duisberg neben den pharmazeutisch-chemischen Laboratorien ein großes pharmakologisches Labor, das wohl älteste pharmakologische Industrie-Labor. 1910 richtete Dreser zudem ein eigenes Labor für antimikrobielle Chemotherapie ein, aus dem so berühmte Stoffe hervorgingen wie Suramin (Germanin, 1924), Mepacrin (Atebrin, 1930) und das erste Sulfonamid, Sulfamidochrysoidin (Prontosil, 1935).Stanislav Kazda und Günter Thomas: Pharmakologisches Institut, Bayer AG. In: Athineos Philippu: Geschichte und Wirken der pharmakologischen, klinisch-pharmakologischen und toxikologischen Institute im deutschsprachigen Raum, S. 776–786. Innsbruck, Berenkamp 2004. ISBN 3-85093-180-3. Ernst Lomnitz urteilte: „Die Ära Dreser bedeutet in der Geschichte der Pharmazeutischen Abteilung der Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. einen Markstein, denn damit wurde der Ärztewelt der Beweis erbracht, daß an dieser Stätte ernsthaft und nach nur streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten gearbeitet wurde, und für die Kliniker ergab sich das beruhigende Bewußtsein, daß sie die ihnen übergebenen tierexperimentell geprüften und als brauchbar befundenen Präparate getrost am Krankenbett verwenden durften.“

Dreser trug als Pharmakologe zur Einführung zweier von Oswald Schmiedeberg angeregter Carbamidsäureester als Schlafmittel bei, nämlich den von ihm synthetisierten UrethanabkömmlingenVgl. H. Dreser: Über ein neues Hypnotikum aus der Reihe der Urethane. In: Münchner medizinische Wochenschrift. Band 46, 1899, S. 1310 ff. Hedonal und Carbromal (Adalin). Sie schirmten die Nervenzellen, meinte er, von der Außenwelt ab. „Diese ‚innere Ruhe‘ des Centralnervensystems ermöglicht erst den gesunden Schlaf, oder wie Shakespeare den Macbeth sagen lässt: ‚den heiligen Schlaf, das Hauptgericht am Tisch des Lebens‘.“H. Dreser: Ueber ein Hypnoticum aus der Reihe der Urethane. In: Verhandlungen der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte. 71. Versammlung zu München. 17.–23. November 1899. Zweiter Theil. II. Hälfte. Medicinische Abtheilungen. Leipzig, Vogel 1900, S. 46–49. Jedoch sind HedonalVgl. auch H. Orth, I. Kis: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32, hier: S. 15 und 25. und Carbromal wie fast alle deutlich wirkenden Schlafmittel außer den Benzodiazepinen der zahlreichen tödlichen Vergiftungen wegen aus der Therapie verschwunden. Das gilt auch für das Barbiturat Phenobarbital (Luminal) als Schlafmittel, das Heinrich Hörlein 1911 in den pharmazeutisch-chemischen Labors von Bayer synthetisierte. In der Epilepsie-Behandlung ist Phenobarbital dagegen, seit Alfred Hauptmann es 1912 für diese Indikation entdeckte, eines der wichtigsten Medikamente geblieben.

Seine Erfahrung in der Nierenphysiologie nutzte Dreser bei der Entwicklung des Theophyllin-Präparats Theocin als Diuretikum. Er erkannte, dass es stärker wirkte als seine nahen Verwandten Coffein und Theobromin und folgerte: „Jedenfalls steht nach diesen Diureseversuchen am gesunden Menschen zu erwarten, dass das Theocin infolge seiner ausgesprochenen eliminatorischen Functionen nicht nur für Wasser, sondern auch gegenüber Salzen, … auch in dem pathologischen Zustande der Wassersucht dieselben das Wasser bindenden Bestandtheile eliminiren und dadurch das an diese Elektrolyten gebundene Wasser mobil machen wird.“ Oskar Minkowski, Mitentdecker der Rolle der Bauchspeicheldrüse beim Kohlenhydratstoffwechsel, stimmte zu: „Durch eine sinnreiche Combination physikalisch-chemischer Methoden, indem er das Verhältnis der Gefrierpunktserniedrigung zur elektrischen Leitfähigkeit im Harne bestimmte, gelangte Dreser zu dem Schlusse, dass das Theophyllin nicht nur das Harnwasser vermehrt, sondern auch die Gesammtzahl der in der Minute ausgeschiedenen Moleküle steigert, und zwar besonders dadurch, dass zunächst Electrolyte (Salze) in noch stärkerem Maasse als Nicht-Electrolyte hinausbefördert werden.“ Dresers und Minkowskis Einsicht gilt bis heute: Eine negative Flüssigkeitsbilanz „gelingt nur, wenn die Ausscheidung von Salzen erhöht wird, die ihrerseits osmotisch Wasser binden“.K. Turnheim: Diuretika. In: K. Aktories, U. Förstermann, F. Hofmann und K. Starke: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 10. Auflage, München, Elsevier GmbH 2009, Seite 509–523. ISBN 978-3-437-42522-6.

Dreser trug außerdem zur Einführung des nicht bitter schmeckenden Chinin-Derivats Aristochin und der kolloidalen Silber-Albumin-Verbindung Protargol bei. Protargol wurde zur äußerlichen Anwendung vor allem bei Gonorrhoe höchst erfolgreich. Der pharmazeutisch-chemische Erfinder war Arthur Eichengrün. Seine Tantiemen für Protargol betrugen allein im Jahr 1907 13.309 Mark – ein Lehrer verdiente damals 1200 bis 1500 Mark pro Jahr.Elisabeth Vaupel in Kultur&Technik, S. 46 (2005): Lorbeer für Eichengrün – Hommage an einen vergessenen jüdischen Chemiker. (PDF; 8,3 MB) Dreser maß zur Quantifizierung der adstringierenden Wirkung von Silberverbindungen die Dehnbarkeit isolierter Lungenflügel von Fröschen – ein weiteres Mal eine eigene Methode.Leopold Ther: Pharmakologische Methoden. Stuttgart, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft m.b.H. 1949, S. 125.

Waren diese Arzneistoffe der Ära Dreser wichtig und sind es im Fall des Phenobarbitals bis heute, so wurden im eigentlichen Sinn spektakulär das Diacetylmorphin oder Heroin und die Acetylsalicylsäure oder Aspirin.

Forschung: Heroin und Aspirin Die Erfindungen des Heroins und Aspirins weisen nach Michael de Ridder bemerkenswerte Übereinstimmungen auf:Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge. Frankfurt und New York, Campus-Verlag 2000, ISBN 3-593-36464-6. Das Buch beruht auf der Dissertation des Autors von 1991.