mini|hochkant=1.3|Teil der Original-Schichtfläche (Schichtunterseite) aus Heßberg mit Chirotherium barthii (links unten, Mitte und rechts oben) im Teylers Museum, Haarlem, Niederlande. Chirotherium ist eine Spurenfossilgattung fünffingeriger bzw. -zehiger (pentadactyler) Trittsiegel und entsprechender Fährten von Landwirbeltieren (Tetrapoda). In der ethologischen Spurenklassifikation nach Seilacher handelt es sich daher um ein Repichnium (Bewegungsspur) bzw. um ein Cursichnium (Schreitspur) in der Untergliederung der Bewegungsspuren nach Müller. Chirotherium ist typisch für terrestrische Sandsteine der Unter- und Mitteltrias (ca. 250 bis 230 mya) und wurde vermutlich von rein landlebenden Vorfahren der heutigen Krokodile, den „Rauisuchiern“, verursacht.

Chirotherium bzw. die Typusart Ch. barthii ist das erste nach Linné’scher Nomenklatur benannte Spurenfossil überhaupt.

Als „Chirotherien“ werden informell neben den zahlreichen beschriebenen Chirotherium-Arten auch morphologisch ähnliche Spurengattungen, wie Brachychirotherium, Isochirotherium, Protochirotherium oder Synaptichnium bezeichnet.

Etymologie Der Name setzt sich aus den altgriechischen Wörtern χειρός, cheiros, „Hand“ und θηρίον, therion, „Biest“, „wildes Tier“ zusammen, was in der einschlägigen deutschsprachigen Literatur meist mit „Handtier“ übersetzt wird (Schreibweise in Literatur des 19. Jh.: „Handthier“). Der Name wurde 1835 von dem Darmstädter Zoologieprofessor Johann Jakob Kaup geprägt und bezieht sich auf eine gewisse Ähnlichkeit der Abdrücke mit menschlichen Händen sowie den Umstand, dass Kaup bei seiner Interpretation der Spur der Möglichkeit, dass die Spuren von einem Säugetier stammen könnten, den Vorzug gab.Johann J. Kaup: Mittheilungen, an Professor Bronn gerichtet. Thier-Fährten von Hildburghausen: Chirotherium oder Chirosaurus. Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefaktenkunde. Jahrg. 1835, S. 327–328, onlineIn der zoologischen Nomenklatur beziehen sich die Wortteile Thero-, -therium oder -theria traditionell in irgendeiner Weise auf Säugetiere. Wird eine Gattung oder Art ursprünglich als Säugetier betrachtet und daher entsprechend benannt und stellt sich später heraus, dass diese Einordnung falsch war, verlangen es die Internationalen Regeln für die Zoologische Nomenklatur, dass der ursprüngliche Name trotzdem beibehalten wird.

Geschichte hochkant|mini|Teil der Originalschichtfläche aus Hildburghausen im Goldfuß-Museum Bonn. Die Trittsiegel befinden sich mittig in der unteren und rechts in der oberen Hälfte. Manus und Pes liegen jeweils sehr dicht beieinander.

Erster Fund und Resonanz Im Frühjahr 1833 entdeckte der Hildburghausener Gymnasialdirektor Friedrich Sickler auf einer Sandsteinplatte, die einem Steinbruch bei Heßberg entstammte und in der Grundmauer seines Gartenhäuschens verbaut werden sollte, Abdrücke, die ihn an Trittsiegel von Tieren erinnerten. Sickler bot daraufhin den Steinbrucharbeitern Geld dafür, auf weitere Spuren zu achten und selbige zu sichern.Fabien Knoll: Alexander von Humboldt and the hand-beast: A contribution to palaeontology from the last universal scholar. Comptes Rendus Palevol. Bd. 8, Nr. 4, 2009, S. 427–436, Im Sommer 1834 wurde dann eine größere Schichtfläche mit Fährten freigelegt, die von Sickler in Form eines offenen Briefes an den Göttinger Anatom und Zoologen Johann Friedrich Blumenbach beschrieben wurde.Friedrich K. L. Sickler: Sendschreiben an Sr. Hochwohlgeboren […] Dr. J. F. Blumenbach […] über die höchst merkwürdigen, vor einigen Monaten erst entdeckten Reliefs der Fährten urweltlicher, grosser und unbekannter Thiere in den Hessberger Sandsteinbrüchen bei der Stadt Hildburghausen. Kesselringsche Hofbuchhandlung, Hildburghausen 1834, 16 S., In den darauffolgenden Monaten veröffentlichten verschiedene Naturforscher Anmerkungen zu Sicklers Beschreibung bzw. den Spurenfunden, u. a. der Heidelberger Geologieprofessor Heinrich Georg Bronn,Heinrich G. Bronn: Neueste Literatur – Auszüge: III. Petrefaktenkunde. Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefaktenkunde. Jahrg. 1835, S. 230–234, online sein Bonner Kollege Johann Jacob Nöggerath,J. Jacob Nöggerath: Angebliche Fährten urweltlicher Affen (Quadrumanen) in Sandsteinen. Gemeinnützige und unterhaltende Rheinische Provinzial-Blätter, Neue Folge. Zweiter Jahrgang, Erster Band, Zweites Heft, 1835, S. 143–148, der Darmstädter Zoologieprofessor Johann Jakob Kaup und auch der berühmte Alexander von Humboldt.

Im Gegensatz zu Bronn und Humboldt, die es für wahrscheinlich hielten, dass es sich um Fährten von Säugetieren handelte, und zu Sickler, der sogar soweit ging, aufgrund der Ähnlichkeit der Abdrücke mit menschlichen Händen eine Herkunft von prähistorischen Affen („Quadrumanen“) nicht ausschließen zu können, gab Nöggerath zu bedenken, dass Säugetier-Fossilien in Sedimenten, die das gleiche Alter wie die spurenführenden Sandsteine von Hildburghausen („entweder bunte Sandstein- oder Keuper-Formation“) hatten, bis dahin noch nie gefunden wurden und ein Reptil als Verursacher der „Tazzen-Reliefs“ wesentlich wahrscheinlicher wäre. Bei Kaup, der mittlerweile eine Sandsteinplatte aus Heßberg erworben hatte und die Spur daher persönlich in Augenschein nehmen konnte, taucht schließlich erstmals die Bezeichnung Chirotherium auf. Da Kaup zum einen aber nicht beabsichtigte, die Spur selbst, sondern deren Erzeuger zu benennen, und zum anderen ebenfalls dazu tendierte, dass es sich dabei um ein Säugetier handelte, wählte er ebendiese Bezeichnung („Hand-Säugetier“), behielt sich aber eine spätere Umbenennung in „Chirosaurus“ („Hand-Echse“) vor, falls seine Einschätzung sich als falsch erweisen sollte.

Während im 19. Jahrhundert der Erforschung von Spurenfossilien nur eine relativ geringe Bedeutung beikam, entwickelte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die moderne Palichnologie. Die binäre (Linné’sche) Nomenklatur wurde beibehalten und nun konsequent ausschließlich auf die Spuren angewendet, obwohl die Namen ursprünglich meist entweder den Spurenerzeuger bezeichnen sollten oder aber die Spuren selbst für fossilierte Organismen gehalten und als solche benannt wurden. Mit dieser Einschränkung sind Chirotherium und dessen Typusart Chirotherium barthii (das Art-Epitheton würdigt den in Abwesenheit Sicklers maßgeblich an der Bergung des Typusmaterials beteiligten Grafiker Carl Barth)Ernst Probst: Johann Jakob Kaup: der große Naturforscher aus Darmstadt. GRIN-Verlag, 2011, S. 103, ISBN 978-3-640-84916-1 die ersten derartig benannten fossilen Landwirbeltier-Spuren in der Geschichte der Paläontologie. Zum Gedenken an diese „Premiere“ wurde am 12. September 2004 auf dem Marktplatz in Hildburghausen das Chirotherium-Monument eingeweiht.

Sicklers offener Brief über die Fährten im Hildburghausener Buntsandstein ist nicht die erste wissenschaftliche Erwähnung fossiler Tetrapodenspuren. Bereits 1828 berichtete der Pfarrer und Naturforscher J. Grierson über Footsteps before the Flood („Fußspuren von vor der Sintflut“) im „New Red Sandstone“ (Rote Sandsteine des Perms und der Trias) von Dumfriesshire (Süd-Schottland),J. Grierson: On Footsteps before the Flood, in a specimen of Red Sandstone. The Edinburgh Journal of Science. Bd. 8, S. 130–133, online die wiederum bereits seit mindestens 1814 bekannt waren.H. Girard: Über die Fährten vorweltlicher Thiere im Sandstein, insbesondere von Chirotherium. Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefaktenkunde. Jhrg. 1846, S. 1–22, online Darüber hinaus ist es angesichts der Häufigkeit von Chirotherium in triassischen Sandsteinen sehr wahrscheinlich, dass Menschen lange vor dem 19. Jahrhundert von diesen Spurenfossilien Kenntnis hatten, ohne sich jedoch darüber im Klaren zu sein, worum es sich dabei tatsächlich handelt.

Eingrenzung des Erzeugers mini|hochkant=1.3|Owens Lebendrekonstruktion eines „Labyrinthodontiers“ als Spurenerzeuger von Chirotherium aus dem Jahre 1855. Man beachte, dass Labyrinthodon (heute größtenteils Mastodonsaurus) als „Batrachier“, also relativ enger Verwandter der heutigen Frösche galt, weshalb der „Daumen“ als Abdruck des ersten Zehs interpretiert wurde. Entsprechend hätte das Tier die Beine beim Gehen über Kreuz führen müssen, um die Fährte zu erzeugen. Ferner ist zu beachten, dass seinerzeit die distalen (rumpffernen) Extremitätenknochen von Labyrinthodon noch gar nicht bekannt waren. Während, wie oben angeführt, die deutschen Paläontologen in den 1830er Jahren zwischen Reptilien und Säugetieren als Erzeuger schwankten, war 1842 der berühmte britische Paläontologe Richard Owen offenbar einer der ersten, die sich vorstellen konnten, dass der Chirotherium-Verursacher ein relativ enger Verwandter der Krokodile sein könnte, und dass der vermeintliche „Daumen“ dann eigentlich der fünfte Zeh sein müsste. Er selbst war jedoch davon überzeugt, dass die Spur von Labyrinthodontiern, nicht-amniotischen, entfernt krokodilähnlichen Tetrapoden, stammte. Owen betrachtete die „Labyrinthodontier“ als relativ enge Verwandte der heutigen Frösche (was zu einem gewissen Grade auch stimmt – zumindest sind sie mit Krokodilen nicht näher verwandt als mit Fröschen) und bevorzugte daher die Interpretation des „Daumens“ als ersten Zeh.Richard Owen: Description of parts of the Skeleton and Teeth of five species of the Genus Labyrinthodon (Lab. leptognathus, Lab. pachygnathus, and Lab. ventricosus, from the Coton-end and Cubbington Quarries of the Lower Warwick Sandstone; Lab. Jaegeri, from Guy’s Cliff, Warwick; and Lab. scutulatus, from Leamington); with remarks on the probable identity of the Cheirotherium with this genus of extinct Batrachians. S. 515–543 (536 ff.), online

Im Jahre 1914, 80 Jahre nach der erstmaligen wissenschaftlichen Erwähnung der Spuren, war es der Brite D. M. S. Watson, der via Ausschlussverfahren erstmals Vorfahren von Dinosauriern (seinerzeit in eine Gruppe mit dem Namen „Thecodontia“ gestellt) und damit erstmals frühe Archosaurier als Spurenverursacher favorisierte.D. M. S. Watson: The Cheirotherium. The Geological Magazine, New Series. Dekade 6, Bd. 1, Nr. 9, 1914, S. 395–398, online Die ursprüngliche Annahme, dass es sich um Säugetiere handeln musste, basierte zu einem Großteil auf dem Umstand, dass die Weite der Fährte, d. h., der Abstand der Trittsiegel von der Körpersymmetrieachse des Spurenerzeugers, sehr gering war und in den 1830er Jahren herrschte noch die Ansicht, dass sich ausnahmslos alle prähistorischen Reptilien, genau wie die heutigen Eidechsen oder Schildkröten, mit stark vom Körper abgewinkelten Gliedmaßen (Spreizgang) fortbewegt haben und nicht, wie die meisten Säugetiere, mit unter dem Rumpf stehenden, gestreckten Gliedmaßen (Stemmgang). Erst zu Watsons Zeit war der Kenntnisstand über die Anatomie urzeitlicher Reptilien so weit fortgeschritten, dass die Spreizgang-These für Archosaurier nicht mehr haltbar war. Zudem war bis dahin auch bekannt, dass Dinosaurier bereits in der späten Trias lebten, was einen Dinosauriervorfahren als Erzeuger triassischer Spuren wahrscheinlicher machte, als zu Owens Zeiten, als Dinosaurier erst ab dem Jura bekannt waren.