Mit dem Begriff der natürlichen Art (engl. natural kind) werden in der analytischen Philosophie Mengen von Dingen bezeichnet, die nicht von Menschen geschaffen sind und die sich, unabhängig von menschlichen Interessen, Begriffen und Konventionen, in verschiedenen Hinsichten untereinander ähneln. Beispiele hierfür sind Elementarteilchen, chemische Elemente und biologische Arten.

Von natürlichen Arten werden zumeist künstliche Arten unterschieden, die nur das Interesse des Klassifizierers widerspiegeln und nicht irgendeine relevante Eigenschaft der klassifizierten Objekte selbst (z. B. „Schuhe unter $100“).

Hinter der Einteilung in natürliche Arten steht die Idee, dass all ihren Mitgliedern eine Menge von Eigenschaften gemein ist, die für diese Art konstitutiv und damit charakteristisch sind. In der philosophischen Debatte werden vor allem der ontologische Status natürlicher Arten und die erkenntnistheoretische Frage diskutiert, ob bzw. auf welche Weise sie zuverlässig bestimmt und unterschieden werden können.

Begriffsgeschichte Obwohl der Terminus „natürliche Art“ jüngeren Datums ist, lässt sich sein sachlicher Gehalt bis auf Platons Phaidros zurückführen.Zur Begriffsgeschichte vgl. Bernd Buldt: Art, natürliche. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.:) Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 1 2005, S. 243. Dort fordert Platon, die Welt „nach Arten durch Schnitte zu zerlegen, und zwar nach den Gliedern, wie sie gewachsen sind, und zu versuchen, nicht nach Art eines schlechten Kochs einen Teil zu zerbrechen“ (Phaidros 265e).Übersetzung nach Wolfgang Buchwald: Platon: Phaidros. Heimeran, München 1964. Seine zugrunde liegende Intuition ist, dass die natürliche Welt in objektive Kategorien unterteilbar ist und wir danach streben sollten, diese zu entdecken.

Maßgeblich für die weitere Entwicklung des Art-Begriffs wurde dann die aristotelische Unterscheidung von wesentlichen und akzidentiellen Eigenschaften von Substanzen. Während jedoch Aristoteles eine dynamische Auffassung von artbestimmenden charakteristischen Eigenschaften entwickelte, verfestigten sich in der Tradition seine Untersuchungen zu einem starren ontologischen System, wie es sich etwa im sogenannten Porphyrianischen Baum der Hochscholastik ausdrückt. Diese Idee eines durchgehend engen ontologischen Zusammenhanges aller Dinge wurde an die Denker der Renaissance und der Neuzeit weitergereicht. Sie bildet den Hintergrund für viele Arbeiten von Descartes, Spinoza und Leibniz. Im 19. Jahrhundert greift John Stuart Mill die Annahme natürlicher Arten (real kinds) als Voraussetzung erfolgreichen induktiven Schließens wieder auf.

In der Gegenwart wird das Konzept natürlicher Arten kontrovers diskutiert. C. D. Broad versuchte, induktives Schließen durch den Hinweis auf natürliche Arten zu rechtfertigen, was von Nelson GoodmanNelson Goodman: Fact, Fiction, and Forecast. London 1954, Cambridge Mass./London 4. Aufl. 1983, S. 31–83 (dt. Tatsache, Fiktion, Voraussage, Frankfurt 1975, 1988, S. 49–109) kritisiert wurde. W. V. O. Quine wiederum vertrat die Position, natürliche Arten seien vorwissenschaftliche Klassifikatoren und müssten dementsprechend ersetzt werden. Saul Kripke und Hilary PutnamK. S. Donnellan, Kripke and Putnam on Natural Kind Terms. In: C. Ginet/S. Shoemaker (Hrsg.): Knowledge and Mind. Philosophical Essays, Oxford/New York 1983, S. 84–104. verteidigen gegen Quine das Konzept der natürlichen Arten und vertreten die Auffassung, dass es notwendige Wahrheiten a posteriori gibt. Jerry Fodor fasst natürliche Arten als diejenigen Klassen von Objekten auf, über die Naturgesetze verallgemeinern.Jerry Fodor: Special Sciences ( or: The Disunity of a Science as a Working Hypothesis). Synthese 28 (1974), S. 97–115.

Philosophische Positionen In der aktuellen Debatte zur Metaphysik der natürlichen Arten werden vor allem folgende Fragen kontrovers diskutiert: Sind die Arten, die wir als „natürliche“ Arten betrachten, tatsächlich natürlich oder nur das Produkt menschlicher Klassifizierungsprozesse? Wenn es natürliche Arten gibt: Sind sie irreduzible, grundlegende Entitäten (neben z. B. Partikularien und Universalien (Ellis,Brian Ellis: Scientific Essentialism. Cambridge Studies in Philosophy. Cambridge University Press, Cambridge 2001. LoweE. J. Lowe: The Possibility of Metaphysics: Substance, Identity, and Time. New York: Oxford University Press 1998.)) oder sind sie von anderen Entitäten (z. B. Universalien) abgeleitet? Wenn natürliche Arten einen eigenen ontologische Status haben: Haben sie eine Essenz, d. h. gibt es Eigenschaften, die für die Zugehörigkeit zu einer Art notwendig oder hinreichend sind?

Realistische Positionen Realistische Positionen gestehen den Arten eine von menschlichen Konstruktionen mehr oder weniger unabhängige Existenz zu. Als Merkmale für eine natürliche Art wurden von ihren Vertretern folgenden Kriterien vorgeschlagen, die aber teilweise umstritten sind: Die Mitglieder einer natürlichen Art haben einige natürliche Eigenschaften gemeinsam (MillJohn Stuart Mill: A System of Logic, Ratiocinative and Inductive. London 1843 (Nachdruck 2002).) Die natürliche Art erlaubt induktive Schlüsse (Whewell,William Whewell: On the Philosophy of Discovery. London: Chapters Historical and Critical 1860. Mill, Quine) Die natürliche Art hat an den Naturgesetzen teil Die Mitglieder einer natürlichen Art bilden eine Art (Hawley, BirdK. Hawley, A. Bird: What are Natural Kinds? Philosophical Perspectives, 25 (2011), S. 205–221.) Die natürliche Art ist von anderen natürlichen Arten kategorisch unterscheidbar (Ellis)

Schwacher Realismus Die schwächere realistische Interpretation, wie sie z. B. von Pierre DuhemPierre Duhem: La théorie physique . Paris 1981; dt.: Ziel und Struktur der physikalischen Theorien. hrsg. von Lothar Schäfer, Hamburg 1998. und W.V.O. Quine vertreten wurdeW.V.O. Quine: Natural kinds. In: Nicholas Rescher u. a. (Hrsg.): Essays in Honor of Carl G. Hempel. Dordrecht 1970, S. 41–56; Nachdruck in: W. V. O. Quine: Ontological Relativity and Other Essays. New York 1969, Kap. 5. fasst Arten zwar als Ergebnis menschlicher Kategorisierung auf, hält aber natürliche Arten dadurch für ausgezeichnet, dass diese Kategorisierung objektiv existierenden Unterschieden entspricht.

Starker Realismus Nach der stärkeren realistischen Auffassung können wir die Unterscheidung zwischen natürlichen und nicht-natürlichen Klassifikationen nicht erklären, ohne uns auf bestimmte Entitäten, die natürlichen Arten, zu beziehen. Diese haben gemäß dieser Auffassung eine vollständig unabhängige Existenz. Während der schwache Realismus als solcher keine ontologische Bindung hat und nur davon ausgeht, dass es natürliche Gruppierungen und Unterscheidungen unter den Dingen gibt, behauptet der starke Realismus, dass die natürlichen Einteilungen zwischen Arten die Grenzen zwischen realen Entitäten widerspiegeln. So sei z. B. der Unterschied zwischen Silber und Gold nicht nur ein Unterschied zwischen zwei natürlichen Gruppen von Dingen, sondern ein Unterschied zwischen zwei verschiedenen Entitäten, Silber und Gold.

Essentialismus Der Essentialismus verbindet den Art- mit dem Wesens-Begriff. Er existiert in den Varianten, dass die Arten, zu denen die Einzelgegenstände gehören, für diese als essentiell betrachtet werden oder dass den Arten selbst essentielle Eigenschaften zugeschrieben werden.

Intrinsische Eigenschaften Die essentiellen Eigenschaften einer Art werden als intrinsisch, d. h. als unabhängig von anderen Dingen, betrachtet. Sie sind die Ursache für alle beobachtbaren gemeinsamen Eigenschaften der Mitglieder einer Art und erlauben uns daher, induktive Schlüsse zu ziehen und wissenschaftliche Gesetze über sie zu formulieren. Als paradigmatische Kandidaten für solche natürlichen Arten werden gerne chemische Elemente genannt. Ihre intrinsischen Eigenschaften – d. h. die Strukturen ihrer Atome – bestimmen ihre beobachtbaren Eigenschaften. So bestehen im Fall von Wasserstoff die Atome aus einem einzelnen Proton im Atomkern und einem einzelnen Elektron in der Atomhülle. Diese atomare Struktur ist seine Essenz, eine Eigenschaft, die alle Wasserstoffatome gemeinsam haben und die von den Atomen aller anderen Elemente nicht geteilt wird. Sie bestimmt die Bindungen, die das Wasserstoffatom mit anderen Entitäten eingehen kann wie z. B. in der Molekularstruktur H2. Diese Molekularstrukturen bestimmen dann weitere Eigenschaften des Wasserstoffs, wie seine Farblosigkeit, Geruchlosigkeit, Geschmackslosigkeit und hohe Brennbarkeit bei normalen Temperaturen.

Unterscheidbarkeit Der Essentialismus verlangt, dass natürliche Arten diskret oder kategorisch unterscheidbar sind. Wenn es nämlich fließende oder kontinuierliche Übergänge von einer Art zur anderen gäbe, würde das bedeuten, dass wir willkürlich entscheiden müssten, wo wir die Grenze zwischen ihnen ziehen. Die Essenzen liefern uns selbst ein objektives Kriterium dafür, wo solche Grenzen zu ziehen sind. Für den Essentialismus sind damit vage Fälle ausgeschlossen, in denen wir nicht eindeutig bestimmen können, zu welcher Art eine Entität gehört. Brian Ellis nimmt so zum Beispiel die eindeutige Unterscheidbarkeit chemischer Kategorien als wissenschaftlichen Beweis dafür, dass die Welt in essentialistische Arten strukturiert ist.Brian Ellis: Essentialism and Natural Kinds. In: M. Curd and S. Psillos (Hrsg.): The Routledge Companion to Philosophy of Science. Routledge 1999, S. 139–149.

Monismus und Hierarchie der Arten Der Essentialismus ist in den meisten Fällen mit der Ansicht verbunden, dass es eine einzige richtige Art und Weise gibt, die Welt in natürliche Arten zu unterteilen. Die Arten sind dabei in einer eindeutigen Hierarchie angeordnet. Ein Gegenstand kann nur dann mehreren Arten angehören, wenn diese echte Teilmengen voneinander sind. Natürliche Arten müssen klare Grenzen haben.Brian Ellis: Scientific Essentialism. Cambridge 2001, S. 19. Ein klassisches Beispiel für eine hierarchisch geordnete Klassifikation ist die Taxonomie Linnés. Hier wird z. B. der Mensch in die Spezies „Homo sapiens“ eingeordnet, aber auch in die Klasse der „Säugetiere“ und die Domäne der „Tiere“, wobei die Spezies eine Unterkategorie einer Klasse ist und eine Klasse eine Unterkategorie der Domäne.

Kritik Kritiker des Essentialismus bringen vor, dass er auf den Art-Begriff vieler Wissenschaften nicht anwendbar sei. Biologische Arten zum Beispiel, die oft als Standard für natürliche Arten genommen werden, erfüllten die essentialistischen Anforderungen nicht. Außerdem scheine der Essentialismus mit der darwinschen Evolutionstheorie unvereinbar zu sein. Es gebe keine Eigenschaften von Arten, die alle und nur die Mitglieder einer Art gemeinsam haben. Selbst wenn es sie gäbe, könnten sie leicht durch evolutionäre Mechanismen wie Mutation, Rekombination und Gendrift verändert werden. Diese Überlegungen haben viele Autoren zu dem Schluss gebracht, dass der Essentialismus keine zufriedenstellende Sichtweise der natürlichen Arten ist (Sober,Elliott Sober: Evolution, Population Thinking and Essentialism. Conceptual Issues. In: Elliott Sober: Evolutionary Biology. MIT Press 1994, S. 161–189. Wilson, Barker und BrigandtR. A. Wilson, M. J. Barker, I. Brigandt: When Traditional Essentialism Fails: Biological Natural Kinds. Philosophical Topics, Band 35, Nr. 1/2, 2007, S. 189–215.) und den „Tod des Essentialismus“ auszurufen (Ereshefsky).