Satyagraha ([]; Sanskrit सत्याग्रह, satyāgraha „beharrliches Festhalten an der Wahrheit“) ist eine 1980 uraufgeführte Oper in drei Akten von Philip Glass. Der Titel stammt von Gandhi, der Text aus der Bhagavad Gita, einer der zentralen Schriften des Hinduismus. Das Libretto wurde vom Komponisten und der US-amerikanischen Schriftstellerin Constance DeJong erstellt. Der Untertitel des Werkes lautet: M. K. Gandhi in South Africa.
Die Oper beruht auf Leben und Wirken von Mahatma Gandhi und berichtet über die frühen Jahre des Friedenskämpfers in Südafrika. Das Werk bildet den zweiten Teil der „Portrait Trilogy“ von Philip Glass, Opern über Menschen, die den Lauf der Welt veränderten. Die anderen Teile der Trilogie sind Einstein on the Beach (1976 gemeinsam erarbeitet mit dem Regisseur Robert Wilson) und Akhnaten (1984, über den ägyptischen König Echnaton).
Das Werk gilt als exemplarisches Beispiel der Minimal Music und wird oftmals als „Friedensoper“ bezeichnet.
Historischer Hintergrund mini|hochkant=0.65|links|Gandhi in Südafrika, 1909 Gandhi, genannt Mahatma (महात्मा mahātmā, „große Seele“), entwickelte den Begriff Satyagraha als Globalbegriff seiner politischen Strategie der Gewaltlosigkeit (non-violence, Ahimsa) und der Bereitschaft, Schmerz und Leiden auf sich zu nehmen (soul force). Er sah Satyagraha nicht als Waffe der Schwachen, sondern der geistig Stärksten.
Bevor Gandhi die weltpolitische Bühne betrat und die indische Unabhängigkeitsbewegung leitete, verbrachte er prägende Jahre in Südafrika (1893–1914). Dort war er mit rassistisch fundierter Diskriminierung und Ungerechtigkeit konfrontiert und entwickelte das Konzept gewaltfreien Widerstandes. Da er jedoch das Konzept positiv konnotiert sehen wollte, prägte er den Begriff Satyagraha, der einmal als „die Kraft der Wahrheit“ übertragen wird, an anderer Stelle als „beharrliches Festhalten an der Wahrheit“. Diese frühen Jahre in Gandhis Leben inspirierten Glass zur Oper, die überwiegend in Südafrika spielt, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Die drei Akte stehen jeweils unter einer spirituellen Leitfigur: Der erste Akt ist Leo Tolstoi gewidmet, den Gandhi als eines seiner wichtigsten Vorbilder nannte und mit dem er einen intensiven Schriftwechsel führte. Der zweite Akt ist Rabindranath Tagore (, []) gewidmet, dem bengalischen Dichter und Philosophen, der 1913 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Es war Tagore, der Gandhi bei seiner Rückkehr nach Indien im Jahr 1915 als Mahatma begrüßte (womit Gandhi übrigens keine Freude hatte). Der dritte Akt ist Martin Luther King, Jr. gewidmet, dem Friedensnobelpreisträger von 1964, dessen Konzept des zivilen Ungehorsams auf den Ideen Gandhis beruhte.
Gandhi war in fünf Jahren insgesamt zwölfmal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden.Mahatma Mohandas Karamchand Gandhi in der Nomination Database, abgerufen am 11. November 2017. Nach seiner Ermordung beschloss das Nobel-Komitee, da der Preis nicht posthum verliehen werden kann, 1948 keine Verleihung vorzunehmen.
Entstehung Philip Glass konzipierte und komponierte die Oper Ende der 1970er – als Auftragswerk der Stadt Rotterdam. Sie beginnt mit einer Szene aus der Bhagavad Gita, in der Gandhi, Krishna, Arjuna und der Chor auf einem mythischen Schlachtfeld zu Wort kommen. Die drei Aspekte des Satyagraha werden Punkt für Punkt dargestellt: die Verbindung von Politik und Spiritualität, die moralische Verantwortung des Individuums sowie die Praxis der Gewaltfreiheit.
Laut Philip Glass repräsentieren Tolstoi, Tagore und King „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Satyagraha“. Das Werk unterscheidet sich in zentralen Aspekten von anderen Opern, da es – so das Beiheft zur CD – „ganz und gar auf einer moralischen, ja religiösen Ebene angesiedelt ist – mehr Ritual als Unterhaltung, mehr Mysterienspiel als Oper“.
Glass, der als bedeutender Vertreter der minimalistischen Musik gilt, nutzt die hypnotische Wirkung der repetitiven Musikpassagen und kreierte ein rituelles „Erlösungsspiel“ über das Potential der Menschheit, den Lauf der Dinge durch eigene Aktionen zu ändern – unabhängig von Zeit und Raum. Satyagraha wird auch Jahrzehnte nach der gefeierten Weltpremiere in Rotterdam als dringender Appell an Pazifismus und Zivilcourage angesehen.Theater Basel: , anlässlich der Schweizer Erstaufführung, abgerufen am 11. November 2017.
Im Jahr 2002 verwendete Glass das Thema aus Protest, zweiter Akt, Szene 3, für den Titel I’m going to make a cake, der im Spielfilm The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit von Stephen Daldry zum Einsatz kam.
Handlung mini|x180px|King
Die Oper besteht aus drei Akten, die jeweils einer bedeutenden Persönlichkeit aus Kultur und Friedenspolitik gewidmet sind. Auf einer Pyramide im Hintergrund sitzen im 1. Akt Leo Tolstoi, im 2. Akt Rabindranath Tagore und im 3. Akt Martin Luther King.
Erster Akt: Tolstoi 1. Bild: Kuru, das Feld der Gerechtigkeit (mythisches Schlachtfeld). „Im Suchen nach Identität findet der junge Gandhi die Kraft, den Kampf gegen Unrecht aufzunehmen.“Achim Freyer: Satyagraha. Inhaltsangabe im Programmheft, Württembergisches Staatstheater, Spielzeit 1981/82, S. 2–16 Kuru, zugleich mythisches Schlachtfeld und ein Feld in Südafrika. Zwei Armeen stehen kurz davor, in die Schlacht zu ziehen. Ähnlich wie der mythische Held Arjuna fragt sich Mohandas Gandhi, ob er das Recht hat zu kämpfen. Gott Krishna sagt ihm, dass der Mensch als erstes den Grund für seine Handlungen bestimmen muss. Wenn dieser rein ist, dann ist es gut zu kämpfen – denn auf diese Weise wird es weder Sieg noch Niederlage geben, noch Freunde oder Feinde, sondern nur die Wahrheit.
2. Bild: Tolstoi Farm (freies Feld in Südafrika, 1910). „Mit ähnlich Gesinnten und Betroffenen entwickelt und praktiziert er Satyagraha, das ist: aktiver gewaltloser Widerstand.“ Nach dem Vorbild des russischen Schriftstellers hat Gandhi in Südafrika eine pazifistische Gemeinschaft gegründet, in der Satyagraha praktiziert wird, Leben mit hehren Zielen.
3. Bild: Der Schwur (unter freiem Himmel, 1906). „Freunde um Gandhi verpflichten sich der Gewaltlosigkeit im Denken und gemeinsamen Handeln für den notwendigen Widerstand.“ Die südafrikanische Regierung hat ihre Politik der Rassendiskriminierung mit dem Black Act verschärft. Die Hindus verpflichten sich zum gemeinsamen Widerstand nach dem Geist von Satyagraha.
Zweiter Akt: Tagore
1. Bild: Konfrontation und Errettung (europäische Siedlung in Südafrika, 1896). „Die Öffentlichkeit sieht ihre Privilegien durch Satyagraha bedroht und reagiert darauf mit zunehmender Gewalt.“ Die Europäer fürchten um ihre Privilegien und ihre Kontrolle. Gandhi wird gesteinigt. Eine Feuerprobe für friedlichen Widerstand nach dem Geist von Satyagraha. Ein Europäer rettet Gandhi vor dem Tod.
2. Bild: Indian Opinion (gemeinschaftliches Wohngebiet mit einer Druckerpresse, 1906). „Die Gemeinschaft formuliert und verbreitet ihre Ideen.“ Gandhi nutzt die Zeitung Indian Opinion, um seine Ideen zu verbreiten.
3. Bild: Protest (leeres Feld im Freien, 1908). „Im Bekenntnis zu Selbstbestimmung protestieren die Satyagrahis gegen Reglementierung und aufgezwungene Identität.“ Gandhi und seine Anhänger schwören, ihren Kampf fortzusetzen, ohne in die Falle des Hasses zu geraten. Sie verbrennen ihre Aufenthaltsbescheinigungen, um sich mit Expatriierten und Inhaftierten gleichzustellen.
Dritter Akt: King
1. Bild: Der Marsch von Newcastle (mythisches Schlachtfeld, zugleich Prärie in Südafrika 1913). „Wahrheit ist kein ewiger Besitz. Sie muß immer neu erkämpft werden.“ Gandhis Ideen verbreiten sich. Der Marsch von Newcastle wird ein Erfolg. Sowohl Regierung als auch Polizei sind machtlos. Sie sind nicht in der Lage, Widerstand zu leisten und geschweige denn, einen Angriff zu unternehmen. Sie können nicht alle Demonstranten einsperren, da es sich um Tausende handelt. Gandhi spricht seinen Satz: Satyagraha erreichen heißt Tag für Tag arbeiten. Doch kann der Mensch sicher sein, dass die Erleuchteten Hilfe gewähren.
Instrumentierung, Sänger Glass verzichtet auf Blechblasinstrumente und Schlagzeug. Die Partitur verlangt nach Streichinstrumenten, Holzblasinstrumenten, einem großen gemischten Chor und neun Gesangssolisten, wobei alle klassischen Stimmlagen berücksichtigt sind, Sopran und Mezzosopran/Alt, Tenor, Bariton und Bass.Rainer Franke: Satyagraha. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 2: Werke. Donizetti – Henze. Piper, München/Zürich 1987, ISBN 3-492-02412-2, S. 405–409.
Drei Flöten (3. auch Piccolo) Drei Oboen (3. auch Englischhorn) Drei Klarinetten Bassklarinette Zwei Fagotte Elektronische Orgel Streicher
Besetzungen RolleUraufführungRotterdam, 5. September 1980Deutsche ErstaufführungStuttgart, 3. Oktober 1981Österr. ErstaufführungSt. Pölten, 14. Oktober 2001Schweizer ErstaufführungBasel, 28. April 2017Von 27. Oktober bis 10. November 2017 wurde diese Produktion – als Berliner Erstaufführung – in der Komischen Oper Berlin präsentiert, mit demselben Leading Team und folgenden Gesangsolisten: Stefan Cifolelli (Gandhi), Cathrin Lange (Miss Schlesen), Mirka Wagner (Mrs. Naidoo), Karolina Gumos (Kasturbai), Tom Erik Lie (Mr. Kallenbach), Tomasz Wija (Parsi Rustomji), Katarzyna Wlodarczyk (Mrs. Alexander), Samuli Taskinen (Lord Krishna), Timothy Oliver (Prinz Arjuna). Siehe auch Opern-Kritik: Komische Oper Berlin – Philip Glass' „Satyagraha“. M. K. Gandhi Douglas Perry 1: Leo Goeke2: Ralf Harster3: Helmut DanningerBei Gandhi und Mr. Kallenbach handelte es sich nicht um Dreifach- bzw. Doppelbesetzungen. Es waren alle drei bzw. zwei Sänger in derselben Aufführung beteiligt, die Rollen waren aufgeteilt. Tony Boutté Rolf Romei Miss Schlesen, seine Sekretärin Claudia Cummings Inga Nielsen Christine Whittlesey Cathrin Lange Mrs. Naidoo Iris Hiskey Raili Viljakainen Donna Ellen Anna Rajah Kasturbai, Gandhis Frau Beverly Morgan Elke Estlinbaum Bea Robein Maren Favela Mr. Kallenbach Bruce Hall 1: Wolfgang Probst2: Kimmo Lappalainen Andreas Jankowitsch Andrew Murphy Parsi Rustomji Tom Haenen Daniel Bonilla Robert Holzer Nicholas Crawley Mrs. Alexander Rhonda Liss Helga Merkl-Freivogel Bea Robein Sofia Pavone Lord Krishna Richard T. Gill Karl-Friedrich Dürr Robert Holzer Nicholas Crawley Prinz Arjuna René Claassen Helmut Holzapfel Andreas Jankowitsch Karl-Heinz Brandt Chor Rotterdams Conservatorium Staatstheater Stuttgart Concentus Vocalis Theater Basel Orchester Utrechts Stedelijk Orkest Staatsorchester Stuttgart Tonkünstler-Orchester NÖ.Theater Basel Dirigent Bruce FerdenMehrere Quellen geben fälschlich Christopher Keene als Dirigenten der Uraufführung an, er dirigierte das Werk allerdings später in Amerika. Dennis Russell Davies Peter Keuschnig Jonathan Stockhammer Inszenierung David Pountney Achim Freyer Michael Schilhan Sidi Larbi Cherkaoui Bühnenbild Robert Israel Achim Freyer Hermann Nitsch Henrik Ahr Kostüme Robert Israel Achim Freyer Hermann Nitsch Jan-Jan Van Essche Produktion der Nederlandse Opera,1987 an der Lyric Opera of Chicago Auch in Wuppertal.1983 Video-Aufzeichnung1990 Wiederaufnahme Koproduktion mit demTalar-Vahdat-Theater in Teheran Koproduktion mit derKomischen Oper Berlin und derVlaamse Opera Antwerpen
Aufführungsgeschichte Die Uraufführung von Satyagraha fand am 5. September 1980 im Stadsschouwburg Theater Rotterdam (heute: Rotterdamse Schouwburg) statt, in einer Produktion der Nederlandse Opera, dirigiert von Bruce Ferden. Diese Produktion wurde später an der Lyric Opera of Chicago gezeigt. Die US-Erstaufführung erfolgte am 29. Juli 1981 im Artpark von Lewiston im Nordwesten des Bundesstaates New York.