mini|hochkant=1.1|Eugen Richter, „Photoatelier Jul. Braatz Inh. G. Michaelis“, Berlin nach 1897Der Fotograf Braatz ist in den Berliner Adressbüchern bis 1896 als Hoffotograf aufgeführt. Ein Abzug dieses Bildes mit der Adresse „Berlin-W Mohrenstr. 63/64“ befindet sich mit Widmung von Eugen Richter in der Bayerischen Staatsbibliothek (Fotonummer 014111).

Eugen Richter (* 30. Juli 1838 in Düsseldorf; † 10. März 1906 in Groß-Lichterfelde,Die Angabe in der Encyclopædia Britannica (1911): ‚He died at Jena on the 26th of January 1906‘ ist falsch. einem Vorort von Berlin) war ein deutscher Politiker (Deutsche Fortschrittspartei, Deutsche Freisinnige Partei, Freisinnige Volkspartei) und Publizist in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs. Er wird als einer der besten Rhetoriker des Preußischen Abgeordnetenhauses und des Deutschen Reichstages angesehen.Hans-Peter Goldberg: Bismarck und seine Gegner. Richter war seinerzeit einer der ersten BerufspolitikerThomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866–1918. Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie. München 1992, S. 516. und konsequenter Vertreter des Manchesterliberalismus in Deutschland.Ralph Raico: Eugen Richter and Late German Manchester Liberalism. A Reevaluation. In: The Review of Austrian Economics. Band 4, 1990, S. 3–25.

Leben Kindheit und Schulzeit Eugen Richter wurde geboren als einer von zwei Söhnen des Ehepaars Adolph Leopold Richter (1798–1876) und Bertha Richter, geb. Maurenbrecher. Sein Vater war wie schon der Großvater Militärarzt, bis 1848 als preußischer Regimentsarzt in Düsseldorf und danach als Generalarzt in Koblenz. Seine Mutter stammte aus einer in Düsseldorf alteingesessenen Familie von Postmeistern. Zu seiner Verwandtschaft gehörten Adolf Richter, Präsident der Deutschen Friedensgesellschaft, und sein Cousin, der Historiker Wilhelm Maurenbrecher, im Gegensatz zu Richter entschiedener Anhänger Bismarcks. In Düsseldorf besuchte er bis zur Quinta die Krumbach’sche PrivatschuleJugenderinnerungen, S. 38. und wechselte dann mit dem Umzug der Familie auf das örtliche Gymnasium in Koblenz, wo seine späteren Parlamentskollegen der Zentrumspartei Karl von Huene und Hermann Mosler zu den Mitschülern zählten. Als ihm 1855 die Aufgabe übertragen wurde, eine Rede zum Geburtstag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu halten, versuchte er „etwas von Verfassungsrechten und angestammten Freiheiten unter Bezugnahme auf die Schweizer und Niederländer hineinzubringen“.„Ich versuchte in der Ausarbeitung gleichwohl etwas von Verfassungsrechten und angestammten Freiheiten unter Bezugnahme auf die Schweizer und Niederländer hineinzubringen. Aber die Censur des Direktors machte hier einen langen Strich durch das Konzept. Von den alten Römern und Griechen mußte ich bei der Exemplifikation sogleich zum siebenjährigen Krieg und zum deutschen Befreiungskrieg übergehen. Aber am Schlusse von alledem auf König Friedrich Wilhelm IV., den Mittelpunkt des Tages, zu kommen, wollte mir absolut nicht gelingen. Der Direktor wußte auch nichts Besseres einzuschalten, als daß auch König Friedrich Wilhelm IV. Am Befreiungskriege teilgenommen habe. Die Geschichte hat davon allerdings keinerlei Aufhebens gemacht“ (Jugenderinnerungen, S. 11–12).

Studium und Berufstätigkeit Zum Wintersemester 1856 nahm Eugen Richter das Studium der Rechts- und Kameralwissenschaften an der Universität Bonn auf. Bereits zum Sommersemester 1857 wechselte er an die Universität Heidelberg, wo er für drei Semester blieb und insbesondere Vorlesungen bei Karl Heinrich Rau hörte sowie dessen Kollegien und Seminarübungen besuchte. „Dort gehörte er bald zu einem kleinen Kreise badischer Kameralisten, die in Raus Studierstube zusammenkamen und volkswirtschaftliche Fragen gründlich erörterten.“Leopold Ullstein, S. 6 f. Er schrieb Artikel, so etwa über die Geldkrise von 1857 und die Suspension der Wuchergesetze, die er Zeitungen zur Veröffentlichung anbot.Jugenderinnerungen, S. 25. Im Wintersemester 1858–1859 studierte er Jura an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin,Verzeichniß der Personals und der Studirenden (…), S. 24, Digitalisat bei Gneist. Im Sommersemester schloss er das Studium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ab.

Nachhaltigen Einfluss übten Robert von Mohls Theorie des Rechtsstaats und die nationalökonomischen Ansichten Karl Heinrich Raus auf ihn aus.

An den Kongressen deutscher Volkswirte nahm Richter von 1858 bis 1865 teil. Hier lernte er Hermann Schulze-Delitzsch, Karl Braun, Lette, Hermann Becker (genannt der ‚rote Becker‘),Hermann Becker gehörte zu den Verurteilten im Kölner Kommunistenprozess von 1852. Prince-Smith, Faucher, Engel, Max Wirth und andere kennen.Jugenderinnerungen, S. 31–33. Durch Hermann Schulze-Delitzsch wurde er Anhänger von dessen Genossenschaftsidee. So verfasste er in dessen Auftrag eine Broschüre.Die Consumvereine, ein Noth- und Hilfsbuch, für deren Gründung und Einrichtung. 1863 nahm er als Delegierter am ersten Vereinstag Deutscher Arbeitervereine teil und sah hier erstmals seinen späteren politischen Gegner August Bebel.

Während seiner Ausbildung im preußischen Justizdienst verfasste er 1862 in Düsseldorf eine Broschüre über Die Freiheit des Schankgewerbes, die sich für eine Reform der preußischen Gewerbepolizei aussprach.Hauptsächlich kritisierte er die Polizeiwirtschaft des längst entlassenen Ministeriums Manteuffels (Gustav Seeger, S. 306). Diese Veröffentlichung erregte ebenso wie eine in der ‚Niederrheinische(n) Volks-Zeitung‘Hermann Becker leitete diese Zeitung. 1862 veröffentlichtes Feuilleton Eine Magdeburger Spukgeschichte aus dem Jahre 1862 die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten und führten zu Disziplinarmaßnahmen. Als die Behörden seine Wahl zum Bürgermeister von Neuwied ablehntenJugenderinnerungen, S. 127–128. und er 1864 ohne Bezüge nach Bromberg versetzt werden sollte, schied er freiwillig aus dem Staatsdienst aus. Im Dezember 1864 hatte er sein Examen als Regierungsassessor abgelegt.

Auf Drängen seiner Eltern widmete er sich zuerst nicht dem Journalismus, sondern nahm 1865 eine Stelle als Hilfsarbeiter bei der „Magdeburger Feuerversicherung“ an, wo er sich um die Pressearbeit kümmerteJugenderinnerungen, S. 140–148. und in Magdeburg den ‚Neuen Magdeburger Konsumverein‘ bzw. dem Konsumverein Magdeburg-Neustadt unterstützte.Ernst Wittmaack, Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des Konsumvereins für Magdeburg und Umgegend e.G.m.b.H., Konsumverein für Magdeburg und Umgegend, Magdeburg 1914, S. 23. Im Juli 1865 wurde eine Versammlung der Kölner Fortschritts Partei durch den Innenminister Graf Friedrich zu Eulenburg aufgelöst, daraufhin beteiligte sich auch Richter an einer Protestversammlung des Magdeburger Bürgervereins. Richter schrieb u. a. für die Blätter für Genossenschaftswesen.Die Consumvereine, ein Noth- und Hilfsbuch, für deren Gründung und Einrichtung, S. 31. Anfang 1866 ging er wieder nach Berlin, wo er allein von seiner Tätigkeit als Journalist lebte. Zum gleichen Zeitpunkt wurde Richter in das „Centralkomitee für die Berliner Reichstagswahlen gewählt.“Jugenderinnerungen, S. 169. Es kann angenommen werden, dass er spätestens jetzt Mitglied der Deutschen Fortschrittspartei war.

Richters politische Anschauungen Eugen Richter vertrat während seiner gesamten politischen Tätigkeit die Positionen des Manchestertums, unabhängig von der sozialen oder politischen Entwicklung, und ordnete jede finanz- oder sozialpolitische Frage dieser Maxime unter. „In der Freiheit findet die Selbstsucht eine Schranke in der Selbstsucht des Andern. Derjenige, der möglichst vorteilhaft verkaufen will, findet ein Hindernis in den Bestrebungen derjenigen, die möglichst vorteilhaft kaufen wollen. Wird dem einen mit dem andern Teil die Freiheit gelassen, so müssen beide ihre Selbstsucht dem gemeinsamen Interesse unterordnen“.Politisches ABC-Buch (1898) ‚Manchesterpartei‘, S. 236. Richter meinte, dass der „kleine Arbeiter“ ein „kleiner Unternehmer“ zu werden versucht, „aus dem kleinen ein größerer Unternehmer“ und nach dem Kauf eines Hauses etc. schreckt er „dann selbst nicht vor der Aussicht zurück, es am Ende bis zum Kapitalisten zu bringen. (…) Auch Borsig, der Millionär, war ursprünglich ein so kleiner Mann.“Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstags. IV. Legislaturperiode I. Session 1878. Bd. 1, S. 237. Vgl. Ina Susanne Lorenz, S. 136. Digitalisat.

Richter trat für die konstitutionelle Monarchie und die Rechte des Parlaments in Budgetfragen sowie für die Ministerverantwortlichkeit ein. Sein Spezialgebiet waren die Etatberatungen, in denen er den Ministern Jahr für Jahr ihre Fehler vorrechnete. Er überprüfte akribisch jeden einzelnen Haushaltstitel,In seinen Jugenderinnerungen sprach Richter über sich selbst, dass er seit seiner Jugend an einer gewissen „Zahlenwut“ litt (Jugenderinnerungen, S. 193). und die Entdeckung getarnter Etatposten wie des „ausgestopften Hauptmanns“ (1870)Im alten Reichstag. Bd. 1, S. 38–39. in Preußen machten ihn bekannt. Er sprach vom „Pfennig des Steuerzahlers“,Eugen Richter (1884): „Ich lege allerdings auf den Pfennig des Steuerzahlers Wert“. Stenographische Berichte. Abgeordnetenhaus Bd. 1, 1884, S. 43 f. zitiert nach Ina Susanne Lorenz, S. 78. und Franz Mehring nannte ihn einen „Rechenknecht“.Franz Mehring: Eugen Richter (1906), S. 803. Sein Hauptbetätigungsfeld war die Haushaltsdebatte und insbesondere die Steuerpolitik.Siehe dazu ausführlich auch die Rolle Eugen Richters (Andreas Thier: Steuergesetzgebung und Verfassung in der konstitutionellen Monarchie. Staatssteuerreformen in Preußen: 1871–1893. Frankfurt am Main 1999). Er ließ seine Fraktion als einzige gegen Johannes von Miquels Steuerreformen stimmen,Das Kommunalabgabengesetz vom 14. Juli 1893 („Miquelsche Steuerreform“). Miquel entwickelte ein revolutionäres Steuersystem (mit den Elementen Einkommensteuer, Vermögensteuer und Gewerbesteuer), das in seinen Grundzügen heute noch gültig ist. Die wesentliche Neuerung war die Steuerprogression: Der Steuersatz der Einkommensteuer stieg von 0,62 Prozent (für Jahreseinkommen von 900 bis 1050 Mark) bis auf 4 Prozent (für Jahreseinkommen über 100.000 Mark). die dem Staat zu hohe Einnahmen garantierten. Aus grundsätzlichen Gründen bekämpfte er die Schutzzollpolitik Bismarcks. Die beginnende Erwerbung von Kolonien für das Deutsche Reich lehnte er nicht grundsätzlich ab, sondern ließ sich vom ökonomischen Nutzen leiten. So kritisierte er den Erwerb des „Sandlochs Angra-Pequena“ (Südwestafrika), aber auch hier standen wirtschaftliche Argumente und Vorteile für das Deutsche Reich mehr im Vordergrund als grundsätzliche politische Erwägungen.„Die 1884 eingeleitete Kolonialpolitik hat (…) bis jetzt ca 100 Millionen M(ark). Kosten verursacht“ (Politisches ABC-Buch (1898), S. 190). Die bismarckschen Sozialgesetze lehnte er fast alle ab. Er stand „allen staatlichen Machtfragen wie dem sozialen Problem verständnislos gegenüber und wirkte jeder Ausdehnung staatlicher Befugnisse entgegen.“Biographisches Wörterbuch zur Deutschen Geschichte, Sp. 2319.

Sein Hauptgegner war der Kanzler Otto von Bismarck. Die Indemnitätsvorlage von 1866, die Bismarck Straffreiheit gewährte, hat die 1861 gegründete Fortschrittspartei „in den Schatten der mächtigeren Nationalliberalen gestellt“.Hans Herzfeld, S. 33. Schon vor Bismarcks Wendung zu einer konservativen Wirtschafts- und Sozialpolitik „machte (er) so ein Zusammengehen mit den Nationalliberalen unmöglich“. Richters ständiger Widerspruch reizte den Kanzler einmal bis zu der Drohung, den Raum zu verlassen, sobald Richter das Wort ergreife, „weil der oppositionelle Duft, welcher die ganze Person umgibt, meine Nerven affiziert“. Richter verkannte Bismarcks Ziel, sowohl die Sozialdemokratie als auch die Liberalen zu schwächen. Die Fortschrittspartei verlor in der Reichstagswahl 1878 neun Mandate.Reichstagswahl 1878.