mini|Dienstlaufbahnabzeichen für Soldaten des Raketen- und Waffentechnischen Dienstes der NVA Dem Raketen- und Waffentechnischen Dienst, abgekürzt RWD, der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR oblag für die Landstreitkräfte der NVA die rechtzeitige, vollständige und ununterbrochene Sicherstellung der Truppen mit Bewaffnung, Raketentechnik und Munition sowie die Organisation planmäßiger Instandhaltungsmaßnahmen. Der Raketen- und Waffentechnische Dienst war damit für die Beschaffung, die Bevorratung und Lagerung, die technische Einsatzbereitschaft und die Zuführung von Waffen und Munition der Landstreitkräfte verantwortlich. Zur Wahrnehmung dieser Aufgabe wurden auf den verschiedenen Führungsebenen Abteilungen, Unterabteilungen und Arbeitsgruppen gebildet. Weiterhin verfügte der Raketen- und Waffentechnische Dienst über spezielle Werkstätten und Lager, in denen Bewaffnung und Munition instand gesetzt und gelagert wurde. Das Spektrum der zu betreuenden Bewaffnung reichte dabei vom Kappmesser bis zur Kurzstreckenrakete und schloss optische Geräte, Führungssysteme, Rechengeräte und Funkmessgeräte ein. Ebenso umfangreich war das Spektrum der zu betreuenden Munition. In den 1990er Jahren war RWD für fast 1400 Positionen an Bewaffnung und Ausrüstung und für 1290 Munitionsarten mit einem Gesamtgewicht von 245.000 t verantwortlich.Wilfried Kopenhagen: Die Landstreitkräfte der NVA, Motorbuch-Verlag, 1999, S. 104–106.
Hintergrund Die NVA der DDR folgte bei der Organisation der materiellen Sicherstellung weitgehend den Prinzipien der Sowjetarmee, die letztendlich auf Erfahrungen der Reichswehr und Wehrmacht zurückgriff. Neben den Befehlssträngen zur Führung von Einheiten und Verbände wurden für spezielle Ausrüstung und Bewaffnung sogenannte Fachdienste geschaffen. Operativ dem jeweiligen Truppenkommandeur unterstellt, waren die Fachdienste für Fragen der Materialbeschaffung und -erhaltung dieses Gerätes verantwortlich. Fachlich unterstanden die jeweiligen Organisationselemente dieser Fachdienste dem entsprechenden Element der nächsthöheren Führungsebene. Neben dem RWD bestanden in der NVA beispielsweise der Panzerdienst, der Kraftfahrzeugtechnische Dienst, der Chemische Dienst oder der Medizinische Dienst.
Ein Vorteil dieses Systems war die hohe Qualifikation und die damit einhergehende hochgradige Spezialisierung des Personalbestandes; auch wurde der Truppenführer von Fragen der materiellen Sicherstellung weitgehend entlastet. Als Nachteile können der Aufbau paralleler Führungsstrukturen und der notwendige hohe Personalbedarf gelten.
Mit der Einführung komplexer Waffensysteme gestaltete sich die Zusammenarbeit der einzelnen Fachdienste komplizierter. War bei der 37-mm-Flak 61-K der RWD noch für alle Elemente des Waffensystems allein zuständig, erstreckte sich seine Zuständigkeit bei der Fla-Sfl ZSU-23-4 auf die Primärstromversorgung, die Waffenanlage, das Radargerät und das Rechengerät, während der Panzerdienst für das Fahrgestell und die Antriebsanlage verantwortlich zeichnete. Die Zusammenarbeit der einzelnen Fachdienste musste koordiniert, Nutzungsfristen und Instandsetzungen aufeinander abgestimmt werden.
Personal mini|Klassifizierungsabzeichen für Soldaten des Raketen- und Waffentechnischen Dienstes Während in den Stäben der Einheiten und Verbände vorrangig Offiziere, Fähnriche und Unteroffiziere Dienst taten, die über eine entsprechende technische Ausbildung und einen Abschluss als Ingenieur bzw. Techniker verfügten, kamen in den Werkstätten und Lagern auch Wehrpflichtige, aber auch qualifizierte Zivilbeschäftigte zum Einsatz. Im Regelfall verblieben die Offiziere, Fähnriche und Berufsunteroffiziere während ihres gesamten Dienstverhältnisses im Raketen- und Waffentechnischen Dienst und wurden je nach Eignung und Befähigung für den Dienst in höheren Stäben und Kommandobehörden bzw. in Führungsfunktionen des RWD eingesetzt.
Da die Ausbildung der Offiziere des RWD teilweise hochspezialisiert war, andererseits nur ein kleiner zahlenmäßiger Bedarf bestand, wurden diese vorrangig an Ausbildungseinrichtungen der Sowjetarmee ausgebildet. Das zunächst sechsjährige, ab 1981 fünfjährige Studium schloss mit der Ernennung zum Leutnant und der Verleihung des akademischen Grades eines Diplom-Ingenieurs ab. Ausbildungseinrichtungen in der Sowjetunion, an denen Offiziere des RWD ausgebildet wurden, waren die Fla-Raketentechnische Hochschule S. M. Kirow in Kiew sowie die Offiziershochschulen der Artillerie in Kasan und Pensa. Einzelne Offiziere wurden auch an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte „Ernst Thälmann“ in der DDR ausgebildet. Bis zum Beginn der 1980er Jahre erhielten einzelne Offiziere des RWD ihre fachliche Qualifikation als Offiziershörer an der Militärakademie der Truppenluftabwehr "Marschall der Sowjetunion Wassilewski" in Kiew. Die weitere Qualifikation geeigneter Offiziere erfolgte an der Militärakademie „Friedrich Engels“ der NVA oder der Militärakademie der Artillerie “M. I. Kalinin” in Leningrad.
Unteroffiziere erhielten ihre Ausbildung vorrangig an Raketenausbildungszentrum 40 (RAZ-40) in Prora oder am Fla-Raketenausbildungszentrum 40 (FRAZ-40) in Zingst.
Die Weiterbildung der Angehörigen des RWD erfolgte durch eine Vielzahl von Lehrgängen, die insbesondere in Vorbereitung der Einführung neuer Waffensystem in militärischen Einrichtungen der Sowjetarmee durchgeführt.
In Stabs- und Truppenübungen wurden die Abläufe bei der Versorgung mit Munition und von Instandsetzungsarbeiten regelmäßig geübt. Dabei griff der RWD auf eine große Anzahl von Reservisten zurück.
Soldaten des Raketen- und Waffentechnischen Dienstes waren angehalten, ihre Qualifikation regelmäßig in Prüfungen nachzuweisen. Die erfolgreich bestandene Prüfung wurde durch das Tragen eines Klassifizierungsabzeichens dokumentiert. Das Abzeichen wurde – in Abhängigkeit von der Prüfung – in drei Stufen verliehen. Das Zuerkennen des Klassifizierungsabzeichens war mit einer finanziellen Zuwendung verbunden.
Dienstgrade, Uniform und Waffenfarbe Die Waffenfarbe der Soldaten des Raketen- und Waffentechnischen Dienstes war ebenso wie die der Raketentruppen und Artillerie und der Truppenluftabwehr ziegelrot. Bis 1974 war diese an den Biesen, Vorstößen und Kragenspiegeln sowie Schulterstücken bzw. -klappen der Uniform noch erkenntlich, danach für Offiziere nur noch an den Schulterstücken. Unteroffiziere behielten bis 1979 die ziegelrote Kantillenfüllung der Kragenspiegel bei.
Entwicklung Der Waffentechnischer Dienst (WD) wurde bereits 1956 mit Gründung der Nationalen Volksarmee aufgestellt. Da der WD in den 1950er Jahren neben Schützenwaffen und -munition hauptsächlich für Artilleriewaffen und artilleristisches Zubehör verantwortlich war, unterstand der WD zunächst dem Chef Artillerie. Auch nachdem sich die Flakartillerie, zunächst Teil der Artillerie, als Truppenluftabwehr zur eigenständigen Truppengattung entwickelt hatte, und die entsprechende Technik und Bewaffnung vom RWD zu verantworten war, änderte sich an dieser Unterstellung zunächst nichts. 1962 wurde die Truppengattung Artillerie in Raketentruppen und Artillerie umbenannt, folgerichtig änderte sich die Bezeichnung des Chefs Artillerie in Chef Raketentruppen und Artillerie, die Änderung des Namens des Waffentechnischen Dienstes in Raketen- und Waffentechnischer Dienst erfolgte jedoch auch 1972.
Ebenfalls 1972 wurde der RWD im Zuge tiefgreifender Organisationsänderungen der NVA, in deren Zuge auch das Kommando Landstreitkräfte entstand, dem Chef Rückwärtige Dienste unterstellt. Dieses Unterstellungsverhältnis blieb bis 1983 bestehen. In diesem Jahr erfolgte die Unterstellung unter den Chef Technische Dienste, die 1990 Bestand hatte. Infolge des gesellschaftlichen Umbruches in der DDR wurde das Ministerium für Nationale Verteidigung in Anlehnung an die Strukturen der NATO-Länder umstrukturiert. Der RWD unterstand bis zur Auflösung der NVA dem Chef Sicherstellung. Aufgaben und Organisationsstruktur der RWD änderten sich jedoch nicht.
Aufgaben mini|Das Fallschirmkappmesser gehörte zum Gerät, das durch den RWD betreut wurde mini|Auch für die OTR-23 Oka war der RWD zuständig. mini|Mit Auflösung der NVA wurde in Verantwortung der RWD Technik und Bewaffnung verschrottet, wie hier die OTR-23 Oka, sofern sie nicht als sogenannte sensitive Technik an die Sowjetunion zurückgegeben wurde oder anderweitig genutzt werden konnte. Die Aufgaben des Raketen- und Waffentechnischen Dienstes bleiben während des Bestehens der NVA im Wesentlichen unverändert, wurden jedoch ständig an die vorhandene Technik und Bewaffnung sowie an die Organisationsstrukturen angepasst.
Der RWD war primär für die Verfügbarkeit und die technische Einsatzbereitschaft der Technik, Bewaffnung und Munition verantwortlich.
Der RWD bewirtschafte die ihm unterstellten Munitionslager und führte die zu den Verbänden und Einheiten gehörenden Standortmunitionslager fachlich. In den Divisionen der NVA waren jeweils mehr als 4.000 t Munition vorhanden, davon rund 2.000 in den Standortmunitionslagern eingelagert. Die Mobilmachungsdivisionen verfügten über 3.000 bis 4.000 t Munition, die zum größten Teil in den Munitionslagern eingelagert war.Raketen- und Waffentechnischer Dienst im Kdo. MB III, Grad der Ausstattung mit Munition Stand: 1. September 1990 Diese Munition musste regelmäßig geprüft, gelagert, gewartet und für die Übergabe an die verbrauchenden Truppenteile oder zur Entsorgung vorbereitet werden, der Transport selbst erfolgte jedoch durch die Rückwärtigen Dienste oder die verbrauchenden Truppenteile. Im Zuge der Auflösung der NVA konnte eine ordnungsgemäße Lagerung, aber auch die Bewachung der einzelnen Munitionslager nicht mehr sichergestellt werden. Daher wurde Munition in wenigen Munitionslagern zusammengefasst. Dabei kam es zu einer Überbelegung. Im Munitionslager 22 wurden 40.400 t Munition eingelagert, obwohl das Lager nur für 30.000 t ausgelegt war. Im für 19.430 t ausgelegten Munitionslager 15 lagerten 25.460 t, davon über 5.600 t in Freistapeln und 340 t ohne Blitzschutz.
Zu den Aufgaben des RWD gehörte auch die Führung der entsprechenden Bestandsnachweisdokumente für Bewaffnung, Raketen und Munition. Dazu gehörte der Nachweis der Blank- und Schützenwaffen, aber auch des optischen und artillerietechnischen Gerätes und der verschiedenen Waffensysteme. In einer Division waren dabei Dokumente für ungefähr 22.000 Schützenwaffen und ungefähr eine gleich hohe Anzahl an optischen und artillerietechnischen Geräten zu führen. Diese Bestandsnachweisdokumente bildeten auch eine Grundlage für den operativen Nachweis über die Hauptarten der Bewaffnung, Raketen und Munition. Dieser Nachweis gab den jeweiligen Kommandeuren einen Überblick über Verfügbarkeit und Einsatzbereitschaft der wichtigsten Waffensysteme und Munition und war Voraussetzung für die Entwicklung der operativen Planung.
Eine weitere Aufgabe des RWD war die Planung von Instandsetzungsarbeiten. Diese Instandsetzungsarbeiten wurden entweder nach Erreichen festgelegter Nutzungskennziffern oder nach Zeitablauf geplant. Diese planmäßigen Instandsetzungsarbeiten wurden in den aufgeführten Instandsetzungseinrichtungen des Kommandos Landstreitkräfte und der Militärbezirke, aber auch in den Instandsetzungsbataillonen und -kompanien der Divisionen und Regimenter durchgeführt. Größere Instandsetzungsarbeiten wurden in Betrieben der Volkswirtschaft der DDR durchgeführt. Bestimmte Technik, wie Fla-Raketen- und Raketensysteme, Funkmessgeräte und Führungseinrichtungen, wurde auch in der UdSSR bzw. der damaligen Volksrepublik Ungarn instand gesetzt. Im Jahr 1990 war die Instandsetzung für 195 Hauptarten der Bewaffnung zu planen. Dafür standen für Instandsetzungen in der DDR 55 Millionen Mark der DDR zur Verfügung, für Instandsetzungen im Ausland etwa 75 Millionen Mark.