mini|Japanische Moxibustion im medizinischen Hausbuch Banshō myōhōshū, 1853 Traditionelle japanische Medizin (TJM) ist die Medizin in Japan, die sich im Dialog mit chinesischer, koreanischer und seit der frühen Neuzeit auch der westlichen Medizin entwickelte. Hierbei war es durchweg die japanische Seite, welche die Initiative ergriff, aus den medizinischen Schulrichtungen der Nachbarländer und des Westens auswählte, assimilierte und weiterentwickelte. Die Resultate zeugen von großer Eigenständigkeit, und in vielen Bereichen steuerte Japan therapeutische Inventionen und theoretische Konzepte bei, die der japanischen Medizin im Rahmen der traditionellen Medizin Ostasiens ihren eigenständigen Platz sicherten.
Relikte schamanistischer Praktiken Vergleichende Studien zur Volksmedizin in Ostasien, zum Shintō wie auch Spuren alter Heilpraktiken deuten darauf hin, dass die Menschen im japanischen Archipel vor der Nara-Zeit schamanistische Praktiken und Reinigungszeremonien betrieben. Manche unter den wenigen Kräutern, die sie verwendeten, dienten lediglich symbolischen Zwecken.Fujikawa (1911), S. 1–3; Rosner (1989), S. 9–11. Im ältesten Werk zur Geschichte und Mythologie, dem 712 niedergeschriebenen Kojiki, und der wenig später entstandenen Chronik Nihon Shoki (720 verfasst, auch Nihongi genannt) erscheint eine Gottheit Ōkuninushi (auch Ōnamuchi oder Ōmononushi), die zusammen mit der Gottheit Sukunabikona die Menschen heilen und mittels Abwehrzauber vor gefährlichen Tieren schützen will.Sōda (1989), S. 6f.; Michel-Zaitsu (2017), S. 25f. Krankheiten waren das Werk von Göttern und Dämonen, teils wurden sie auch durch menschliches Fehlverhalten ausgelöst.
Organisation der Grundlagen in der Nara-Zeit (710–794) und Heian-Zeit (794–1185) mini|Shōsōin, das Schatzhaus des Tōdai-Tempels (Tōdai-ji) in Nara Die Kodifizierung der japanisch-chinesischen Medizin fand zwischen 784 und 1186 statt.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 5. Am Anfang der medizinischen Beziehungen zum asiatischen Festland stehen Konsultationsreisen koreanischer Ärzte aus den Reichen Silla, Paekche und Koguryō. Einige darunter ließen sich in Japan nieder. Mitte des 6. Jahrhunderts setzten der Überlieferung zufolge mit der Ankunft des Mönches Zhì Cōng (), der 164 medizinische Werke mitgebracht haben soll, auch direkte Kontakte zum Kaiserreich China ein. In der Folge kam es zu dreizehn offiziellen japanischen Gesandtschaften (, kentōshi).Rosner (1989), S. 12ff.; Michel-Zaitsu (2017), S. 27ff.
Bei der Schaffung staatlicher Strukturen im 7. und 8. Jahrhundert orientierte sich Japan dann auch in der Medizin und der Organisation des Medizinalwesens an China (Erste Kontakte mit der chinesischen Medizin des Festlandes bestanden seit dem 5. JahrhundertHeidrun Reißenweber: Japanische Medizin. 2005, S. 689.). Die Scheidung medizinischer Disziplinen und der damit befassten Institutionen spiegelt chinesische Vorbilder wider. Es kam zur Gründung eines kaiserlichen Gesundheitsamtes (, Ten’yaku-ryō), das allerdings nur für den Hof und den Adel zuständig war. Zwischen 710 und 784 entstanden jedoch auch Krankenhäuser für Arme und es wurden medizinische Hochschulen eingerichtet.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 5. Im Jahre 787 wurde die vom chinesischen Kaiserhaus geförderte ‚Neue Materia Medica’ (, Xīnxiū Běncaǒ, 659) im japanischen Gesundheitsamt zum obligatorischen Text, doch viele der dort beschriebenen 844 Mittel waren in Japan nicht erhältlich.Mehr zum kaiserlichen Gesundheitsamt bei Shinmura (2005)
Bei der Vermittlung des medizinischen Wissens spielten Mönche des ebenfalls aus China übernommenen Buddhismus eine gewichtige Rolle. Viele der von dem berühmten chinesischen Priester Jiànzhēn (, japanische Lesung Ganjin, 688–763) und seinen Nachfolgern dem ‚Großen Buddha’ (Daibutsu) in Nara dargebotenen chinesischen Heilmittel werden noch heute im alten Schatzhaus (Shōsōin) des Tōdai-Tempels (Tōdai-ji) gehütet. Mönche der Shingon-Schule brachten den Starstich und andere Therapien der chinesischen Augenheilkunde nach Japan. Die auf dieser Grundlage entwickelte einheimische Ophthalmologie erreichte lange vor der Ankunft der Europäer ein beachtliches Niveau.Mehr hierzu bei Mishima (2004).
Seit dem 9. Jahrhundert verlor der Kontakt zu China an Intensität. Nach 894, als der letzte offizielle Gesandte zurückkehrte, gab es nur noch gelegentlich Mönche und andere Gelehrte, welche die, wegen der wenig seetüchtigen Schiffe gefahrvolle Überfahrt auf sich nahmen.
Das älteste schriftliche Zeugnis dieser Rezeption chinesischer Heilkunst ist die von dem Arzt Tamba no Yasuyori (, 912–995) zwischen den Jahren 982 und 994 verfasste Schrift Ishimpō (, auch Ishinpō), die mehr als hundert Werke vorwiegend der Sui-Dynastie (589–618) und Tang-Dynastie (618–907) nutzt. Sie wird heute auch geschätzt, weil sie Teile chinesischer Texte enthält, die in China verloren gingen.Rosner (1989), S. 26–28; Michel-Zaitsu (2017), S. 37ff.
Erste Abkehr von der chinesischen Medizin Während der Kamakura-Zeit (1192–1333) mit ihrer vom chinesischen Beamtenstaat so abweichenden militärisch geprägten Struktur wuchs auch in der Medizin der Abstand zu China. Die Kontakte blieben allerdings bestehen, und nach wie vor dominierten buddhistische Mönche den Transfer medizinischen Wissens. Nennenswert ist hier der Zen-Priester Myōan Eisai (, 1114–1215), der das Teetrinken und die ‚kleinen Mahlzeiten’(kissa) nach Japan brachte und sich mit der Schrift Kissa yōjōki (, ‚Lebenspflege durch Teetrinken’) einen Namen machte.Michel-Zaitsu (2017), S. 40ff. Der der Risshū-Richtung angehörige Mönch Ninshō (, 1217–1303) gründete in Kuwagaya (Kamakura) mit der Unterstützung durch die Regierung ein Krankenhaus, das auch ein Leprosorium umfasste. Hier sollen in den folgenden zwei Jahrzehnten 46.800 Patienten behandelt worden sein. Dank solcher, von buddhistischen Tempeln getragenen Aktivitäten verbesserte sich auch die Versorgung der allgemeinen Bevölkerung.Michel-Zaitsu (2017), S. 44ff.
Unter den Schriften ragen die von Kajiwara Shōzen (1266–1337) verfassten Werke ‚Kurzer Abriss der Medizin’ (, Ton ishō) und ‚Sichere Rezepte’ (, Man'anpō) heraus. Ersteres ist zur Förderung der Verbreitung in Kana-Silbenschrift verfasst. Über das Man'anpō gelangten u. a. die anatomischen Lehren des Cúnzhēn huánzhōng tú (‚Illustration der inneren Organe und Gefäße’, , 1113) nach Japan. Zugleich führte Kajiwara in seiner Behandlung der Lepra eine japanische Terminologie ein. Bemerkenswert sind weiter seine Beobachtungen zum Diabetes mellitus.Rosner (1989), S. 34–38; Goble (2001)
Neue Impulse im 15. Jahrhundert Den nächsten stärkeren Impuls gab Tashiro Sanki (, 1465–1537) nach einem zwölfjährigen Aufenthalt in China (1486–1498). Dort hatte er die Medizin der Jin-Dynastie (auch Jurchen-Dynastie, 1125–1234) und der Yuan-Dynastie kennengelernt, in denen die Lehren der Mediziner Lǐ Gǎo (, alias Lǐ Dōngyuán (), 1180–1251) und Zhū Dānxī (, 1281–1358) dominierten. Ersterer ist bekannt für seine ‚Abhandlung über Milz und Magen’ (, Pí weì lùn, 1249). Li und Zhu vertraten tonifizierende Therapien und schenkten in ihrer theoretischen Fundamentierung der Beziehung zwischen Körper und Umwelt, d. h. der Lebensweise, besondere Aufmerksamkeit. Wir finden hier zugleich eine enge Verbindung zu dem von Zhū Xī (, 1120–1200) vertretenen Neokonfuzianismus, der über das Königreich Korea nach Japan gelangte.Michel-Zaitsu (2017), S. 52ff.
Die von Tashiro begründete ‚Schule des späteren Zeitalters’ (Goseiha ), so genannt, weil sie jünger war als die bis dato dominierenden song-zeitlichen Lehren, wurde durch seine Schüler weiter expandiert. Besonders Manase Dōsan (, 1507–1594) leistete in seiner Unterrichtsstätte in Kyōto einen herausragenden Beitrag. In einer achtbändigen ‚Sammlung zur Medizinischen Praxis’ (, Keitekishū, 1574) versuchte er, die chinesischen Lehren an japanische Verhältnisse anzupassen. Sein besonderes Verdienst liegt in der Systematisierung der Diagnose (Hautfarbe, Haarkonsistenz, Stuhl, Urin, Geruch, Husten, Reaktion auf Betastung, Appetit usw.). Manases Adoptivsohn Gensaku () trug zur Weiterentwicklung der Konzepte bei. In den Manase-Rezepturen spielen neben den Mitteln von Lǐ Gǎo und Zhū Dānxī auch die von dem chinesischen Hofärzten Chén Shīwén () und Péi Zōngyuán () kompilierten ‚Offiziellen Rezepte der Wohlfahrtsapotheken des Großen Friedens’ (Tàipíng huìmín hé jìjú fāng , 1110) eine wichtige Rolle. Unter den Medikamenten gibt es zahlreiche animalische Mittel wie Moschus, Bärengalle, Bezoar (gōō ), die aus Südostasien, Indien und dem Nahen Osten importiert werden mussten. Jedem Mittel wurden ‚Temperamente’ (kalt, kühl, normal, warm, heiß) und Geschmacksrichtungen (sauer, bitter, süß, scharf, salzig) zugeordnet. Bei der Anwendung berücksichtigte der Arzt zudem die gesellschaftliche Stellung des Patienten (soziale Indikation).Michel-Zaitsu (2017), S. 52ff.
Neben Manase Dōsan übte Nagata Tokuhon (, 1513–1630) einen nachhaltigen Einfluss aus. Auch er löste sich von den chinesischen Lehren und nahm eine erneute Gruppierung der Leiden aufgrund der Symptome vor. Zwar wählte er mit einer Reihe von Abführmitteln aggressivere Methoden als seinerzeit üblich war, doch zielten Nagatas Therapien auf die Unterstützung der Naturkräfte, wobei das Einverständnis und die Unterstützung des Patienten eine entscheidende Rolle spielten. Unter seinen Schriften fanden die ‚Neunzehn Rezepte des ehrwürdigen Tokuhon’ (Tokuhon-ō jūkyū hō )Bilddatei der Edition von Inaba Fuminori und Wakuda Yoshitora auf der Website der Waseda Universitätsbibliothek eine große Verbreitung. Im ‚Diskurs über die Medizin’ (I-no-ben , 1585) zeigte er den zeitgenössischen Ärzten, dass das chinesische Werk Shānghán lùn (‚Abhandlung über die Kälte-Krankheiten’) mit einer brauchbaren Krankheitslehre und wirksamen Therapien eine bedenkenswerte Alternative zu Manases Lehren bot.Rosner (1989), S. 48f., Michel-Zaitsu (2017), S. 56f., 101
Erste Kontakte zu Europa: ‚Chirurgie im Stile der Südbarbaren’ In der Azuchi-Momoyama-Zeit (1569 bis 1615) erstarkte die Eigenmedizin Japans.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 5. Mitte August 1549 begann mit der Anlandung des baskischen Jesuiten-Missionars Francisco de Xavier in Südkyūshū der direkte und anhaltende euro-japanische Kulturaustausch. Eigentlich hatten die Jesuiten an ärztlichen, besonders an chirurgischen Aktivitäten keinerlei Interesse, denn seit dem Konzil von Tours (1163) scheute die Kirche das Blut („Ecclesia abhorret a sanguine“). Im Jahre 1555 trat jedoch der Portugiese Luís de Almeida (1518–1584), ein lizenzierter Chirurg und erfolgreicher Kaufmann, in Japan der Gesellschaft Jesu bei. Als gewöhnlicher Bruder ohne priesterliche Befugnisse konnte er unter Einsatz seines Vermögens in Funai (heute Ōita) ein Krankenhaus mit hundert Betten gründen, wo man, wie es in einem Bericht heißt, „den Körper mit Medikamenten und die Seele mit Gebeten“ versorgte.