mini|hochkant|Gekreuzte Hammer und Sichel, typische Darstellung der goldenen Werkzeuge auf rotem Hintergrund mini|hochkant|Gekreuzte Hammer und Sichel, alternative Variante mit rot dargestellten Werkzeugen

Das Symbol der beiden Werkzeuge Hammer und Sichel in gekreuzter Form (Unicode: „☭“, russisch: серп и мо́лот – serp i mólot, wörtlich „Sichel und Hammer“) gilt neben dem roten Stern und der roten Fahne als das bekannteste und verbreitetste Symbol des Kommunismus, insbesondere der diversen marxistisch-leninistischen Strömungen. Die diktatorisch regierenden kommunistischen Staatsparteien in China, Vietnam und Laos verwenden gekreuzte Hammer und Sichel weiterhin als ihr Parteisymbol, die Staatspartei Nordkoreas verwendet ein davon abgewandeltes Parteizeichen.

In der heute bekannten kommunistischen Form wurden gekreuzte Hammer und Sichel erstmals von der bolschewistischen Einparteiendiktatur unter Wladimir Lenin im Jahr 1918Als Beginn der bolschewistischen Einparteiendiktatur sehen Historiker die durch die Bolschewiki durchgesetzte Auflösung der gewählten konstituierenden Versammlung oder die Auflösung von gewählten Sowjets im Frühjahr 1918, vgl. Boris Meissner: Wandlungen der KPdSU seit Stalins „Revolution von oben“. In: Hannelore Horn, Alexander Schwan, Thomas Weingartner (Hrsg.): Sozialismus in Theorie und Praxis. Berlin / New York 1978, S. 38—82, hier S. 44. Richard Pipes: Russia under the Bolshevik Regime. New York 1994, S. 5; James Ryan: Lenin’s Terror. The ideological origins of early Soviet state violence. Abington / New York 2014, S. 96. als Staatssymbol des neugegründeten Sowjetstaates eingeführt. Im Selbstverständnis des Bolschewismus standen die gekreuzten Werkzeuge für die Einheit von Arbeiter- (Hammer) und Bauernklasse (Sichel) als revolutionärer Basis für die angestrebte „Diktatur des Proletariats“ und eine daran anschließende „klassenlose Gesellschaft“.

Die Totalitarismus- und Extremismusforschung wie auch die Religionssoziologie betrachten gekreuzte Hammer und Sichel als ein politisch-religiöses Symbol, dessen Stellung und Funktion im Bolschewismus vergleichbar mit jener des Hakenkreuzes im Nationalsozialismus ist, und das die traditionelle christliche Symbolik der von den Bolschewiki radikal bekämpften russisch-orthodoxen Kirche ersetzen sollte. Seit der bolschewistischen Machtübernahme in Russland im Jahr 1917 verwendeten zahlreiche weitere kommunistische Parteien, Organisationen und von Kommunisten diktatorisch regierte Staaten das Symbol in ihren Flaggen und Emblemen.

Der heutige gesellschaftliche Umgang mit dem Symbol ist ambivalent. Einerseits steht das Symbol in Verbindung mit dem gewaltsamen Tod von Millionen von Menschen weltweit, insbesondere während der bolschewistischen Diktatur im Sowjetstaat (1917–1953) sowie den maoistischen Diktaturen in China (1949–1976) und Kambodscha (1975–1979). In der Konsequenz wird insbesondere in Staaten, die historische Erfahrungen mit einer kommunistischen Partei gemacht oder politisch von der Sowjetunion abhängig waren, Hammer und Sichel in gekreuzter Form überwiegend mit kommunistischen Verbrechen und Totalitarismus assoziiert. Daher ist die Verwendung des Symbols in einigen dieser Staaten auch gesetzlich verboten, wird strafrechtlich verfolgt und als Delikt der Verwendung der Hakenkreuzflagge gleichgestellt (z. B. Tschechien, Ukraine, Litauen). Auch in Staaten ohne kommunistische Vergangenheit wird das Symbol oft mit Linksextremismus in Verbindung gebracht. Andererseits werden Hammer und Sichel teilweise weiterhin mit den utopischen Idealen des Kommunismus assoziiert, als Zeichen der Hoffnung verstanden und bei Demonstrationen genutzt.

Für sich alleine genommen stellen ungekreuzte Hammer und Sichel keine kommunistischen Zeichen dar. So nutzt das Wappen der Republik Österreich seit 1919 die Dreiheit von Hammer, Sichel und Mauerkrone zur Symbolisierung der drei Hauptstände des Landes: Arbeiter, Bauern und Bürgertum.Michael Göbl: Wie kamen Hammer und Sichel in das Wappen der Republik Österreich? In: Adler. Zeitschrift für Genealogie und Heraldik. Band 15, Nr. 7, 1990, S. 233–238, hier S. 238. (PDF)

Geschichte Ursprünge mini|hochkant|Chilenischer Peso mit einer Sichel mit überkreuztem Hammer (1933)

Das Symbol von Hammer und Sichel in gekreuzter Form gilt heute als das bekannteste Symbol des Kommunismus. Für den Begründer der modernen kommunistischen Ideologie, Karl Marx, war das Symbol allerdings noch völlig unbekannt. Die Ursprünge gekreuzter Hammer und Sichel sind unklar, reichen aber definitiv noch in die Zeit vor der bolschewistischen Machtübernahme von 1917 zurück. Der Hammer galt seit dem 19. Jahrhundert als ein Symbol der Arbeiterbewegung, während die Sichel oft von den Bauern als Erntesymbol verwendet wurde. In gekreuzter Form taucht das Symbol 1896 auf der chilenischen Ein-Peso-Münze auf.Jonathan D. Smele: Historical Dictionary of the Russian Civil Wars, 1916–1926. London 2015, S. 483; Tim Marshall: A Flag Worth Dying For. The Power and Politics of National Symbols. New York 2016, S. 96. Seit etwa 1904 war es auch in Ungarn bekannt.Peter Diem: Die Symbole Österreichs. Zeit und Geschichte in Zeichen. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 1995, S. 120 ().

Symbol des Kommunismus mini|hochkant=0.6|links|Das unter Lenin 1918 angenommene Staatswappen Sowjetrusslands mini|hochkant=0.6|Das erste Staatswappen der Sowjetunion (1923–1936)

Als Symbol des Kommunismus wurden gekreuzte Hammer und Sichel jedoch erst von der bolschewistischen Einparteiendiktatur unter Parteiführer Wladimir Iljitsch Lenin in Sowjetrussland eingeführt. Seine erste öffentliche Nutzung erlebte das Symbol am 19. Juli 1918 auf der Vorderseite der neuen Verfassung Sowjetrusslands, wofür vor allem der Volkskommissar Anatoli Lunatscharski verantwortlich war.Tim Marshall: A Flag Worth Dying For. The Power and Politics of National Symbols. New York 2016, S. 96; Jonathan D. Smele: Historical Dictionary of the Russian Civil Wars, 1916–1926. London 2015, S. 483. Hammer und Sichel wurden auch Teil der neuen Staatsflagge der Sowjetunion, deren Entwurf noch von Lenin gebilligt und im November 1923 von der sowjetischen Führung in Moskau angenommen wurde. Die Sowjetunion behielt die Flagge im Wesentlichen bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1991 bei, nur die Form von Hammer und Sichel wurden geringfügig verändert und der rote Farbton im Jahr 1980 aufgehellt.Tim Marshall: A Flag Worth Dying For. The Power and Politics of National Symbols. New York 2016, S. 96. Im Russischen werden die beiden Bestandteile des Symbols für gewöhnlich in umgekehrter Reihenfolge als серп и мо́лот (serp i mólot), wörtlich „Sichel und Hammer“ bezeichnet.Jonathan D. Smele: Historical Dictionary of the Russian Civil Wars, 1916–1926. London 2015, S. 483.

Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks um 1990 ist die weltweite Verwendung von Hammer und Sichel stark zurückgegangen. In der Russischen Föderation erlebte das Symbol aber – losgelöst von seiner ursprünglichen ideologischen Bedeutung – eine Renaissance. So werden bei Paraden der Russischen Streitkräfte wieder Flaggen mit Hammer und Sichel verwendet.Erhard Stölting: Wandel und Kontinuität der Institutionen. Rußland – Sowjetunion – Rußland. In Gerhard Göhler: Institutionenwandel. Leviathan, 16/1996, 181–203, auf S. 189–190.Isabelle de Keghel: Die Staatssymbolik des neuen Russland. Traditionen – Integrationsstrategien – Identitätsdiskurse. Lit Verlag, Hamburg/Münster 2008, S. 149. Auch im Staatswappen des international nicht anerkannten Transnistrien hat sich das Symbol aus Sowjetzeiten erhalten. Die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) trennte sich hingegen 2013 von Hammer und Sichel.

Rezeption Für die Totalitarismus- und Extremismusforschung wie auch für die Religionssoziologie verweist das Symbol auf den „stark religiösen Charakter“ der bolschewistischen bzw. marxistisch-leninistischen Ideologie. Ähnlich wie das Hakenkreuz im deutschen Nationalsozialismus, seien Hammer und Sichel in ihrer Bedeutung an die Stelle des christlichen Kreuzes getreten.Alexander Fichtner: Die Logik der totalitären Ideologie. Analoge Denkstrukturen am Beispiel des Kommunismus und Nationalsozialismus unter Berücksichtigung der inhaltlichen und intentionalen Eigenheiten. LIT Verlag, Berlin 2019, S. 124; Klaus Georg-Riegl: Der Marxismus-Leninismus als „politische Religion“. In: Gerhard Besier, Hermann Lübbe (Hg.): Politische Religion und Religionspolitik. Zwischen Totalitarismus und Bürgerfreiheit. Göttingen 2005, S. 15–48, hier S. 32; Gernot Saalmann: Bolschewismus und Nationalsozialismus als Religion. In: Ders.: Rationalisierung und säkulare Gesellschaft. Beiträge zur Religionssoziologie. Ergon Verlag, Baden-Baden 2020, S. 59–66, hier S. 60–62. So hält Alfons Söllner (1997) fest, dass sowohl das Hakenkreuz als auch Hammer und Sichel eine Funktion als „effektives Kollektivsymbol“ erfüllten, die durch „ihre intensive Nutzung in Massenveranstaltungen und Aufmärschen, wie überhaupt die Inszenierung von Massenerlebnissen und deren quasi-religiöse Ritualisierung zu den effektivsten Mitteln zählen, um Kollektivängste gleichzeitig präsent und in Schach zu halten“.Alfons Söllner: Siegmund Neumanns „Permanent Revolution“. Ein vergessener Klassiker der vergleichenden Diktaturforschung. In: Alfons Söllner, Ralf Walkenhaus, Karin Wieland (Hg.): Totalitarismus. Eine Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Akademie Verlag, Berlin 1997, S. 53–76, hier S. 66.

miniatur|hochkant|Staatsflagge der stalinistischen Sowjetunion (1936–1955) miniatur|hochkant|Parteiflagge der Kommunisten im maoistischen China (1949–1976) miniatur|hochkant|Parteiflagge der kambodschanischen Kommunisten (Rote Khmer) während ihrer Terrorherrschaft (1975–1979) miniatur|hochkant|Parteiflagge der Arbeiterpartei Äthiopiens (1984–1991) Klaus Georg-Riegl (2005) sieht Hammer und Sichel als Teil eines „revolutionären Sakralkanons“, den die Bolschewiki ab 1918 im Rahmen ihrer totalitären politischen Religion praktizierten. Dabei sollte die bisherige Sakralwelt der russisch-orthodoxen Welt vernichtet und deren traditionelle Symbolik (Kuppelkreuz, Heiligenbilder) durch die neue bolschewistische Symbolik (Hammer und Sichel, Sowjetstern, rote Fahne) ersetzt werden.Klaus-Georg Riegel: Der Marxismus-Leninismus als „politische Religion“. In: Gerhard Besier, Hermann Lübbe (Hg.): Politische Religion und Religionspolitik. Zwischen Totalitarismus und Bürgerfreiheit. Göttingen 2005, S. 15–48, hier S. 32. Laut Peter Diem (1995) standen Hammer und Sichel für die Bolschewiki auch als Symbol für den universalistischen Anspruch ihrer Ideologie.Peter Diem: Die Symbole Österreichs. Zeit und Geschichte in Zeichen. Wien 1995, S. 111 (). Russell Hardin (1999) weist darauf hin, dass das mit Hammer und Sichel in gekreuzter Form symbolisierte Bündnis von Arbeiterschaft und Bauern ein „unlogisches Symbol“ sei, da es ein „unmögliches Bündnis“ repräsentiere: Eine stärkere Arbeiterschaft in Folge einer stärkeren Urbanisierung bedeute zwangsläufig den Ruin der meisten Bauern und deren Nachkommenschaft.Russell Hardin: Liberalism, Constitutionalism, and Democracy. Oxford 1999, S. 255.

Der britische Journalist und Sachbuchautor Tim Marshall (2016) führt allgemein zum Hammer-und-Sichel-Symbols aus: „Die rote Flagge mit Hammer und Sichel ist eine weitere jener Flaggen des 20. Jahrhunderts, die über den Gräbern von zig Millionen wehten. Aber sie wurde in den Köpfen der westlichen Welt nie so sehr mit dem Bösen verbunden wie ihr Nazi-Gegenstück, obwohl sie das Symbol eines Systems war, das unzählige Zivilisten in unzähligen Ländern getötet hat, vor allem in Russland und China, wo Millionen verhungerten.“Zitiert nach Tim Marshall: A Flag Worth Dying For. The Power and Politics of National Symbols. New York 2016, S. 94.

Die bis in die Gegenwart andauernden ambivalenten Wahrnehmung des Symbols erklärt Tim Marshall wie folgt: